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Queerfilmnacht

Wenn aus Konkurrenten Liebende werden

Von Homo-Hassern gestörte Premiere, wegen Corona verspäteter Kinostart: "Als wir tanzten", der erste queere Film, der in Georgien spielt, musste einiges mitmachen. Jetzt kommt das herzzerreißende Drama endlich auf die Leinwand!


Schauspieler Levan Gelbakhiani als schwuler Ballettschüler Merab. Als es bei der Georgien-Premiere von "Als wir tanzten" im November 2019 zu homophoben Protesten durch rechtsextreme Gruppen und die Orthodoxe Kirche kam, unterstützte er die LGBTI-Community und kritisierte den entgegengebrachten Hass (Bild: Edition Salzgeber)
  • Von Fabian Schäfer
    4. Juli 2020, 01:50h, noch kein Kommentar

Als Merab (Levan Gelbakhiani) nicht schlafen kann, öffnet er seine Nachttischschublade und holt einen etwas verbogenen goldenen Ohrring aus einer Metalldose. Wie einen Handschmeichler wiegt er ihn in seiner Hand, umgreift ihn, ballt die Faust, zieht sie nahe zu sich heran. Ein Talisman, ein wertvolles Erinnerungsstück.

Der Ohrring, er gehörte Irakli (Bachi Valishvili). "Was ist das?", fragte der strenge Tanzlehrer, als der Ersatztänzer Irakli den Saal betrat. "Ein Ohrring", antwortet der mit einem schelmischen Grinsen. Da hatte er bereits die Sympathien des restlichen Ensembles auf seiner Seite, auch die von Merab.

Zunächst ist er ein weiterer Konkurrent um den frei werdenden Platz im Hauptensemble, der frei wird, weil der Vorgänger beim Sex mit einem Mann erwischt wurde und zur "Heilung" ins Kloster geschickt wurde. Doch die zwei Tänzer freunden sich spätestens beim gemeinsamen Training an. Und dabei bleibt es nicht. Langsam steigert sich die Spannung zwischen den beiden, bis sie nicht mehr auszuhalten ist und sich entlädt.

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Der Hauptdarsteller musste von der schwulen Rolle überzeugt werden


Poster zum Film: "Als wir tanzten" startet am 23. Juli regulär im Kino und läuft in diesem Monat auch in der Queerfilmnacht

"Herzzerreißend" ist eine dieser Filmkritik-Vokabeln, die zu inflationär gebraucht wird. Doch "Als wir tanzten" ist genau das: Das innige Drama zerreißt einem das Herz. Die zarte schwule Liebesgeschichte der zwei jungen Erwachsenen, die trotz aller Widrigkeiten zueinander finden, und die, so viel sei verraten, doch dem Druck nicht standhalten können, ist schmerzhaft und romantisch zugleich.

Doch der Film des schwedischen Regisseurs Levan Akin ist viel mehr als eine Liebesgeschichte: Der Film entführt in eine Welt der Tradition, Gesänge und Gebete. Auch wenn Georgien liberaler als seine Kaukasus-Nachbarn Aserbaidschan und Armenien ist und bei Tourist*innen immer beliebter wird, zeigt "Als wir tanzten" eine Gesellschaft abseits des Nationalgerichts Chatschapuri oder des Techno-Clubs "Bassiani". Eine Gesellschaft, die zwischen Sowjetvergangenheit und EU balanciert und die von Einkommensunterschieden beherrscht wird. Merab teilt sich ein Zimmer mit seinem Bruder und nimmt übriges Essen von seinem Kellnerjob mit nach Hause, wo auch mal der Strom ausfällt.

Getragen wird "Als wir tanzten", dessen Georgien-Premiere im November von gewaltbereiten Homo-Hassern überschattet wurde, vor allem von seinem Hauptdarsteller Levan Gelbakhiani. Der 23-jährige ausgebildete Tänzer musste erst von Regisseur Levan Akin zu der schwulen Rolle überredet werden. Wie dankbar wir alle ihm für sein Überzeugungstalent sein müssen!

Endlich ist einer der wichtigsten queeren Filme des Jahres im Kino

Levan Gelbakhiani, genannt Gelly, hat in seinem Debüt so viele Gesichter, so viel Ausdruck, ist begnadeter Tänzer und Darsteller zugleich – und trägt über weite Strecken genau das Lächeln, das nur auf den Lippen hat, wer ganz frisch verliebt ist. Es ist mehr als verdient, dass er auf der Berlinale als "European Shooting Star" sowie auf den Filmfestivals in Odessa, Sarajevo und Minsk ausgezeichnet wurde. Seine zarten Züge, laut seinem Trainer "zu lasch und die Augen zu neckisch", kontrastieren mit dem georgischen Tanz, "in dem es keine Sexualität gibt, das ist kein Lambada", wie er sagt. Seine kupferblonden Haare inszeniert Regisseur Levan Akin gekonnt in den Abend- und Morgenstimmungen, wo der ganze Raum in ein sattes Orange-Rot getaucht ist.

Nachdem der deutsche Kinostart coronabedingt verschoben werden musste, hat das Warten nun ein Ende. Endlich kommt einer der wichtigsten queeren Filme des Jahres für ein breites Publikum auf die Leinwand. Es ist eine Premiere: "Als wir tanzten" ist der erste queere Film, der in Georgien spielt. Und hoffentlich nicht der letzte.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Als wir tanzten. Drama. Georgien, Schweden 2019. Regie: Levan Akin. Darsteller: Levan Gelbakhiani, Bachi Valishvili, Ana Javakishvili, Giorgi Tsereteli. Laufzeit: 105 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Edition Salzgeber. Kinostart: 23. Juli 2020. Ab 6. Juli ist der Film bereits im Rahmen der Queerfilmnacht zu sehen.
Galerie:
Als wir tanzten
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