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Sichtbarkeit auf unsere Kosten

Blasmusik im Hinterstübchen

Heute vor genau 100 Jahren – am 30. Juni 1920 – wurde Klaus Günter Neumann geboren, der sich vor rund 50 Jahren in mehreren seiner Lieder über Schwule und Lesben lustig machte.


Altherren-Humor über Lesben und Schwule: Klaus Günter Neumann veröffentlichte 1971 die LP "Heut' ist großer Schwuchtelball"

Klaus Günter Neumann

Klaus Günter Neumann (1920-1995) – häufig verwechselt mit dem anderen Pianisten und Komponisten Günter Neumann (1913-1972) – war ab den Fünfzigerjahren als Komponist ("Wunderland bei Nacht") und Schlagerautor ("Tulpen aus Amsterdam") sehr erfolgreich. Es sind sehr schöne Lieder, die Millionen begeisterten.

Weniger begeisternd ist aus heutiger Sicht jedoch Neumanns Humor in Bezug auf Schwule und Lesben, was sich sehr gut anhand der Langspielplatte "Heut' ist großer Schwuchtelball" (1971) aufzeigen lässt. Von Neumann stammen alle hier versammelten 14 Lieder bzw. Textbeiträge, von denen sich zwei auf Schwule und zwei auf Lesben beziehen. Alle vier Beiträge über Homosexualität sind heute als Audio-Dateien online verfügbar.

Darüber hinaus hat Ralf Jörg Raber in seinem Buch "'Wir sind wie wir sind'. Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe auf Schallplatte und CD" (Männerschwarm, 2010) die Geschichte und die Hintergründe dazu vorbildhaft untersucht. Beides ist gut, weil es die heutige Einordnung und Bewertung von Neumanns Beiträgen wesentlich erleichtert. Auf Rabers Buch werde ich mich daher mehrfach beziehen. Im Zuge meiner Recherchen zu diesem Artikel habe ich mit "Das Päderasthaus im Spessart" noch ein fünftes Neumann-Lied über Homosexualität gefunden und mit berücksichtigt.

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Schwulenlied "Heut' ist großer Schwuchtelball"


Das "Schwuchtelball"-Lied als Single (1965)

Klaus Günter Neumanns Schlager "Heut' ist großer Schwuchtelball" (hier als Song und als Text) wurde offenbar als sehr zugkräftig angesehen, denn er gab der ganzen hier vorgestellten LP seinen Namen. In diesem Lied wird in klischeehaft-nasaler Betonung ein schwuler Ball beschrieben. Der Text macht deutlich, dass sich die Gesellschaft in der Zeit der "sexuellen Revolution" gerade stark im Umbruch befand ("Denn heute is' kein Mensch normal / In der verrückten Zeit"; "Man muss doch zeigen, dass man wendig ist als Kind der Zeit"). Das Lied enthält die für die Zeit und das Genre typischen Anspielungen auf Oralverkehr ("Blasmusik") und Analverkehr ("Hinterstübchen"; "Im vord'ren Saal und auch im hintern").

Nach Ralf Jörg Raber (S. 83-85) wurde der "Schwuchtelball" am 29. April 1965 innerhalb eines Kabarettprogramms am Berliner Kurfürstendamm uraufgeführt und wurde allabendlich auf der Bühne zum Besten gegeben. Noch im selben Jahr erschien das Lied bei Ariola erstmals auf LP und Single. Im April 1966 wurde das Lied mit der Begründung indiziert, dass es Homosexualität "verharmlose". Erst mit der LP "Heut' ist großer Schwuchtelball" von 1971 erhielt das Lied seinen längeren Namen. Die Berliner Zeitung "B.Z." (26. März 1979) bezeichnete den "Schwuchtelball" als "witzig, nicht bösartig". Ralf Jörg Raber hat das Lied nicht nur in seinem Buch behandelt und eine Illustration dazu auf das Cover gesetzt, sondern es selbst auf seiner CD-Kompilation "Ich will, dass es das alles gibt! – Homosexualität auf Schallplatte" (2004) neu publiziert.

