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Pornografie und Poesie

Einer der schönsten schwulen Filme wird 70 Jahre alt

Im Juni 1950 vollendete Jean Genet seinen einzigen Film "Un chant d'amour", der wegen seiner pornografischen Szenen erst 1971 uraufgeführt wurde. Ein Meisterwerk, das viele Menschen bis heute provoziert und inspiriert.


Traumsequenz aus "Un chant dʼamour", in der sich zwei Männer den Rauch unmittelbar teilen

Wer an Homosexualität im Jahr 1950 denkt, denkt vermutlich daran, wie sich nach dem Krieg langsam eine ängstliche und zurückhaltende Homosexuellenbewegung aufbaute. Die Macher von Zeitschriften wie "Der Weg zu Freundschaft und Toleranz" ab 1950 mussten Homosexualität als "Freundschaft" codieren. Sexualität wurde nicht thematisiert, weil man für schwulen Sex in der Bundesrepublik Deutschland immer noch ins Gefängnis kam.

Etwa zur gleichen Zeit – von April bis Juni 1950 – drehte der französische Schriftsteller Jean Genet den homoerotischen Film "Un chant dʼamour" (dt: "Ein Liebeslied"), der aufgrund seiner pornografischen Szenen nicht öffentlich gezeigt werden konnte. Heute gehört er – neben Kenneth Angers "Fireworks" (1947) – zu den bedeutendsten schwulen Undergroundfilmen. Edmund White – einer der wichtigsten zeitgenössischen homosexuellen Autoren – hat mit "Jean Genet" (1993) eine fulminante Biografie publiziert und sich darin auch ausführlich mit "Un chant d'amour" beschäftigt (S. 450--457). Im Folgenden werde ich mehrfach auf sein Buch verweisen.


Der Titel von "Un chant dʼamour"

Der Inhalt von "Un chant d'amour"

Der Film spielt in einem französischen Gefängnis, in dem die Insassen versuchen, sich über die Außenmauern Blumen zuzuwerfen. Danach beobachtet ein Wärter, wie sich die Strafgefangenen in ihren Zellen sexuell selbst befriedigen. In zwei benachbarten Zellen gibt es einen älteren Mann und einen Sträfling in den Zwanzigern, die sich durch einen Strohhalm in der Wand Zigarettenrauch teilen.

Der Gefängniswärter betritt die Zelle des älteren Sträflings, schlägt ihn und führt die Pistole in seinen Mund ein. Der Häftling entflieht in eine Fantasie, in der er mit dem anderen Gefangenen durch die Landschaft streift. Der Film endet mit dem Auffangen des Blumenstraußes, der damit nicht nur eine poetische Metapher der Kommunikation, sondern auch eine Klammer des Films darstellt.

Dieser gleichermaßen poetische und pornographische Film über Homosexualität im Gefängnis ist ruhig inszeniert und kommt als Stummfilm ohne Dialoge aus. Seine Detail-Aufnahmen, von verschwitzten Achselhöhlen bis zu schmutzigen Füßen, zeigen männliche Körper jenseits üblicher Ästhetik. Der Film ist schmutzig und brutal, poetisch und lyrisch und einer der schönsten schwulen Filme, die ich kenne.


Eine der eindrucksvollsten Szenen: Gefängnisinsassen teilen sich Rauch durch einen Strohhalm

Was vorher geschah

Jean Genet war mit dem französischen Schriftsteller und Regisseur Jean Cocteau (1889-1963) befreundet, der mit seinem Film "Die Schöne und die Bestie" (1946) sehr erfolgreich war. Auf Cocteaus Grundstück in Milly-la-Forêt (Nähe Paris) durfte Genet später die Waldszenen von "Un chant dʼamour" drehen, und Cocteau kam auch ein- oder zweimal während der Dreharbeiten vorbei. Genets Filmstil verweist auf den offensichtlichen Einfluss seines Freundes Cocteau; beide waren große Fans von Kenneth Angers Film "Fireworks".

Der Film "Fireworks" (1947, s. Youtube) von Kenneth Anger (*1927) gilt heute als die erste überzeugende filmische Selbstdarstellung eines Schwulen. Genet und Anger hatten sich 1949 persönlich kennengelernt. Vito Russo betont in seinem vielbeachteten Buch "The Celluloid Closet" (hier zitiert nach der deutschen Ausgabe "Die schwule Traumfabrik", 1990, S. 82-83), dass Anger hier "einen seiner eigenen feuchten Träume" verfilmt habe. Danach vergleicht er "Fireworks" mit Genets Film, weil beide Filme für die "unterdrückten homosexuellen Träume und Phantasien" stünden, die ihren Ausdruck in Untergrundfilmen gefunden hätten und die "einen kleinen Ausschnitt der schwulen Subkultur wiedergaben". Beide Filme zeigen, so Russo, "verblüffend verschiedene Sichtweisen unterdrückter homosexueller Sehnsüchte, vereitelt im wirklichen Leben und schmerzhaft exorziert im Film". Sie hätten beide den "heimlichen Träumereien einer verborgenen Minderheit eine leise avantgardistische Stimme" gegeben.

