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"Eine Gefühlsart, die ich ehre"

Das verschwurbelte Coming-out des Thomas Mann

Heute vor genau 100 Jahren – am 4. Juli 1920 – schrieb Thomas Mann in einem Brief an Carl Maria Weber so offen wie nie über seine eigenen homosexuellen Neigungen. Ein sprachlich spannendes Zeitdokument.


Thomas Mann im Jahr 1929 (Bild: Bundesarchiv)

Der Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) war einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Seine Schwärmereien für Jünglinge bzw. junge Männer fanden auch in seinem literarischen Werk ihren Niederschlag, wie in "Buddenbrooks" (Hanno Buddenbrook / Kai Graf Mölln), "Tonio Kröger" (Tonio Kröger / Hans Hansen) und "Der Zauberberg" (Hans Castorp / Pribislav Hippe). In seiner Novelle "Der Tod in Venedig" (1911) – von Luchino Visconti 1971 als "Tod in Venedig" verfilmt – sind die homoerotischen Aspekte in der Beziehung zwischen Gustav von Aschenbach und Tadzio von zentraler Bedeutung.

Seine homoerotischen Vorlieben, die Thomas Mann vermutlich nie ausgelebt hat, wurden posthum auch durch seine Briefe und Tagebücher deutlich. Sie veranschaulichen, dass er der Liebe zu jungen Männern eine zentrale Bedeutung in seinem Leben beigemessen hat. Zu den neueren Büchern über Thomas Mann gehören auch jene, die sich ausführlich mit der Homoerotik des Autors beschäftigen, wie Karl Werner Böhm: "Zwischen Selbstzucht und Verlangen. Thomas Mann und das Stigma Homosexualität" (1991) und Gerhard Härle: "Männerweiblichkeit. Zur Homosexualität bei Klaus und Thomas Mann" (2002).

Zum Adressaten Carl Maria Weber


Carl Maria Weber (Bild: Nyland-Stiftung)

Zu Thomas Manns Freunden zählte der Schriftsteller und Lehrer Carl Maria Weber (1890-1953). Dieser hatte schon während seines Studiums an der Universität Bonn (1912 bis 1914) Kontakte zu dem Homosexuellenaktivisten Kurt Hiller geknüpft. Als Vorsitzender der freien Studentenschaft hatte er 1912 Thomas Mann (erfolglos) an die Uni Bonn eingeladen und ihm 1913 seine Rezension von "Der Tod in Venedig" zugeschickt, worauf ein Briefwechsel entstand.

In der Weimarer Republik engagierte sich Weber in der Wandervogelbewegung und war von 1921 bis 1926 Lehrer an der von Gustav Wyneken geführten "Freien Schulgemeinde Wickersdorf". Ab 1937 war er Lehrer im Landerziehungsheim Marquartstein, wo ihm allerdings seine pazifistische Einstellung und seine Homosexualität die Tätigkeit zunehmend erschwerten. 1920 hatte Weber seine Schrift "Erwachen und Bestimmung" an Thomas Mann geschickt und sich positiv über "Der Tod in Venedig" geäußert. Darauf reagierte Thomas Mann am 4. Juli 1920 mit einem längeren Brief.

Einleitendes zum Brief vom 4. Juli 1920

Wegen seines Umfangs kann der zwölfseitige Brief vom 4. Juli 1920 nachfolgend nur auszugsweise zitiert werden. Weil der Text – trotz seiner besonderen historischen Bedeutung – nicht online verfügbar ist, habe ich zu dem wichtigen zweiten Teil des Briefes ein Video von acht Minuten initiiert, realisiert und bei Youtube online gestellt. Ich bedanke mich hiermit recht herzlich bei Volker Hein (Schauspieler und Sprecher) und Robert Hennes (Kamera).

