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#FreeBekzat

Wie Corona ein schwules Paar auf der Flucht trennte

Bekzat Mukashev wollte aus Kasachstan vor seiner Familie fliehen, die seine Homosexualität mit einer Gehirn-Operation "heilen" wollte. Dann schlossen wegen Covid-19 die Grenzen.


Bekzat (l.) und Arman in glücklicheren Tagen

Im Februar sah es fast so aus, als hätten Arman Hasanov und Bekzat Mukashev es geschafft: Das schwule Paar aus Kasachstan war mit Hilfe des russischen LGBT Network nach Moskau geflohen, von wo aus es in ein sicheres Drittland gebracht hätte werden sollen – so wie der Verband in den letzten Jahren schon über hundert Menschen vor allem aus Tschetschenien bei einer Flucht nach Kanada oder in die EU mittels humanitärem Visum helfen konnte.

Doch Mukashev benötigte noch ein Ausweisdokument, kehrte in die Heimat zurück – und saß dort plötzlich wegen der Schließung der Grenzen aufgrund der Corona-Krise fest. Inzwischen sind sich das LGBT Network in einer Pressemitteilung und die Zeitung "Nowaja Gaseta" in einem Bericht sicher: Mitte Juni spürte seine Familie Mukashev auf und entführte ihn. #FreeBekzat fordert sein verzweifelter Partner in sozialen Netzwerken. Dafür nahm er es sogar auf sich, sich in einem zur viralen Verbreitung gedachten Video zu outen.

Der Albtraum begann den Berichten zufolge im letzten Jahr, als sich der 29-jährige Bekzat, der seine Homosexualität lange geheim hielt, bei seiner Familie outete. Der einzige Sohn eines einflussreichen Unternehmers und regionalen Politikers aus Uralsk war eine Woche zuvor auf Druck der Familie eine Ehe eingegangen, aber hatte schon Arman kennengelernt und wollte nicht weiter eine Lüge leben.

Albtraum ohne Ende

Die Reaktionen auf das Coming-out, von dem Paar erstmals im Februar gegenüber dem queeren Portal Kok.team aus Kasachstan geschildert, waren noch erdrückender als befürchtet: Bekzats Mutter bot Arman Geld, damit dieser verschwinde. Seine jüngere Schwester betonte, dass der Islam Homosexualität als falsch und mit dem Tode bestrafbar ansehe, um zu meinen: "Wir können helfen, dass du davon abkommst". Als Bekzat einen Besuch beim Psychiater ablehnte, habe ihn sein Vater bewusstlos geschlagen. Im Krankenhaus habe die Familie sein Telefon und seine Papiere entwendet.

Bekzat floh den Berichten zufolge zu Freunden von Arman in eine andere Stadt, schrieb einen Brief an seine Eltern – und erhielt Drohungen zurück. Sie spürten ihn auf, offenbar unter Hilfe der Behörden, bei denen er neue Papiere beantragt hatte, und brachten ihn nach Hause. Dort wurde er mit seiner Frau praktisch eingesperrt, eingeschüchtert und gezwungen, seine Ersparnisse dem Vater zu übertragen. Bekzat konnte erneut fliehen und erhielt erneut Bedrohungen, etwa, dass die Familie Auftragsmörder auf das Paar ansetzen würde, sollte er nicht zurückkehren. Dann bekam Bekzat einen Brief, die Mutter habe Krebs und bitte ihn, einer Untersuchung in einem Moskauer Krankenhaus beizuwohnen.


Bekzat mit seinem Vater, der um seinen Ruf und seine Ehre fürchtet (Bild: privat)

Zur Neurochirurgie gezwungen

In Moskau stellte sich allerdings schnell heraus, dass der Krebs der Mutter erfunden war und die Familie in Wirklichkeit Bekzat zu einer Operation zwingen wollte. 2015 war er mit einer Flüssigkeitsansammlung im Gehirn diagnostiziert worden. In der Überzeugung, das sei für die Homosexualität verantwortlich, boten die Eltern Moskauer Ärzten Geld für eine Operation – diese lehnten ab. Zum einen gebe es keinen Zusammenhang zu Homosexualität, zum anderen sei die Operation medizinisch nicht notwendig, sondern gefährde ihn eher.

