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Reportage

Queer in Polen: "Unter der Decke der Hölle"

Ein Werbespot mit einem schwulen Pärchen hat im polnischen Staatsfernsehen keine Chance. Rund hundert Gemeinden bezeichnen als "LGBT-Ideologie-freien" Zone. Wie leben queere Menschen in so einem Klima?


Das schwule Paar Dawid Mycek und Jakub Kwiecinski engagiert sich seit Jahren für LGBTI-Rechte in Polen (Bild: Jakub i Dawid / facebook)

Nur für wenige Sekunden sind Dawid und Jakub in dem Werbespot zu sehen. Im Gegenlicht zeigt die Kamera die beiden, wie sie sich gegenseitig die Haare schneiden, sich streicheln und verliebt ansehen. Gemeinsam mit heterosexuellen Paaren machen sie Reklame für einen bekannten Kondomhersteller. "Wir hatten uns so gefreut. Es war Polens erster Werbespot mit einem schwulen Pärchen", erzählt Jakub.

Doch dann der Schock: Polens öffentlich-rechtlicher Fernsehsender TVP lehnt den Spot ab (queer.de berichtete). In einer Stellungnahme erklärte der Sender dazu auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur, die Reklameabteilung habe Vorbehalte gegen eine Sendung des Spots gehabt, da es zuvor viele Beschwerden von Zuschauern über intime Inhalte in der Werbung gegeben habe.

Direktlink | Dieser Werbespot mit Jakub und Dawid wurde vom polnischen Staatsfernsehen abgelehnt

Private Fernsehsender zeigen die Werbung weiterhin. Doch im Internet gibt es jetzt eine Seite mit dem Titel: "Sag Nein zu Homoreklame". Ein Kind hält sich erschrocken die Hände vors Gesicht, die User werden aufgefordert, Protestmails an den Nationalen Rundfunkrat zu schicken.

In Polen gibt es nicht einmal eingetragene Partnerschaften

Dawid Mycek (35) und Jakub Kwiecinski (38) sind seit elf Jahren ein Paar. Vor drei Jahren haben der Marketingexperte und der Film-Trailer-Macher aus Warschau geheiratet – in Portugal. Polnische Behörden erkennen ihre Ehe nicht an, im katholisch geprägten Polen gibt es weder die Ehe für alle noch eingetragene Partnerschaften. "In Corona-Zeiten ist uns klar geworden, wie benachteiligt wir sind: Wenn einer von uns ins Krankenhaus müsste, bekäme der andere keine Auskunft", sagt Dawid.

Was den beiden Sorge macht: Die Stimmungsmache gegen LGBTI nimmt zu. Im Wahlkampf hetzt Präsident Andrzej Duda offen gegen sexuelle Minderheiten. "Man versucht, uns einzureden, dass das Menschen sind. Aber es ist einfach nur eine Ideologie", sagte er kürzlich bei einem Auftritt (queer.de berichtete). Duda will zudem in der Verfassung verankern lassen, dass gleichgeschlechtliche Paare keine Kinder adoptieren dürfen (queer.de berichtete).

Keine Medikamente für schwulen Kandidaten

In der Provinz ist die Situation besonders angespannt. Cezary Nieradko stellte sich bei einer Ratsversammlung in seinem Heimatort als Schwuler vor. Kurz darauf ging er mit einem Rezept für ein Herzmedikament in die Apotheke: "Die Apothekerin sagte nur: "Ihnen gebe ich die Arznei nicht" und ging nach hinten."

Der gelernte Krankenpfleger lebt in Krasnik, einer Kleinstadt gut 200 Kilometer südöstlich von Warschau. Krasnik gehört zu den rund hundert Gemeinden im tief katholisch geprägten Süden und Osten des Landes, die sich zur "LGBT-Ideologie-freien"-Zone erklärt haben. Rechtlich haben solche Resolutionen keine direkten Auswirkungen für queere Menschen. Sie sind aber ein Signal der Intoleranz.

Initiator der Erklärung in Krasnik ist der konservative Stadtrat Jan Albiniak. "Wir halten die LGBT-Ideologie für äußerst schädlich", sagt der 68-Jährige. Und erklärt, wofür die Szene steht – aus seiner Sicht: die frühe Sexualisierung sehr kleiner Kinder, die Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare, das Fördern von Pornografie, das Eintreten für Abtreibung ohne Beschränkung. Das alles wolle man in Krasnik nicht haben.

"Noch zeigen wir hier auf niemanden mit dem Finger"

Aber müssen sich queere Menschen durch so eine Erklärung nicht ausgeschlossen fühlen? "Ich sehe keinen Grund für Unwohlsein. Noch zeigen wir hier auf niemanden mit dem Finger deshalb, obwohl wir natürlich wissen, wenn jemand so einer ist." Man lebe normal zusammen, in der Familie und bei der Arbeit.

Schon hat Krasniks französische Partnerstadt Nugent-sur-Oise mit dem Ende der Freundschaft gedroht. Krasniks Bürgermeister will sich zu der queerfreindlichen Resolution nicht äußern, ein Stadtsprecher sagt: "Die Erklärung des Stadtrats hat weltanschaulichen Charakter. Sie ist kein städtisches Gesetz."

Der schwule Aktivist Nieradko kämpft dafür, dass die Resolution wieder aufgehoben wird. Etwa hundert LGBTI-Menschen gebe es im Ort. "Viele sind in ihrem Elternhaus körperlicher Gewalt ausgesetzt." Sein eigener Partner zeigt sich nicht mit ihm in der Öffentlichkeit. Wenn der nationalkonservative Duda die Wahl am 12. Juli gewinnen sollte, könne die Situation noch schlimmer werden, befürchtet Nieradko: "Dann leben wir hier wie zwei Zentimeter unter der Decke der Hölle."