Genet wurde indirekt auch von Hans Falladas Roman "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" beeinflusst. Der Roman sollte 1949 von Pierre Chenal verfilmt werden und Genet wurde gebeten, die Dialoge für das Drehbuch zu schreiben. Der Roman erzählt von einem Mann, der eine Straftat begeht, um wieder zurück ins Gefängnis zu kommen, weil er dort die Freundschaft unter Männern findet, die er nur hinter Gittern kennengelernt hat.

Das Filmprojekt scheiterte, lässt sich aber alleine deshalb als Vorverweis auf "Un chant d'amour" erkennen, weil das (nicht realisierte) Drehbuch von 1949 einige Parallelen zu Genets späterem Film aufweist. So hat Genet die Idee, dass sich zwei Gefängnisinsassen ein Bällchen aus Papier an einer Kordel gegenseitig hin- und herschwingen, für seinen Film übernommen und – leicht abweichend – mit Blumen inszeniert.

In der später – ohne Genets Beteiligung – realisierten mehrteiligen deutschen Literaturverfilmung "Wer einmal aus dem Blechnapf frisst" (1962) von Fritz Umgelter lassen sich nur noch wenige Parallelen erkennen. Im dritten und letzten Teil verweisen die letzten Minuten des Films im Gefängnis auf die symbolische Bedeutung der Zigarette als Sinnbild für das Verbotene und als Zeichen der Freiheit in Unfreiheit (Youtube, 1:07:35-1:09:30) – allerdings entsprechend der literarischen Vorlage fernab jeder Homoerotik.

Die Filmversionen auf Youtube und Vimeo

Vimeo / POV | Original-Stummfilmfassung von "Un chant d'amour"

Im Internet sind unterschiedliche Fassungen von "Un chant dʼamour" verfügbar. Ich empfehle die Original-Stummfilmfassung. In der hier verlinkten Fassung ist der Stummfilm mit der Filmmusik von Simon Fisher Turner (*1954) unterlegt, der auch durch Soundtracks zu Filmen des (schwulen) britischen Regisseurs Derek Jarman bekannt ist.

Auch der Komponist Gavin Bryars (*1943) schrieb Filmmusik zu diesem Film, die online jedoch nicht angeboten wird. Eine Version des Films mit dem Soundtrack von "Schwarzloch" ist eine für mich eher befremdliche Interpretation der atmosphärischen Stimmung des Films. In einigen Fällen wird der Film durch Youtube zensiert und es erscheint (zunächst) die Einblendung: "Der folgende Inhalt wurde […] für einige Zielgruppen als unangemessen und beleidigend eingestuft. Für jüngere oder sensible Zuschauer nicht geeignet." Dies ist nicht nur Ausdruck amerikanischer Prüderie, sondern von dezidierter Ignoranz.

Die grundsätzliche und meistens unzensierte Verfügbarkeit des Films im Internet ist ein kleiner Trost dafür, dass eine DVD mit diesem Film von 2007/2009 mit einer Einleitung von Jonas Mekas, einem Kommentar von Kenneth Anger und der Doku "Genet" von Antoine Bourseiller nur noch zu überteuerten Preisen erhältlich ist (s. diese Rezension).

Eine kommentierte Fassung auf Youtube

Playlist-Direktlink | Die kommentierte Fassung auf Youtube

Der britische Regisseur und Autor Richard Kwietniowski (*1956) – bekannt von Filmen wie "Flames of Passion" (1989) und "Love and Death on Long Island" (1997) – hat gemeinsam mit anderen "Un chant d'amour" auf Youtube kommentiert. (Zu dieser englischen Fassung lassen sich unten rechts englische Untertitel einblenden.) Für Kwietniowski war die Erektion in diesem Film die erste, die er in einem Film je gesehen hat (7:30 Min.), und er beschreibt sehr gut seine große Bedeutung als Experimental- bzw. Undergroundfilm (15:20-16:20 Min.).

