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"Vollwertiges Mitglied der Gesellschaft"

Seltener Nachweis für Intersexualität im 17. Jahrhundert

Im Taufregister von Peterzell entdeckte ein Historiker einen Eintrag vom 3. April 1653, bei dem das Kind zunächst auf den Namen Anna getauft wurde, später aber der Name Hans Jakob nachgetragen wurde.


Der Eintrag von Hans Jacob Epting im Peterzeller Taufregister (Bild: Württembergische Kirchengeschichte online)

Uwe Heizmann, Mitarbeiter des Landeskirchlichen Archivs Stuttgart, machte eine historische Entdeckung: Im Taufregister von Peterzell bei Alpirsbach im Schwarzwald fiel ihm ein Eintrag vom 3. April 1653 auf, bei dem das Kind zunächst auf den Namen Anna getauft wurde, später aber der Name Hans Jakob nachgetragen wurde. Wie sich "ettlich tag" nach der Taufe herausgestellt habe, habe bei dem Kind das männliche gegenüber dem weiblichen Geschlecht überwogen, so dass die Änderung nötig geworden sei, heißt es in der Urkunde.

Bei dem Fund handelt es sich um einen seltenen Nachweis für Intergeschlechtlichkeit in einer frühneuzeitlichen Quelle. Wie anhand anderer Quellen in Kirchenarchiv ermittelt werden konnte, wurde Hans Jakob Epting 71 Jahre alt, blieb Zeit seines Lebens unverheiratet, lebte aber als angesehener Bürger im Dorf und führte knapp drei Jahrzehnte die Rechnungen der Kirchengemeinde.

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Epting hatte "verantwortungsvolles und angesehenes Amt"

"Mit dem Amt des Heiligenpflegers, also dem Verwalter des Kirchenvermögens, hatte Hans Jacob Epting ein verantwortungsvolles und angesehenes Amt inne", schreibt Heizmann im Blog des Portals Württembergische Kirchengeschichte über seinen sensationellen Fund. Anfeindungen gegen ihn seien den Protokollen des Kirchenkonvents nicht zu entnehmen. Den Taufregistern von Peterzell konnte er entnehmen, dass Epting zwischen 1692 und 1722 bei fünf Familien insgesamt 18 Mal Pate war.

"Aufgrund der Quellenlage kann angenommen werden, dass Hans Jacob Epting ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft war", schlussfolgert Heizmann. Seine Ehelosigkeit sei "nicht zwangsläufig auf seine Intersexualität zurückzuführen". (cw)



#1 Ralph
  • 22.06.2020, 11:36h
  • Die zwangsweise Festlegung auf das männliche oder das weibliche Geschlecht ist ohnehin eine Erfindung der Wende vom 19. zum 20. Jh., genauer: des BGB. Vorher war z.B. in Preußen (!) Rechtslage, dass ein nicht eindeutig einem Geschlecht zuzuordnendes Kind ohne Geschlechtseintrag blieb und erst bei Eintritt seiner Volljährigkeit der Behörde gegenüber angeben musste, ob es als Mann oder als Frau leben wolle (eigene Entscheidung ohne irgendwelche Gutachten). Insoweit war Bismarck Merkel gesellschaftspolitisch weit voraus, so heftig man ihn auch wegen des von ihm zu verantwortenden § 175 kritisieren muss.
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#2 MandalorianAnonym
  • 22.06.2020, 17:39h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Danke für deinen Beitrag! Hast du zufällig eine Quelle zur Hand, ich würde mir das gern genauer ansehen. Eine uneindeutige geschlechtliche Bestimmung widerspricht doch irgendwie dem Ruf preußischer Genauigkeit finde ich. Daher wäre es interessant die Begründung dahinter zu erfahren
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#3 Ralph
  • 22.06.2020, 19:51h
  • Antwort auf #2 von Mandalorian
  • §§ 19, 20, 21 PrALG bestimmte, dass bei Geburt eines "Zwitters" zunächst die Eltern angeben, welchem Geschlecht das Kind zuzuordnen sei, dass später aber der herangewachsene Mensch selbst eine von der elterlichen Anordnung abweichende Entscheidung treffen dürfe, an die der Staat gebunden sei. Das war Gesetz seit 1794 und spiegelt m.E. durchaus den preußischen Hang zur Genauigkeit: Es sollte nichts falsch gemacht werden - und wer, wenn nicht der betroffene Mensch selbst, kann Klarheit schaffen? Eine simple Wahrheit, die heute leider nicht mehr gilt. Wikipedia enthält als Einstieg hierzu einen Artikel "Zwitterparagraf".
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#4 ei gudeAnonym
  • 22.06.2020, 20:25h
  • Erst einmal ein Dankeschön für diesen interessanten Artikel.