Bekzat kehrte nach Kasachstan zurück und wurde in einer gemeinsamen Wohnung mit seinem Freund wieder ausfindig gemacht. Schließlich brachten ihn die Eltern in die kasachische Hauptstadt Nur-Sultan (Astana), wo Ärzte ohne seine Zustimmung überflüssige Flüssigkeit aus seinem Hirn entfernten. Auch einen Mullah und einen Psyschologen setzen sie auf ihn an – der Gelehrte betete mit ihm, meldete aber zurück, keinerlei "Dämonen" gefunden zu haben. Der Psychologe sagte den Eltern, dass Homosexualität keine Krankheit sei und sie ihren Sohn akzeptieren sollten. Die Eltern stellten einen bewaffneten Aufpasser für ihn ein.

Flucht nach Moskau

Bekzat konnte dennoch fliehen, stellte Strafanzeige gegen seinen Vater und gab zusammen mit seinem Partner verzweifelt Interviews über ihre Lage. In ihrer internationalen Vernetzung organisierten LGBTI-Aktivist*innen schließlich die Flucht nach Moskau, wo das LGBT Network ihnen im Februar zunächst Unterschlupf bot.

Der russische Verband ist derzeit weltweit in den Schlagzeilen: Der Film "Welcome to Chechnya", der dokumentiert, wie mutige und selbstlose Aktivist*innen des Networks verfolgten LGBTI und ihren Familien bei der Flucht aus Tschetschenien behilflich sind, hatte in dieser Woche im amerikanischen HBO und bei der britischen BBC Premiere. Einer der Helfer, David Isteev, sagte der "Gaseta" zu Bekzat und Arman: "Wir planten, sie von Russland aus nach Europa zu bringen." Auch in Moskau hätten sie weiter Bedrohungen erhalten und seien nicht sicher gewesen.

Direktlink | Trailer für "Welcome to Chechnya". In dem Film von David France ("How to Survive a Plague") werden die Gesichter der Geflüchteten mit Deepfake-Techniken verfremdet. Am Anfang des Trailers ist Flucht-Organisator David Isteev zu sehen

Doch während zur Einreise nach Russland ein Personalausweis ausreichte, benötigte Bekzat für Europa einen Pass. Die Botschaft Kasachstans sagte ihm, dass eine Ausstellung aus der Ferne bis zu sechs Monate benötige, er vor Ort die Dokumente aber binnen Tage erhalten könne. Anfang März reiste er nach Almaty. Seine Familie hatte ihn als vermisst zur Fahndung ausgeschrieben, was die Ausstellung der Papiere verzögerte. Als Ende März alles geklärt war, waren die Grenzen geschlossen.

Videos unter Druck

Bekzat kam zunächst verdeckt bei Freunden unter, die teilweise zu Verhören einbestellt wurden, und erhielt wie sie weiter Bedrohungen. Am 13. Juni kam er nicht von einem Einkauf zurück.

Er wurde aufgespürt und wieder entführt, sind LGBTI-Aktivisten und "Gaseta" überzeugt. Aus seiner Wohnung schickte er Videos an Journalisten und Aktivisten mit der Bitte, nicht mehr über ihn zu berichten und nicht mehr nach ihm zu suchen. Auf die Vermutung, die Filme seien unter Druck entstanden, wurde ein weiteres Video in einem Einkaufszentrum aufgenommen – als vermeintlicher Beweis für seine Bewegungsfreiheit und seinen freien Willen.

