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Die schwule Spiegel-Affäre von 1980

Sie mussten nur den Hammer aus der Tasche ziehen!

Heute vor genau 40 Jahren – am 30. Juni 1980 – zerschlugen Corny Littmann und andere Hamburger Schwulenaktivisten Spiegel in öffentlichen Toiletten. Bis heute werden sie dafür gefeiert. Zu Recht!


Corny Littmann zerschlägt den Spiegel in der öffentlichen Toilette am Jungfernstieg (Bild: Archiv Corny Littmann)

Am 28. Juni 1980 – zehn Jahre nach den ersten Stonewall-Paraden in den USA – ging in Hamburg die "Gay Pride Week" mit einer Demonstration durch die Innenstadt im Sternschanzenpark zu Ende. Die Polizei filmte diese Veranstaltung aus einem VW-Bulli heraus. Als die Schwulen die Herausgabe des Filmmaterials forderten und das Fahrzeug umringten, kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Polizei.


Die aufgeheizte Stimmung im Vorfeld. Schwule bedrängen den VW-Bus, aus dem Polizisten Aufnahmen von ihnen gemacht haben

Nachdem einige Medien am 30. Juni über die Ausschreitungen berichtet hatten, äußerten sich Schwule auch über ihre Ängste vor "Rosa Listen", also Homosexuellenkarteien, deren Existenz immer geleugnet wurde. Einige Schwule äußerten auch einen weiteren ungeheuerlichen Verdacht – dass sie in öffentlichen Toiletten hinter Einwegspiegeln heimlich von Polizisten beobachtet würden.

Aus dieser Stimmung heraus schlugen einige Aktivisten in der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli in mehreren öffentlichen Toiletten die Spiegel ein. Auch Corny Littmann, Schwulenaktivist und Bundestagskandidat der Grünen, beteiligte sich daran und zerschlug am 2. Juli den Spiegel in der öffentlichen Toilette am Jungfernstieg.

Die durch Fotografen festgehaltene Aktion prägt bis heute die Erinnerung an diesen Skandal. Mit den eingeschlagenen Spiegeln wurde das heimliche Beobachten von Toilettenbesuchern durch die Polizei bewiesen und die "Peepshow für Polizisten" beendet. Der Skandal um das Vorgehen der Polizei hatte damit erst begonnen.

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Die Broschüre "Homosexuelle bespitzelt!"

Die näheren Hintergründe zum Skandal wurden Mitte Juli 1980 in der Broschüre "Homosexuelle bespitzelt!" gut dokumentiert. Darin wurden auch die politischen Reaktionen wiedergegeben. Der Hamburger Innensenator Werner Staak (SPD) bezeichnete die Einwegspiegel am 3. Juli als "Relikte aus der Zeit der härteren Strafandrohung", während am selben Tag der Polizeisprecher Peter Kelling betonte, dass die Zeit von 1973 bis 1975 ein Schwerpunkt der Überwachung gewesen sei. Eine Entschuldigung von Verantwortlichen wegen der damals auch aktuellen Überwachungsmethoden sieht anders aus.

Am 8. Juli wurde sogar öffentlich, dass Politiker aller Parteien von diesen Einwegspiegeln gewusst und sogar noch im September 1979 ihre Beseitigung abgelehnt hatten. Die Broschüre enthält auch mehrere Zeitzeugeninterviews (S. 16), die, ebenso wie ein abgedruckter Strafbefehl (S. 17-18), aufzeigen, welche massiven Konsequenzen das Verhalten auf Toiletten nach sich ziehen konnte.

Am Ende der Broschüre sind Presseartikel abgedruckt (S. 22-23). Laut "Hamburger Abendblatt" versuchte der Chef der Hamburger Davidwache, die Überwachung der Toiletten zu rechtfertigen. Dabei wird auf zwei Gerichtsurteile (1964, 1967) verwiesen, die zwar die Überwachung für zulässig erklärten, allerdings aus der Zeit vor der Reform des § 175 stammten. Darum ist selbst für das konservative "Hamburger Abendblatt" die Position recht klar: "Weg mit den Spiegeln!", weil sie "unerträglich" seien. "Die Neue" (2. Juli 1980) schreibt von der "Peep-Show für Bullen" und merkt süffisant an: "Ob der Dienst den beobachtenden Polizisten Spaß gemacht hat, soll einmal undiskutiert bleiben."