Schwulensketch "Beim Zahnarzt"

Auf der LP ist auch Neumanns gesprochener Sketch "Beim Zahnarzt" (hier als Audio-Datei) enthalten. Hier kommt ein Mann zum Zahnarzt, weil er "hinten ein großes Loch" hat. Der Arzt bittet ihn, weit aufzumachen, und versucht daraufhin, das Loch zu füllen.

Aufgrund der notwendigen Hygiene wird auch gespült. "Also, wenn ich tiefer gehe, dann wird's ein bisschen weh tun." Am Ende wird dem Mann "wärmstens" empfohlen, immer recht frühzeitig zum Arzt zu gehen. Der Sketch wurde auch als Single-Auskopplung vermarktet. Vor allem mit diesem Sketch "Beim Zahnarzt" wird deutlich, wie Analverkehr mit schwulen Männern gleichgesetzt wird. Auch durch nasale Stimmlage werden hier Klischees reproduziert.

Lied "Komm' nach Lesbos"

Eines der beiden Lieder auf der LP "Heut' ist großer Schwuchtelball" (1971), die Lesben thematisieren, ist "Komm' nach Lesbos", gesungen von der anonymen Frauenformation "The Cool Sisters" (hier als Song und als Text). Bevor der Text einsetzt, erinnert eine Melodie im Stil schnulziger Fernwehschlager der Fünfzigerjahre an südliche Länder. Dies soll Assoziationen mit der Insel Lesbos wecken, nach der die "lesbische Liebe" benannt ist.

Der Liedtext beginnt mit Zeilen, die eine Alternative aufzeigen: "Mädel, hast du auch die Kerle satt / Weil dir keiner was zu bieten hat?" Dann folgen sexuelle Wortspiele in Reimform: von einem "warmen Wind", einem "leckenden Kahn" bis zu Blumen und Vögeln. Die Empathie für Heterosexuelle ist hoffentlich ironisch gemeint: "Nur wer stinknormal ist, der hat es heute schwer / Komm' nach Lesbos […] im Lesbischen Meer."

Nach Raber (S. 179) greift dieser Song "das Vorurteil auf, Frauen könnten die eigene Sexualität nach Belieben ändern, könnten lesbisch werden, wenn sie die Kerle satt haben oder andersherum: wären lesbisch, weil sie noch nicht den Richtigen abbekommen hätten. Die gesellschaftlichen Zwänge, aus denen heraus manche Lesben nach außen den Weg der Bisexualität und mutmaßlicher 'Beliebigkeit' wählten, werden dabei ignoriert".

Lied "Ich stell' mich um auf andersrum"

In dem Schlager "Ich stell' mich um auf andersrum" (hier als Song) verkörpert die wohl heterosexuelle Sängerin und Schauspielerin Edith Elsholtz eine Frau, die auflistet, was ihr an den Männern heute nicht gefalle. Nun wolle sie sich auf lesbisch "umstellen", weil ihr die Männer "zu blöd" seien. Und weil heute ja eh die ganze Welt "verkehrt" sei, wolle sie "sehen, ob es auf die Tour" gehe.

In beiden Liedern wird die lesbische Liebe nicht diskreditiert oder verurteilt, sondern sie wird sogar als interessante bis erstrebenswerte Alternative präsentiert und quasi zur Nachahmung empfohlen. Sie machen aber keine Aussage darüber, wie Lesben waren, sondern nur wie Heterosexuelle sich Lesben vorstellten, die zu dieser Zeit als amüsante gesellschaftliche Randerscheinung wahrgenommen wurden.

In beiden Liedern werden die lesbische Liebe und Antipathien gegenüber heterosexuellen Männern vermengt, womit das klassische Vorurteil genährt wird, dass lesbische Frauen nicht lesbisch seien, weil sie Frauen lieben, sondern weil sie Männer hassen würden. In beiden Liedern geht es um das angebliche "Umstellen" der sexuellen Gefühle, als wäre die sexuelle Orientierung eine Art Lichtschalter.

