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"Gay Liberation Day" 1970

Als der Stonewall-Mythos begründet wurde

Heute vor genau 50 Jahren – am 28. Juni 1970 – fand in New York die erste "Gay Liberation Day"-Parade statt. Sie erinnerte an die Stonewall-Krawalle und war der Anfang der CSD-Tradition.


Hauptbanner auf dem "Christopher Street Liberation Day" am 28. Juni 1970 (Bild: Diana Davies, mit freundlicher Genehmigung der Abteilung für Manuskripte und Archive der New York Public Library)
  • Von B. Broermann / E. In het Panhuis
    28. Juni 2020, 05:38h, 4 Kommentare

In der New Yorker Bar "Stonewall Inn" wehrten sich 1969 Homo- und Transsexuelle gegen polizeiliche Übergriffe. Dieser Stonewall-Aufstand prägte nachhaltig die Geschichte, und seit dieser Zeit gibt es ein "Before Stonewall" und ein "After Stonewall". Mit dem Artikel "Wie benebelt sind wir vom Stonewall-Mythos?" haben wir uns vor einem Jahr anlässlich des 50. Jahrestages kritisch mit den Hintergründen und der Bedeutung von Stonewall beschäftigt. Aufbauend auf Stonewall fanden am Wochenende des 27./28. Juni 1970 erste Gedenkveranstaltungen in den USA statt. Nachfolgend geht es um die Bedeutung dieser Veranstaltungen, die sich nun ebenfalls zum 50. Male jähren und das geprägt haben, was wir in Deutschland als CSD kennen. Am bedeutendsten war der "Christopher Street Gay Liberation Day 1970" in New York am 28. Juni, der nachfolgend im Fokus steht.

Unter dem unscheinbaren Titel "Gay and Proud" gibt es von der Library of Congress in Washington, D.C. eine auch online verfügbare Dokumentation, die in seltenen Originalaufnahmen sehr gut die Atmosphäre dieses historischen 28. Juni aufgreift (Youtube; "Gay and Proud", 12 Min.): Sie zeigt die vielen Teilnehmenden, die zwar laut und kraftvoll "gay proud" rufen, aber auch, wie gleichzeitig friedvoll und zärtlich eine Bewegung sein kann. Sie tragen Banner der "Daughters of Bilitis" und von "The American Church" und erzählen in Interviews von ihren Erfahrungen. Ein teilnehmender Hund ist mit der Aufschrift "Me too" zu sehen, während am Straßenrand ein Passant warnend mit einem "Sodom + Gomorrha"-Schild steht. All diese Momentaufnahmen spiegeln unverfälschte Zeitgeschichte wider.

Direktlink | Momentaufnahmen vom "Christopher Street Gay Liberation Day 1970"

Die "Gay Liberation Day"-Parade in New York (1970)

Die Erlaubnis für eine Parade zum "Christopher Street Gay Liberation Day" am 28. Juni 1970 war erst zwei Stunden vor Beginn des Marsches zugestellt worden. Zu den mehr als 15 demonstrierenden Gruppen mit teilweise mehreren hundert einzelnen Mitgliedern gehörten u.a. die "Gay Activists Alliance" und die "Mattachine Society". Viele Schwule, Lesben und trans Menschen beteiligten sich auch unabhängig von einzelnen Gruppen, hielten politische Banner hoch und riefen: "Say it loud, gay is proud!" Der Marsch führte über rund drei Meilen vom "Stonewall Inn" in Greenwich Village bis zum Central Park. Die Passanten am Straßenrand reagierten unterschiedlich: Einige waren überrascht, schauten interessiert, kicherten oder fotografierten.

Die New Yorker Veranstaltung ist auch durch mehrere online verfügbare Video- und Audioaufnahmen gut dokumentiert. Neben der bereits oben erwähnten Dokumentation der "Library of Congress" sei auf ein Video verwiesen, das u.a. den Beitrag "First Pride Parade Central Park 6/28/1970" enthält (Youtube: 70 Min., hier 0:00-1:12), und auf ein späteres Interview mit Fred Sargeant, der diese Pride-Aktion mit organisierte (Youtube: 5:24 Min.).