    @Mandalorian

    Das "Allgemeine Preußischen Landrecht" von 1794, das lätere Rechtsbücher zusammenfasste und ersetzte, regelte in den sogenannten "Zwitterparagraphen" (§19 bis §23) die Vorgehensweise bei der Geburt eines Menschen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen:

    "§. 19. Wenn Zwitter geboren werden, so bestimmen die Aeltern [=Eltern], zu welchem Geschlechte sie erzogen werden sollen.
    §. 20. Jedoch steht einem solchen Menschen, nach zurückgelegtem achtzehnten Jahre, die Wahl frey, zu welchem Geschlecht er sich halten wolle.
    §. 21. Nach dieser Wahl werden seine Rechte künftig beurtheilt."

    Sollten allerdings von die Wahl des Geschlechts die Rechte Dritter betroffen sein (ich denke da an Ehepartner oder Erbangelegenheiten), wurde die Wahlmöglichkeit beschränkt.

    "§. 22. Sind aber Rechte eines Dritten von dem Geschlecht eines vermeintlichen Zwitters abhängig, so kann ersterer auf Untersuchung durch Sachverständige antragen.
    §. 23. Der Befund der Sachverständigen entscheidet, auch gegen die Wahl des Zwitters, und seiner Aeltern."

    Quelle:

    intersex.hypotheses.org/1194

    Allerdings stammt das preußische Landrecht von 1794 und der Taufeintrag des Hans Jakob Epting mit dem später in Klammern gesetzten Namen "Anna" wurde im Jahre 1653 in Peterzell bei Alpirsbach im Schwarzwald vorgenommen.

    Peterzell gehörte damals damals zum Großherzogtum Württemberg, welches extrem protestantisch geprägt war. Vorherrschende religiöse Strömung - eigentlich Staatsreligion - war die lutherische Orthodoxie (s. a. schwäbischer Pietismus); Katholiken, Reformierte und Juden waren nicht gern gesehen und wurden massiv unterdrückt.
    Leider weiß ich nicht, welches Zivilgesetzbuch 1653 in Peterzell galt.
    Aber ausgehend von der Annahme, dass in einem derart überschaubaren Gemeinwesen sich die Tatsache eines erweiterten Taufeintrages und die Änderung des Rufnamens von "Anna" zu "Hans" [Jakob"] schnell herumgesprochen haben dürfte, war die Intersexualität des Hans Jakob Epting bestimmt kein Geheimnis, aber offensichtlich für das gesellschaftliche Ansehen irrelevant, denn er stand ja - wie im Artikel beschrieben - in einem so hohen Ansehen, dass er 18-mal Taufpate war und fast drei Jahrzehnte die Rechnungsbücher der Kirchengemeinde führte, also als uneingeschränkt vertrauenswürdig und gottesfürchtig angesehen wurde.

    Das Wissen um die Existenz zwischengeschlechtlicher Menschen war im 17. und 18. Jahrhundert keineswegs tabuisiert.
    Als Beispiel eine medizinische Dissertation von Carl Friedrich Luther aus dem Jahre 1704:
    "Anomalien des Herzbeutels, der Lunge und der Genitalien."

    Dies und weitere Texte:
    Hermaphroditen: Medizinische, juristische und theologische Texte aus dem 18. Jahrhundert

    www.psychosozial-verlag.de/2581

    Der "Zedler", die 68 Bänder umfassende, bedeutendste deutsche Universalenzyklopädie des 18. Jahrhunderts, behandelt das Thema im 12. Band von 1735 unter dem Stichwirt "Hermaphroditus":

    www.zedler-lexikon.de/index.html?c=blaettern&seitenzahl=
    891&bandnummer=12&view=100&l=de