"Das darf doch wohl nicht wahr sein": Auch die Boulevardzeitung "Hamburger Morgenpost" zeigt sich entsetzt (Ausgabe vom 4. Juli 1980)

Die zeitgenössischen schwulen Medien

Weil die Broschüre bereits Mitte Juli erschien, konnten zwar noch die Berichte der bürgerlichen Tagespresse, nicht jedoch die der schwulen Monatspresse berücksichtigt werden. Dabei ist gerade das nach dem Skandal erschienene Heft der "Du & Ich" (August 1980) hinsichtlich der Hamburger Vorgänge sehr informativ. Zunächst wird für die Broschüre "Homosexuelle bespitzelt!" Werbung gemacht (S. 45) und darauf verwiesen, dass die "Du & Ich"-Redaktion einen "maßgeblichen Anteil" an der Aufdeckung der Rosa Listen gehabt habe (S. 4), während in der Broschüre selbst nur von einer "Zusammenarbeit" mit dem herausgebenden Hamburger Lesben- und Schwulenverbund die Rede ist.

Neben dem eigentlichen Artikel "Über 2000 Homosexuelle erfasst!" (S. 66) wird in dieser "Du & Ich"-Ausgabe auch ausführlich über die Hamburger "Gay Pride Week" (S. 10, 11, 67) und über eine Hamburger Podiumsdiskussion mit Parteienvertretern am 26. Juni 1980 berichtet (S. 12-13), die im Vorfeld des Skandals stattfanden.

Einen Monat später bietet die Zeitschrift ("Du & Ich", September 1980, S. 4) noch eine spannende Ergänzung: längere Zitate aus George Orwells dystopischem Roman "1984", in dem ein totalitärer Überwachungsstaat dargestellt wird. Mit dieser Parallelisierung stand die Zeitung in dieser Zeit nicht alleine da. Nach dem Publikwerden des Skandals wurde offenbar schnell reagiert: Das "Gay Journal" (August 1980, S. 13) berichtete, dass inzwischen mehrere Toiletten "wegen Bauarbeiten geschlossen" worden seien.

Der Skandal als Theaterstück, Satire, Gedicht und Lied


Die "Peepshow für Bullen" als Theaterstück im Hamburger Schauspielhaus

Der Skandal beeinflusste nicht nur das gesellschaftspolitische Bewusstsein, sondern regte auch die Kreativität an. Schon im Dezember 1980 wurden die Ereignisse in einem Theaterstück aufgegriffen. In "Der zufällige Tod des Christian K." setzte sich der Regisseur Ulrich Waller in 20 kurzen Szenen kritisch mit der Macht von Polizisten auseinander. Sie werden hier "der Dummheit und der Kriminalität überführt; ihre Perversionen der Lächerlichkeit preisgegeben" ("Du & Ich", März 1981, S. 48). Bei allen Szenen orientierte sich Waller an realen Geschehnissen, die er satirisch überspitzt darstellte.

In der kurzen Szene "Peepshow für Bullen" geht es um die Polizisten Oskar und Heinz, die seit 16 Jahren hinter Hamburger Toilettenspiegeln sitzen und Homosexuelle observieren. Das Stück wurde im "Malersaal" des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg aufgeführt, der als Probe- und Experimentierbühne und dafür bekannt ist, dass hier die "ungewöhnlicheren und mutigeren Stücke" zu sehen sind (Prinz).

Als satirische Reflexion aus der Sicht von fiktiven Polizisten ähnelt diese Theaterszene Felix Rexhausens Satire "Dienstlich unterwegs" (abgedruckt in seinem Buch "Die Märchenklappe", 1982, S. 63-67), die aus einem fiktiven Monolog eines Polizisten besteht, der gemeinsam mit seinem Kollegen Dienst versieht. Zu ihren Berufspflichten gehört es, die Männer auf der anderen Seite des Spiegels genau zu beobachten: Schüttelt jener Herr nur ab oder wichst er schon? Einmal sagt der Polizist zu seinem die "Bild"-Zeitung lesenden Kollegen: "Als ob's nicht wichtigere Sachen zu tun gäbe für Leute wie uns! Ob diese schwulen Säue sich nun hier begrabbeln oder anderswo, ist doch scheißegal, machen tun sie's ja doch."