Für ihn ist einiges an diesem Film männlich angelegt, die Phantasie im Wald dagegen eher weiblich. Beides sind für ihn zwei Seiten einer Medaille (17:25 Min.). Die Zigaretten beschreibt er als einen Ersatz für sexuelle und soziale Beziehungen, die als besondere Kommunikationsform angelegt sind und zu den unvergesslichen Bildern des Films gehören (12:33 Min.). Im Rahmen weiterer Symbolik benennt er später die Mauer und die Blumen (18:25 Min.). Weiterhin gehört dazu auch die Pistole, die dem Gefangenen wie ein Phallus in den Mund geschoben wird (23:50 Min.). Nach Kwietniowski wurde der Film wegen der Form seiner Inszenierung, stumm, wie ein Traum und poetisch angelegt, oft als eine Art reines Kino beschrieben (24:05 Min.).


Eine poetische Metapher der Kommunikation und der Liebe: ein aufgefangener Blumenstrauß

In dieser kommentierten Fassung kommt auch Jane Giles – Autorin von "The cinema of Jean Genet. Un chant d'amour (1991) und anderer Werke über Genet – zu Wort, die ebenfalls auf die gelungene Inszenierung des Rauchens als eine der erotischsten Szenen in der Geschichte des Films verweist (2:40; 12:05 Min.). Mehrfach geht sie auf die besondere Inszenierung von Blumen ein, die der jüngere Häftling Lucien – in einer surrealistisch wirkenden Szene – vor sein Geschlechtsteil (16:55 Min.) bzw. an sein Herz hält (21:14 Min.). Der Blumenstrauß wird in der Schlussszene erst gefangen, als der Wächter wegsieht (24:45 Min.). Die in Schwarz-Weiß gedrehten homoerotischen Szenen in künstlich anmutendem Stil erinnern Giles an die Fotografien von Robert Mapplethorpe, womit der Film in seiner eigenen Art sehr modern erscheine (18:40 Min.).

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Hintergründe zu Jean Genet


Ein Foto von Jean Genet aus dem Jahr 1950 – dem Entstehungsjahr des Films

Der wichtigste Anknüpfungspunkt, um Genets Film zu verstehen, sind wohl seine Gefängnis-Aufenthalte. Dazu kann man auch seine Zeit in der Besserungsanstalt Mettray zählen, wo Genet als Jugendlicher von 1926 bis 1929 einsaß, weil sie wie ein Gefängnis aufgebaut war. Diese Anstalt verließ Genet erst, als er mit 18 Jahren zur Fremdenlegion ging. Seine ambivalenten Erlebnisse in dieser Besserungsanstalt beschrieb er später in seinem Buch "Das Wunder der Rose" (1946): Die sexuellen Erlebnisse zwischen erotischem Zauber und Missbrauch, die zum Teil symbolischen Bedeutungen von Tätowierungen, die Schikanen der Aufseher bis zum schwulen Sex ohne Zärtlichkeiten. Später verbrachte Genet viele Jahre in "richtigen" Gefängnissen und schrieb hier seine ersten beiden Bücher. Als er wegen verschiedener Delikte zu einer lebenslangen Haft verurteilt wurde, erwirkten 1948 mehrere Schriftsteller, darunter Jean-Paul Sartre und Jean Cocteau, seine Begnadigung.

Hinsichtlich der Frage, ob Genet sein privates Glück gefunden hat, ist Edmund White offenbar skeptisch, denn "die zwei Männer in seinem Leben, Lucien und Java, waren Heterosexuelle, die zwar Spaß an seinem Geld und Ruhm hatten und ihn ausreichend mochten, ihn aber nicht liebten und auch seine Bücher nicht lesen konnten" (S. 425). Politisch habe Genet mit den Kommunisten sympathisiert, sei "im Grunde aber anarchisch, unsozial und unassimilierbar" geblieben (S. 444).

Hintergründe zu einzelnen Darstellern

Die Darsteller werden im Abspann nicht genannt, wie es ansonsten nur bei Pornofilmen üblich ist. Zu den meisten Darstellern liegen nur fragmentarische Angaben vor.

In der Szene mit dem erigierten Penis soll der bekannte (heterosexuelle) Theater- und Filmschauspieler André Reybaz (1922-1989) als Double aufgetreten sein, der wegen der Größe seines Genitals gecastet worden sei. Nach Angaben in der IMDB spielte er auch die Rolle des Wächters und nach der französischen Wikipedia war er zudem der Ersatzmann für das Licht ("la doublure lumière").