Auch die Schallplatte "June 28, 1970. Gay and Proud" mit vielen Interviews ist mittlerweile online zugänglich (hier Audio-Beitrag in 48:08 Min.; hier mehrere Artikel zur Schallplatte und das Inhaltsverzeichnis). In der Zeitschrift "Gay" (7. September 1970) wurde die Schallplatte mit dem Text beworben: "You will want this recording as a living history of one of the most important events in the history of Homosexual Movement." Das hört sich selbstbewusst an und macht den Anschein, als wären sich die Verantwortlichen der historischen Bedeutung dieses Tages bewusst gewesen. Die tatsächliche Bedeutung des 28. Juni 1970 konnten sie nicht kennen; die Geschichte hat ihnen aber im nachhinein durchaus Recht gegeben.


Die Schallplatte "June 28, 1970. Gay and Proud" mit vielen Audio-Beiträgen zur Veranstaltung

Die zeitgenössische Rezeption in den USA

Die Berichterstattung der bürgerlichen Presse über die Parade war weitgehend positiv. Die Lokalzeitung "The Village Voice" beschrieb sie als eine Veranstaltung, die "aus der Razzia der Polizei im Stonewall Inn vor einem Jahr hervorgegangen" sei. Die "Daily News" (29. Juni 1970) schrieb von rund 10.000 Teilnehmenden. Der Artikel aus der einflussreichen und überregionalen "New York Times" (29. Juni 1970) verdient besonders hervorgehoben zu werden. Auf der Titelseite schrieb die Zeitung: "Thousands of Homosexuals Hold A Protest Rally in Central Park". Diese hätten nicht nur ihre "neue Stärke und den neuen Stolz" demonstriert, sondern auch gegen Gesetze, die homosexuelle Handlungen unter Strafe stellten.

Die Zeitung beschrieb nicht nur die Atmosphäre der Veranstaltung, in der es nur wenig offene Feindseligkeit gab, sondern auch die Probleme von Homosexuellen am Arbeitsplatz und bei der Wohnungssuche. Dabei ließ sie auch mehrere Aktivisten, wie den Gründer der "Gay Liberation Front", zu Wort kommen. Ein Homosexuellenaktivist betonte, dass es noch nie eine solche Demonstration gegeben habe und dass sich Homosexuelle ab jetzt nicht mehr verstecken würden. Der Präsident der Mattachine Society sprach von einem "neuen Stolz" seit Stonewall: "Wir müssen verstehen, dass wir anders, aber nicht minderwertig sind." Einer Frau mit dem Schild "Ich bin eine Lesbe" wurde applaudiert.

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Los Angeles – Chicago – San Francisco (1970)


Die "Chicago Tribune" über die rund 150 Teilnehmenden in Chicago

In drei weiteren US-Städten fanden am selben Wochenende ebenfalls Pride-Veranstaltungen statt, die jedoch bei weitem keine so große Außenwirkung wie die in New York hatten.

Der Marsch in Los Angeles über den Hollywood Boulevard hätte fast nicht stattgefunden, weil die Organisatoren ursprünglich mehr als 1,5 Millionen US-Dollar Gebühren zahlen sollten. Das Oberste Gericht von Kalifornien urteilte jedoch, dass sie nur eine Sicherheitszahlung von 1.500 US-Dollar zu erbringen hätten. An der Parade nahmen schätzungsweise 1.200 Menschen teil (s. Wiki: LA Pride und History).

Die LGBT-Szene von Chicago hatte den Jahrestag von Stonewall sogar eine Woche lang erfolgreich gefeiert. Den Abschluss bildete ein Marsch am 27. Juni, womit die Demonstrierenden in Chicago sogar noch einen Tag vor New York auf die Straße gingen. Die Organisatoren hatten den Samstag ausgewählt, um möglichst viele Käufer in der Michigan Avenue zu erreichen (s. engl. Wiki-Artikel "Gay Pride"). Die "Chicago Tribune" (28. Juni 1970) berichtete von 150 Teilnehmenden.

In San Francisco wurde der Aufruf aus New York von der Bewegung zunächst ignoriert, den Pride auch in San Francisco zu organisieren, da es einen guten Draht zur Polizei und Politik gab und sie diesen nicht mit einer Protestveranstaltung gefährden wollte (so die amerikanischen Soziologinnen Elizabeth A. Armstrong und Suzanna M. Crage in ihrem Aufsatz "Movement and Memory. The Making of the Stonewall Myth", 2006, S. 741). Dennoch marschierten am 27. Juni rund 30 queere Menschen die Polk Street entlang – damals eines der wichtigsten schwulen Viertel von San Francisco. Am folgenden Tag besuchten mehrere hundert Menschen ein "Gay-in".