Aufgrund der Bedeutung Thomas Manns ist der gesamte Brief auch in Ausgaben seiner Briefe in Bibliotheken leicht verfügbar. Den Brief und die Erläuterungen dazu zitiere ich nachfolgend nach der Thomas-Mann-Gesamtausgabe in 38 Bänden (S. Fischer Verlag, 2004, Band II der Briefe, u. a. S. 347-353, S. 880-882). An einer anderen Stelle dieser Gesamtausgabe (S. 663) wird hervorgehoben, dass es sich bei dem Brief vom 4. Juli 1920 um "Thomas Manns wohl einlässlichste Stellungnahme zur Homoerotik" handelt. Anders ausgedrückt: Es ist kein anderes Dokument bekannt, das die homoerotische Neigung Thomas Manns besser zum Ausdruck bringt.

Direktlink | Thomas Manns Brief vom 4. Juli 1920 an Carl Maria Weber

Der Brief vom 4. Juli 1920

In dem Brief freut sich Thomas Mann über Webers "Verteidigung" von "Der Tod in Venedig" – "gegen Einwände und Vorwürfe, die Ihnen selbst nur zu geläufig sein mögen. Ich wollte, Sie hätten teilgenommen an dem Gespräch, das ich neulich […] über diese Dinge hatte; denn es wäre mir höchst unerwünscht, wenn Ihnen […] der Eindruck bliebe, daß ich eine Gefühlsart, die ich ehre, weil sie fast notwendig […] Geist hat, hätte verneinen oder sie, soweit sie mir zugänglich ist – und ich darf sagen, sie ist es mir kaum bedingter Weise – hätte verleugnen wollen. […] Leidenschaft als Verwirrung und Entwürdigung war eigentlich der Gegenstand meiner Fabel ["Der Tod in Venedig"], – was ich ursprünglich erzählen wollte, war überhaupt nichts Homo-Erotisches […]".

"Abschließen wollte ich [den Brief] nicht, ohne Ihnen über mein Verhältnis zu jener Gefühlsrichtung im Allgemeinen noch etwas gesagt zu haben. Sie werden nicht von mir verlangen, daß ich sie absolut über die landläufigere stelle. Sie absolut 'darunter' zu stellen, könnte nur ein Grund [sein]: der ihrer Unnatürlichkeit, den schon Goethe triftig zurückgewiesen hat. Offenbar gilt das Gesetz der Polarität nicht unbedingt, das Männliche braucht nicht notwendig vom Weiblichen angezogen zu werden, die Erfahrung widerlegt die Behauptung, daß 'Effemination' dazu gehöre […]. Sie lehrt freilich auch, daß Entartung, Zwittertum, Zwischenstufenwesen, kurz abstoßend Pathologisches […] häufig der Grund ist. […] Es kann andererseits keine Rede davon sein, daß etwa Michelangelo, Friedrich der Große, Winkelmann, Platen, George unmännliche oder weibische Männer seien. […] Daß reife Männlichkeit zarter und schöner sich zärtlich neigt, dieser nach jener die Arme streckt, darin finde ich nichts Unnatürliches. [Homo- und Heterosexualität] produzieren Gemeinheit und Kitsch, und beide sind des Höchsten fähig. […] Ich bin […] Familienvater von Instinkt und Überzeugung. Ich liebe meine Kinder […], – da haben Sie den Bürger[lichen]. Soll nun aber vom Erotischen, vom unbürgerlichen, geistig-sinnlichen Abenteuer die Rede sein, so stellen die Dinge sich doch ein wenig anders da. [Zum] Problem des Erotischen [habe ich] Andeutungen gemacht an einer Stelle, wo man es nicht hätte erwarten sollen [in den "Betrachtungen eines Unpolitischen"]. Zwei Welten, deren Beziehung erotisch ist, 'ohne daß die Geschlechtspolarität deutlich wäre', ohne daß die eine das männliche, die andere das weibliche Prinzip darstellte […]. Der Geist, welcher liebt, ist nicht fanatisch, er ist geistreich, er ist politisch, er wirbt […]. Sagen Sie mir, ob man sich besser 'verraten' kann. Meine Idee des Erotischen […] ist hier vollkommen ausgedrückt. […] was liegt hier anderes vor, als die Übersetzung eines [der] schönsten Liebesgedichtes der Welt ins Kritisch-Prosaische, des Gedichtes, dessen Schlußstrophe beginnt: 'Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste'. Dies wunderbare Gedicht enthält die ganze Rechtfertigung der in Rede stehenden Gefühlsrichtung und die ganze Erklärung dafür, die auch die meine ist. George hat zwar gesagt, im "T.[od] i.[n] V.[enedig]' sei das Höchste in die Sphäre des Verfalls hinabgezogen, – und er hat Recht […]. Aber Verleugnung und Verunglimpfung? Nein. Daß K.[urt] Hiller die Erzählung liebt, freut mich zu hören, denn ich achte Hiller; seine intellektualistische Schärfe ist ohne Frechheit, […] seine Angriffe auf mich blieben anständig. […] Der humanitäre Aktivismus, den Hiller aus den Wurzeln seiner Sexualität [zieht], ist mir fremd, oft widerwärtig. […] Hillers Feindschaft gegen mich ist die der Aufklärung gegen die Romantik. […] Es ist darin bei weitem nicht soviel Tschandalatum, wie in Dr. Hirschfelds gräßlichem 'Komitee' […]. Um dem Gegenstand gerecht zu werden, hätte ich die Abhandlung schreiben müssen, die zu schreiben es freilich an der Zeit wäre."