Twitter / novaya_gazeta | "Wir wissen, dass das Video unter Druck von Verwandten gedreht wurde", schreibt die "Gaseta"

Nach Rücksprache mit seinem Partner und Aktivist*innen entschied sich die Zeitung zur Veröffentlichung des Videos. Man gehe weiter davon aus, dass Bekzat gegen seinen Willen festgehalten werde, so David Isteev vom LGBT Network. Ein Instagram-Kanal, in dem Bekzat bei Spaziergängen gezeigt wird und u.a. von einer Rehabilitierung nach einer Operation erzählt, wird ebenfalls als erzwungen eingeschätzt. In Almaty engagierte man einen Anwalt, schaltete Menschenrechtsorganisationen ein und stellte Strafanzeige. Die Polizei werde aber nicht tätig, wohl auch unter dem Einfluss des Vaters.

Ein Fall von vielen

Anatoly Chernousov von Kok.team sagte der "Gaseta", es gebe in Kasachstan dutzende Fälle wie diesen. Über ein spezielles Kontaktformular meldeten sich jeden Monat um die zehn Menschen und viele kreuzten an: "Ich werde von Verwandten unter Druck gesetzt", oder: "Sie halten mich unter Zwang fest und ich kann das Haus nicht verlassen." Normalerweise sei die Familie der Anlaufpunkt bei Krisen. "Hier ist die Familie die größte Bedrohung für LGBT-Menschen." Die Polizei lehne oft Hilfe ab, wenn das Opfer schwul oder lesbisch sei. Kürzlich sei ein Mann vergewaltigt und fast getötet worden, so Chernousov. Die Beamten hätten ihm von einer Anzeige mit den Worten "Warum willst du dich entehren?" abgeraten.

Twitter / MaximEristavi

Auf Instagram postet Arman derweil weiter Videos aus glücklichen Tagen des Paares. Sein erster viraler Hilferuf zu seinem Freund stammt vom 22. Juni, die "Gaseta" berichtete am 25., aus dem Netzwerk von "Radio Free Europe" folgte an diesem Dienstag eine englische Zusammenfassung und am Mittwoch veröffentlichte noch einmal das russische Portal meduza eine eigene Recherche. Geholfen hat das bislang wenig: Arman sitzt weiter in einer Notunterkunft des LGBT Network in Moskau und hofft weiter auf eine Rückkehr des Freundes.

Twitter / meduzaproject

In Kasachstan gelten noch immer stark eingeschränkte Ein- und Ausreisemöglichkeiten; nach leichten Lockerungen in den letzten Wochen kehrt das Land an diesem Sonntag zudem zu einem strikteren Lockdown zurück. (nb)



#1 Daddy CoolAnonym
  • 05.07.2020, 17:11h
  • Der Bericht macht einen fassungslos.

    Wie können Eltern gesellschaftliche Vorstellungen nur so über die Gefühle ihres eigenen Nachwuchses stellen? Und offenbar sogar über die Einschätzung von Medizinern, Psychologen und einem Imam. Sie sollten nie wieder behaupten, sie liebten ihren Sohn.

    Um spinnerten Kommentaren vorzubeugen: Aus zahlreichen erschütternden Artikeln auf queer.de wissen wir, dass es solche kranken Eltern in vielen Ländern und Religionen gibt. Das entschuldigt und relativiert keine einzige Tat. Aber es enthüllt die Ursachen: mangelnde individuelle Empathie, falsche Ehrvorstellungen, eine homophobe Gesellschaft.
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#2 TimonAnonym
  • 05.07.2020, 17:13h
  • Ich hoffe sehr, dass das für beide gut ausgeht und dass sie bald gemeinsam und glücklich in einem sicheren Land sind.
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#3 TippAnonym
  • 05.07.2020, 18:27h
  • Den angesprochenen Film Welcome to chechnya findet mam derzeit auch auf Youtube. Ich kann nur raten sich ihn anzusehen. Man ist, die verzerrende Technik macht es möglich, bei Fluchtversuchen dabei. Bei der Verzweiflung der Betroffenen. Beim Mut Einzelner. Bei den Konsequenzen auch für die Helfenden. Kein Nachrichtentext über Asyl kann das je beschreiben. Dann die Mutter einer ganzen Familie, die fliehen muss, und ganz banal erzählt, wie ein paar Umstände genügen und plötzlich ist das sicher geglaubte Leben vorbei. Was geschlossene Grenzeb bedeuten können wir wohl noch gar nicht absehen
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#4 MabuseAnonym
  • 05.07.2020, 20:14h
  • >>dass der Islam Homosexualität als falsch und mit dem Tode bestrafbar ansehe
    >>vor seiner Familie fliehen, die seine Homosexualität mit einer Gehirn-Operation "heilen" wollteor seiner Familie fliehen, die seine Homosexualität mit einer Gehirn-Operation "heilen" wollte.