Der Darsteller des jüngeren Häftlings war Lucien Sénémaud, zu dem Genet auch ein persönliches Verhältnis hatte. Genet "verliebte sich in den 18-jährigen Lucien Sénémaud; eine platonische Liebe, da Lucien heterosexuell war" (Wikipedia). Der Darsteller des älteren Häftlings ist unbekannt, es soll sich dabei um einen tunesischen Friseur vom Montmartre gehandelt haben. Der erotische Tanz wird mit einem schwarzen (Berufs-)Tänzer mit dem Künstlernamen "Coco Le Martiniquais" in Verbindung gebracht, der von Cabarets auf dem Montmartre bekannt gewesen sein soll.


Der Wärter schiebt dem älteren Häftling die Pistole wie einen Phallus in den Mund

Weitere Hintergründe

Nach der IMDB wurde der Film im Pariser Gefängnis "La Santé" gedreht. Dabei handelt es sich um eines der bekanntesten Gefängnisse in Frankreich, das von 1861 bis 1867 erbaut wurde und heute für männliche Untersuchungshäftlinge und verurteilte Täter bestimmt ist. Zu den vielen prominenten Strafgefangenen gehört der Sohn des französischen Staatspräsidenten François Mitterrand, der hier früher einmal – wegen Waffenhandel – inhaftiert war. Nach Edmund White war eine Anfrage Genets, im Gefängnis von Fresnes filmen zu dürfen, abgelehnt worden. Einzelne Innenaufnahmen wurden im Nachtclub "La Rose Rouge" gedreht.

Der Film lebt, wie bereits erwähnt, von ausgeprägter Symbolik. Gerade die Szene mit dem Blumenstrauß ist so künstlich, dass sie nur eine symbolische Interpretation zulässt. Am eindrucksvollsten sind wohl die Rauchszenen, in denen zwei Männer auf erotische Weise durch einen Strohhalm in einem Loch in der Wand Zigarettenrauch austauschen. Genets Freund Nico Papatakis wird mit der Äußerung zitiert: "So ein Loch in einer Gefängniswand ist realistisch gesehen unmöglich, aber das [symbolische] Bild funktioniert" (White, S. 453).

Die Rohfassung des Films war 45 Min. lang, Jean Genet kürzte sie auf 25 Min. herunter. Zwei Abkürzungen im Schlussbild lassen sich dechiffrieren, wenn auch nur bedingt erklären. Sie verweisen auf "Tod den Bullen" (M.A.V. = "Mort aux vaches") und auf "Grüße an bedürftige Freunde" (B.A.A.D.C. = "Bonjour aux amis du malheur calamity") und werden auch in Genets Buch "Wunder der Rose" (1966) aufgegriffen.


Abspann mit dem Entstehungszeitraum und zwei dechiffrierbaren Abkürzungen

Die ersten Aufführungen

Aufgrund der pornografischen Szenen war zwar eine öffentliche Aufführung undenkbar, Genet konnte jedoch Filmkopien an drei reiche schwule Männer verkaufen, unter anderem an den Unternehmer Jacques Guérin (1902-2000), der davon ausging, die einzige Kopie zu besitzen. Zu diesen verkauften Kopien schreibt White: "So wie Genets Romane anfangs in limitierten Luxusausgaben gedruckt worden waren, um die abgestumpften Gaumen anspruchsvoller Homosexueller zu kitzeln, so wurde auch sein Film von der gleichen gutbetuchten Clique in Augenschein genommen" (S. 453).

Die erste Aufführung sollte (zensiert) 1954 stattfinden, aber der Veranstalter trat von seinem Vorhaben wieder zurück. Im März 1964 gab es eine öffentliche Aufführung, für die der Veranstalter Jonas Mekas jedoch ins Gefängnis kam. 1964 sollte der Film schließlich in Kalifornien gezeigt werden. Nachdem die Polizei mit Verhaftungen gedroht hatte, setzten sich Fachkundige und Prominente, darunter Susan Sontag, für eine Veröffentlichung ein. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung in Kalifornien, bei der das Gericht eine Vorführung des Films verbot. Aus der Urteilsbegründung wird deutlich, dass das Gericht – trotz des Verbots – einige der ernst zu nehmenden Themen des Films durchaus erkannte wie zum Beispiel "die Situation des isolierten Menschen, die Notwendigkeit der Strafrechtsreform, die Auswirkungen der Haft auf Wärter und Häftlinge. […] Als gegen die Entscheidung in Kalifornien Berufung eingelegt wurde, bestätigte eine hauchdünne Mehrheit der Richter am Obersten Gerichtshof das Urteil, das den Film als obszön verwarf" (White, S. 455).

