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Fernsehen

Eine lesbische Liebe zwischen allen Fronten

Stadt und Land, Enge und Weite, Stillstand und Aufbruch: Der Spielfilm "La belle saison – Eine Sommerliebe" lässt Gegensätze aufeinander prallen, brüchig werden und ist selbst dabei immer in Bewegung. Heute um 23.30 Uhr bei "rbb QUEER"!


Heimlich lesbisch auf dem Land: Delphine bewirtschaftet mit ihrer Pariser Freundin Carole den Hof ihres kranken Vaters (Bild: Alamode)

Ein Kuss, der nicht nur ein Kuss ist. Diesmal lässt Carole es einfach geschehen. In den Augen der Lehrerin und Frauenrechtsaktivistin liegen immer noch Unsicherheit und auch ein wenig Angst, als Delphine ihre Hand ergreift und sie durch eine Toreinfahrt weg von der Straße auf ein privates Gelände führt. Aber etwas ist mit ihr geschehen. Erst ein paar Tage zuvor hatte Carole ihre mehrere Jahre jüngere Freundin noch brüsk zurückgewiesen. Doch nun mischen sich in ihre Beklommenheit Neugierde und Sehnsucht. Sie will wissen, was passiert, wenn sich Delphines Lippen auf ihre drücken. Also schließt sie die Augen und empfängt den Kuss. Überwältigt weicht sie leicht zurück, bis sie Halt an dem Gebäude in ihrem Rücken findet. Delphine geht mit und lässt dabei nicht von ihr ab. Nun kann sich Carole fallen lassen und ganz in der Situation aufgehen. Sie nimmt Delphines Kopf in ihre Hände und erwidert den Kuss.

In diesem Augenblick, den beide bis zum Letzten auskosten, bewegt sich Jeanne Lapoiries Kamera im Halbkreis um Carole und Delphine herum. Es ist fast, als wollte sie das Paar umschließen und so für immer in diesem Moment bewahren. Plötzlich drängen Erinnerungen an Gustav Klimts berühmtes Gemälde "Der Kuss" auf einen ein. Die Komposition der Bilder ist zwar eine ganz andere. Dennoch hallt durch diese Einstellung das Echo von Klimts golden strahlender Feier einer alles vereinenden Liebe. Wenn die Kamera schließlich rechts von den beiden zur Ruhe kommt, sind sie längst eins geworden. Verbunden in einer Leidenschaft, die alle Fragen und Gegensätze auslöscht.

Die Feministin und das Mädchen vom Land

Es ist berauschend zu erleben, wie die Pariser Akademikerin und die auf einem Bauernhof im Limousin groß gewordene Arbeiterin in diesem Kuss verschmelzen. Selbst die hellbraunen Ziegel, an denen Carole lehnt, und die Fenstergitter, die im Hintergrund zu erkennen sind, fügen sich nahtlos in Jeanne Lapoiries Komposition ein. Die Liebe der beiden Frauen, die in diesem Augenblick noch ihre Form sucht, überstrahlt alles, auch die Mauern und die Gitter, die sie doch eigentlich bändigen sollen. Aber auch, wenn die Kamera verharrt. Die Bilder des Kinos, die so unbarmherzig dem Fluss der Zeit folgen, können nicht stehen bleiben, sie strömen dahin. Ein "Verweile doch, Du bist so schön" gibt es nicht. Das ist Klimts Gemälde vorbehalten. In ihm kann das goldene, nur jenseits der Zeit wirklich vorstellbare Ideal vom ewigen Verschmelzen der Gegensätze in der Liebe Wirklichkeit werden. Dieser eine Kuss muss niemals enden, und die Liebenden kann nichts trennen.