    Es läuft mir kalt den Rücken runter, wozu Religiöse imstande sind.
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#5 nichtnurReligioeseAnonym
  • 05.07.2020, 20:55h
  • Antwort auf #4 von Mabuse
  • "Es läuft mir kalt den Rücken runter, wozu Religiöse imstande sind."

    Es sind nicht nur die Religioesen, bei denen es Dir (und den meisten, zu Empathie faehigen, Menschen) kalt den Ruecken 'runterlaeuft: die Schicht der sog. Zivilisation ueber dem wahren Charakter vieler Menschen ist AEUSSERST duenn; das kann man allueberall sehen - bei den Fuehrenden dieser Gesellschaft (Politik, Wirtschaft, Religion) eher versteckt, beim "Fussvolk" dann schon eher offener und gewalttaetiger; beides aber mit demselben Egoismus und Opportunismus. In der Politik/Religion/Wirtschft aber versteckt zwischen schwarzen Buchstaben auf sauberem, weissem Papier - in manchen Faellen koennte man den "Papiertigern" genausogut eine Knarre in die Hand druecken und sagen: drueck ab. Das tun diese dann zwar nicht, sie lassen das dann eher von Fanatikern aus dem Fussvolk erledigen, oder es tun die Abgehaengten/Unterdrueckten aus Verzweifelung selbst.

    Was hier aber erschreckend ist:
    Die "Familie" laesst ihren Sohn/Bruder noch nicht einmal in der Ferne in Ruhe, sondern stellt ihm sogar nach und wollen ihn mit Gewalt von seinem "Daemon" "befreien", anstatt in einfach zu "vergessen". DAS ist das WIRKLICH Kranke dabei.
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#6 TobizAnonym
  • 05.07.2020, 21:59h
  • Deswegen, Frau Storch, soll in den Schulen unterrichtet werden, dass Homosexualität normal ist. Das ist keine Propaganda, sondern für Heteros eine Möglichkeit, keine Idioten zu werden.
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#7 Darum jaAnonym
#8 Homonklin_NZAnonym
  • 06.07.2020, 01:31h
  • Die Geschichte ist herzzereißend und markerschütternd bis ins letzte Bein! Grade, wenn man weiß, wozu Religiöse auch in weniger grausamen Ländern imstande sind.
    Was der arme Junge schon alles über sich ergehen lassen musste, weil eine Familie, die ihn nicht liebt, zu Zwang und Repression greift.

    Ich höffe bloß, er lebt noch und findet ein Schlupfloch, um wenigstens bis nach Moskau zu gehen, oder wo er seinem Liebling nahe kommen kann.
    Besser noch so ein humanitäres Visum für Canada, Verfolgung aufgrund der sexuellen Orientierung ist da ein Asylgrund.
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#9 guantanamoGayAnonym
  • 06.07.2020, 12:48h
  • kranker Scheiss,
    reden ihrem Sohn ein er sei krank, wobei dieses besagte Verhalten äusserst krankhaft erscheint.

    egtl. macht der Junge doch keinen verkehrten Eindruck,
    sein Unglück war nur, in die falsche Familie geboren worden zu sein.

    Muss das heutzutage wirklich alles noch sein?
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#10 MabuseAnonym