Einige Erläuterungen zum Brief

Einige Andeutungen im Text bedürfen einer näheren Einordung.

Zu "Goethe": In einem Gespräch mit Friedrich von Müller betonte Johann Wolfgang von Goethe am 6. April 1830: Die Homosexualität liege "in der Natur, ob sie gleich gegen die Natur sei". Diese Äußerung bzw. dieses Paradoxon ist mittlerweile recht bekannt und wird häufig zitiert. Man findet eine Auseinandersetzung um dieses Goethe-Zitat im Rahmen der frühen Homosexuellenbewegung bei Magnus Hirschfeld ("Die Homosexualität des Mannes und des Weibes", 1914, S. 347) und auch beim Philosophen Arthur Schopenhauer (s. dazu meinen Schopenhauer-Artikel auf queer.de).

Zu "George": Damit ist der Dichter Stefan George (1868-1933) gemeint, der sich homoerotisch zu Jünglingen hingezogen fühlte. George war der Mittelpunkt des nach ihm benannten George-Kreises, dem auch einige Homosexuelle wie die Germanisten Friedrich Gundolf und Ernst Bertram und der Theaterregisseur Saladin Schmitt angehörten.

Zu "Michelangelo, Friedrich der Große …": Diese und weitere Männer gehören seit Beginn der ersten deutschen Schwulenbewegung zur "homosexuellen Ahnengalerie" – also einer Liste von Prominenten, die als homosexuell angesehen wurden, sich als positive Identifikationsmöglichkeiten für homosexuelle Männer eigneten und ihnen in der Gesellschaft Respekt verschaffen sollten.

Zu Manns Schrift "Betrachtungen eines Unpolitischen" (1918): Dieses Buch wird im Kontext von Homosexualität in dem Sammelband "Homosexualität und Staatsräson: Männlichkeit, Homophobie und Politik in Deutschland 1900-1945" (Hrsg. Susanne zur Nieden, 2005, S. 126-128, hier S. 127) von dem Historiker Harry Oosterhuis gut beschrieben: "Der homoerotische Grundzug des Essays beruht auf seiner [Manns] misogynen Haltung und seiner Verherrlichung der militärisch-heldenhaften Männlichkeit und der engen Kameradschaft unter Soldaten." Zu Manns Faszination für Männerbünde passt, dass er seine Ansichten in Hans Blühers "Die Rolle der Erotik in der männlichen Gesellschaft" bestätigt sah.

Zu dem Zitat "Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste": Die Zeilen stammen aus Friedrich Hölderlins Ode "Sokrates und Alcibiades". In meinem Artikel zu Hölderlins 250. Geburtstag auf queer.de bin ich im Rahmen der schwulen Emanzipationsgeschichte auch auf diese Ode eingegangen.

