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Moralist und Aktivist

Der Ex-Nazi, der für die Rechte monogamer Schwuler kämpfte

Heute vor 100 Jahren wurde Hans Giese geboren. Der einflussreiche Sexualwissenschaftler war die erste Person, die in der Bundesrepublik versuchte, eine Homosexuellenbewegung aufzubauen. Promiske Schwule wollte er "therapieren".


Hans Giese, geboren am 26. Juni 1920 in Frankfurt am Main, verunglückte im Juli 1970 tödlich bei einer Bergwanderung an der Côte d'Azur. Das Foto zeigt ihn als Interviewpartner im Oswalt-Kolle-Film "Das Wunder der Liebe" (1968)

Hans Giese mit seinem letzten Lebenspartner Klaus Hartmann

Hans Giese (1920-1970) war schwul, was sein soziales Umfeld schon früh mitbekam. Wegen "homosexueller Vorfälle" musste er mindestens einmal die Schule wechseln und wurde vom Vater zu einem Psychiater geschickt, der ihn aufforderte, mit den "Schweinereien" aufzuhören. Mit August Engert, den er um 1950 kennen lernte, lebte er bis zu dessen Tod 1969 in einer festen Beziehung. 1970 war er mit dem Schauspieler Klaus Hartmann zusammen.

Als Sexualwissenschaftler machte Hans Giese eine einzigartige Karriere, von 1950 bis 1970 war er der einflussreichste und schließlich auch angesehenste Sexualwissenschaftler der Bundesrepublik. Bis heute ist Giese allerdings auch umstritten, weil er durch seine Arbeit den größten Teil der Homosexuellen pathologisierte und sich vom Nationalsozialismus nie distanzierte. Mit Alt-Nazis – wie seinem wichtigsten Mentor Hans Bürger-Prinz (1897-1976) – arbeitete er eng zusammen.

Hans Giese wird häufig mit Karl Giese (1898-1938) – dem Lebenspartner von Magnus Hirschfeld (1868-1935) – verwechselt, was nachvollziehbar ist: Karl Giese unterstützte die Arbeit des Wissenschaftlich-humanitären Komitees (WhK, gegründet 1897) und war Darsteller in dem Film "Anders als die Andern" (1919); Hans Giese unterstützte die Gründung des neuen WhK (Neugründung 1949) und den Film "Anders als du und ich" (1957).

Berufliche Biografie

Giese, der seit 1942 Mitglied der NSDAP war, schloss sein Studium der Medizin, Philosophie und Germanistik 1943 mit einer Promotion zum Dr. phil. ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg promovierte er zusätzlich in Medizin mit dem Thema "Die Formen männlicher Homosexualität" (1947) und entwickelte ab 1950 eine sehr rege Publikationstätigkeit. Die Universität Frankfurt lehnte seinen Antrag auf Habilitation ab, vermutlich weil Gieses Homosexualität an der Uni-Klinik bekannt war und/oder sie das Thema Homosexualität nicht wollte. Aufgrund dieser Ablehnung ging Giese 1958 nach Hamburg und konnte sich mit seiner Studie "Der homosexuelle Mann in der Welt" (1959) habilitieren. 1965 wurde er dort zum Professor ernannt, was er bis zu seinem Tod blieb.

Über den Sexualwissenschaftler Hans Giese lässt sich viel schreiben. Im Folgenden habe ich mich auf das Thema Homosexualität beschränkt und die Themen in den Fokus gerückt, die oft vernachlässigt werden, wie etwa seinen Vortrag von 1944 und seine wissenschaftliche Beratung bei mehreren Kinofilmen.


Laut Volkmar Sigusch war Giese "der einflussreichste Sexualwissenschaftler der Adenauer-Zeit"

Gieses Vortrag zum "Wesen der Begegnung" (1944)

Am 28. Januar 1944 hielt Giese an der Universität Freiburg einen Vortrag mit dem Titel "Untersuchungen zum Wesen der Begegnung", der 1945 als Privatdruck publiziert wurde (Nachdruck in "Capri", Heft 2/1991, S. 3-12). Darin äußerte sich Giese mehrfach auch über homosexuelle Begegnungen: "Ausgesprochene Homosexuelle z. B. gibt es ebenso wenig, wie ausgesprochene 'Normale'", weil man schließlich zur Homo- und Heterosexualität "verführt" werden könne. Ein gewisses "Quantum homosexueller Möglichkeiten" gebe es bei jeder Person, und es könne unter bestimmten "Bedingungen" zu "manifester Betätigung" führen (S. 10). Giese: "Ich wehre mich mit Entschiedenheit dagegen, als 'Verteidiger' der Homosexualität zu gelten. Wenn ich diese Erscheinungsform der Erotik mit Nachdruck hervorhebe, so geschieht es aus dem Wissen von der unwürdigen […] Verachtung", die der Homosexualität entgegengebracht werde, die "wie jede andere Form der Erotik zum Wesen der anfänglichen Begegnung dazugehört" (S. 11).

Manfred Herzer betont in seiner Vorbemerkung (S. 3) das "geradezu Unerhörte" an diesem Vortrag: Ein schwuler Nazi und gegenüber dem Nazistaat stets loyaler Mediziner hält an einer mittlerweile gleichgeschalteten Uni einen "Vortrag, in dem er die Homosexualität rechtfertigt und eine Revision der Homosexuellenpolitik fordert". Im Anschluss ist in "Capri" der Artikel des Historikers Bernd-Ulrich Hergemöller "Hans Giese und Martin Heidegger" (S. 13-27) abgedruckt, in dem der Autor vor allem den starken Einfluss Heideggers – wie Giese ebenfalls Mitglied der NSDAP – auf diesen Text nachzuweisen versucht. Dass sich Giese dagegen verwahrte, ein Verteidiger der Homosexualität zu sein, spricht nach Hergemöller nicht dagegen, dass er hier "als Fürsprecher homosexueller Belange öffentlich aufzutreten begann" (S. 27). Später schrieb Hergemöller in seinem Lexikon "Mann für Mann", Giese habe hier den für 1944 einmaligen Versuch unternommen, eine "systemkonforme, völkisch-männerbündische Theorie der Homosexualität zu entwerfen".

