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Heimkino

Dorf-WG mit schwulem Hippie

Das gelungene Jugenddrama "Auerhaus" gibt es jetzt als Stream und zum Download. Sven Schelker ("Der Kreis") spielt in dem Film mit nostalgischem Achtzigerjahre-Glanz einen schwulen Kiffer.


Frieder, Vera, Cäcilia und Höppner gründen 1983 eine WG im "Auerhaus" (Bild: Warner Bros.)
  • Von Dieter Oßwald
    27. Juni 2020, 05:32h, noch kein Kommentar

"Seid ihr schwul?" fragt der Elektrikerlehrling Harry (Sven Schelker) in der WG-Küche seine künftigen Mitbewohner. "Ihr lest Bücher. Ihr kocht!", fügt er erklärend hinzu. Frieder (Max von der Groeben) und sein Kumpel Höppner (Damian Hardung) geben sich entspannt: "Ich glaub, ich nicht!", sagt der eine. "Ich glaub, ich auch nicht!", vermutet der andere. "Ich glaub schon!", bekundet der neue Bewohner und erzählt, dass sein Vater ihn halbtot schlagen würde, wenn er das erfahre. Als leidenschaftlicher Kiffer verdient sich Hippie Harry nebenbei gern ein bisschen Geld als Stricher. Seine sexuelle Orientierung nimmt der Azubi allerdings gelassen, spontaner Sex mit Höppners Freundin Vera ist schon mal drin – sehr zum großen Herzschmerz des sensiblen Abiturienten.

Anno 1983 gründet eine Handvoll Jugendlicher in einem Dorf eine WG. Da wäre Frieder, der scheinbar robuste Teenager hat gerade einen Suizid-Versuch hinter sich. Aus der Psychiatrie bringt er gleich noch die Brandstifterin Pauline mit. Streberin Cäcilia nutzt die Chance, dem behüteten Elternhaus endlich zu entfliehen. Derweil die coole Vera einfach mit ihrem Freund Höppner eine gute Zeit haben will.

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Party, Spaghetti, Rotwein und Kiffen


Poster zum Film: "Auerhaus" ist jetzt als Video on demand verfügbar

Mitten im verschlafenen Dorf blüht plötzlich Hippie-Leben auf! Für die Teenie-Gang öffnet sich das Tor zum kleinen Paradies. Zwischen Party, Spaghetti, Rotwein und Kiffen hat die WG allerlei Probleme zu knacken. Vom banalen Abwaschplan über leichte Eifersüchteleien beim Federball bis zur heftigen Beziehungskrise.

"So ein Hopp- oder Top-Typ bin ich halt nicht!", kommentiert Höppner seine Ziellosigkeit. Des Abiturienten Panik wächst, als er mit der Polizei (im VW Käfer!) zur Musterung vorgeführt wird oder die Freundin beim Fremdgehen ertappt. Derweil Frieder immer wieder von seinen düsteren Gedanken eingeholt wird. "Ich wollte mich nicht umbringen, Ich wollte bloß nicht mehr leben. Ich glaube, das ist ein Unterschied", erzählt er dem besten Freund bei einer Radtour.

Je näher Weihnachten rückt, desto dramatischer überschlagen sich die Ereignisse. Ein abgesägter Christbaum auf dem Dorfplatz gehört da noch zu den harmlosen Geschehnissen.

Ausgesprochen amüsant und ziemlich ernst

Vor vier Jahren bekam Bov Bjerg für seinen Jugendroman "Auerhaus" reichlich Lorbeeren. Mehr als 250.000 Bücher wurden verkauft, über 40 Theater nahmen die Bühnenadaption ins Programm.

Wie die Vorlage, trifft nun auch die Verfilmung von Neele Leana Vollmar ("Maria, ihm schmeckt's nicht") den richtigen Ton bei dieser berührenden Coming-of-Age-Geschichte. Die Figuren werden mit psychologischer Präzision gut ausgepolstert, die Konflikte dürften reichlich Déjà-vus beim Publikum auslösen. Vor allem gelingt die nicht einfache Balance zwischen ausgesprochen amüsant und ziemlich ernst.

Suizid ist ein ebenso heikles wie drängendes Thema: Selbstmord steht an zweiter Stelle der Todesursachen im Jugendalter! Frieders Freunde schwanken in ihren Reaktionen auf seine Tat zwischen ohnmächtigem Nicht-Akzeptieren und Irgendwo-Verstehen – und spielen den Ball souverän ins Feld der Zuschauer.

RAF-Fahndungsplakate und VW Käfer

Atmosphärisch gerät die Zeitreise in die Achtzigerjahre zum hübsch ausgestatteten Nostalgie-Trip mit Kriegsdienstverweigerung, RAF-Fahndungsplakaten oder der Polizei im gemütlichen VW-Käfer. Bei der Besetzung kann "Auerhaus" gleichfalls punkten. Damian Hardung ("Das schönste Mädchen der Welt") und Max von der Groeben ("Fack ju Göhte") geben die ungleichen Buddys so charismatisch wie glaubwürdig und umwerfend ulkig.

Den schwulen Kiffer spielt der 1989 in Basel geborene Sven Schelker. Der gab sein Kinodebüt vor sieben Jahren als Travestiestar mit "Der Kreis", der wahren Liebesgeschichte des schwulen Paares Röbi Rapp und Ernst Ostertag im Zürich der Nachkriegszeit. Das Werk von Stefan Haupt bekam auf der Berlinale den Teddy Award in der Kategorie "Bester Dokumentar-Essayfilm" und wurde von der Schweiz in das Oscar-Rennen geschickt.


Foto von den Dreharbeiten: Sven Schalker (hintere Reihe, 2.v.r.) spielt den schwulen Hippie Harry (Bild: Tom Trambow / Pantaleon Films)

Sven wurde für die Eidgenossen als "European Shooting Star" gekürt und erhielt den Schweizer Filmpreis als Bester Darsteller. Die Trophäe holte der Schauspieler erneut im vorigen Jahr für das Öko-Epos "Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes", wo er als Schweizer Umwelt-Tarzan im Lendenschurz gemeinsam mit den Ureinwohnern Borneos gegen die Abholzung des Dschungels kämpft . Das sechs Millionen Franken teure Spektakel bekam in seiner Heimat bisweilen hämische Kritiken und fand hierzulande gar nicht erst ins Kino.

Mit "Auerhaus" hat man allemal bessere Unterhaltung – zwar nicht mit Lendenschurz-Outfit, dafür mit orangefarbenem Retro-Anorak.

Direktlink | Sechsminütiger Sneak Peak zu "Auerhaus"

Infos zum Film

Auerhaus. Drama. Deutschland 2019. Regie: Neele Leana Vollmar. Darsteller: Damian Hardung, Max von der Groeben, Luna Wedler, Sven Schelker, Milan Peschel. Laufzeit 107 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. Untertitel: Deutsch, Englisch (optional). FSK 12. Digitale Veröffentlichung durch Warner Bros. Deutschland