Etwas von dieser Sehnsucht nach dem Absoluten, das alles andere transzendiert, trägt auch "La belle saison" in sich: Der Kuss auf dem Hof gegenüber der Fabrik, in der die von Izïa Higelin verkörperte Delphine arbeitet, und später dann der Nachmittag auf einer Wiese im Limousin, diese Stunden jenseits der Zeit, in der Delphines und Caroles nackte Körper in das sanfte, fast schon streichelnde Licht der Sommersonne getaucht sind. Momente, die den Strom der Zeit und der Ereignisse zumindest verlangsamen. Aber Catherine Corsini weiß ganz genau um die Vergänglichkeit solcher Bilder und Szenen. Also gibt sie sich ihnen gerade so lange hin, wie sie währen. Dann geht sie sofort weiter, ohne ein einziges Mal zurückzublicken. Jahre später wird es Delphine in einem Brief, der ein Abschied oder auch ein Neuanfang sein könnte, so formulieren: "Aber eins habe ich kapiert: Wir können nicht umkehren. Nur vorwärts gehen."

Ein Melodram über das Vorwärtsgehen

Vom Vorwärtsgehen erzählt Catherine Corsini gleich auf mehreren Ebenen. Da sind zunächst einmal Delphine und die Landschaft, in der sie so fest verwurzelt ist, das Limousin mitten in Frankreich, in den Ausläufern des Zentralmassivs. Dort, auf den Feldern und Wiesen, deren Boden selbst im Sommer noch so vom Wasser durchtränkt ist, dass es scheint, er wollte die Menschen festhalten, ist die junge Frau eine Außenseiterin. Das Bukolische der Landschaft mit ihren sanft abfallenden Hügeln, ihren unberührten Wäldern und den kleinen Bächen, die sie durchziehen, suggeriert Freiheit. Aber die findet Delphine nur, wenn sie allein auf dem Traktor ihres Vaters über die Felder fährt oder abseits des Hofs im Schatten unter einem Baum liegt. Denn für eine Frau wie sie, die sich zu anderen Frauen hingezogen fühlt und keinesfalls heiraten will, gibt es keinen Platz in dem erstarrten sozialen Gefüge der Höfe und Dörfer.


Das Leben auf dem Land suggeriert Freiheit

In dieser so schönen und doch so niederschmetternden Welt gehört es sich nicht, wenn eine Frau allein einen Hof führt. Das war schon immer Sache der Männer und soll es auch bleiben. Auf die Weite des Landes scheinen die Menschen mit einer Enge in ihren Köpfen zu antworten. Selbst das Mädchen aus dem Dorf, mit dem Delphine eine Weile heimlich zusammen war, fügt sich willig in das Schicksal aller Frauen der Region. Sie wird heiraten und bricht dafür mit ihrer Geliebten. All ihre gemeinsamen Stunden wischt sie als Spielerei beiseite. Irgendwann ist die Kindheit vorbei, und dann heiratet man. Doch das kommt für Delphine nicht Frage. Also geht sie vorwärts … nach Paris.

Ein fortwährendes Wechselspiel der Gegensätze

Der Kontrast ist überwältigend. Auf die Totalen und Halbtotalen, die Delphine in der Landschaft isolieren, folgt abrupt eine extreme Nahaufnahme. Das Gedränge im Bus, der sie zu ihrem kleinen Dachzimmer bringt, ist erst einmal bedrückend. In der Stadt gibt es keine Stille und auch keine Leere. Alles ist überfüllt und auf den ersten Blick einfach nur erdrückend. Doch in diesem wirbelnden Chaos, das Catherine Corsini und Jeanne Lapoirie so eindrucksvoll heraufbeschwören, liegt eine Freiheit, von der Delphine auf dem kleinen Hof ihrer Eltern nur träumen konnte. Etwas von dem Geist des Jahres 1968 weht noch durch diesen Frühling des Jahres 1971. Auf dem Weg zum Bus begegnet sie zum ersten Mal Carole und den anderen Aktivistinnen, die durch die Straßen laufen und Männern an den Po fassen. Als die von Cécile de France gespielte Lehrerin in Bedrängnis gerät, schreitet Delphine ein. Schon ist sie mitten drin in den Aktionen der Feministinnen.