Zu "Dr. Hirschfelds gräßlichem 'Komitee'": Damit sind Magnus Hirschfeld und das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee" (Whk) gemeint, das sich 1897 als erste homosexuelle Interessenvertretung der Welt gründete und ab 1899 das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" herausgab. Weil Hirschfeld den Begriff der sexuellen Zwischenstufen geprägt hatte, ist es offensichtlich, dass Thomas Mann bei den kurz vorher niedergeschriebenen Zeilen "Zwischenstufenwesen, kurz abstoßend Pathologisches" ebenfalls das WhK vor Augen hatte. Später unterstützte er allerdings Hirschfelds Kampf gegen den § 175 RStGB. Manns Ausdruck "Tschandalatum" ist hier – im Sinne des von Mann verehrten Philosophen Friedrich Nietzsche – als angeblich ressentimentgeladene Moral niedrigstehender Menschen zu verstehen (siehe: Erläuterungen zum Brief in der Thomas-Mann-Gesamtausgabe, S. 882).

Weitere Briefe von Thomas Mann an Carl Maria Weber

Der hier behandelte Brief ist der zweite von mehreren bekannten Briefen Thomas Manns an Carl Maria Weber. Im ersten dieser Briefe vom 18. Januar 1917 (Thomas-Mann-Gesamtausgabe, S. 171, S. 662-667) ging es u. a. um das spannungsgeladene Verhältnis zu dem Homosexuellenaktivisten Kurt Hiller, wobei Mann betont, dass es kein Problem darstelle, dass Weber "gut sein [Hillers] Freund und zugleich meiner Arbeit zugethan bleiben" könne.


Der Schriftsteller und Schwulenaktivist Kurt Hiller (1885-1972)

In seinem dritten Brief an Weber vom 29. Juli 1920 (Thomas-Mann-Gesamtausgabe, S. 359-360, S. 888) kam Thomas Mann auf seinen Brief vom 4. Juli zurück, "worin ich Ihnen mein Verhältnis zu dem merkwürdigen, schönen, tiefen, und fruchtbaren Problem deutlich zu machen suchte, um das auch ich einmal – und zwar auf leider nicht mißzuverstehende Weise – dichterisch geworben habe".

Damit ist offenbar die deutliche Auseinandersetzung mit Homoerotik in "Der Tod in Venedig" gemeint, die Thomas Mann inzwischen wohl bereute. Zudem wollte Thomas Mann ein Missverständnis aufklären, nämlich inwieweit ihm die ausgeführte [homoerotische] "Gefühlssphäre" zugänglich sei. Anders ausgedrückt: inwieweit er selbst homoerotisch empfand. Thomas Mann hatte am 4. Juli geschrieben, dass ihm die homoerotische "Gefühlssphäre" in "kaum bedingter Weise" zugänglich sei, womit er, wie er nachträglich erklärt, "fast unbedingt" gemeint habe. Ohne ein "persönliches Gefühlsabenteuer" wäre "Der Tod in Venedig" so nicht entstanden. Anscheinend will Thomas Mann damit gegenüber Weber betonen, dass er sich in die Homoerotik nicht nur von außen eingefühlt, sondern dass er dieses Gefühl auch selbst erlebt habe.

Eine vorsichtige Interpretation von Manns verklausulierter Formulierung ist hier allerdings schon deshalb nötig, weil der vorherige Brief von Weber an Mann vom 16. Juli nicht überliefert ist. Vermutlich hatte Weber Mann für dessen Einfühlungsvermögen gelobt. Dieses Lob wollte Thomas Mann nicht annehmen, sondern betonte, dass "Der Tod in Venedig" durchaus auf eigenem Gefühlserleben beruhe. Ein Briefwechsel von Thomas Mann mit Carl Maria Weber ist bis 1949 belegt.