Seit 1972 finden die Pride-Veranstaltungen auch in San Francisco jedes Jahr statt (s. Wiki: Pride). Sie verzeichneten schon in den Siebzigerjahren einen großen Zulauf. Ein online verfügbares Video zeigt hunderte von Teilnehmenden mit Bannern, die von den "Gay Fathers" bis zum "San Francisco Lesbian Chorus" reichen. Mit dabei waren bereits die "Dykes on Bikes", die bis heute zur festen CSD-Tradition gehören (Youtube: "LGBT March", 2:36 Min.).
piriert haben.

Die Berichte in Deutschland


Die New Yorker Pride-Veranstaltung auf einem seltenen Farbfoto (aus: "Du & Ich", November 1970, S. 26)

Es gab vermutlich nur wenige Artikel, die in Deutschland über die New Yorker Veranstaltung vom 28. Juni berichteten. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (7. November 1970) schrieb in einem kurzen Artikel u.a.: "Mit seidenen Bannern und trotzigen Plakaten zog kürzlich eine eigentümliche Parade durch New York. […] Eine, herausfordernd um sich blickend, trug ein Plakat mit dem Bekenntnis: 'Ich bin Lesbierin'. Die Stimmung war ausgelassen und trotzig zugleich, halb Siegesfeier, halb politische Demonstration. Die Parade von Tausenden von Homosexuellen […] war als Geburtstagsfest geplant" (Vollständiger Abdruck in "Over the Rainbow. Ein Lesebuch zum Christopher-Street-Day", 2001).

Im Gegensatz dazu widmete die Schwulenzeitschrift "Du & Ich" (November 1970, S. 24-27) dem Thema mit dem Artikel "Liebe auf den Straßen" vier Seiten. Alexander Ziegler (bekannt als Autor des verfilmten Buches "Die Konsequenz") hatte für diesen Beitrag den Schauspieler und Sänger Stanley Robinson interviewt, der in der "Gay Liberation Front" (GLF) aktiv war, die von Ziegler mehrfach und unpassend mit "fröhliche Befreiungsbewegung" übersetzt wurde.

Für seine politischen Aktivitäten favorisierte Robinson – eher abweichend von seiner ansonsten fordernden Art – den Slogan "Wir sind auch Menschen". Nach eigenen Angaben hatte er damit 10.000 Schwule und einige hundert Lesben in New York mobilisieren können – im Kampf gegen Strafgesetze, aber auch gegen soziale Ungerechtigkeiten auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt. Robinson gab sich der Hoffnung hin, dass die GLF die größte und militanteste Homo-Organisation der Welt werden würde. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten sich die Schwulen bekennen und sich nicht in ein Schneckenhaus verkriechen – wobei er mit "Schneckenhaus" rund 70 New Yorker "Homophilen"-Bars meinte. Unterstützt wurde die GLF von anderen Vereinen wie der "Mattachine Society" und der "Gay Activists Alliance". Am Ende des Beitrages wird ein New Yorker Polizist mit den Worten zitiert: "Wir werden uns wohl in Zukunft damit abfinden müssen, daß sie [die Homosexuellen] sich mitten unter uns bewegen." Wer wollte da widersprechen.

Die Berichterstattung darüber, dass in den USA tausende von Homosexuellen auf die Straße gingen, wird auf viele in Deutschland einen großen Eindruck gemacht haben. Schließlich gab es hier noch keine richtige Bewegung, männliche Homosexualität war erst kurz zuvor legalisiert worden und eine gesellschaftliche Ächtung noch allgegenwärtig.

1972 – die erste deutsche Homosexuellendemo

Seit Ende der Sechzigerjahre bewegte sich die Bundesrepublik Deutschland. Der § 175 StGB wurde bedeutend reformiert, der Filmemacher Rosa von Praunheim weckte mit seinem Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt" (1971) die Schwulen recht unsanft aus ihrem Dornröschenschlaf, Martin Dannecker publizierte seine Studie "Der gewöhnliche Homosexuelle" (1973) und der "Spiegel" brachte seine Titelgeschichte "Homosexuelle. Befreit – aber geächtet" (Heft 11, 1973) heraus. Es gibt keine Hinweise, dass Stonewall oder die ersten US-amerikanischen Prides dabei irgendeine Rolle spielten.