Auch in dieser Welt geht es stets vorwärts. Für einen Blick zurück bleibt gar keine Zeit. Oft scheint Jeanne Lapoiries Kamera Carole, Delphine und die anderen geradezu mitzureißen. Nichts steht still, und alles wird immer wieder von neuem in Frage gestellt. "La belle saison" ist ein fortwährendes Wechselspiel der Gegensätze. Kurz vor dem magischen Kuss, der Carole und Delphine verschmelzen lässt, bekennt die Aktivistin noch: "Na ja, ich habe lesbische Freundinnen, aber ich bin es halt nicht." Selbst die sexuelle Identität und Orientierung sind in Corsinis Welt der frühen Siebzigerjahre im Fluss. Nichts ist festgeschrieben. Aus dem Kuss erwächst eine leidenschaftliche Beziehung, für die Carole sogar Manuel, ihren langjährigen Lebenspartner, verlässt. Als Delphine überraschend ins Limousin zurückkehren muss, ihr Vater hatte einen Schlaganfall und ihre Mutter kann den Hof nicht alleine bewirtschaften, folgt die Lehrerin ihr in den großen Ferien. Und auch dort wird sich alles umkehren.

Es stockt, wenn Privates mit Politischem kollidiert

Catherine Corsini arbeitet unaufhörlich mit Dichotomien und sucht immer wieder neue Konstellationen. Die Verhältnisse können sich von einem Moment auf den anderen drehen. So sind die Feministinnen um Carole längst nicht so progressiv, wie sie zunächst erscheinen. Als eine von ihnen vorschlägt, dass sie einen schwulen Dozenten aus der psychiatrischen Klinik befreien, in die er aufgrund seiner Homosexualität von seinen Eltern gesperrt wurde, kommt es zu einem heftigen Wortgefecht. Zunächst scheint niemand bereit zu sein, diesem Opfer einer repressiven Gesellschaft zu helfen. Doch dann wendet Delphine einen Trick an und zieht so Carole und noch ein paar andere Aktivistinnen auf ihre Seite.

Als sie zurück in ihrem Heimatdorf ist, versucht sie dennoch alles, um ihre Liebe zu Carole geheim zu halten. Die Aufbrüche der frühen Siebzigerjahre kommen wieder und wieder ins Stocken, wenn Privates mit Politischem kollidiert. Und doch sind es gerade diese Widersprüche und dieses Scheitern, in denen sich die Schönheit des Lebens offenbart. Eine Umkehr ist unmöglich, darin liegt die alltägliche Tragik des Menschen. Er muss vorwärts gehen, und darin liegt seine Größe. In den ersten Einstellungen des Films sind es die Hügel und Wiesen des Limousin, die Delphine definieren. Sie ist eins mit dem Land. In der letzten Einstellung sieht man nur sie und den Himmel über ihr. Nun ist alles offen und auch alles möglich.

Der Text erschien zuerst auf sissymag.de.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

La belle saison – Eine Sommerliebe. Drama: Frankreich/Belgien 2015. Regie: Catherine Corsini. Darsteller: Cécile de France, Izïa Higelin, Noémie Lvovsky, Kevin Azais, Laetitia Dosch, Benjamin Bellecour, Sarah Suco, Nathalie Beder, Bruno Podalydes. Laufzeit: 105 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Alamode


#1 PetterAnonym
  • 09.07.2020, 13:36h
  • "Heute um 23.30 Uhr bei "rbb QUEER""

    Nur mal zum Vergleich:
    auf Arte kommt heute auch ein LGBTI-Film: Wilde Herzen.

    Aber nicht versteckt im Nachtprogramm, sondern um 13.45 Uhr. (Und kam vorher auch schon um 20.15.)

    So viel zu den Aussagen von Salzgeber, die die späte Zeit schönreden und explizit gesagt haben, man solle sich doch mal an Arte wenden, die nie LGBTI-Filme zeigen. Dabei ist gerade Arte vorbildlich in dem Bereich - das ganze Jahr über und nicht nur im Sommerloch und auch nicht nur um Nachtprogramm versteckt.
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