Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?36386

Frühlingserwachen

Warum denunzierte die verliebte Lotte ihre Schulleiterin?

In ihrem neuen Roman "Unter ihren Augen" greift Dorit David eine wahre Begebenheit in Hannover auf – und erzählt mitreißend wie akkurat vom lesbischen Leben in den Zwanzigerjahren.


Dorit David hat einen Roman über lesbisches Leben in den Zwanzigerjahren geschrieben. Das Aquarell "Zwei Frauen tanzen", entstanden um 1928, wurde 2017 bei der Jeanne-Mammen-Retrospektive in der Berlinischen Galerie ausgestellt (Bild: Berlinische Galerie)
  • Von Simone Bauer
    20. Juni 2020, 04:47h, noch kein Kommentar

Schon mit der ersten Szene wird klar, dass das Schicksal Lotte und ihrer Schulleiterin Berta nicht wohlgesonnen ist. Im Jahre 1933 wird Lieselotte Daube Berta Habenicht denunzieren – doch wie kann es nur soweit kommen? Diese Frage stellte sich die Autorin Dorit David. Sie selbst unterrichtete an der Schule, die als Vorbild für den Hauptschauplatz ihres neuen Romans "Unter ihren Augen" diente. Während ihrer Zeit dort erfuhr sie von der Geschichte, die zur Inspiration wurde, sah den originalen Brief der Denunziation. Und so begann sie, sich zu überlegen, was wohl vorgefallen sein könnte.

Die besagte Schule ist seit 2015 geschlossen. Im Buch heißt sie Berta Habenicht Schule für Gymnastik und wird von eben dieser geleitet – eigentlich unverheiratet, besteht sie darauf, nicht "Fräulein" genannt zu werden. Die 18-jährige Lotte ist fasziniert von der Dame Anfang 30. Rund zehn Jahre, bevor Lotte sie denunzieren wird, ist sie Bertas Protegé, in ihr sieht Berta eine legitime Nachfolgerin. Das Talent wird mit starker Hand geformt. Lotte will schon seit ihrem fünften Lebensjahr tanzen, erinnert sich noch lebhaft an das Erwachen ihrer Leidenschaft. Doch bald erwacht eine weitere Leidenschaft in ihr: die für Berta.

Dorit David schreibt mit einem mitreißenden Stil, der mit seinem bildhaften Detailreichtum das Kopfkino füttert. Speziellen Wert legt sie darauf, den Gymnastiktrend und den damit verbundenen Körperkult der Zwanzigerjahre zu dokumentieren. So werden die Schülerinnen beispielsweise auf Achselhaare inspiziert. In Hannover möchte Lotte zur Gymnastiklehrerin ausgebildet werden, lernt dort aber ebenfalls, wie man bei Arztbesuchen widersprechen soll – denn Körperlehre erhält sie dort auch und erzählen lassen brauche sie sich deshalb nichts von niemanden. Das bringt ihr zumindest Dorothea Bragge bei. Diese ist die rechte Hand von Berta – und etwa ebenso deren Partnerin?

"In Lotte war nur Aufruhr. Wildwasser."


"Unter ihren Augen" ist im Berliner Querverlag erschienen und als Taschenbuch und E-Book erhältlich

Und so erforscht die junge Frau sich nach dem Unterricht selbst ("Alle Finger rochen nach Kastanienblüte"). Darüber hinaus wechselt der Roman ab einem gewissen Punkt immer wieder zu anderen Charakteren und ihre Sicht der Dinge. Dabei kommen durchaus humorvolle Dialoge nicht zu kurz. Es ist mitzuverfolgen, wie Lotte von einer schüchternen jungen "Elevin" zu einer mutigen Frau heranwächst, die sich sogar traut, Berta ihre Gefühle zu gestehen.

Lotte, deren Vater im ersten Weltkrieg zum Schattenvater wird, und die wegen dem Unglück ihrer Familie bei ihrer Tante Almut aufwächst, sagt sich immer wieder ihr Mantra vor: "Was man wirklich will, muss man ganz alleine tun." Und dennoch ist es der spätere Verehrer Erwin, den sie schließlich erhört und der ihr dabei unter die Arme greift, sich zur Tänzerin der Labanschule weiterbilden zu lassen. Berta verfolgt sie dabei als erfolgreiche Meisterin ihres Faches. Die Schulleiterin ist und bleibt herrisch, und trotzdem war Lotte als Mädchen ihren Augen so verfallen…

Je älter Lotte wird, desto mehr schwinden die poetischen Zeilen. Noch immer wird sehr detailliert geschrieben, das Blumige der Jugend fehlt aber. Ihre beste Freundin Else, die sich zu einem Revuegirl wandelt, wird zunehmend nerviger, Lotte scheint nur an der Gesellschaft der ehemaligen Mitschülerin nichts ändern zu wollen. Schon früh werden Figuren wie die Fotografin Aenne und Gerüchte um die Schulpianistin Irma Dorn eingeführt, ohne kenntlich zu machen, welche Rolle beide noch einnehmen werden.

Das macht "Unter ihren Augen" zu einer spannenden Lektüre, die zudem viel über frauenliebende Frauen in den Zwanzigerjahren akkurat zu berichten weiß.

Infos zum Buch

Dorit David: Unter ihren Augen. Roman. 416 Seiten. Querverlag. Berlin 2020. Taschenbuch: 18 € (ISBN: 978-3-89656-285-2). E-Book: 9,99 €