    Auch wenn der "Zedler" dem Thema einigermaßen ratlos gegenübersteht, aber immerhin auf das natürliche Vorkommen intergeschlechtlicher Merkmale in der Tier- und Pflanzenwelt verweist, empfiehlt er doch, bei nicht eindeutig bestimmbaren Geschlechtsmerkmalen die Wahl des Geschlechtes durch das Kind selbst bei Erreichen der Volljährigkeit vornehmen zu lassen.
    Eine nachträgliche Änderung der Wahl durch die betreffende Person ist allerdings nicht mehr erlaubt.
    Leider werden auch hier Gutachter ins Feld geführt, die ein Wort mitzureden haben. Aber trotz aller Mängel kommen mir die meisten historischen Gesetze zum Thema Zwischengeschlechtlichkeit doch fortschrittlicher vor als die heutigen, insbesondere, da über "korrigierende Operationen", d. h. Verstümmelungen, nicht einmal nachgedacht wird.
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#5 Uwe HAnonym
#6 ei gudeAnonym
  • 23.06.2020, 17:21h
  • Antwort auf #5 von Uwe H
  • @Uwe H
    Stimmt, Württemberg war "nur" ein Herzogtum. Vielen Dank für die Korrektur.
    "Staatsreligion" war der lutherisch geprägte Protestantismus - das ist richtig - allerdings in einer extrem dogmatischen Form, daher auch "lutherische Orthodoxie" genannt. 1653, also zur Zeit des Taufeintrags, fällt in die Spätphase der lutherischen Orthodoxie in Württemberg, die sich bis ins späte 18. Jhd. hielt, auch wenn der ebenfalls intolerante Pietismus ab dem 17. Jhd. zunahm.
    Reformierte (mit Ausnahme einiger französischsprachiger Flüchtlingsgemeinden), Katholiken und Juden waren in Alt-Württemberg bis zum Ende des Alten Reiches unerwünscht und gesetzlich massiv benachteiligt.

    Hier eine kurze Zusammenfassung aus einem Buch im Originalwortlaut:
    "Wie wenig staatsbürgerliche Rechte in Alt-Württemberg die Nicht-Augsburgischen Religions=Verwandten, deren es freilich nicht viele daselbst gab, genossen, haben wir in der vorigen Periode an mannigfachen Beispielen und Verordnungen gesehen, wonach die katholischen und selbst die reformirten Unterthanen nicht nur von jedem Staats= und Gemeinde=Amt, sondern auch von der öffentlichen Uebung ihrer Religion ausgeschlossen waren. [... ausgenommen einige "reformirte Gemeinden" aus französischen Auswanderern, die unter Herzog Eberhard Ludwig aufgenommen wurden ...] Die Anhänger der israelitischen Religion, wiewohl hie und da in den fürstlichen Kammerschreibereigütern aufgenommen, waren in dem landschaftlichen Theile von Alt-Württemberg nicht einmal geduldet."

    Quelle:
    Vollständige, historisch und kritisch bearbeitete Sammlung der württembergischen Gesetze, hrsg. von Dr. A. L. Reyscher, Dritter Band, Stuttgart/Tübingen 1830; S. 69.

    books.google.de/books?id=qo5DAAAAcAAJ&pg=PA69&lpg=PA
    69&dq=katholiken+alt-w%C3%BCrttemberg+ausgeschlossen&
    ;source=bl&ots=Q5YkXmZHpE&sig=ACfU3U0VLpwMYHOy6xJ1tv
    0mqF6-aTZQHQ&hl=de&sa=X&ved=2ahUKEwjO7vD8iZjqAhU
    C-qQKHfa3BIcQ6AEwAnoECAgQAQ#v=onepage&q=katholiken%20alt
    -w%C3%BCrttemberg%20ausgeschlossen&f=false


    Juden war vom 15./16. Jahrhundert bis zum Ende des Alten Reiches der Aufenthalt in und selbst die Durchreise durch Württemberg verboten. Ausnahmen waren "Schutzjuden" des jeweiligen Herzogs, die vom persönlichen Schutz des Herrschers abhängig waren. Entfiel dieser Schutz, wurde es lebensgefährlich für die betreffenden Juden. Das bekannteste Beispiel ist Joseph Süß-Oppenheimer, Hoffaktor [= eine Art persönlicher Finanzberater und Hoflieferant] des Herzogs Karl Alexander (1733-1737) der nach einem antijüdischen Schauprozess auf eine besonders demütigende Art 1738 hingerichtet wurde.
    Der Grund für den Hass, der sich gegen Süß-Oppenheimer - bekannt unter dem Spottnamen "Jud Süß" entlud, war, dass mit Karl Alexander ein katholischer Herzog mit der Hilfe eines jüdischen Beraters, der nicht einmal die vollen Bürgerrechte besaß, die judenfeindlichen und radikal lutherischen Landständen finanziell schröpfte. Daher wurde Süß-Oppenheimer nach dem plötzlichen Tod des Herzogs hingerichtet, obwohl man ihm nach damaligem Recht kein Vergehen nachweisen konnte.