Man hat fast Mitleid mit den Polizisten, aber diese Satire zielt nicht auf Empathie für die Ordnungshüter, sondern verweist darauf, dass etwas nicht in Ordnung ist mit diesem Rechtsstaat. Auch Rexhausens einleitendes Gedicht verdient Beachtung:

Hinter Spiegeln, / durchschau-klaren, / in Pissoiren, /
öffentlichen, / saßen, sitzen / da und dort mal / Polizisten, /
um den Fortfall / rechter Sitten / zu gewahren /
und dann mitten / reinzufahren / und die Sittlichkeit zu schützen.

Der "Hamburger Tuntenchor" sang das Lied "Der Hammersong" (abgedruckt in: "Homosexuelle bespitzelt!", S. 21). Dabei handelte es sich um eine Parodie auf Mike Krügers damals aktuellen Blödel-Song "Der Nippel" (1980, hier auf Youtube), wobei aus Krügers populärem Nonsens-Refrain "Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh'n" die politische Message wurde: "Wir müssen nur den Hammer aus der Tasche ziehen […]"


"Der Hammersong" als schwule Parodie auf das Mike Krüger-Lied "Der Nippel"

Der "Spiegel"

Über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten berichtete das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" mehrfach über diesen Skandal. Schon der erste Artikel (14. Juli 1980, hier als PDF) unter der Überschrift "Dicker Hammer" füllt drei Seiten und gibt wieder, wie ein Hammer zur "bislang wirksamste[n] Waffe" im Kampf gegen die "Unterdrückung und Tabuisierung von Homosexuellen" wurde.

Die eh unglaubwürdige Leugnung der polizeilichen "Rosa Listen" wurde durch den Bürgerschaftsabgeordneten Henning Voscherau (SPD) relativiert, der betonte, dass die Summe der Aktenvermerke zu Toiletten "als Liste bezeichnet werden" könne. Später avancierte Voscherau zu Hamburgs Erstem Bürgermeister (1988-1997).

Im Jahr 2014 war die Spiegel-Affäre der "Auftakt einer dreiteiligen Serie zum Unrechtsparagrafen 175" (3. Juni 2014), der die persönlichen Dramen, "die sich hinter der Rechtsnorm verbergen", vorzustellen beabsichtigte. 2016 (20. April 2016) wurde das Leben von Corny Littmann geschildert und dabei die Spiegel-Affäre als das bedeutendste Ereignis in seinem Leben dargestellt. Das wird durch die Überschrift ("Dann habe ich den Hammer genommen"), die Bilderstrecke (das erste von 13 Bildern) und durch die eingestellten Videos deutlich. Im ersten dieser Videos erzählt Littmann in einem aktuellen Interview, wie er "relativ unspektakulär" den Spiegel mit einem Hammer zerstört habe.

Neuere Rückblicke anderer bürgerlicher Medien

Von den vielen Medien, die bis heute diesen Skandal in Erinnerung halten, möchte ich zwei Beiträge aus der "taz" und vom NDR herausgreifen, weil beide auf einen Sachverhalt verweisen, der in den zeitgenössischen Beiträgen offenbar unterging: Viele der Toilettenspiegel wurden installiert, als Helmut Schmidt Hamburger Innensenator war (Innensenator 1962-1965; Bundeskanzler 1974-1982) und daher eine politische Mitverantwortung trug. Von Helmut Schmidt ist bekannt, dass er nie für eine Liberalisierung oder Streichung des § 175 StGB zu gewinnen war.

Peter Ahrens stellt in seinem Artikel "Hinterm Spiegel spannt der Polizist. Hamburger Toiletten-Affäre gab vor 20 Jahren Anlass für die CSD-Tradition" (taz, 16. Juni 2000) die recht gewagte These auf: "Nicht nur wegen der Spiegel war die Hamburger Polizei vor 20 Jahren ungewollter Geburtshelfer der Christopher Street Day-Feiern." Das mutet schon deshalb merkwürdig an, weil die erste CSD-"Feier" einige Tage vor der Einwegspiegel-Aktion stattfand.