Sekundärliteratur zu diesem Brief

In der schwulen Geschichtsforschung ist der Brief vom 4. Juli 1920 bekannt und in der Sekundärliteratur gibt es mehrfache Verweise auf ihn. Für mein Buch "Anders als die Andern. Schwule und Lesben in Köln und Umgebung 1895-1918" (2006, S. 149-151; hier als kostenloses PDF) war Carl Maria Weber mein Ausgangspunkt und ich habe seine Freundschaft mit Thomas Mann und auch diesen Brief kurz skizziert.

Der Historiker Bernd-Ulrich Hergemöller ("Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mannmännlicher Sexualität im deutschen Sprachraum", 2010, 2. Bd., S. 1233-1234) sieht in diesem Brief den Ausdruck eines engen Freundschaftsverhältnisses, weil er deutlich mache, dass Thomas Mann in Carl Maria Weber "einen der wenigen Vertrauten [sah], mit dem er relativ offen über die Probleme seiner eigenen Sexualität und die Homoerotik insgesamt diskutieren konnte". Außerdem wird er als "Schlüsseltext" für Thomas Manns Verhältnis zur Homoerotik bezeichnet (1. Bd., S. 786).

Andere Autoren haben den Brief aufgegriffen, um damit die Einstellung Manns zur Homoerotik und zum "Tod in Venedig" zu verdeutlichen (s. Richard Winston: "Thomas Mann. Das Werden eines Künstlers 1875 bis 1911", 1985, S. 365-366). Jan Steinhaussen "Aristokraten aus Not und ihre 'Philosophie der zu hoch hängenden Trauben'" (2001, S. 15-16, S. 87) fokussiert in diesem Brief Thomas Manns Äußerungen über Männlichkeit und Weiblichkeit, seine Kritik an Magnus Hirschfeld und Kurt Hiller sowie seine positive Einstellung zu Stefan George.

Bewertung des Briefes


Die Tagebücher verdeutlichen, dass Thomas Mann mehrere Tage an diesem Brief geschrieben hat (hier in der Ausgabe vom S. Fischer Verlag)

Aus Thomas Manns Tagebucheintrag vom 5. Juli 1920 wissen wir, dass er an diesem zwölfseitigen Brief mehrere Tage schrieb, was seiner Aussage am Ende des Briefes zu widersprechen scheint, er habe diesen Brief nur "flüchtig" und "ungeordnet" geschrieben. Seine Erläuterungen über Homosexualität im Allgemeinen und die Überleitung zu seiner eigenen Situation als Familienvater zeigen durchaus Struktur und beinhalten wohlüberlegte Formulierungen. Dabei geht es bei Weitem nicht nur darum, dass Thomas Mann ein positives Verhältnis zur Homosexualität hatte, sondern auch darum, dass er einem Freund seine eigenen homoerotischen Gefühle beschrieb. Für diese Zeit und für seine Position sind dies erstaunliche Äußerungen, deren Brisanz ihm bestimmt bewusst war. Obwohl es bei allen Textstellen "nur" um homoerotische Gefühle und nicht um homosexuelle Handlungen geht, hat Thomas Mann mit diesen Äußerungen große innere Stärke bewiesen. Man kann vermuten, dass die Vorbehalte von Mann gegen Hirschfeld und Hiller auch darin bestanden, dass diese auch homosexuelle Handlungen legitimieren und legalisieren wollten. Thomas Manns Einstellung gegenüber homosexuellen Handlungen bleibt kompliziert und ambivalent, auch wenn er später den Kampf gegen den § 175 unterstützte.

Bei dem Brief irritiert es zunächst, dass sich Thomas Mann zwar über sehr persönliche Themen mitteilt, dabei aber stets beim förmlichen "Sie" in der Anrede bleibt. Dieser Umstand ist insofern aber nicht verwunderlich, weil Thomas Mann auch bei engeren Bekannten und Freunden, wie gegenüber dem Literaturwissenschaftler Ernst Bertram, das "Du" vermied.