"Institut für Sexualforschung" und Neugründung des WhK (1949)

Als Sexualwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Homosexualität gründete er in bewusster Tradition Magnus Hirschfelds im Frühjahr 1949 ein "Institut für Sexualforschung" – das lange Zeit nur aus ihm selbst bestand. Auch das 1933 von den Nazis zerstörte WhK wollte er in Frankfurt am Main neu gründen und suchte dafür Unterstützung. Im Oktober 1949 nahm er deshalb Kontakt mit Kurt Hiller auf, überwarf sich allerdings schon bald mit ihm.

Ein wichtiges Dokument aus der Zeit der Vereinsneugründung ist in dem Band "Der Weg zu Freundschaft und Toleranz. Männliche Homosexualität in den 50er Jahren" (1984, S. 22-23) abgedruckt – Gieses Ansprache vom 2. November 1949 vor Mitgliedern des "Vereins zur Pflege humanitärer Lebensgestaltung", der dem neuen WhK korporativ beigetreten war.

Gieses Vortrag ist auch hinsichtlich seiner politischen Positionierungen beachtenswert. Zunächst betont er, dass das 1897 von Magnus Hirschfeld gegründete und 1933 "von anderen Personen" aufgelöste WhK am 7. Oktober 1949 "wieder errichtet worden" sei. Danach gedenkt Giese Magnus Hirschfelds, der den "Angriffen" der "konventionellen Öffentlichkeit" seine Herzlichkeit entgegengehalten habe. Das neue WhK wolle nun ebenfalls "der wissenschaftlichen Erforschung der Homosexualität" dienen. Homosexualität zu verurteilen sei allenfalls vom "Standpunkt der Bevölkerungspolitik" aus möglich, was "vor allem im vergangenen Staatsregime geschehen" sei und zu "unerträglichen Rechtsverfolgungen" geführt habe. Dann erwähnt er seinen Vortrag von 1944 und betont in ähnlicher Form wie dort, dass er kein "'Verteidiger' der Homosexualität", aber ein "Anwalt der menschlichen Natur" sei. Nach Giese stand die Eintragung in das Vereinsregister kurz bevor. Hans Giese war die erste Person, die in der BRD zumindest versuchte, eine Homosexuellenbewegung aufzubauen.

Nach Martin Dannecker ("Der unstillbare Wunsch nach Anerkennung. […] Hans Giese und die organisierten Homosexuellen", online als Nachdruck in "Rosa Lüste") verweigerte die Stadt Frankfurt die Vereinseintragung. Kurz danach zog sich Giese von allen Aktivitäten des Aufbaus einer Homosexuellenbewegung zurück, was unterschiedliche Gründe gehabt haben kann. Möglicherweise war Giese die von ihm angestoßene Bewegung auch zu politisch, zu unverhohlen homosexuell und nicht wissenschaftlich genug.

Gieses Position dazu wurde im Mai 1950 in der schweizerischen Schwulenzeitschrift "Der Kreis" abgedruckt. Danach hatte Giese erfahren, dass "Bestrebungen im Gange sind, die auf eine politische (im Sinne: 'kampfbetonte') 'Ausrichtung' dieses wissenschaftlichen Vereins [des WhK] hinzielen". Dies würde seine "wissenschaftlichen Arbeiten gefährden", daher habe er die Verbindung des Institutes mit dem Verein aufgelöst (zu Danneckers Angabe siehe auch die Meldung in "Der Kreis", Jg. 1950, Heft 5, S. 28). Anhand des noch vorhandenen Briefwechsels zwischen Giese und Hiller aus der Zeit um 1949 hat Raimund Wolfert die Neugründungsversuche des WhK in seiner Schrift "Homosexuellenpolitik in der jungen Bundesrepublik. Kurt Hiller, Hans Giese und das Frankfurter Wissenschaftlich-humanitäre Komitee" (2015) vorbildlich herausgearbeitet.

Giese als Gutachter. Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts (1957)

Hans Giese war einer von acht Gutachtern, die das Bundesverfassungsgericht in der Frage berieten, ob die Strafbarkeit der männlichen Homosexualität gegen das Grundgesetz verstoße (Urteil des BVerfG, 10.05.1957 – 1 BvR 550/52; zu Gieses Gutachten s. 45.-53. Absatz). Als Gutachter betonte Giese "eine besondere kulturelle Chance, die aber von dem männlichen Sexualverhalten extrem häufiger als von dem weiblichen verfehlt werde. […] Solange das homosexuelle Verhalten sich im Rahmen von Einzelbeziehungen oder Dauerbeziehungen mit dem gleichen Partner […] halte, könne er eine soziale Gefährdung nicht sehen; Beziehungen dieser Art seien vielmehr geeignet, soziale Gefährdung zu verhüten. Erst mit dem Umschlagen zur Perversion werde das homosexuelle Verhalten […] sozial gefährdend […]. […] Eine soziale Gefährdung besonderer Art sei [neben Promiskuität und Prostitution] die Verführung. Sie könne unerwünschte Reifungskrisen auslösen und müsse kriminalpolitisch mit allen Mitteln verhindert werden. Dies sei um so wichtiger, als der homosexuelle Trieb sehr häufig auf jüngere, wenn auch nicht notwendig auf jugendliche Personen eingestellt sei." Das Bundesverfassungsgericht urteilte anschließend, dass die Kriminalisierung männlicher Homosexualität nicht gegen das Grundgesetz verstoße. Die generelle Strafbarkeit blieb danach bis 1969 bestehen.

Vor rund einem Jahr habe ich Prof. Andreas Voßkuhle, den heutigen Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, in einer öffentlichen Veranstaltung auf dieses Urteil angesprochen. Er positionierte sich sehr klar: "Das ist ein dunkles Urteil", für das man sich "heute als Verfassungsrichter etwas schämen muss" (queer.de berichtete).