    www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/s-t/1897-stutt
    gart-baden-wuerttemberg


    www.edjewnet.de/landgemeinde/

    Zusammengefasst bleibe ich daher bei meiner These, dass Katholiken, Reformierte und Juden in Württemberg massiv benachteiligt wurden.
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#7 Ralph
  • 23.06.2020, 17:57h
  • Antwort auf #6 von ei gude
  • Es ist sicher kein Zufall, dass die Nazis ihren miesesten antisemitischen Hetzfilm, das vorgebliche Historiendrama "Jud Süß", ausgerechnet in Württemberg ansiedelten bzw. dass sie ausgerechnet eine Begebenheit aus der württembergischen Geschichte fanden, ihre dreckige Ideologie pseudohistorisch zu untermauern.
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#8 Uwe HAnonym
  • 24.06.2020, 07:57h
  • @ ei gude
    Ich würde dennoch nicht von einer massiven Unterdrückung reden. Benachteiligt mag sein, aber nicht massiv unterdrückt. Wenn wir uns die Diktaturen und authoritären Staaten des 20. und 21. Jahrhunderts anschauen, dann wissen wir, was eine massive Unterdrückung ist. Man muss auch unterscheiden zwischen staatlicher Verordnung und gesellschaftlichem Leben vor Ort. Ich denke, die Menschen hatten alltäglich andere Sorgen, als die Religion des Nachbarn. Außerdem: Um die Bevölkerungsverluste durch den 30jährigen Krieg auszugleichen, wurden u.a. Schweizer ins Land geholt - und diese waren Reformierte oder Katholiken. Die wären nicht gekommen, hätte man sie massiv unterdrückt.
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#9 ei gudeAnonym
  • 24.06.2020, 18:00h
  • Antwort auf #8 von Uwe H
  • @Uwe H
    "Ich würde dennoch nicht von einer massiven Unterdrückung reden."
    Ich dagegen würde und werde weiterhin von einer massiven Unterdrückung sprechen. Ohne Mitleid mit den Amtskirchen und speziell der katholischen Kirche zu empfinden, die ich ihrer gegenwärtigen und historischen Rolle und Stellung wegen ablehne, bleibe ich bei meiner Aussage, dass Andersgläubige im lutherisch-protestantischen Herzogtum Württemberg massiv unterdrückt und benachteiligt wurden.
    Hier eine weitere Beschreibung der Unterdrückungsmaßnahmen am Beispiel der Katholiken:

    "In Württemberg dachte man nicht daran, von den Toleranzbestimmungen des Westfälischen Friedens Gebrauch zu machen. Man stellte sich auf den Standpunkt, daß das Land ausschließlich protestantisch und die Duldung der katholischen Religion ausgeschlossen sei. [...]
    Unter diesen Unständen mußte die Lage der Katholiken in Altwürttemberg denkbar ungünstig sein. Einschränkungen und Schikanen jeder Art gegen die Katholiken waren an der Tagesordnung. Katholiken konnten weder bürger- noch staatsbürgerliche Rechte ausüben. Abhaltung und Besuch katholischen Gottesdienstes waren verboten. Die Katholiken mußten die evangelischen Kirchen und Schulen besuchen. Sie mußten ihre Ehen vor dem protestantischen Geistlichen eingehen und ihre Kinder protestantisch taufen lassen. Mischehen mit Katholiken waren den Protestanten unter Androhung des Ausschlusses vom Abendmahl und weltlicher Strafen verboten, obwohl der Protestantismus von ihnen gewiß nichts zu fürchten hatte. Denn Kinder aus bekenntnisverschiedenen Ehen mußten ohne Ausnahme protestantisch erzogen werden.