Für Raber (S. 180-181) werden mit diesem Lied gleich "zwei Fliegen mit einer Klappe" geschlagen: "Einerseits bedient er [Neumann] das vertraute und immer einen Lacher garantierende Klischee, Lesben hätten bloß nicht den richtigen Mann abgekriegt." Andererseits haut er gleichzeitig auf die Jugendrebellion und bringt Stammtischparolen gegen die rebellische Junge-Männer Generation.

"Das Päderasthaus im Spessart"

Als fünftes Liedbeispiel für Neumanns Humor möchte ich auf das von Hubert von Meyerinck gesungene Lied "Das Päderasthaus im Spessart" von der LP "Der neue Neumann. Des alten Knaben Wunderhorn" (1973) verweisen, das in der schwul-lesbischen Geschichtsforschung bisher unbekannt ist und auch in Ralf Jörg Rabers Untersuchung fehlt. Für diesen Artikel habe mir die LP gekauft und das Lied auf meinem Youtube-Kanal online gestellt.

Zu einer an den Karneval erinnernden Melodie singt Hubert von Meyerinck Zeilen wie "Zum Beispiel haut im Punkte Sex uns bald nichts mehr vom Stuhl, ham' wir die nackten Weiber satt, dann werd'n wir alle schwul" oder "Der Sexfilm hat es heutzutage nicht besonders schwer, die Tunten und die Lesbischen, die halten feste her". Auch witzig gemeinte Andeutungen über "warme beschauliche Ecken" im "Päderasthaus" und über "Hinterwäldler" entsprechen dem bekannten Humor anderer Neumann-Lieder.

Hubert von Meyerinck – der auf dem Schallplattencover mit den für ihn typischen weit aufgerissenen Augen zu sehen ist – war übrigens selbst schwul und hatte schon früher "keine große Zurückhaltung hinsichtlich seiner Neigung" an den Tag gelegt. Meyerinck ist als Schauspieler von Kino-Klassikern ("Eins, zwei, drei", 1961) bis zu Klamauk-Klamotten bekannt. Besonders witzig, doppeldeutig und verschachtelt: In der Travestie-Komödie "Wenn die tollen Tanten kommen" (1970) verkörpert er einen heterosexuellen Mann, der einen Mann (D: Ilja Richter) begehrt, weil er "sie" für eine Frau hält (s. Foto auf queer.de).

M. Deinert findet in einem Artikel von 2016 – der auch online im Lale-Andersen-Archiv zu finden ist – zum Lied "Das Päderast-Haus im Spessart" die passenden kritischen Worte: Diese "Reimereien auf der Höhe von Herrenwitzen" seien "Versuche, als gealterter Schauspieler mit der sogenannten Sexwelle Anfang der 1970er Jahre und mit seiner einmal etablierten Filmcharakter-Schublade noch etwas Kasse zu machen".

Spätere Aneignung von "Komm' nach Lesbos" im Travestie-Bereich


Positive Aneignung: Die LP "Herren als Damen: Die Herren Damen geben sich die Ehre" (1975)

Einige Jahre nach der "Cool Sisters"-Einspielung von "Komm' nach Lesbos" wurde das Lied im Travestie-Bereich übernommen. Raber schreibt dazu (S. 179-180), dass das Lied 1975 "noch einmal mit leichten Textänderungen in einer eher außergewöhnlichen Einspielung des Berliner Travestieclubs 'Chez Nous' (LP 'Herren als Damen: Die Herren Damen geben sich die Ehre')" vorkam. Raber sieht diese Aufnahme – Rita Jané mit dem Song "Lesbos" (nicht online verfügbar) – in doppelter Hinsicht als eine Besonderheit: zum einen, weil der Text eindeutig von Homosexualität handelt. Direkte homosexuelle Bezüge wurden im Travestiebereich nämlich eigentlich vermieden und es dominierten Elemente wie Parodie und Travestie (Ausnahme: Marcel André). Zum anderen war ein Text, der Lesben thematisierte, in diesem Bereich außergewöhnlich. Rita Janés Version des "Lesbos"-Songs findet sich übrigens auch auf Rabers CD-Kompilation "Ich will, dass es das alles gibt! Homosexualität auf Schallplatte" (2004).