Dawid und Jakub denken ans Auswandern

Auch queere Organisationen in Polen schlagen Alarm. Von einer "beispiellosen Hetzjagd" spricht Marcin Dierzanowski, Vorsitzender der Stiftung "Glaube und Regenbogen". Sowohl Kirchenvertreter, die Regierung als auch der Präsident betrieben eine Strategie der Entmenschlichung von LGBTI, sagt Magdalena Swider von der "Kampagne gegen Homophobie" in Warschau. Viele Betroffene hätten mittlerweile psychische Probleme.

Selbst Dawid und Jakub, das selbstbewusste und erfolgreiche Paar aus Warschau, sind manchmal am Verzweifeln. "Heute hören wir, dass wir nicht in einem Werbespot auftreten dürfen, dass es LGBT-freie Zonen gibt, und morgen sagen sie, sie wollen uns überhaupt nicht mehr im Land haben" sagt Jakub. Wenn es noch schlimmer wird, dann sehen die beiden nur einen Weg: Auswandern. Wahrscheinlich nach Portugal.



#1 TomDarkProfil
  • 08.07.2020, 10:21hHamburg
  • "Wenn es noch schlimmer wird, dann sehen die beiden nur einen Weg: Auswandern."

    Ehrlich gesagt, sehe ich das genauso.

    Es wird wahrscheinlich nicht besser werden, und von der EU darf man nicht viel erwarten.

    Nur: Wie würde Polen wohl international dastehen, wenn die meisten LGBTI das Weite suchen?

    Letztendlich würde sich das Land auf diese Weise nur selbst schädigen.
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#2 GargamelAnonym
  • 08.07.2020, 10:22h
  • ...Herzmedikament in die Apotheke: "Die Apothekerin sagte nur: "Ihnen gebe ich die Arznei nicht"

    Das Dritte Reich lässt grüßen.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 kuesschen11Profil
  • 08.07.2020, 10:29hFrankfurt
  • Mir tun die Betroffenen sehr leid, denn sie können in Polen nicht angstfrei leben. Sie sollten eigentlich Asyl suchen, wenn die Lage für sie unerträglich wird.

    Die Menschen verachtende Politik geht in alle Bereiche von LGBT's.

    Ich sehe darin ein Pogrom wie bei den Nationalsozialisten der dunklen Vergangenheit Deutschlands.
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#4 dickiAnonym
  • 08.07.2020, 11:35h
  • HABE GERADE IM SPIEGEL EIN INTERWIEV MI DONALD TUSK GELESEN, EINE BEFRAGUNG ZU DEN DERZEITIGEN ZUSTÄNDEN IN POLEN UND UNGARN, LGBTI KOMMT DORT NICHT VOR.ES INTERESSIERT NIEMANDEN.
    MAAS UND KONSORTEN TRAUEN SICH DIESES THEMA BEI BESUCHEN IN POLEN ANZUSPRECHEN
    ICH SEHE SCHWARZ FÜR UNSERE ZUKUNFT.
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#5 Ach jaAnonym
  • 08.07.2020, 12:35h
  • Antwort auf #3 von kuesschen11
  • "Sie sollten eigentlich Asyl suchen, wenn die Lage für sie unerträglich wird."

    Entsprechend der Personenfreizügigkeit innerhalb der EU sollte doch Auswandern ohne Asylverfahren möglich sein, oder nicht?
    Wohl wissend, dass viele LGBTI ihre Heimat nicht verlassen möchten, rate ich dennoch zur Auswanderung in ein Land mit etwas weniger faschistischen Ansichten.
    Das wäre mir nicht zum Aushalten unter solchen Umständen leben zu müssen.
    Und Polen würde sich wundern, um wieviel ärmer dieses Land ohne seine LGBTI Bürger wäre.
    Deutschland leidet noch heute in allen Lebensbereichen schwer an dem Exodus seiner jüdischen Mitbürger aufgrund der unsäglichen Zeit des NS Regimes.
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#6 ThorAnonym
  • 08.07.2020, 13:03h
  • Wenn Dummheit schmerzen bereiten würde,
    wären einige Personen nur noch am jammern !
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#7 PetterAnonym
  • 08.07.2020, 15:27h
  • ""Doch dann der Schock: Polens öffentlich-rechtlicher Fernsehsender TVP lehnt den Spot ab""

    Was nur belegt, dass dieser Sender offenbar nicht unabhängig und nicht neutral ist.

    ------------------------------------------

    ""Die Apothekerin sagte nur: "Ihnen gebe ich die Arznei nicht" und ging nach hinten.""

    Das ist keinen Deut besser, als wenn man Juden oder Schwarze nicht bedienen würde.
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#8 lindener1966Profil
  • 08.07.2020, 21:13hHannover
  • Niemand sollte aus seiner Heimat auswandern müssen. Trotz der Freizügigkeit in der EU könnten das auch wohl die wenigsten realisieren. Das hat auch was mit Bildung und Geld zu tun. GB fällt ja nun aus. Ich weiß, dass die Insel für junge Polen immer das Hauptziel war, wenn es ans Auswandern ging, weil sie eher Englisch denn Deutsch oder eine andere Sprache sprechen. Auch ist der Arbeitsmarkt weniger reguliert und zugänglicher als in Deutschland. Hier braucht man für alles ein Zeugnis. Andererseits ist die Freizügigkeit auch ein Grund, warum ich letztlich gegen einen Austritt Polens bin. Die Auswanderung für Queers wäre dann ungleich schwieriger als jetzt.
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#9 Ach jaAnonym