Es liegt nahe, dass Deutschlands erste Homosexuellendemonstration, die 1972 in Münster stattfand, von den Berichten über die Prides in den USA (und damit allenfalls indirekt über Stonewall) beeinflusst wurde. Aber auch dafür gibt es keinerlei Hinweise. Sie wurde von Rainer Plein organisiert, ein bekanntes Gesicht war der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker (queer.de berichtete).


Rainer Plein (1948-1976) auf der von ihm organisierten ersten deutschen Schwulendemonstration am 29. April 1972 in Münster

Als der WDR am 40. Jahrestag über diese erste Demo berichtete (WDR, 29. April 2012), ging er auf Stonewall ein, "das den schwul-lesbischen Kampf auch in Deutschland nachhaltig prägt". Es ist naheliegend, aber dennoch falsch, zwischen Stonewall 1969 und der Demo in Münster von 1972 einen kausalen Zusammenhang anzunehmen, wie der WDR ihn suggeriert.

Sehr deutlich drückt sich hierzu auch der Hamburger Historiker Gottfried Lorenz in einem Interview mit dem Deutschlandfunk zum Thema "CSD – Der Stonewall-Aufstand 1969" (11:00-16:00 Min.) aus: "Die westdeutsche Homosexuellenbewegung [ist] von den Vorgängen in New York in keiner Weise beeinflusst worden. Das, was wir heute als Christopher Street Days feiern, ist ein nachträgliches Konstrukt eines Einflusses" (ab 12:35 Min.). Bei einem näheren Blick auf Münster scheint es zu den USA auch mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten zu geben. Die Demo in Münster war nicht als jährliche Wiederholung geplant und fußte auf einer schwächeren und weniger gut vernetzten Bewegung. Es war zudem eine Demonstration mit politischen Forderungen, bei der sich – im Gegensatz zu einer Parade – unterschiedliche Meinungen schwerer integrieren lassen.

1979/1980 – die US-CSDs werden zum Vorbild für deutsche CSDs

In den zehn Jahren nach Stonewall etablierten sich in den USA die jährlichen Paraden in vielen Städten und waren erfolgreich. Parallel wuchs in Deutschland langsam eine politische Szene, die verschiedene Aktionsformen ausprobierte. Die Schwulen und Lesben wurden dabei u.a. vom Ausland inspiriert und werden auch schon in den Siebzigerjahren eindrucksvolle Erinnerungen von den Prides nach Deutschland mitgebracht haben – mit dem Wunsch, Ähnliches auch hier zu durchzuführen.

Mangelte es der Bewegung anfangs an Kraft und Wissen, war sie jedoch 1979 stark genug geworden, um vergleichbare Aktionen zu organisieren. In diesem Jahr fing die deutsche Bewegung an, sich erkennbar an den USA zu orientieren. Die ersten deutschen CSD-Veranstaltungen fanden im Juni 1979 in Bremen, Köln und Berlin statt und trugen Bezeichnungen wie "Gay Pride International" (Bremen) und "Gay Freedom Day" (Köln).

Vor genau 40 Jahren – zum zehnten Jahrestag der US-Paraden – erschienen in der deutschen Schwulenpresse mehrere größere Artikel, die besonders gut den US-Einfluss belegen können. "Du & Ich" (September 1980) ist von der Vielfalt auf dem "Gay Pride Day" in New York begeistert. Ähnlich wie die Zeitschrift "Him" (1980, Nr. 9-10), die die USA als Vorbild sieht: "Also, Jungs – wenn ihr mal mutlos seid – sowas wie dieser Marsch da durch New York, – mit zigtausenden wie ihr, das richtet auf, das gibt Kraft. Man ist danach nicht mehr derselbe, man ist stärker."

Als "Him" ein Heft später (1980, Nr. 11-12) über San Franciscos "Gay Pride Day" berichtet, werden auch kritische Stimmen zitiert, dass z.B. die Organisatoren vor allem weiße Männer seien. Diese Diskussion wurde später auch in Deutschland aufgegriffen. Das "Gay Journal" (1980, Nr. 8) berichtete im Zusammenhang mit dem ersten "Gay Pride" in Hamburg auch von Stonewall, aus dessen "Widerstand die Gay Liberation-Bewegung weltweit hervorgegangen war". In diesen Jahren etablierte sich der CSD in Deutschland; die USA wurden zum Vorbild und Motor. Die Tradition der schrill-bunten Paraden, wie wir sie heute kennen, begann in Deutschland allerdings erst in den Neunzigerjahren.