Es gibt mehrere historische Beispiele, wie sich Schwule und Lesben Lieder, aber auch Filme und Symbole, die eigentlich für Diskriminierung und Verfolgung stehen, positiv aneignen. Das bekannteste Beispiel ist wohl der Rosa Winkel, der sich von einem Symbol des Stigmas zu einem Symbol des Stolzes wandelte. Auch die Neuinterpretation des "Lesbos"-Liedes durch den Travestieclub "Chez Nous" lässt sich als positive Aneignung der LSBT-Szene interpretieren, wobei nähere Bewertungen und Vergleiche schwierig sind.

Schallplatten haben zwei Seiten

Die "sexuelle Revolution" mit ihren großen Wünschen nach einer freieren und weniger repressiven Sexualmoral führte seit Ende der Sechzigerjahre zu einer grundsätzlich als positiv zu bewertenden Enttabuisierung von Sexualität, denn im Fahrwasser der mit diesem Schlagwort bezeichneten gesellschaftlichen Tendenz wurde auch Homosexualität enttabuisiert und der § 175 StGB im Jahre 1969 und 1973 bedeutend reformiert.

Die "sexuelle Revolution" hatte aber auch eine kommerzielle Sexwelle ausgelöst, auf der Neumann kräftig mitschwamm. Diese Welle lässt sich zum Teil kritisch sehen und aus der Sicht vieler früherer Aktivisten mit den Worten umschreiben: "Dafür haben wir nicht gekämpft." Die Sexwelle machte vor keinem Medium halt – sei es Print, Film oder auch die Musik. Ein "regelrechter Boom an Sex-Witzen, Bums-Liedern und frivolen Chansons [überschwemmte] den bundesdeutschen Plattenmarkt" (Raber, S. 83). Aus dieser Zeit gibt es zwar auch viele Beispiele dafür, wie Homosexualität positiv behandelt wurde und Schwule und Lesben selbstbewusst von sich und ihrer Liebe sangen, was Raber ebenfalls gut dokumentiert. Die Enttabuisierung trug aber auch dazu bei, dass Homophobie deutlicher zu Tage treten konnte. Für Raber hatten Schallplatten über Homosexualität schon immer zwei Seiten. Die hier dokumentierten Lieder von Neumann sind – um in diesem symbolischen Bild zu bleiben – die B-Seite.

Neumanns Musik kann man auch etwas Positives abgewinnen. Anhand seiner Lieder lässt sich die gesellschaftliche Meinung über Schwule und Lesben – auch in ihrer Unterschiedlichkeit – gut aufzeigen. Ihr kommerzieller Erfolg ist Ausdruck dafür, dass diese Form der Unterhaltung das Wohlwollen der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft fand. Die LP "Heut' ist großer Schwuchtelball" bleibt – alleine vom Titel her – für die schwul-lesbische Geschichte etwas Besonderes, was nicht bedeutet, dass es die einzige Veröffentlichung zum Thema blieb. Die in diesem Artikel genannten Lieder sind auch auf früheren und späteren LPs zu finden, wie auf "Das Sex-Uhr Blatt" (196?), "Des alten Knaben Wunderhorn" (vor 1973; nicht identisch mit der oben genannten LP "Der neue Neumann. Des alten Knaben Wunderhorn") und "Hits unterm Ladentisch" (1992). Neumanns Lieder sind Ausdruck der gesellschaftlichen Meinung über Schwule und Lesben, prägten aber gleichzeitig auch ihr Bild in der Öffentlichkeit.