Gieses Filmförderung I: "Anders als du und ich" (1957)

Gieses erste Tätigkeit als wissenschaftlicher Berater für einen Film war auch seine problematischste. In "Anders als du und ich" (1957) – dem ersten deutschen schwulen Nachkriegsfilm – hat der 17-jährige Gymnasiast Klaus Teichmann eine enge Beziehung zu seinem Schulfreund Manfred. Weil er auch in homosexuelle Kreise um einen dämonisch wirkenden Dr. Boris Winkler gerät, haben seine Eltern Angst davor, dass er zur Homosexualität "verführt" werde könnte. Die Regie führte Veit Harlan, der durch seine NS-Propagandafilme wie den antisemitischen Hetzfilm "Jud Süß" (1940) bekannt war.

"Anders als du und ich" wurde von der "Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft" (FSK) erst nach insgesamt zehn Veränderungen zur Aufführung freigegeben, die den Film noch homosexuellenfeindlicher machten als er schon war. So wurde der Titel "Das dritte Geschlecht" geändert, der an die emanzipatorischen Bestrebungen Magnus Hirschfelds anknüpfen sollte. In seiner ursprünglichen Fassung bemühte sich der Film nur sehr bedingt um positive Gegenbilder, zum Beispiel durch die Figur eines schwulen Anwalts, der seine Homosexualität so lebt, dass sie im Film als ethisch vertretbar vermittelt worden wäre.

Harlans Position war klar: Homosexuelle dürften zwar nicht aus "spießbürgerlichen" Moralvorstellungen heraus verurteilt und verfolgt werden, aber es sollten alle die Homosexuellen verfolgt werden, die junge Menschen "verführten". Mit dieser Position war Hans Giese einverstanden und beriet ihn in diesem Sinne. Nach dem Abdrehen des Films unterstützte Giese den Einspruch gegen die Entscheidung der FSK.

Joachim S. Hohmann hat sich in seinem Buch "Sexualforschung und -aufklärung in der Weimarer Republik" (1985) intensiv mit dem Film (S. 107-123) und Gieses Rolle (S. 116-118, 122-123) auseinandergesetzt und zitiert ausführlich aus Gieses Gutachten von 1957, in dem dieser betont, dass er den Ausführungen der FSK nicht folgen könne, weil in der unzensierten Form die homosexuelle "Verführung […] inhaltlich und darstellerisch richtig behandelt wurde". Für Hohmann und für viele andere bleibt Gieses Instinktlosigkeit nicht nachvollziehbar, der mit einem NS-Regisseur so eng zusammenarbeitete. Das lässt sich nicht nur damit erklären, dass Giese eine ähnliche Einstellung zur "Verführung" wie Harlan hatte. Ich halte die These der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten (2018) für zutreffend, "dass die Ausführungen des Rechtsanwalts […] in etwa der Sichtweise von Giese entsprachen und dessen gesellschaftliches Ziel waren".

Diese Szene wurde zensiert, ist aber im Bonusmaterial der DVD des Filmmuseums München enthalten. Der Rechtsanwalt deutet in dieser Filmszene die Ungerechtigkeit des § 175 an, betont aber vor allem, dass sich Homosexuelle "verantwortlich und sittlich verhalten" sollten, was "Abstinenz" oder "Bindung an einen einzigen Menschen" bedeute. Wer diesen Weg nicht gehen wolle oder sogar noch andere "verführe", komme "mit Recht" ins Gefängnis. Daraufhin stellt Boris Winkler im Film dem Rechtsanwalt eine Frage, die man auch an Giese stellen könnte: "Was gibt Ihnen eigentlich das Recht, von so einer hohen moralischen Warte aus zu mir zu sprechen?"


Der (zensierte) schwule Rechtsanwalt in "Anders als du und ich" (1957) vertritt erkennbar Gieses Position

Vielleicht war Giese mehr als "nur" der wissenschaftliche Berater des Films, worauf einige Autoren hinweisen. Für Steven Milverton ("Die §-175er-Petition und Hans Giese", 2012) war Giese "wohl auch Initiator des Films". Milverton verurteilt Giese – auch gemessen an der Originalfassung des Films. "Es bedarf schon einer gehörigen Portion Fantasie, die in den 1950-iger Jahren in Deutschland gewiss nicht vorhanden war, um in der Originalfassung des Films positive Aspekte schwulen Lebens zu erblicken."

Gieses Buch "Der homosexuelle Mann in der Welt" (1958)

Schon Ende 1953 plante Giese eine Studie über homosexuelle Männer. Als Grundlage dafür sollten Homosexuelle aus seiner Sprechstunde und Umfragen durch Fragebögen dienen. Die Homosexuellenzeitschrift "Der Kreis" unterstützte diese Studie, indem sie für ihre deutschen Abonnenten im Januar 1954 einen Fragebogen beilegte (Hinweis in "Der Kreis", Jg. 1950, Heft 1, o. S. und ohne den Fragebogen). Das spätere Ergebnis war die psycho-pathologische Studie "Der homosexuelle Mann in der Welt", die im Buchhandel in drei Auflagen (1958, 1964 und 1972) vertrieben wurde. Sie blieb Gieses einzige allein verfasste Buchpublikation. Mit dieser Studie konnte sich Giese habilitieren und wurde 1965 zum Professor ernannt.