Der Beitrag von Hanna Grimm "Wie Schwule in Hamburg verfolgt wurden" (NDR, 2. August 2013) erschien anlässlich der Ausstellung "Liberales Hamburg? Homosexuellenverfolgung durch Polizei und Justiz nach 1945" und verdeutlicht, wie der Skandal heute zum festen Bestandteil der schwulen Lokalgeschichte Hamburgs gehört.


Helmut Schmidt, der als Innensenator für die Einwegspiegel mit verantwortlich war (Bild: Hamburger Senat)

Die heutige schwule Rezeption

Bis heute ist der Skandal im Gedächtnis der Schwulenszene präsent. Von den neueren Publikationen zur schwulen Geschichte lohnt sich vor allem ein Hinweis auf zwei Bücher, die im Rahmen schwuler Hamburger Lokalgeschichte von den Autoren Bernhard Rosenkranz und Gottfried Lorenz verfasst wurden. In dem auch online verfügbaren Buch "Hamburg auf anderen Wegen" (2005, S. 163-166, S. 332) wird nicht nur der Skandal, sondern es werden auch seine Nachwirkungen beleuchtet. "Auch zahlreiche ältere Homosexuelle brachen ihr Schweigen und erzählten von Toilettenverbotsscheinen, Razzien und demütigenden Polizeiverhören."

Im Buch befindet sich eine Übersicht der zehn überwachten Hamburger Toiletten mit der Angabe, wann die Beobachtungsspiegel eingesetzt wurden; in vier Toiletten geschah dies erst nach der Strafrechtsreform von 1969. Neben einer Chronologie der Ereignisse ist auf S. 332 auch das schon oben zitierte Gedicht von Rexhausen abgedruckt.

Einige Jahre später erschien von Ulf Bollmann und den beiden bereits genannten Autoren das Buch "Homosexuellenverfolgung in Hamburg 1919-1969" (2009, S. 145-148), das ebenfalls die damaligen Ereignisse gut zusammenfasst. Eine wichtige Ergänzung sind die beiden Zeitzeugeninterviews mit Michael Sell und Wilhelm Wenske, die einen Eindruck davon vermitteln, wie schwule Männer unter dem Vorgehen der Polizei litten, während der Polizist Gerhard P. betont, dass die Vorgehensweise nicht nur für die Festgenommenen, sondern auch für die eingesetzten Polizisten etwas Entwürdigendes gehabt habe. Im Buch ist auch ein sogenannter Toilettenverbotsschein abgedruckt, der nach einem "zweckwidrigen" Aufenthalt in einer Hamburger Toilette ein dreijähriges Betretungsverbot für zehn öffentliche Toiletten bedeutete.


Ein Toilettenverbotsschein von 1974

Queer.de ging schon mehrfach auf die Spiegel-Affäre ein, zum Beispiel anlässlich des 65. Geburtstages von Corny Littmann, der durch diese Aktion "zur Ikone für die Schwulenbewegung" wurde. Auch anlässlich von zwei Ausstellungen von 2017 und 2018 thematisierte queer.de das "Das Ende der 'Peepshow für Polizisten'" ein. Auf Ulrich Würdemanns Beitrag "Die Hamburger 'Spiegel-Affäre'' 1980 – Polizei-Überwachung von Klappen aufgedeckt" von 2012 sei an dieser Stelle ebenfalls verwiesen.

Die Rolle Corny Littmanns

Der Hauptakteur der Spiegel-Affäre war Corny Littmann, der für die Bundestagswahl 1980 als Spitzenkandidat der Grünen in Hamburg aufgestellt wurde und damit gute Chancen hatte, bei der Wahl am 5. Oktober Bundestagsabgeordneter zu werden. Während der Spiegel-Affäre befand er sich im Wahlkampfmodus und stand öffentlich auch mit seinem Namen dafür ein, die Spiegel eingeschlagen zu haben.

Littmann: "Im Vorfeld waren wir uns einig, dass ich den Spiegel einschlagen sollte, weil ich als Bundestagskandidat der Grünen zwar keine Immunität, aber Popularität genoss, die mich vor einer Anzeige wegen Sachbeschädigung schützen konnte." Es gibt keine Hinweise darauf, dass diese Aktion Littmann irgendwie politisch geschadet hat. Weil die Grünen bei der Wahl im Oktober wider Erwarten unter der 5-Prozent-Hürde blieben (was nicht im Zusammenhang mit der Spiegel-Affäre zu sehen ist), scheiterte auch Littmanns Einzug in den Bundestag.