Fremdbild und Selbstbild

Neumanns Bild von Schwulen und Lesben war nicht realistisch, sondern ein groteskes Zerrbild: Schwule waren "Tunten" bzw. "warme Brüder" und Lesben hatten einfach den richtigen Mann noch nicht gefunden. Es gab viele Heteros, die glaubten, keine Homosexuellen persönlich zu kennen und es war sehr leicht, sich über diese lustig zu machen, denn Schwule und Lesben hatten noch keine großen Verbände und waren noch weitgehend unsichtbar. Das einseitig-negative Zerrbild, das Neumann zwar nicht erfand, aber (vermutlich bedenkenlos) reproduzierte, bleibt zu kritisieren.

Gleichzeitig lässt sich nicht leugnen, dass es die von Neumann beschriebenen Schwulen und Lesben tatsächlich gab und gibt. Gerade die politisch linken Schwulen wollten in dieser Zeit die bürgerlichen Spießer provozieren, sympathisierten mit diesem homosexuellen Zerrbild, nannten sich "Tunten" und vertrieben selbstbewusst eine Schwulenzeitung wie die "Schwuchtel". Auch die Neueinspielung des Liedes "Komm' nach Lesbos" durch den Berliner Travestieclub "Chez Nous" lässt sich als Aneignung durch die Szene interpretieren, wenn sie auch eine vollkommen andere Form des Selbstbildes als die der politisch linken Schwulenbewegung darstellt, da die kommerzielle Travestieszene schließlich in einem hohen Maße auch der Belustigung des zahlenden Hetero-Publikums diente.

Aber zwischen einer Selbstdarstellung und einer Fremddarstellung wie bei Neumann gibt es auch dann noch einen großen Unterschied, wenn die gleichen Inhalte vermittelt werden. Sehr "feminine" Schwule und sehr "maskuline" Lesben als Teil der Szene zu leugnen, wäre aber nicht nur falsch, sondern auch illegitim. Sie sind und bleiben ein Teil der Szene – vollkommen unabhängig davon, ob sie einem als negativ empfundenen tradierten Klischee wie dem von Neumann vertretenen entsprechen.

Der Preis der Sichtbarkeit

Ralf Jörg Raber wirft in seinem Buch einen wichtigen Gedankengang auf, dem man gut die Meinung des offen schwulen US-Schauspielers Harvey Fierstein entgegenstellen kann, der sich selbst als "Sissy" bezeichnet. Raber sieht die Zeit vom Ende der Sechzigerjahre bis Anfang der Siebzigerjahre als eine Art Zwischenstadium an, in dem die sich verändernde Gesellschaft sich langsam an die immer sichtbarere Minderheit gewöhnt habe, und kommt dann zu einem ernüchternden Resultat: Der "Preis war hoch, den Homosexuelle damals [für diese Sichtbarkeit in den Medien] zu bezahlen hatten".

Fiersteins Äußerung über "Sissys" in Filmen der früheren Jahre lässt sich auf Neumanns Lieder übertragen: "Ich bin immer für Sichtbarkeit, koste es, was es wolle!"

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#1 nikodemusAnonym
#2 MarcAnonym
  • 30.06.2020, 11:33h
  • "Direkte homosexuelle Bezüge wurden im Travestiebereich nämlich eigentlich vermieden und es dominierten Elemente wie Parodie und Travestie (Ausnahme: Marcel André)."

    Das ist so nicht ganz richtig.

    So hat die in den 1980er und 1990er-Jahren sehr beliebte Travestiegruppe "The Crazy Boys" deren Gründer Timm Betz vor ein paar Jahren leider gestorben ist, zumindest als sie noch in alter Besetzung unterwegs waren (Timm Betz, Klaus "Tatti" Tadsen, Dirk Rompf, Gerard van Oort) regelmäßig in ihren Shows den Klassiker "Ich bin ein Homo, wie sie sagen" von Charles Aznavour gebracht. Während dieser Nummer hat sich dann einer vom Mann zur Frau geschminkt und ein anderer entsprechend abgeschminkt.