Vom "Kreis", also den früheren Unterstützern, wurden Giese und seine Studie später kritisiert, vor allem, weil bei einer Beteiligung von 524 Homosexuellen (393 Fragebögen; 131 Schwule aus Gieses Sprechstunde) Gieses Rückschlüsse fragwürdig seien. Vermutlich ging es dabei aber eher um Gieses einseitiges und negatives Bild, wie es in einigen Kapiteln wie "Verführung" oder "Fehlhaltung und Perversion" zum Ausdruck kam. Das Buch sei aber "trotz aller Einwände" insgesamt lesenswert. Mit dem "Gutachten in Karlsruhe" (1957, s. o.) habe sich Giese aber auch "viele Feinde geschaffen" ("Der Kreis", Jg. 1959, Heft 9. S. 2-6). Nach Ansicht des Erziehungswissenschaftlers und Psychotherapeuten Erhard Köllner ("Homosexualität als anthropologische Herausforderung", 2001) muss man sich, um diese Studie würdigen zu können, bewusst machen, wie es zu dieser Zeit in der Wissenschaftsdisziplin der Sexualforschung bestellt war. Giese habe zunächst "das Thema Homosexualität medizinisch 'hoffähig' machen und die Voraussetzungen dafür schaffen [müssen], sich ihm anders als vorurteilsvoll zu nähern. […] Giese stellt sich keineswegs der psychiatrischen Tradition entgegen, sondern nimmt die Debatte um 'krank' oder 'abnorm' auf seine Weise auf" (S. 201).

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Das Buch "Homosexualität oder Politik mit dem § 175" (1964)


Das von Giese herausgegebene Buch "Homosexualität oder Politik mit dem § 175" (1964)

Hans Gieses Vorwort und seine Schlussbemerkungen bilden eine wichtige "Klammer" des Sammelbandes "Homosexualität oder Politik mit dem § 175" (1964, 1967). In "Himmel und Hölle. Das Leben der Kölner Homosexuellen 1945-1969" (1994; S. 142-143. S. 153) heißt es zum Kontext dieses Sammelbandes: "Seit Mitte der 60er Jahre erschienen in schneller Folge Taschenbücher in relativ hohen Auflagen, die den Kenntnisstand der Wissenschaft einem breiten Publikum zugänglich machten." Als Beispiele werden die Sammelbände "Plädoyer für die Abschaffung des § 175" (1966), "Weder Krankheit noch Verbrechen" (1969) und das genannte Buch unter der Herausgeberschaft Gieses angeführt.

Wenn Giese in seinem Vorwort (S. 5-12) schreibt, dass nur die "einfache" Homosexualität entkriminalisiert werden solle (im Gegensatz zu Gewalt, "Verführung" und Prostitution), entsprach dies offenbar auch seiner persönlichen Meinung (S. 7). Er scheint sich darüber lustig zu machen, dass einige Menschen an Homosexualität durch "Übersättigung" glaubten und sich vor homosexueller Cliquenbildung und der "Unterwanderung von Behörden" ängstigten (S. 8). Von den Homosexuellen verlangt Giese "Disziplin", damit meint er nicht unbedingt Abstinenz, aber "angemessenes" Verhalten (S. 9). Er positioniert sich deutlich gegen die Juristen, die den Homosexuellen "etwas entgegenkommen" wollten, indem "nur" beischlafähnliche Handlungen unter Strafe gestellt werden sollten (S. 10).

Dieser Sammelband hat nur den Anspruch, Positionen aus Strafrecht, Psychologie, Soziologie und Theologie wiederzugeben. Dass es sich nicht um eine emanzipatorische Schrift handelt, verdeutlicht der Rechtswissenschaftler Hans-Heinrich Jescheck, der sich – als einziger von acht Beitragenden – für die Beibehaltung der Strafbarkeit ausspricht (S. 86-108). Dadurch ist der Band ein gutes Beispiel dafür, dass in Gieses Büchern die alten "Rechten" genauso schreiben durften wie die neuen "Linken". Giese hebt Jescheck in seinen "Schlussbemerkungen" (S. 163-171) sogar positiv hervor und wiederholt dabei seine eigene Position, dass Homosexualität "in der Ordnung" und "gegen die Ordnung" ausgelebt werden könne (S. 167).

Gieses Filmförderung II: "Das Wunder der Liebe" (1968)

Neben "Anders als du und ich" (1957) war Giese bei drei typischen Aufklärungsfilmen mit homosexuellen Bezügen als wissenschaftlicher Berater tätig (IMDB: "scientific advisor"), in denen Giese auch selbst zu sehen ist. Das Prinzip der wissenschaftlichen Legitimation sexueller Aufklärungsfilme bleibt – ist bei diesen drei Filmen inhaltlich allerdings unproblematisch.

Der erste von acht Oswalt-Kolle-Filmen heißt "Das Wunder der Liebe" (1968). Zu Beginn des Films sieht der Zuschauer ein rund zehnminütiges Interview von Oswalt Kolle mit Hans Giese und dem Psychoanalytiker Wolfgang Hochheimer (1906-1991) über Sexualaufklärung. Dabei verweist Giese – in stets geschlechtsneutralen Formulierungen – u. a. darauf, dass Sexualität nicht nur der "Arterhaltung dient, mit einem bestimmten Menschen sein ganzes Leben zusammenzubleiben". Unter dem Titel "So kam der erigierte Penis in die Kinosäle" habe ich auf queer.de zu diesem Film einen eigenen Artikel verfasst.

"Das Wunder der Liebe" basiert auf einem gleichnamigen Oswalt-Kolle-Buch von 1968, das ein Vorwort von Giese beinhaltet. In seiner Autobiografie schrieb der bisexuelle Kolle später, Giese habe ihn bei dem Buch und diesem Film nicht nur beraten und unterstützt, sondern auch bei der Recherche geholfen, Wege geebnet und Kolle mit seiner Freundschaft belohnt ("Ich bin so frei", 2008, S. 220). Christoph Gunkel schreibt in der "Zeit" (2018) zu Recht, dass es "der Film ohne Vorab-Diskussion kaum in die Kinos geschafft" hätte. Er betont, dass sich Giese dafür eingesetzt habe, dass in diesem Film eine "beschwingte, leicht rauschhafte Melodie" durch eine "unterkühltere Melodie" ersetzt wurde. Der "Spiegel" (14. April 1969, S. 114) zeigt sich gut informiert, wenn er darüber berichtet, wie sich Giese gegen die Vereinnahmung durch Kolle auch gewehrt habe, wobei das hier verwendete Wortspiel über Giese als "Kolles gelehrter Hintermann" einem Arschfickerwitz-Niveau schon recht nahekommt.