Corny Littmann als Politiker im Wahlkampfmodus ("Du & Ich", September 1980)

Mit der verlorenen Bundestagswahl bleiben in Bezug auf die schillernde Person Corny Littmann einige eher hypothetische Fragen offen. Wie hätte er sich wohl als Abgeordneter des Bundestages für die Rechte von LGBT eingesetzt – immerhin drei Jahre vor Herbert Rusches und 14 Jahre vor Volker Becks Einzug in den Bundestag? Seine beiden großen Theaterhäuser – seit 1988 das "Schmidt Theater" und seit 1991 das "Schmidts Tivoli" – wären dann wohl nie eröffnet worden. Was wäre dann wohl aus den vielen Stars und Sternchen geworden, die in seinen Theatern große Erfolge feierten – wie Lilo Wanders, Marlene Jaschke, Georgette Dee und Monty Arnold? Was die Wirkung auch auf die überregionale Theaterszene und das Fernsehen angeht, ist Corny Littmann mit Walter Bockmayer in Köln vergleichbar, der im Rahmen seiner Theaterarbeit als Entdecker und Förderer von Hella von Sinnen, Dirk Bach und Ralph Morgenstern gilt.

Über die Verdienste des Politikers Littmann lässt sich nur spekulieren. Wären die Grünen 1980 in den Bundestag gekommen, hätte er aber vermutlich seine Theaterarbeit seiner politischen Arbeit opfern müssen. Die Hamburger Kulturszene wäre ohne den Theatermacher Littmann auf jeden Fall ärmer.

Was bleibt

Als sehr untypisch an diesem Skandal sehe ich den Umstand an, dass fast alle Medien deutlich Partei für die Schwulen ergriffen. In den Zeitungen wurden eben nicht der schwule Sex auf öffentlichen Toiletten, sondern die heimliche Überwachung durch die Polizei und das offensichtliche Führen von Rosa Listen problematisiert. Gerade weil das Verhältnis der Schwulenbewegung zu den bürgerlichen Medien zu dieser Zeit eher schwierig war, fällt ihr Lob für die Presse besonders auf: "Wir danken allen Pressevertretern für die teilweise sehr gute und sachliche Berichterstattung" (Broschüre "Homosexuelle bespitzelt!", S. 2). Dieses Lob haben sich die Medien verdient, auch wenn es ihnen dabei vielleicht auch um die vielen hetero- und homosexuellen Männer ging, die von der Polizei nicht beim Pinkeln beobachten werden sollten.

Was bleibt, ist aber vor allem die Erinnerung an eine vorbildliche Aktion. Sachbeschädigung lässt sich zwar nicht immer legitimieren, gehört aber in diesem Fall genau zu jenem Maß an zivilem Ungehorsam, das einer Demokratie gut tut, denn sie war nicht Ausdruck zielloser Wut, sondern reflektiert und auch verhältnismäßig, gemessen an dem Unrecht, Toilettenbesucher heimlich zu beobachten. Es gibt Situationen, in denen es dringend notwendig ist, dass Polizisten beobachten, filmen, fotografieren und Listen bzw. Dateien anlegen. Das heimliche Beobachten von Menschen in öffentlichen Toiletten und das Führen von Homosexuellenlisten gehören nicht dazu.

Die Aktion war darüber hinaus auch erfolgreich. Mit dem Abbau der Einwegspiegel hatte die Aktion ganz praktische Konsequenzen und trug auch langfristig zur Veränderung politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse bei. Einer der wichtigsten Erfolge lässt sich leider am schlechtesten dokumentieren. Aufgrund einer großen Welle der Solidarität konnten viele Schwule nun das Gefühl haben, nicht mehr hilfloses Opfer der Polizei und des Staates zu sein, sondern sich gemeinsam und erfolgreich gegen Unrecht wehren zu können.

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#1 Felix-baerlinAnonym
  • 30.06.2020, 05:43h
  • Ein super Artikel!

    Dem letzten Absatz möchte ich ergänzen: ... und sie konnten befreiter Sex auf der Klappe haben!
    Das waren noch Zeiten.
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#2 Pink FlamingoAnonym
#3 mactorProfil
  • 30.06.2020, 10:44hBerlin
  • Vielleicht bin ich zu jung um das zu verstehen aber warum hat man damals (wie heute) in stinkenden Klohäuschen Sex etc.?