    Später haben sich dann Klaus Tadsen, Dirk Rompf, Gerard van Oort abgespalten und als "The Crazys" weitergemacht, während Timm Betz unter altem Namen "The Crazy Boys" und mit neuem Ensemble weitergemacht hat.

    Nachdem die "Crazys" sich dann auch aufgelöst hatten (ich glaube, Dirk Rompf war leider auch gestorben), hat Klaus Tadsen noch bei anderen Travestieshows (z.B. "Femme Fatale") teilweise mitgemacht, aber vor kurzem den Fummel ganz an den Nagel gehängt.

    Aber die große Zeit der Travestie-Shows scheint leider momentan vorbei zu sein... Chez Nous hat sich ja leider auch schon vor einigen Jahren aufgelöst. Die waren auch immer super.
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#3 Ralph
  • 30.06.2020, 12:02h
  • Ich find so was widerlich. Besonders abartig ist, dass die Platte noch während der anhaltenden Verfolgung durch Adolf Hitlers § 175 erschien. Man stellte also nicht nur seinen miesen Sinn für Humor auf Kosten einer Minderheit zur Schau, sondern beteiligte sich ganz offen als der Verächtlichmachung von Menschen, die wegen ihrer Homosexualität eingesperrt wurden, ihren Arbeitsplatz und ihre Wohnung verloren, mit einem Wort: deren Leben nach dem Willen des Führers zerstört wurde. In der Tradition solchen menschenfeindlichen "Frohsinns" stehen z.B. Karnevalsauftritte LGBTI-feindlicher Gestalten bis auf den heutigen Tag; man denke nur an Manfred Rommel, damals OB von Stuttgart (Sohn des Nazi-Feldmarschalls Erwin Rommel) der ganz im Stile dieser Schallplatte gegen Schwule Stimmung machte - und natürlich an AKK, die das Grundrecht auf die eigene Geschlechtsidentität zum Gegenstand eines Latrinenwitzes machte.
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#4 Alexander_FAnonym
  • 30.06.2020, 15:22h
  • Antwort auf #3 von Ralph
  • Mr. Moustache will ich hier keinesfalls in Schutz genommen haben, aber die Problematik der Verfolgung der Unsrigen auch nach dem Krieg ist ihm und seinen Schergen, so große Widerlinge sie auch sein mögen, nicht anzulasten, aus eben dem Grund, weil der Hass unsereinem gegenüber keineswegs den braunen Brüdern vorbehalten war.

    Ganz im Gegenteil: die deutschen Exilsozialisten waren maßgeblich daran beteiligt, den Mythos des "schwulen Nazis" ins Leben zu rufen, die Alliierten sahen in unsereinem keine zu befreienden Opfer, sondern lediglich perverse Schwerverbrecher, die zurecht ihre Strafe absitzen müssen.

    Wenn man immer nur den Maßstab "Nazi" setzt, legt man die Messlatte für gesellschaftlichen Fortschritt absichtlich so niedrig, dass ein Herr Neumann mit seinen Altherrenliedern munter darüber hinwegtanzen kann. Der Hase liegt aber, wie dieser Fall wieder einmal zeigt, darin im Pfeffer, dass eben nicht nur "die Nazis" aka. irgendwelche außerirdischen Kobolde für Hass und Vorurteile verantwortlich sind, sondern eben auch die ganze Mehrheitsgesellschaft, deren Geschmack in den 1970ern sich in diesen Liedern widerspiegelt. Wir erinnern uns nämlich: es war damals ein gewisser Bundeskanzler namens Schmidt von der SPD, der bekundete, Kanzler der Deutschen und nicht der Schwulen zu sein. Kein Wunder also, dass Links und Rechts auf solche Liedchen gemeinsam schunkelten.
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