Gieses Filmförderung III: "Du – Zwischenzeichen der Sexualität" (1968)

Der Aufklärungsfilm "Du – Zwischenzeichen der Sexualität" (1968) wurde neben Hans Giese auch von Wolfgang Hochheimer und dem US-amerikanischen Sexualforscher Paul H. Gebhard unterstützt. Der "Spiegel" (19. August 1968) verwies darauf, dass die "Freiwillige Selbstkontrolle" (FSK) den Film erst nach massiven Einschnitten zur öffentlichen Vorführung freigab. Untragbar erschien den "Zensoren" laut "Spiegel" die "(dokumentarische) Einlassung eines Homosexuellen, der es wagt, seine gleichgeschlechtlich-freundschaftliche Bindung höher zu bewerten als so manche bürgerlich gekettete Ehe". Der Film ist zurzeit nicht lieferbar, mir stand jedoch eine VHS-Fassung (1997) zur Verfügung.

Das Deutsche Historische Museum hat "Du" im Rahmen einer Filmreihe über Filmzensur 2014 gezeigt und dabei betont, dass er als einer der anspruchsvolleren Aufklärungsfilme gesehen werden könne. "Der professorale Vorstoß gegen biedere Bürgermoral und für eine Reform des Sittenstrafrechts thematisierte die Vielfalt des 'Andersartigen': Männliche und weibliche Homosexualität, Prostitution, Voyeurismus und Fetischismus, Transvestitismus und Selbstbefriedigung." Eine emanzipatorische Filmszene über Schwule und Lesben wurde in die Aufklärungs-Kompilation "Hurra, wir werden aufgeklärt" (Fassung von 1989) übernommen. In der Aufklärungs-Kompilation "Sexy Sixties" (2009) sind aus "Du" mehrere Filmszenen über Homosexualität und mit Hans Giese enthalten, die in der Fassung von 1968 nicht vorkommen, weil sie der Zensur zum Opfer fielen. In meinem Buch "Die 'warmen Brüder' von der 'anderen Fakultät'" (2019) (s. a. Rezension auf queer.de) habe ich "Du" als wichtigen Film behandelt.

Gieses Filmförderung IV: "Die sexuellen Wünsche der Deutschen" (1971)

Der Film "Die sexuellen Wünsche der Deutschen" (1971) gehört zum Genre der pseudowissenschaftlichen "Report-Filme", die vor allem in der ersten Hälfte der Siebzigerjahre erschienen. In diesem Film wird rund fünf Minuten über Giese berichtet, der als bedeutender Sexualwissenschaftler vorgestellt wird. Die Beiträge über ihn und über Homosexualität wirken grundsätzlich emanzipatorisch, zum Teil aber auch befremdlich, wie zum Beispiel die Frage an Passanten: "Was halten Sie für schlimmer: Homosexualität oder Lesbierinnen?" Nach dem "Filmlexikon 2001" versteht sich der Film "als Denkmal" für den bei der Premiere des Films bereits verstorbenen Giese.

Aus diesem recht niveaulosen Aufklärungsfilm wurden einige Ausschnitte später in die vorbildliche Kompilation "Hurra – wir werden aufgeklärt!" (Fassung 2016, 2. Teil) übernommen. Bei der Ausstrahlung betonte die ARD (2016) zu Recht, dass in diesem Film die Wissenschaftler einen "großen Raum" einnehmen, "die den Aufklärungsfilmen eine wichtige Legitimation verschaffen". Giese wird diskutierend mit seinen Studenten gezeigt und vertritt dabei die "damals revolutionäre These", dass man – so Giese – "Sexualität auch in einer anderen Optik als der des Zeugens und Empfangens sehen kann".

Hans Giese und der "Spiegel"


Giese legitimierte auch reißerische Artikel im "Spiegel" (3. August 1970)

Nur über den "Spiegel" und Hans Giese ließe sich schon ein eigener Beitrag schreiben. In einem frühen Artikel erwähnt das Magazin, dass "Jean Genets Päderasten-Roman" "Notre-Dame-des-Fleurs" nach dem Gutachten Gieses zwar "für Jugendliche nicht geeignet", aber ein Kunstwerk sei, woraufhin der Verleger freigesprochen wurde ("Spiegel" Nr. 25, 19. Juni 1963, S. 68). Der "vielbeschäftigte Junggeselle Giese" war als Gutachter sehr gefragt. Der Bundesgerichtshof ließ beim (homosexuellen) Sexualmörder Jürgen Bartsch als Revisionsgrund gelten, dass Giese "nicht als Sachverständiger hinzugezogen worden" sei ("Spiegel" Nr. 49, 1. Dezember 1969, S. 65-68).

Am spannendsten ist aber wohl der "Spiegel"-Artikel zu Gieses Tod. Zunächst verweist das Magazin darauf, dass Giese auch im Lebach-Prozess als Gutachter vorgesehen war (zum Lebacher Mordfall s. meinen Artikel auf queer.de). Im Nachruf geht der "Spiegel" sehr sensibel und achtungsvoll auf Gieses Homosexualität ein. Giese "lebte und starb jenseits der Norm" und habe darunter gelitten, einer "missachteten Minderheit" anzugehören. Die Homosexualität sei "das Hauptthema seines Lebens und seiner Arbeit" gewesen ("Spiegel" Nr. 32, 3. August 1970, S. 32-54; Nachruf S. 49). Beachtenswert ist bei diesem Heft auch das Cover: Man sieht die Brüste einer Frau in einer selbst für "Spiegel"-Verhältnisse sexuell reißerischen Form aus sexualisierter Perspektive. Der damit kombinierte Text "Prof. Gieses letztes Interview: Zuviel Sex?" verdeutlicht, dass Giese nicht nur mehrere Filme, sondern auch viele "Spiegel"-Artikel mit sexuellem Inhalt wissenschaftlich legitimieren sollte.