In Bezug auf Homoerotik findet Thomas Mann keine direkten bzw. deutlichen Worte und verwendet Ausdrücke wie "Dinge", "der in Rede stehenden Gefühlsrichtung", "Gegenstand" und "Problem". Diese geschwurbelte Sprache lässt sich mit etwas gutem Willen als kreativ, aber ebenso als ängstlich und sprachlich gehemmt bezeichnen. Dabei gilt ausgerechnet der Verfasser dieser Zeilen (zu Recht) als einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der für seine Fähigkeit, sich schriftlich auszudrücken, einen Nobelpreis für Literatur bekam. Diese Diskrepanz macht Thomas Mann in meinen Augen aber nicht kleiner oder unbedeutender, sondern menschlicher.

Kritisch sehe ich etwas anderes: Sehr bewusst habe ich aus dem Brief auch die Sätze zitiert, mit denen Thomas Mann feminine Schwule, maskuline Lesben, intergeschlechtliche Menschen etc. zu Kranken stilisiert ("Zwischenstufenwesen, kurz abstoßend Pathologisches"). Für mich sind diese Formulierungen gleichermaßen unangenehm und unangemessen. Eine legitime Bewunderung für das Maskulin-Männliche, wie sie Thomas Mann empfand und worin er sich durch Stefan George und Hans Blüher bestätigt sah, muss schließlich nicht mit der Diskreditierung anderer Menschen einhergehen. Es gibt keinen Grund, Thomas Mann, der in der Literaturwissenschaft manchmal als Lichtgestalt angesehen wird, uneingeschränkt auf ein Podest zu heben.

Wer das Original dieses Briefes vom 4. Juli 1920 besitzt, ist übrigens seit mehr als einem halben Jahrhundert vollkommen unklar. Auch das Thomas-Mann-Archiv an der ETH-Bibliothek in Zürich besitzt nur eine Kopie, die in den Sechzigerjahren ins Archiv gelangte, als die erste Briefedition Thomas Manns entstand und öffentlich zur Einsendung von Kopien von Thomas-Mann-Briefen aufgerufen wurde. Aus Gründen des Urheberrechtes bzw. Eigentumsrechtes darf das Archiv daher keine Abdruckgenehmigung für ein Faksimile erteilen, was ich erbeten hatte. Ich hoffe, dass dieser Brief noch existiert und sich der unbekannte Besitzer seiner Bedeutung bewusst ist. Die Chance, dass dieser Brief irgendwann den Weg in ein öffentliches Archiv findet, ist allerdings sehr gering.

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#1 goddamn liberalAnonym
  • 04.07.2020, 12:10h
  • Mal wieder vielen Dank für den tollen Artikel!

    Da soll man/Mann mal nicht schwurbeln, wann Mann/man im Land des Par. 175 höchst erpressbar ist und sich bald auch neben Neidern noch gefährliche politische Todfeinde macht.

    Im 'Felix Krull' sah er den Gender Trouble nachher auch wesentlich lockerer.
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#2 Girlygirl
  • 04.07.2020, 15:20h
  • Thomas Mann ist ja nicht der einzige Homosexuelle bzw. Bisexuelle in seiner Familie. Sein Sohn Klaus Mann (Autor des Schlüsselromans "Mephisto") und seine Tochter Erika Mann waren beide homo- oder bisexuell. Im Nachhinein kann man Leute zwar nicht einer bestimmten Sexualität zuordnen, aber es gibt klare Andeutungen, dass die drei zumindest homosexuelle Gefühle/Erfahrungen hatten.
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#3 goddamn liberalAnonym
#4 NeugierigAnonym
#5 goddamn liberalAnonym
  • 04.07.2020, 23:56h
  • Antwort auf #4 von Neugierig
  • Vergnarzt meint reichlich kompliziert, vertrackt.

    Golo Mann war z. B. im Vergleich zu seinem Bruder Klaus, der offen schwul war, lebenslang im Schrank.

    Politisch war er auch oft ziemlich verpeilt. Hat z. B. 1980 Wahlkampf für Franz Josef Strauß gemacht.