    Damals waren die Städte und Landschaften noch lange nicht so zugebaut wie heute.
    Die Parkanlagen waren schön dicht bewachsen... Das ist doch um Welten besser...

    Verstehe schon warum die Heten und wir das betrunken oder voll Drogen in den Clubs auf den dortigen Müllhalden Klos machen - gibt dort keine Alternative- aber nüchtern???

    Ansonsten war das damals sicher ne gute Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Polizisten. 95 Prozent Sinnloses warten und den Leuten beim Pinkeln zuschauen und 5 Prozent "Porno" der nie Gerichtsfest war...
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#4 SPD mal wiederAnonym
  • 30.06.2020, 12:25h
  • Helmut Schmidt (SPD), der möchtern-intellektuelle Orgelspieler und Schwulenhasser ...
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#5 MarcAnonym
  • 30.06.2020, 12:29h
  • "Helmut Schmidt, der als Innensenator für die Einwegspiegel mit verantwortlich war"

    So viel zur These, die SPD sei früher besser gewesen als heute.

    die SPD war immer schon ein scheinheiliger, doppelzüngiger Verein.
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#6 Ach jaAnonym
  • 30.06.2020, 13:01h
  • Antwort auf #5 von Marc
  • Was bitte war an der SPD da doppelzüngig?
    Helmut Schmidt war bekanntermassen ein Gegner von Schwulenrechten und repräsentierte damit auf diesem Gebiet den größten Teil der Bevölkerung, große Teile der SPD und fast 100% der Union.
    Was soll dieses blöde Nachtreten mit Bezug zu Heute?
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#7 richtig_soAnonym
#8 Pink FlamingoAnonym
  • 30.06.2020, 13:37h
  • Antwort auf #3 von mactor
  • Wie Du schon selber von Dir beschrieben hast, bist Du wohl zu jung um zu verstehen, weshalb wir es damals auf den Klappen, Klos getrieben haben. Und nebenbeibemerkt stinkig wars nicht überall. Im übrigen haben sich damals nicht nur Erwachsene auf den Klos schnell mal Penetriert, sondern auch gerne Schüler nach Schulschluss. Dementsprechend waren gegen Mittag auch die Schwestern unterwegs, welche auf jüngere stehen. Damals war in Westberliner Tiergarten besonders im Sommer abends u. i.d. Nacht fast mehr los, als am Tage, um die Siegessäule herum. Sehr zum Ärger der Gartenbaubetriebe, die extra für uns Stolperfallen durch dickes Astwerk auf die Trampelpfade legte. Denn es wurden ganze Sträucher kaputtgetrampelt. Sieht man im übrigen noch heute.
    Besonders im Winter waren solch Buschecken beileibe kein schöner Anblick. Papiertaschentücher, Kondome etc.
    Anfang der 90er Jahre beschloss dann der Berliner Senat, alle öffentliche Toiletten dicht zu machen. Unter anderem auch wegen kriminelle Übergriffe.
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#9 ursus
  • 30.06.2020, 13:52h
  • Antwort auf #3 von mactor
  • "Vielleicht bin ich zu jung um das zu verstehen aber warum hat man damals (wie heute) in stinkenden Klohäuschen Sex etc.?"

    Vielleicht bin ich zu alt das zu verstehen, aber wie kommt man auf die Idee, statt der empörenden staatlichen Repression, die im Artikel beschrieben wird, das Verhalten der Opfer zum Diskussionsthema zu machen?
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#10 StaffelbergblickAnonym
  • 30.06.2020, 14:50h
  • Antwort auf #8 von Pink Flamingo
  • womit wir wieder beim Aufklärungsfilm aus der Vor-AIDS-Zeit wären ... "Taxi zum Klo". Frank durchs Gebüsch an der Siegessäule streifend mit Klappenbesuch. Der abrupt endet nachdem sein "Opfer" merkt, dass der mit dem Krankenhausnachthemd wohl gerade nicht der richtige Fickpartner ist. Für den Nachwuchs: Es war die Zeit, als es noch keine Impfung gegen Hepatitis B gab und so manche Schwulen dann wochen- bzw monatelang isoliert in "bekannten" Hepatitisstationen Berlins lagen.
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