Zum Weiterlesen und Weiterklicken

Vor allem die Veröffentlichungen der Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch, Martin Dannecker und Gunter Schmidt über Hans Giese lohnen sich zum digitalen Weiterlesen, weil sie sich trotz ihrer Nähe und Förderungen durch Giese – den "Urvater" der bundesdeutschen Sexualwissenschaft – mit viel Kenntnis, Fairness und kritischer Distanz mit seinem Lebenswerk beschäftigen. Dazu gehört Volkmar Siguschs "Geschichte der Sexualwissenschaft" (2008) mit dem Kapitel "Der Neuanfang in der BRD. Von Hans Giese bis zur Studentenbewegung" (S. 391-414). Volkmar Sigusch hat das "Personenlexikon der Sexualforschung" (2009) herausgegeben, in dem der Artikel zu Hans Giese (S. 226-235) von Martin Dannecker verfasst wurde.

Dannecker hatte schon vorher den Artikel "Der unstillbare Wunsch nach Anerkennung. Homosexuellenpolitik in den fünfziger und sechziger Jahren. Hans Giese und die organisierten Homosexuellen" publiziert (hier als Nachdruck aus dem Buch "Was heißt hier schwul?" von 1997). Unter dem Titel "Erinnerungen an die frühen Jahre" (in: "Zeitschrift für Sexualforschung", 2010, S. 155-164) wird auch ein Interview mit Gunter Schmidt online angeboten. In Volkmar Siguschs Artikel "Hans Giese und seine Theorie der Homosexualität" (in: "Zeitschrift für Sexualforschung", 1997, S. 245-252) wird auf drei weitere Giese-Artikel in der ZfS verwiesen, er ist die erweiterte Fassung eines Giese-Artikels aus "Homosexualität. Handbuch der Theorie- und Forschungsgeschichte", herausgegeben von Rüdiger Lautmann (1993, S. 251-258). Zu den grundlegend wichtigen Studien über Giese gehört auch Barbara Zehs Dissertation "Der Sexualforscher Hans Giese. Leben und Werk" (1988).

Hommage auf einen Nazi?

Wegen meines Artikels über den Nationalsozialisten und Literaturwissenschaftler Ernst Bertram auf queer.de wurde mir von einem queer.de-Leser der Vorwurf gemacht, eine Hommage auf einen Nazi geschrieben zu haben. Bei diesem Artikel über Hans Giese sind noch deutlichere Reaktionen erwartbar, schließlich war Giese noch prominenter und ebenfalls ein überzeugter Nazi und überzeugender Wissenschaftler. Zu seiner NS-Vergangenheit hat Giese nie Stellung bezogen, und auch nach 1945 hatte er bedenkliche Ansichten zur Homosexualität. Wer allerdings ein Schubladendenken vermeiden möchte, kann Giese als Wissenschaftler und Aktivisten weder in die Schublade "gut" noch wegen seiner NS-Vergangenheit und bedenklichen Einstellungen zur Homosexualität in die Schublade "schlecht" stecken. Am fairsten bleibt es, beide Seiten herauszuarbeiten und alle Facetten seines Lebens zu behandeln.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich auch die ausschließlich positiven Nachrufe in den Schwulenzeitschriften "Him" und "Du & Ich" kritisieren, die wohl Ausdruck des Kurzzeitgedächtnisses der Schwulenszene sind, die die Sechzigerjahre kannte, aber die Fünfzigerjahre leider schon vergessen hatte. Während in "him" Gieses Homosexualität verschleiert wird ("In Memoriam Hans Giese" in "Him", Jg. 1970, Nr. 5, s. a. Nr. 6), wird sie "Du & Ich" (1970, Nr. 10 und 11) recht deutlich genannt und dabei die Strafrechtsreform von 1969 als "Verwirklichung seiner Bemühungen" bezeichnet.


Aus dem Nachruf der Homosexuellenzeitschrift "Him" (5. September 1970)

Was bleibt

Mit Bezug auf die Etablierung der Sexualwissenschaft in der BRD hat sich Giese große Verdienste erworben und man kann ihm auch – zumindest ab Mitte der Sechzigerjahre – Verdienste bei der Liberalisierung des Sexualstrafrechts zusprechen. Homosexualität steht erkennbar im Zentrum seines Schaffens, während andere Themen davon abgeleitet erscheinen.

Es fällt mir aber auch leicht, mich bei der kritischen Bewertung seines Lebenswerks der Meinung von Volkmar Sigusch ("Geschichte der Sexualwissenschaft") anzuschließen. So orientierte sich Giese bei der Bewertung von Homosexualität erkennbar an der idealisierten Vorstellung einer monogamen Verbindung von Mann und Frau und wollte auf diese Weise die Homosexualität "heterosexualisieren". Giese unterteilte die Schwulen in abstinente, ungebundene und gebundene Homosexuelle, wobei für Giese nur abstinente und monogame Homosexuelle keine "Therapie" benötigten. Dies kommt einer Unterteilung in "gute" und "schlechte" Homosexuelle gleich. Die damals jüngeren, linken Sexualwissenschaftler Martin Dannecker und Reimut Reiche wurden von Giese unterstützt, haben ihn mit ihrer Studie "Der gewöhnliche Homosexuelle" (1974) aber auch widerlegt.

Um Gieses Lebenswerk zu verstehen, ist seine Homosexualität der Schlüssel. Vermutlich hat er nur unter größten Schwierigkeiten gelernt, mit ihr positiv umzugehen. Sein gesamtes Schaffen orientierte sich an seinem Wunsch, ein konstruktiver Teil der Gesellschaft zu sein. Aus Gieses Perspektive gesehen war es (nach Sigusch) wohl der "redliche Wunsch, als ein anständiger kultivierter" Mensch anerkannt zu werden.