    Das muss ja nicht sein.
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#6 NeugierigAnonym
#7 ei gudeAnonym
  • 05.07.2020, 11:12h
  • Antwort auf #5 von goddamn liberal
  • Golo Mann war halt schüchterner und zurückhaltender als die deutlich extrovertierteren Geschwister Klaus und Erika. Dass ein solcher Mann nicht gerade herumposaunt, mit Männern zusammenzuleben - in einer Zeit, in der ihn das ins Gefängnis bringen konnte - wer will ihm das vorwerfen? Auch nach 1969 ging er damit nicht hausieren.
    Seine Berufung auf einen Lehrstuhl in Frankfurt wurde von den "Geistesgrößen" Adorno und Horkheimer mit heimtückischen Denunziationen als "heimlicher Antisemit" und "Homosexueller" ("homosexuell und damit untragbar als Lehrer der akademischen Jugend") hintertrieben.
    Marcel Reich-Ranicki vermutete persönliche Gründe für diese Heimtücke: "Sie haben zwar mit seiner Homosexualität argumentiert, aber eigentlich wollten sie keinen Mann als wichtigen Professor in Frankfurt haben, dem man keinerlei Nazi-Vergangenheit nachsagen konnte. Golo Mann war ein völlig unabhängiger Mann mit einem großen Namen. Adorno und Horkheimer wollten regieren und auf keinen Fall einen solchen Mann neben sich haben."

    www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/autoren/zum-100-gebur
    tstag-von-golo-mann-war-so-ein-mensch-als-kollege-wuenschbar
    -1926434.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2&service
    =printPreview&service=printPreview


    Wegen Strauß: Dass die sexuelle Orientierung nicht die politische Ausrichtung bestimmt, sollte doch spätestens seit Röhm und Kühnen niemanden mehr verwundern.
    In einem "Spiegel"-Interview von 1980 offenbarte Mann, dass sich seine Unterstützung Strauß' weniger aus der Bewunderung seiner Person, als mehr aus der Unterstützung der damaligen Unions-Politik ableitete.

    www.spiegel.de/spiegel/print/d-14325485.html

    Daraus:
    "Im übrigen bin ich Herrn Strauß vielleicht fünfmal in meinem Leben begegnet. [...] Ich glaube in der Tat, daß er kein Menschenkenner ist, was übrigens Adenauer auch nicht war. Er ist auf Grund seiner intellektuellen Überlegenheit ein sehr hochmütiger Mensch, der das Glück und Unglück hatte, nie geschliffen zu werden, nie durchs Joch zu müssen, allenfalls als Soldat.
    [...]
    In der politischen Beurteilung muß man immer Kompromisse schließen.
    [...]
    Zeigen Sie mir den idealen Bundeskanzler, und ich bin sofort für ihn.
    [...]
    Wenn Schmidt Kandidat der Unionsparteien wäre, würde ich dringend empfehlen, ihn zu wählen."
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#8 EchterLiberalerAnonym
  • 05.07.2020, 16:40h
  • Antwort auf #5 von goddamn liberal
  • Interessant, der Ausdruck verpeilt in Bezug auf Wahlkampf machen für eine Partei, die 50 Jahre in diesem Land die Regierung gestellt hat...
    Und das ist dann gottverdammt liberal?!
    Liberal wäre es vor allem, nicht immer alle anderen, die anders ticken verbal herabzuwürdigen...
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#9 KaiJAnonym
#10 goddamn liberalAnonym
  • 05.07.2020, 17:53h
  • Antwort auf #8 von EchterLiberaler
  • Liberal ist v.a. Meinungsfreiheit.

    Und Ironie. Liegt aber nicht jedem.

    Vergnarzt ist es schon, wenn Golo Mann im Land des rosa Winkels Werbung für einen Politiker wie FJS machte, der von sich sagte:

    "Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder."

    Nebenbei: Dass die CSU so lange in der Regierung war, spricht vielleicht weniger für sie als gegen dieses Land.
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