1971 gelangten Kopien des Films nach London, wo im Februar 1971 die eigentliche Uraufführung von "Un chant dʼamour" stattfand. Erst seitdem ist der Film regelmäßig und unzensiert zu sehen. Edmund White suchte nach Erklärungen, warum Genet später seinen eigenen Film verurteilte: Genet habe ihn gehasst, "vielleicht weil er als sein einziger Film ein mageres Ergebnis seiner lebenslang außerordentlichen Ambitionen in Richtung Kino darstellt; vielleicht, weil er ihn an seine unfruchtbare, unglückliche Zeit in seinem Leben und seine inzwischen erloschene Liebe zu Lucien erinnerte, oder vielleicht, weil er ein weiteres Beispiel für sein Geschachere zwischen Kunst und Pornographie […] darstellte, über das er nie glücklich war" (S. 455).

Positive Rezensionen

Heute ist "Un chant d'amour" in allen gängigen Nachschlagewerken zur schwulen Filmgeschichte zu finden. Hermann J. Huber betont in "Gewalt und Leidenschaft" (1989, S. 41), dass dem Film diese Aufmerksamkeit erst mit jahrzehntelanger Verspätung zuteilwurde: "Genets Filmpoem auf Schönheit, Einsamkeit und Frustration der Homosexualität schlummerte fast 20 lange Jahre verstaubt im Archiv, bevor es im Erfolgsrausch des [von Genet verfassten] Theaterstücks 'Der Balkon' in den 70er und des Films 'Querelle' in den 80er Jahren salonfähig wurde." Auch auf einige der Online-Rezensionen möchte ich hier eingehen, die den Film fast ausnahmslos positiv besprechen.

Nach James Travers (Frenchfilms.org, 2005) ist "Un chant dʼamour" eine Ikone des schwulen Kinos, die den Surrealismus von Luis Buñuel mit der Dichtkunst von Jean Cocteau verbindet. (Trotzdem ist es vermutlich nur ein Zufall, dass der Titel von Buñuels bekanntestem Film "Un chien andalou" bzw. "Ein andalusischer Hund" aus dem Jahr 1929 eine starke lautmalerische Nähe zu Genets Film "Un chant d'amour" hat.)

Laut Fernando F. Croce (Slantmagazine, 2007) sehnte sich Kenneth Anger in einem Interview von 2004 – nach der "kastrierten Schrillheit" von "Queer as Folk" – nach einer Rückkehr zur Outlaw-Poesie von "Un chant dʼamour", der nicht nur als ein Meilenstein der schwulen Rebellion, sondern auch als sinnlicher Ausdruck des Begehrens gewürdigt wird. "Un chant d'amour" sei, so Croce, eine revolutionäre Vision der Emanzipation durch Sinnlichkeit und ein Lied der universellen und ewigen Liebe.

Für Michael Koresky (filmcomment, 2019) wird "Un chant dʼamour" zu oft in Erinnerung gerufen, weil er Skandale und juristische Auseinandersetzungen auslöste, und zu selten als Kunstwerk gewürdigt, das Zärtlichkeit, Angst und Sinnlichkeit ohne ein einziges gesprochenes Wort vermittele. Der Film sei zwar stark von Symbolen geprägt, wobei der Sex jedoch nicht auf metaphorische Objekte verlagert werde, sondern explizit bleibe. Der jüngere Gefangene ist für den Autor wie ein teuflischer Engel inszeniert. Der sexuell frustrierte Wächter mache aus diesem Film eine Art Peepshow, wobei er gleichzeitig zum Spiegelbild des Zuschauers werde.

Auch der Autor Jean-Yves Alt verweist in seiner Rezension (culture et debats, 2018) zunächst auf die Skandale, die die frühen Vorführungen ausgelöst haben. Für Alt ist der Film ein in Schwarz-Weiß gedrehtes Meisterwerk, ein Stummfilm, bei dem Genet nur den Bildern eine Stimme gab. Die ganze Vorstellungskraft Genets manifestiere sich in diesem Film, einer Art schwule Inkunabel, die sich gut mit "Looking for Langston" (1989; ebenfalls ein poetischer Schwarz-Weiß-Kurzfilm) vergleichen lasse.

Für Gaspard Dhellemmes (heteroclite, 2011) lässt sich "Un chant dʼamour" mit Rainer Werner Fassbinders Film "Querelle" (nach einem Roman von Jean Genet) vergleichen. Neben dem Bezug zu Genet hätten beide Filme gemeinsam, dass sie die jeweils letzten Filmwerke der Regisseure seien: Fassbinder starb kurz nach den Dreharbeiten von "Querelle" und für Jean Genet war "Un chant d'amour" sein letzter Film. Beide Filme bildeten somit – jeweils auf ihre Weise – zwei Testamente, die poetisch und bewegend seien.