1979/1980 – über positive und negative Energien von Veranstaltungen

An zwei Veranstaltungen von 1979/1980 lässt sich gut verdeutlichen, welche langfristigen positiven oder negativen Auswirkungen LGBT-Veranstaltungen haben können. So ist vom "Homolulu"-Festival in Frankfurt (23.-30. Juli 1979) bekannt, dass es nicht einfach nur erfolgreich war, sondern dass es bei den Teilnehmern auch große positive Energien freisetzte. Kurz danach fing Ralf König an zu zeichnen, das Tagungshaus Waldschlösschen und der Hamburger schwule Buchladen Männerschwarm wurden gegründet (queer.de berichtete). Der schwul-lesbischen Szene gelang es jedoch nicht, eine solche Veranstaltung regelmäßig zu etablieren.

Als Gegensatz dazu lässt sich eine politische Podiumsdiskussion mit unterschiedlichen Parteivertretern bewerten, die am 12. Juli 1980 anlässlich der Bundestagswahl 1980 in der Bonner Beethovenhalle stattfinden sollte. Der Streit von Homosexuellen aus unterschiedlichen politischen Lagern, der zudem von Pädosexuellen beeinflusst war, eskalierte, so dass die Veranstaltung abgebrochen werden musste. Das war nicht einfach nur ein missglückter Abend, sondern ein Streit, der die Homosexuellenbewegung vermutlich um Jahre zurückwarf.

Zur Bedeutung des 28. Juni 1970


Zwei Lesben auf der New Yorker Pride Parade am 28. Juni 1970 (Bild: Fred W. McDarrah)

Ein Jahr nach den physischen Kämpfen von Stonewall 1969 begann der Kampf um Sichtbarkeit und Emanzipation. Nicht Stonewall selbst, aber die Entscheidung, den Stonewall-Aufstand als ausschlaggebenden revolutionären Moment zu inszenieren, wurde zum Wendepunkt in der LGBT-Geschichte. Stonewall war nicht ein an sich wichtiges Ereignis, hat sich aber als eine gut geeignete Vorlage erwiesen, um ab 1970 die Emanzipationsbewegung darauf aufzubauen.

Mit der New Yorker Veranstaltung am 28. Juni 1970 gelang es erstmals, die nationale Aufmerksamkeit in positiver Form auf Homosexuelle zu lenken. In den USA war es zwar in den Sechzigerjahren zu vielen Protesten gegen soziale Ungerechtigkeiten gekommen, aber nur wenige dieser Veranstaltungen hatten eine mit diesem Pride vergleichbare Nachwirkung. Auf dem New Yorker "Christopher Street Gay Liberation Day" am 28. Juni 1970 wurde der Grundstein für die internationale Tradition gelegt, jährlich im Juni/Juli für die Rechte von Schwulen und Lesben zu demonstrieren (s.a. Wikipedia-Artikel "Heritage of Pride").

Die Pride-Veranstaltung von 1970 verdeutlicht, welche positiven Energien von solchen Ereignissen ausgehen können, und es bleibt bis heute beeindruckend, wie damit das Selbstwertgefühl von Homosexuellen ins Gegenteil gedreht werden kann. Aus den Gefühlen von Scham und Minderwertigkeit, unter denen Homosexuelle durch strafrechtliche Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung litten, kann das genaue Gegenteil, Stolz, entstehen. Dabei förderte die größere Sichtbarkeit nicht nur das Coming-out der Teilnehmenden, sondern führte auch dazu, dass die Gesellschaft zu einem Umdenken über Homosexualität gezwungen wurde. Für viele Heteros – Passanten, Polizisten, Pressevertreter und Politiker – war es vermutlich das erste Mal, dass sie bewusst auf Homosexuelle trafen, die sie weder als krank noch als kriminell einstufen konnten.