    Quelle:
    May, Georg: Mit Katholiken zu besetzende Professuren an der Universität Tübingen. Amsterdam 1975; S. 98f.
    Auch nachzulesen bei Google Books:

    books.google.de/books?id=vljwho0UonoC&printsec=frontcove
    r&hl=de#v=onepage&q&f=false


    "Wenn wir uns die Diktaturen und authoritären Staaten des 20. und 21. Jahrhunderts anschauen, dann wissen wir, was eine massive Unterdrückung ist."

    Ich rechne nicht eine Form von Unterdrückung gegen eine andere auf, ziehe also die vermeintlich mildere von der härteren Spielart ab, sondern ich rechne sie zusammen! Denn Unterdrückung in unterschiedlichen Systemen von wohlmeinend-bevormundend über autoritär-befehlend bis mörderisch-totalitär ist niemals wirklich vergleichbar mit anderen und entschuldigt nichts. Alle Formen der Unterdrückung gehören zu dem einen totalitärem Komplex, ob dieser seine Daseinsberechtigung nun von einer Religion, einer beliebigen Ideologie oder einfach nur aus kaltem Machtstreben ableitet.
    Eine weitere unterdrückte Gruppe im Herzogtum Württemberg waren Homosexuelle. Im Hauptstaatsarchiv Stuttgart befindet sich z. B. die Akte des wegen "Sodomie" 1663 gefolterten und hingerichteten Hans Konrad Barth von Thieringen

    www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=3206&
    amp;sprungId=3323338&letztesLimit=suchen


    www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/struktur.php?bestand=3183&
    amp;sprungId=3202901&letztesLimit=suchen


    "Man muss auch unterscheiden zwischen staatlicher Verordnung und gesellschaftlichem Leben vor Ort. Ich denke, die Menschen hatten alltäglich andere Sorgen, als die Religion des Nachbarn."

    Neben der Sorge um das tägliche Brot beschäftigte die Menschen in der frühen Neuzeit vor allem die Sorge um das Seelenheil bzw. das ewige Leben nach dem kurzen irdischen und damit durchaus die Religion der Nachbarn. Wie wir heute noch auf der ganzen Welt sehen, wähnen Extremisten durch die Anwesenheit von "Ungläubigen" oder "Ketzern" in der Nähe ihr Seelenheil in Gefahr. Oder man fürchtet um die öffentliche Moral durch die Anwesenheit "unmoralischer" Personen - siehe LGBT* in Polen. Nicht umsonst waren einige der schärfsten und wirkungsvollsten Waffen der Kirchen der Ausschluss vom Abendmahl oder die Exkommunikation, die man sich auch zuziehen konnte, wenn man Ungläubige in der Nähe auch nur duldete.
    Andererseits wurde den Katholiken in einer "Mischehe" verwehrt die eigenen Kinder im ewigen Leben wiederzusehen, da sie ja protestantisch erzogen werden.
    Neben der "papistischen Ketzerei" gab es nur eine Religion, die als noch schlimmer galt: die jüdische. Deshalb war es Juden auch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts verboten, Württemberg ach nur zu betreten. Juden, die davon ausgenommen waren, benötigten einen Schutzbrief, der jedoch nur eine höchst fragile Sicherheit bot. An diese antijüdische Tradition konnten die Nationalsozialisten in Württemberg leicht anknüpfen.

    "Außerdem: Um die Bevölkerungsverluste durch den 30jährigen Krieg auszugleichen, wurden u.a. Schweizer ins Land geholt - und diese waren Reformierte oder Katholiken. Die wären nicht gekommen, hätte man sie massiv unterdrückt."

    Viele Katholiken können es nicht gewesen sein oder sie blieben nicht lange oder der Nachwuchs wurde protestantisch (s. o.), denn 1803 - 155 Jahre nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und kurz vor dem Ende des Herzogtums Württemberg zählte man 5.125 Katholiken und 660.177 Protestanten.
    Quelle: Widmer, Günther: Die Entwicklung der württembergischen evangelischen Landeskirche im Spiegel der Pfarrberichte bis zum Anfang des 20.Jahrhunderts, Dissertation 2004, S. 12, Fußnote 24.
    Die Entwicklung der württembergischen evangelischen Landeskirche im Spiegel der Pfarrberichte bis zum Anfang des 20.Jahrhunderts. Achtung PDF:
    elib.uni-stuttgart.de/bitstream/11682/5251/1/Parochie.pdf
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