Eine Traumsequenz mit zwei schwulen Männern beim Sex

Befremdliche Kommentare auf Youtube

Von den 16 privaten Kommentaren zum Film in der IMDB sind meines Erachtens vor allem diejenigen aussagekräftig, die auch die sexuellen Orientierungen der Rezensenten bzw. der Zuschauer von "Un chant d'amour" mit einbeziehen. Sie verdeutlichen, dass die sexuell expliziten Szenen bis heute provozieren können.

In einigen Kommentaren wird der Film abgewertet, weil er außerhalb der Schwulenszene keinen Wert besitze, während er in anderen Kommentaren für gut befunden wird, weil er über die Schwulenszene hinaus eine universelle Bedeutung habe. Die Bedeutung für die Schwulenszene scheint hier irgendwie wenig wert zu sein.

Nicht aufgeschlossene Heterosexuelle werden indirekt gewarnt. Ein User empfiehlt diesen wunderschönen Film allen nicht homophoben Menschen mit offenem Geist, unabhängig von ihrer persönlichen sexuellen Orientierung ("with open minds, regardless of their own personal sexual orientation"). Ein anderer User schreibt, dass der Film unabhängig von der sexuellen Orientierung ein schöner Film sei, man müsse allerdings tolerant gegenüber Penis-Bildern sein ("penis imagery"). Wohl aus Angst, als schwul eingeschätzt zu werden, ergänzt der User, dass er sich mit diesem Film identifizieren könne, obwohl er selbst nicht schwul sei. Ein anderer User würde den Film wohl gerne jede Woche sehen – wenn er selbst schwul wäre. Heterosexuelle Männer, die diesen Film gut finden, haben offenbar den Drang, sich dafür rechtfertigen zu müssen.

Für einen User mag "Un chant dʼamour" zwar für homosexuelle Männer sehr erregend sein, werde bei anderen jedoch Ekel und Abscheu verursachen. Ein anderer User nimmt solche Kommentare explizit in Schutz und betont, dass kritische Rezensionen von "Un chant d'amour" nicht schon allein deshalb illegitim seien, bloß weil sie von einem homophoben Rezensenten stammten ("A reviewerʼs homophobia shouldn't delegitimize a film depicting homoeroticism"). Nach dieser Äußerung dürfte ein homosexueller Rezensent einen heterosexuellen Liebesfilm nur deshalb ablehnen und kritisieren, weil er den Sex zwischen einem Mann und einer Frau abscheulich findet.

Genets Einfluss auf andere Künstler

Der Einfluss Jean Genets auf die Kunst lässt sich wohl am besten im Bereich Film aufzeigen. Mittlerweile gibt es laut IMDB mehr als 40 Filme, die entweder direkt auf Jean Genets Publikationen basieren oder in denen Jean Genet selber auftritt.

Aus homosexueller Perspektive lohnt sich vor allem ein Blick auf folgende Filme und Bücher: Zwei Literaturverfilmungen sind deutliche Adaptionen von Werken Genets. Sein Theaterstück "Die Zofen" (1947), mit lesbischen Untertönen, wird nicht nur regelmäßig in Theatern zur Aufführung gebracht, sondern wurde schon zweimal verfilmt, von Tony Richardson unter dem Titel "Mademoiselle" (1966) und von Christopher Miles mit "Die Zofen" / "The Maids" (1975). Genets Roman "Querelle de Brest" (1947) wurde von Rainer Werner Fassbinder als "Querelle" (1982) kongenial verfilmt. Alles, von der Beleuchtung über die Bauten bis hin zur Darstellung, wurde stilisiert, was auch der Darstellung in Genets Roman entsprach.

Auch zwei freie Verfilmungen sind hier zu nennen. Frei nach Genets Roman "Tagebuch eines Diebes" (1949, deutsch 1961) entstand der Film "Der verführte Mann" (1983). Des Weiteren lohnt sich ein Blick auf Todd Haynesʼ Film "Poison" (1991, hier Auszug bei Youtube). Einer von drei Teilen dieses Films – mit dem Titel "Homo" – basiert auf Genets Roman "Wunder der Rose" (1946).