Die Gruppe "Gay Activists Alliance" mit Vito Russo, der am 28. Juni auf der rechten Seite das Banner hält (Bild: Kay Tobin Lahusen, mit freundlicher Genehmigung der Manuscripts and Archives Division, The New York Public Library)

Stonewall selbst kann man kritisch sehen. Es fällt uns – den Autoren dieses Artikels – schwer, uns mit diesem gewalttätigen Aufstand zu identifizieren und von einem mehr als indirekten Zusammenhang zur Situation in Deutschland auszugehen. Wir haben uns darüber gewundert, dass im September 2019 hierzulande niemand so recht an die bedeutende Reform des § 175 StGB vor 50 Jahren erinnern wollte. Man hätte schließlich froh sein können, dass die deutsche Gesellschaft mit friedlichen Mitteln das erreicht hat, was in den USA vielleicht nur gewaltsam erreicht werden konnte. Unsere Vorstellung ist, dass sich die CSD-Veranstalter in Deutschland in der Tradition der Prides von 1970 sehen und allenfalls einen symbolischen Bezug zu Stonewall aufbauen sollten. Vor allem aber sollte die Community sich bewusst sein, dass jedes Land seinen eigenen Weg in Bezug auf die Erlangung gleicher Bürgerrechte gegangen ist und geht, auch wenn dieser weniger glamourös erscheint als der in den USA.

Es fällt uns leicht, uns mit den Pride-Veranstaltungen vom 28. Juni 1970 uneingeschränkt zu identifizieren und sie als positive Meilensteine der queeren Geschichte anzusehen und zu würdigen. Von den ersten Pride-Veranstaltungen kann man eigentlich nur begeistert sein und hoffen, dass sie viele Menschen weltweit inspiriert haben.

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#1 Ralph
  • 28.06.2020, 16:42h
  • Vielen Dank für diesen sehr interessanten Artikel. Es ist gut und wichtig für uns alle, sich mit unserer Geschichte zu beschäftigen.

    Zwei Anmerkungen möchte ich machen.

    1 - Gewalt
    Die Boston Tea Party war eine Räuberei. Privateigentum (Tee) wurde vernichtet, Dabei wurde ein Zollbeamter misshandelt. Das Ganze nicht eben etwas, worauf man mit Stolz zurückblicken kann. Isoliert das Ereignis betrachtet. Der Sturm auf die Bastille war ein gewalttätiger Einbruch einer Schar von Rechtsbrechern, die ein paar Kleinganoven befreiten und den Gefängnisdirektor ermordeten. Alles andere als eine Heldentat, deren man sich ehrend erinnern möchte. Isoliert das Ereignis betrachtet. Wir sehen heute in beiden Begebenheiten aber gerade nicht das Ereignis, sondern das Signal: In beiden Fällen erhoben sich unterdrückte Menschen gegen ein lediglich durch Berufung auf Gott legitimiertes System, das für Mitbestimmung und für die meisten Untertanen sogar für ein Leben in mäßigem Wohlstand keinen Raum erlaubte. Das nennen wir heute Revolution. Das ist es, was den Mythos ausmacht. So ist es auch bei Stonewall.

    2 - § 175
    Die NS-Verfolgung endete im Herbst 1969 gerade nicht als Ergebnis der Anstrengungen einer eigenen Bewegung der deutschen Schwulen, sondern weil der Druck aus Rechts- und Naturwissenschaft zu groß geworden war und weil der (west-)deutsche Sonderweg, Menschenrechte einer ganzen sozialen Gruppe zu ignorieren und zu verweigern, sich im Vergleich mit dem fast dem ganze westlichen, aber sogar mit Teilen des östlichen Auslands in Europa nicht mehr durchhalten ließ. Eine Schwulenbewegung gab es nicht. Die hatten Deutschlands Polizisten, Richter und Henker vernichtet, und die nach 1945 fortdauernde Verfolgung nach dem von Hitler brutal verschärften Paragrafen samt sich daran knüpfender weiterer Vorschriften des Vereinsrechts und des Jugendschutzes ließ eine neue Bewegung nicht mehr hochkommen. Ich finde, es liegt deshalb durchaus nahe, dass eine Identifikation eher an Stonewall festmacht als an einer Abstimmung alter Männer im Bundestag, die sich genötigt fühlten, vom letzten Rest des NS-Staates Abschied zu nehmen, und das dann noch ausdrücklich mit dem Zusatz garnierten, dass sie Schwule zwar nicht mehr generell in den Knast stecken, sie aber weiter nicht anerkennen wollen (so der damalige Bundesjustizminister Horst Ehmke).
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#2 KaiJAnonym
  • 28.06.2020, 19:19h
  • Meinem Empfinden nach war Homolulu Höhepunkt und Ende der queeren Bewegung der 70er Jahre zugleich. Danach fand eine Neusortierung mit der Veranstaltung in der Beethovenhalle, der mit aus Homolulu hervorgegangen Gründungen und den aus Sicht des damaligen Homolulu suspekt erscheinenenden ersten regionalen CSDs, die als Entpolitisierung und Spaltung empfunden wurden, statt. Homolulu hatte übrigens mit 1000 Demoteilnehmer*nnen die grösste queere Demo 1979. Die 70er Jahre sind ein Kapitel für sich, die danach entstandene Leere begann vor AIDS und wurde etwas aufgefangen durch die "Kunst" z.B. des schwulen Blicks auf die Dinge bzw. die Herstellung von Identität.
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#3 trans naysayerAnonym
  • 29.06.2020, 11:59h
  • Für die LGBTIQ in den USA war Stonewall der Wendepunkt. Stonewall was a riot! Der Aufstand wurde von uns TWOC und Queers of Color begangen. Dieser Aufstand war die Initialzündung für eine selbstbestimmte Bewegung, die ihre eigenen Narrative formulierte und für sich beanspruchte.
    Für die LGBTIQ in Deutschland war der Wendepunkt das Erscheinen der Studie "Der gewöhnliche Homosexuelle" von Martin Dannecker [1] und Reimut Reiche [2]. Ich finde, das sagt eigentlich schon alles...