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#1 DramaQueen24Profil
  • 26.06.2020, 05:20hBerlin
  • Monogamie ist eine gute Sache, kann sogar Krankheiten verhüten. Nur, sie sollte freiwillig sein. Und Paare, die das nicht sind (heterosexuell oder schwul, ist egal), sollten Regeln festlegen, an die sich beide halten.
    Giese kam aus einer Zeit, als H. noch strafrechtlich und gesellschaftlich verurteilt wurde. Aus meiner Sicht versuchte er, einen Mittelweg zu finden, um niemanden zu verprellen.
    Übrigens, promiskuitive Menschen brauchen keine Therapie, sondern mehr Verantwortungsbewusstsein für ihr Handeln, denn zu oft verletzen sie damit den festen Partner.
  • Antworten » | Direktlink »
#2 saltgay_nlProfil
  • 26.06.2020, 08:36hZutphen
  • Ja, Giese galt schon als so eine Art Rettungsanker für diese entsetzliche Zeit in den Fünfziger und Sechziger und frühen Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Rettungsanker deshalb, dass die Jüngeren hofften, man könne auf Gerichtsverfahren, auf die Bevölkerung Einfluss nehmen, wenn von kompetenter Seite Homosexualität aus der Verbindung mit einer ansteckenden "Geisteskrankheit" genommen werden könnte.

    Homosexuelle Nazis sind nicht selten. Hans Blüher der Berufswandervogel, der aus dem gleichen virilen-verschwitzten Milieu des "reinen Jungentums", sprich Jugendbewegung ab 1900, stammt, wurde ebenfalls ein Naziapologet. Diese fürchterliche Operettentucke Staatsrat Dr. Hans-Severus Ziegler war ein glühender Hitler-Verehrer und Organisator der Ausstellung "Entartete Musik".

    Giese ist wie Freud ein Kind des Zeitgeistes. Aus heutiger Sicht eben völlig überholt. Aber zu ihrer Zeit hatten sie ihre Berechtigung und ihren Versuch zu einer Besserung der Lebensumstände beizutragen verdient Anerkennung.

    Der "Spiegel" war schon immer ein Klientelmagazin. So diente die Homosexualität natürlich auch als Reißer um die angeblich liberale Haltung dieses Blattes mit dumpfen homophoben Anmerkungen und ironisch-launigen Kommentaren dem halbgebildeten Publikum aus Besserverdienenden unterzujubeln.

    Ich kann bis heute nicht diese alten Säcke verstehen, die jener Zeit noch etwas abgewinnen und von der Gefahr bei Sex in öffentlichen Klos, abseitigen dunklen Ecken und schmierigen Bars schwärmen. Mag ja sein, dass die das toll fanden, aber als Mitglied einer Generation der man Teile der Kindheit und der Jugend gestohlen hat, weil die strafbewehrte Keule der Homophobie jederzeit und überall zum Zuschlagen bereit stand, kommen mir diese senilen Schwärmereien wie das verräucherte Stammtischgelaber alter Männer in der niederbayerischen Dorfkneipe vor, die von ihren Kriegserlebnissen erzählen und den Krieg natürlich selber gewonnen hätten - wenn man sie nur hätte machen lassen.
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#3 goddamn liberalAnonym
  • 26.06.2020, 09:19h
  • Herzlichen Dank für die tolle und aufwendige Recherche!

    Sie ermöglicht einen erschreckenden Blick in das faschistoide deutsche Akademikermilieu, dessen Nachfahren noch heute an den Schalthebeln sitzen.
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#4 FredericAnonym
  • 26.06.2020, 10:16h
  • Danke für einen der interessantesten Artikel, die ich hier seit langem gelesen haben. Wirklich sehr gut recherchiert.
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#5 Udo WolfAnonym
  • 26.06.2020, 10:33h
  • Da denkt man sich beim Lesen: Wieder ein tiefgründiger Artikel, den man nicht nur einmal lesen sollte. Und wieder von Erwin in het Panhuis. Vielen Dank, dass Du so interessante Dinge für das Medium "queer.de" schreibst. Nicht zum ersten Mal.
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#6 autocratorAnonym
  • 26.06.2020, 10:34h
  • danke für diesen sehr gut recherchierten artikel,
    der gute einblicke gibt in die irrungen und wirrungen der "mittleren" homosexualitäts-forschung.
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#7 GirlygirlProfil
  • 26.06.2020, 12:57hKS
  • Ich danke Erwin in het Panhuis für diesen fundierten Beitrag! In dem Artikel wird deutlich, in welchen Grenzen (männliche) Homosexualität in manchen Kreisen akzeptiert war. Solange schwule Männer nicht die patriarchalische Gesellschaftsordnung in Frage stellten, war es für manche scheinbar akzeptabel. So nach dem Motto, solange die Mehrheit noch eine traditionelle Ehe mit Mann als Oberhaupt und Frau als Hausfrau/Mutter führt, dürfen auch ein paar Männer schwul sein. Sie sollten aber monogam bleiben und geltende Geschlechterrollen nicht in Frage stellen.
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#8 ei gudeAnonym
  • 26.06.2020, 17:08h
  • Zitat: "Ich halte die These der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten (2018) für zutreffend, "dass die Ausführungen des Rechtsanwalts [] in etwa der Sichtweise von Giese entsprachen und dessen gesellschaftliches Ziel waren"."

    Um diese mutmaßliche Sichtweise Gieses zu dokumentieren, habe ich den Dialog zwischen dem Rechtsanwalt und Dr. Winkler (Friedrich Joloff) aus der ungeschnittenen Fassung von "Das dritte Geschlecht", der zu "Anders als Du und ich (§175)" "verschnitten" wurde, mal schnell abgetippt.
    In der ursprünglichen Fassung von "Das dritte Geschlecht" teilte Veit Harlan gegen so ziemlich alle Seiten des damaligen Establishments aus. sodass es mich nicht wundert, dass von der FSK massive Eingriffe gefordert wurden. Die Illusion der von der bürgerlich-heterosexuellen Gesellschaft vertretenen "höheren Moral" durfte schließlich nicht gefährdet werden.

    Rechtsanwalt: Also Sie sind erpresst worden. Erzählen Sie mal.