Eine Szene aus "Poison" (1991), die auf einem Roman von Genet basiert

Der indirekte Einfluss Jean Genets auf andere Regisseure und Künstler lässt sich manchmal nur schlecht dokumentieren. Steven Dillon betont in seinem Buch "Derek Jarman and Lyric Film. The Mirror and the Sea" (2004, S. 29-33) die Parallelen zu Genet in Filmen von Derek Jarman bei den Themen, der Form der lyrischen Bearbeitung, der homoerotischen Sensibilität und der Verwendung von Symbolen. Emanuel Levy sieht in seinem Buch "Gay Directors, Gay Films? Pedro Almodóvar, Terence Davies, Todd Haynes, Gus Van Sant, John Waters" (2015, S. 168) Parallelen zu "Un chant d'amour" in Gus Van Sants "Mala Noche" (1985), der ebenfalls in Schwarz-Weiß gedreht wurde. Zudem betont er einen Einfluss Genets auf Andy Warhol und Paul Morrissey, ohne dabei jedoch ins Detail zu gehen.

Was bleibt

Es hätte den Umfang dieses Artikels gesprengt, wenn ich auf die vielen Parallelen zwischen Genets "Un chant dʼamour" und seinen Romanen, Dramen und Gedichten eingegangen wäre. Hervorzuheben bleibt, dass sich "Un chant d'amour" thematisch und stilistisch gut in sein Gesamtwerk einreiht, weil Gefangenschaft, aggressiver Sex und unerwiderte Liebe auch in seinem literarischen Werk wiederkehrende Motive sind. Genets Werke zeigen sich dabei stets kompromisslos, was ein Vorteil und ein Nachteil sein kann. Nach Edmund White behaupten viele Kritiker, "dass Genet weder den Wunsch habe, sich dem Publikum mitzuteilen, noch erkenne er die Notwendigkeit einer universellen Botschaft in der Handlung seines Stücks an" (S 448).

In den ersten zwei Jahrzehnten nach seiner Entstehung ist "Un chant dʼamour" nie regulär im Kino gelaufen und wurde wie ein gewöhnlicher Porno verschmäht. Erst vor einigen Jahren hat das British Film Institute den Film als DVD veröffentlicht und ihm damit jene Aufmerksamkeit verschafft, die er verdient. Inzwischen gilt "Un chant d'amour" weithin als Meisterwerk und wird gerade wegen seiner anachronistischen Mischung aus Surrealismus, Pornografie und poetischem Realismus künstlerisch geschätzt.

Jean Genet starb am 15. April 1986. Sein Leichnam wurde, wie von ihm gewünscht, in Marokko beerdigt. Die handschriftlich gestaltete Grabinschrift erinnert an das handschriftlich gestaltete Schlussbild des Films. "Un chant dʼamour" war – nach Edmund White (S. 456) – Genets "letzter Versuch, homosexuelle Begierde darzustellen".


Jean Genets Grabstein

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#1 HugogeraldAnonym
  • 21.06.2020, 09:55h
  • Danke für den Hinweis.
    Es ist ein Wahnsinn, wie weit die Kunst bereits vor 70 Jahren war.
    Der Film hat mich so mitgenommen, dass ich mir den Schluss nicht ansehen kann
    Aber so schön
  • Antworten » | Direktlink »
#2 FelixAnonym
  • 21.06.2020, 15:09h
  • Eine Frage an die Filmexperten hier:

    Vor vielen vielen Jahren kam der Film mal auf Arte. Und da wurde, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, am selben Abend noch ein schwuler Film gezeigt. Der war ebenfalls schwarz-weiß, wirkte aber neuer. Er war vermutlich ein deutscher Film und es kann sein, dass er in Berlin spielte.

    Ich habe nur noch eine Szene im Kopf:
    ein junger Mann (meines Wissens mit lockigem Haar und Brille) saß auf einer Matratze und holte sich gerade einen runter (natürlich nicht sichtbar, war ja kein Porno, sondern ein Spielfilm). Da rief ein Kumpel an und sagte sowas wie "Habe ich Dich beim Wichsen gestört?" Darauf antwortete der andere "Ja".

    Weiß jemand, welcher Film das ist? Ich suche seit Jahren nach dem Titel und wäre sehr dankbar, wenn mir da jemand helfen könnte.
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#3 NevermindAnonym
  • 21.06.2020, 17:58h
  • Antwort auf #2 von Felix
  • Hallo! Ein Experte bin ich zwar nicht, aber der Film, den du meinst, heißt >>Außerirdische <<, ist von Florian Gärtner von 1993. Die Szene, die du beschreibst, ist mir auch lebhaft im Gedächtnis geblieben.
  • Antworten » | Direktlink »
#4 Erwin In het PanhuisAnonym
  • 21.06.2020, 18:07h
  • Antwort auf #2 von Felix
  • Hi Felix,
    das müsste der Film "Außerirdische" (1993) gewesen sein.