    [1] 1974 publizierte er gemeinsam mit dem Psychoanalytiker Reimut Reiche die große empirische Studie "Der gewöhnliche Homosexuelle". Nach der Promotion arbeitete er seit 1977 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an dem von Volkmar Sigusch geleiteten Institut für Sexualwissenschaft des Klinikums der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt am Main.

    [2] Nach einem Soziologie-Studium in Berlin und Frankfurt am Main promovierte Reiche 1973 (gemeinsam mit Martin Dannecker) mit der empirisch-soziologischen Untersuchung "Der gewöhnliche Homosexuelle"; danach war er bis 1982 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sexualwissenschaft der J. W. Goethe-Universität in Frankfurt am Main, das von Volkmar Sigusch geleitet wurde.

    Martin Dannecker, Reimut Reiche, Volkmar Sigusch - und Sophinette Becker gehörte auch zu diesem "erlauchten" Kreis in Frankfurt. Diese vier "wissenschaftlichen Experten" sind die Idole der deutschen LGBTIQ und prägen sie, ihre communities und ihr Selbstbild bis heute. Mehr muss man über die Geschichte der deutschen LGBTIQ nicht wissen. -

    "In der New Yorker Bar "Stonewall Inn" wehrten sich 1969 Homo- und Transsexuelle gegen polizeiliche Übergriffe. Dieser Stonewall-Aufstand prägte nachhaltig die Geschichte, [...]"

    "Seit Ende der Sechzigerjahre bewegte sich die Bundesrepublik Deutschland. [...] Martin Dannecker publizierte seine Studie "Der gewöhnliche Homosexuelle" [...]"

    "Stonewall selbst kann man kritisch sehen. Es fällt uns den Autoren dieses Artikels schwer, uns mit diesem gewalttätigen Aufstand zu identifizieren und von einem mehr als indirekten Zusammenhang zur Situation in Deutschland auszugehen."

    Ist es zynisch, wenn ich an dieser Stelle einfach mal behaupte, dass sich der gravierende Unterschied zwischen den LGBTIQ-Communities in den USA und Deutschland kaum deutlicher manifestieren könnte als in diesen drei (teilweise gekürzten) Zitaten?

    Pride vs. Medikalisierung. Jeder Mensch wählt sein Selbstbild selbst.
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#4 KaiJAnonym
  • 29.06.2020, 15:00h
  • Antwort auf #3 von trans naysayer
  • Das Problem stellt sich hier sogar so dar, dass unsere Rechte auf der Strasse bzw. im Grundgesetz liegen und da nicht einmal ergriffen werden. Stattdessen müssen diese von einigen Wenigen erst gerichtlich erstritten werden, während Teile der Bewegung dabei sind, diese unsere Rechte zu verpfuschen. Mensch wähnt sich zurück in den 50er Jahren, glaubt nicht an das Recht und bereitet so der Willkür das Feld.
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