    Dr. Winkler: Ja, ich hab' da einen kleinen Freund und der ist noch nicht sechzehn Jahre und leider hat er mich belogen und gesagt er ist älter ...

    Rechtsanwalt: ... und nun erpresst er Sie?

    Dr. Winkler: Nein, nein, nein, nein, das ist ein ganz anderer Junge, das ... das heißt, es sind eigentlich mehrere andere Jungs. Einer hat bereits mit Erfolg versucht, mich zu erpressen und nun fürchte ich, dass das Schule macht.

    Rechtsanwalt: Ach so, da sind viele Jungen? Und auch welche unter sechzehn? Hm. Also Herr Winkler, wenn Sie in dieser Sache eine Hilfe suchen, dann rate ich Ihnen doch, sich an einen Anwalt zu wenden, der - wie drücken Sie sich aus? - nicht unter dem gleichen Stern geboren ist.

    Dr. Winkler: Aber bei wem soll ich denn Verständnis finden, wenn nicht bei Ihnen?

    Rechtsanwalt: Wir erhoffen von der bürgerlichen Welt Verständnis dafür, dass wir eben anders sind als die meisten Menschen. Wenn wir aber solches Verständnis erwarten, dann müssen wir uns zunächst einmal verantwortlich und sittlich verhalten.
    Ein Mann, der ein junges Mädchen verführt, das noch nicht sechzehn ist, kommt ins Zuchthaus. Und das ist auch ganz in Ordnung so. Um wie viel mehr müssen wir darum besorgt sein, Herr Winkler, uns in der Sexualität nicht kriminell zu verhalten?

    Dr. Winkler: Lieber Herr Rechtsanwalt, nach dem Paragraph 175 sind wir alle kriminell. Wir können das nicht ändern, dass wir homosexuell veranlagt sind und die Angst vor Strafe wird das nicht ändern. Das ist unser unabwendbares Schicksal, aber ... wir sind doch kriminell.

    Rechtsanwalt: Der Paragraph 175 wird von sehr vielen Leuten in Deutschland als ungerechte Freiheitsberaubung angesehen. Die Verführung Jugendlicher oder Minderjähriger aber gilt auf der ganzen Welt als schweres Verbrechen. Aus diesem Grunde habe ich ein besonderes Interesse daran, solche Fälle, wie Sie sie mir vortragen nicht zu decken und nicht zu verteidigen.

    Dr. Winkler: Sie sind sehr hart. Darf ich einmal eine Frage an Sie richten, die mit dem Fall, weswegen ich hierhergekommen bin, eigentlich gar nichts zu tun hat?

    Rechtsanwalt: Bitte.

    Dr. Winkler: Was gibt Ihnen eigentlich das Recht, von so einer hohen moralischen Warte aus zu mir zu sprechen? Ich meine, wie verhalten Sie sich denn?

    Rechtsanwalt: Ich habe nicht die Absicht, Ihnen zu sagen, wie ich mich persönlich verhalte. Aber sehen Sie, in der Sexualität gibt es doch nur zwei Möglichkeiten, wenn man anständig bleiben will. Entweder die völlige Abstinenz, das heißt also Selbstbeherrschung und das völlige Fehlen jeder sexuellen Betätigung oder aber die Bindung und zwar die Bindung an einen einzigen Menschen.
    Sexuelle Bindung an mehrere Menschen ist unästhetisch und schon deshalb unsittlich, weil sie von Untreue und tierischen Instinkten begleitet ist.

    Dr. Winkler: Ach, dann empfehlen Sie mir also die Ehe? Vielleicht sogar die Ehe mit einem Mann?

    Rechtsanwalt: Ich empfehle Ihnen gar nichts. Sie haben mich etwas gefragt und ich habe geantwortet.
    Aber wenn Sie nicht stark genug sind, sich zu beherrschen, dann wäre für Sie die Bindung der einzige Ausweg. um vor sich selbst und Ihrem Herrgott zu bestehen.

    Dr. Winkler: Lieber Herr Rechtsanwalt, an Ihnen ist ein Priester verlorengegangen

    Rechtsanwalt: Wenn Sie den Weg des Ästhetischen nicht gehen wollen, dann werden Sie unweigerlich eines Tages hinter Gittern sitzen und zwar mit Recht. Mehr habe ich Ihnen nicht zu sagen.
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#9 antosProfil
  • 26.06.2020, 18:34hBonn
  • Antwort auf #8 von ei gude
  • >> Dr. Winkler: Lieber Herr Rechtsanwalt, an Ihnen ist ein Priester verlorengegangen

    Rechtsanwalt: Wenn Sie den Weg des Ästhetischen nicht gehen wollen, dann werden Sie unweigerlich eines Tages hinter Gittern sitzen und zwar mit Recht. Mehr habe ich Ihnen nicht zu sagen.<<

    Eine breite Kluft und gleichzeitig ein Blick in eine bessere Zukunft öffnet sich, setzt man gegen diese schneidige Drohung Fritz Bauers (-> Auschwitzprozesse) menschenfreundliche wie kluge Einschätzung, der eine dringend nötige Reform des Sexualstrafrechts mit den Erfordernissen einer >modernen Industriegesellschaft<, die einem europäischen Gedanken verpflichtet sein müsse, begründete und gegen alles Priesterliche trocken konstatierte:

    >>Das Kriminalrecht bestraft nicht Sünden; das weltliche Gericht ist kein antizipiertes Jüngstes Gericht<<.
    (Bauer/Bürger-Prinz/Giese/Jäger (Hg.): Sexualität und Verbrechen, Frankfurt a. M. 1963)
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#10 antosProfil
  • 26.06.2020, 18:40hBonn
  • Antwort auf #8 von ei gude
  • Btw:
    >> In der ursprünglichen Fassung von "Das dritte Geschlecht" teilte Veit Harlan gegen so ziemlich alle Seiten des damaligen Establishments aus.<<

    Dass der nach 1945 überhaupt noch einen Fuß in irgendein Filmstudio setzen durfte ist auch heute noch eine einzige Schande.
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