    www.imdb.com/title/tt0106328/?ref_=fn_al_tt_1

    Meiner Erinnerung nach ist der Film aus symbolischen Gründen zum Teil in schwarz/weiss gedreht worden. Entweder ist vor dem Coming Out alles schwarz/weiß und hinterher bunt oder sein Heimatdorf ist schwarz/weiß und die Stadt Berlin bunt. Beides passt ja irgendwie.
    Ich hoffe, Dir geholfen zu haben. Erwin
  • Antworten » | Direktlink »
#6 stromboliProfil
  • 21.06.2020, 20:28hberlin
  • Antwort auf #1 von Hugogerald
  • wie immer vom autor ein profund-liebevolles porträt geliefert.. herzlichen dank!

    "Es ist ein Wahnsinn, wie weit die Kunst bereits vor 70 Jahren war."
    Es ist aber auch wahnsinn, wie wenig weit die gesellschaft gekommen ist, um dieses werk ohne ihre bigotte , antisexistische wahrnehmung, als teil ihrer kultrellen emanzipation anzuerkennen...
    Immer noch die selben sprüche und schwitzigen finger beim sich empören auf foren & heteronormierten meinungsschleudern.

    Als ich den film das erste mal sah ( ffm im von hilmar hofmann gegründeten filmmuseum ) im beisammensein mit einigen der rotzschwulfilmgruppe, standen mir tränen in den augen...

    "...sehnte sich Kenneth Anger in einem Interview von 2004 nach der "kastrierten Schrillheit" von "Queer as Folk" nach einer Rückkehr zur Outlaw-Poesie von "Un chant damour", der nicht nur als ein Meilenstein der schwulen Rebellion, sondern auch als sinnlicher Ausdruck des Begehrens gewürdigt wird. "Un chant d'amour" sei, so Croce, eine revolutionäre Vision der Emanzipation durch Sinnlichkeit und ein Lied der universellen und ewigen Liebe."

    "" nach der "kastrierten Schrillheit" von "Queer as Folk" " ; wie hellsichtig angesichts der mittlerweile oft emotional/sinnlich nur aufgeblähten filme zu schwuler /lesbischer liebe mit wenigen ausnahmen
    wie z.b "moonlight".
    Und ja: wie anders wären filme gewesen die von schwulen für schwule gedreht.. siehe

    www.queerty.com/lee-daniels-couldnt-stand-watch-brokeback-mo
    untain-15-years-heres-20200620?utm_source=Queerty+Subscriber
    s&utm_campaign=7a059e8bcd-20200620_Queerty_Newsletter&am
    p;utm_medium=email&utm_term=0_221c27272a-7a059e8bcd-4320
    21059


    "I saw it, like, 15 years later and Ang Lee did a really great job, Daniels admits. As a matter of fact, he did it in a way that was palatable for many heterosexuals around the world. I would have probably been more in your face with it, and he did it in a different perspective, so kudos to him. And I told him that."
  • Antworten » | Direktlink »
#7 FelixAnonym
  • 22.06.2020, 08:25h
  • @Neveremind:
    @Erwin in het Panhuis:
    @antos:

    Ich danke Euch allen vielmals für Eure Informationen zum gesuchten Film.

    Tausend Dank.

    Das hat mir wirklich sehr geholfen.
  • Antworten » | Direktlink »
#8 Feuriger BengelAnonym
  • 22.06.2020, 22:54h
  • "Ein anderer User nimmt solche Kommentare explizit in Schutz und betont, dass kritische Rezensionen von "Un chant d'amour" nicht schon allein deshalb illegitim seien, bloß weil sie von einem homophoben Rezensenten stammten ("A reviewers homophobia shouldn't delegitimize a film depicting homoeroticism"). Nach dieser Äußerung dürfte ein homosexueller Rezensent einen heterosexuellen Liebesfilm nur deshalb ablehnen und kritisieren, weil er den Sex zwischen einem Mann und einer Frau abscheulich findet."

    Ich halte die Interpretation für eine Missdeutung. Meine Übersetzung wäre "Die Homophobie eines Rezensenten sollte einem Film, in dem Homoerotik dargestellt wird, nicht die (Daseins-)Berechtigung nehmen". Sprich: Selbst wenn der Rezensent homophob ist, sollte er sich auf den Film einlassen können.
    Es wird also nicht die Homophobie der Rezensenten in Schutz genommen, sondern, ganz im Gegenteil, die Filmkunst an sich, unabhängig davon, ob in einem Film Heteroerotik oder Homoerotik dargestellt wird.
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