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"Das wirft uns wieder um Jahre zurück"

Stinkbomben und Trillerpfeifen gegen die "Beethoven-Schwulen"

Heute vor genau 40 Jahren – am 12. Juli 1980 – kam es in der Bonner Beethovenhalle bei einer homopolitischen Parteienbefragung zur Bundestagswahl zu einem handfesten Eklat.


Links eine Werbeanzeige für die Veranstaltung in der Beethovenhalle, rechts der "Heterosexuell? Nein danke"-Button, den Detlef Stoffel am 12. Juli 1980 in der Bonner Beethovenhalle trug. Er ist eine Parodie auf die "Atomkraft? Nein danke!"-Parole

Das Cover der Broschüre zur Veranstaltung in der Beethovenhalle

Parteienbefragungen zu einer Bundestagswahl, die von Schwulen und Lesben organisiert wurden, hatte es schon vor Juli 1980 gegeben, deren politische Bewertungen fallen naturgemäß unterschiedlich aus. Sie sind dann erfolgreich, wenn in ruhiger Atmosphäre unterschiedliche politische Positionen ausgetauscht werden können.

Eine solche Veranstaltung sollte zur Bundestagswahl am 5. Oktober 1980 auch in Bonn, der damaligen Bundeshauptstadt, durchgeführt werden. Als Ort wählten die Veranstalter die Beethovenhalle aus. Aufgrund der Einladung verschiedener Gruppen reisten am 12. Juli rund 1.000 bis 1.500 Schwule und Lesben aus der ganzen Bundesrepublik nach Bonn. Die meisten, weil sie sich auf eine konstruktive politische Auseinandersetzung freuten.

Auch der WDR war vor Ort und wollte die Veranstaltung für eine spätere Sendung aufzeichnen. Für die Schwulen- und Lesbenbewegung war das eine große Sache. Einige kamen schon Stunden vorher, um in der Bonner Innenstadt für ihre Rechte zu demonstrieren.


Die Demonstration durch die Bonner Innenstadt am 12. Juli 1980 mit Corny Littmann (Mitte). Aus: "him applaus", Nr. 9/10, September/Oktober 1980

Die Vorgeschichte der Veranstaltung

Die Initiative für diese Veranstaltung in der Beethovenhalle ging 1979 von der AHA ("Allgemeine Homosexuelle Arbeitsgemeinschaft", gegründet 1974 in West-Berlin und bis heute bestehend) aus. Anfangs gab es viele Gruppen, die das Projekt mit unterstützten, wie lokale Lederclubs (MSC Berlin), die Schwusos (Schwule Sozialdemokraten), die GLF (Gay Liberation Front, Köln) und die SAK (Schwule Aktion, Köln). Einige Vereine wie Schwab (Schwule Aktion Bremen) entschieden sich schon früh gegen eine Teilnahme, andere – wie die SAK – stiegen erst später aus. Aufgrund der zumindest anfänglichen Berücksichtigung von Pädosexuellen wie der DSAP ("Deutsche Studien- und Arbeitsgemeinschaft Pädophilie", 1979-1983) zog sich die Lesbengruppe "L74" von der Teilnahme an der Veranstaltung zurück.

Eine ganz andere Form der Kritik kam von den Aktivisten der IHB ("Initiative Homosexualität Bielefeld"), die den sogenannten "Beethoven-Schwulen" vorwarfen, gemeinsam mit Politikern daran zu arbeiten, "unsere Gefühle und Bedürfnisse zu kontrollieren und zu verwalten". Die Bielefelder Aktivisten wollten einen "Diskurs", der auch ihre "Lust" auf "Promiskuität, Arschficken" und "Perversion" berücksichtigen sollte.

Die konstruktiv an der Vorbereitung beteiligten Gruppen diskutierten derweil über die Forderung, Homosexualität aus dem Krankheitsregister der WHO zu streichen (1990 erreicht), und die "Verankerung der homosexuellen Freiheit in den Menschenrechtskatalog des GG" (bis heute nicht erreicht). Ein Arbeitskreis artikulierte "ungute Gefühle": "Wollen/sollen Schwule (Beziehungen) wirklich Ehen gleichgestellt werden? Ist das erstrebenswert? Ist es realistisch, an Adoptionen zu denken bei der gegenwärtigen Fluktuation unter den Schwestern?" Der Begriff "Schwestern" wurde zum Teil kritisiert und betont, dass man mit diesem Begriff nur Lesben bezeichnen solle.


Eine Eintrittskarte für die Beethovenhalle für 5 Mark. Bestand: Centrum Schwule Geschichte,

Auch von abfälligen Bezeichnungen für Heterosexuelle solle man doch bitte Abstand nehmen. Der Jurist und Politiker Ulrich Klug (FDP) hatte seine Teilnahme zugesagt, wurde später aber nicht berücksichtigt – vermutlich weil man mit Verheugen einen höherrangigen FDP-Vertreter gewinnen konnte. Die Veranstaltung scheint bei einkalkulierten Kosten von 5.000 bis 8.000 DM übrigens recht knapp kalkuliert gewesen zu sein, weil jeder Besucher und jede Besucherin zum Eintrittspreis von 5 DM auch noch eine Broschüre mit inhaltlichen Positionierungen mitbekam.

Das Podium am 12. Juli 1980

Das Podium war gut besetzt. Der Fernsehjournalist Reinhard Münchenhagen moderierte die Veranstaltung. Er war einigen bekannt, weil er schon 1973 die Fernsehdiskussion nach dem Praunheim-Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers …" im WDR souverän moderiert hatte.

Bei den Parteienvertretern lag die Aufmerksamkeit vor allem auf Günter Verheugen (Generalsekretär der FDP, seit 1982 SPD). Die anderen Vertreter wie Herbert Brückner (Bremer Gesundheitssenator; SPD) und Friedrich Rahardt (Abgeordneter der Hamburger Bürgerschaft; CDU) kamen politisch eher aus der zweiten Reihe.


Das Podium. Aus: "Gay Journal", August 1980, S. 3

Der offen schwule Corny Littmann war als Vertreter der Grünen auf dem Podium. Er war seit 1979 Mitglied der GAL (Grün-Alternative Liste) und kandidierte zu diesem Zeitpunkt für den Bundestag. (Littmanns Einzug in den Bundestag scheiterte, weil seine Partei nicht die erforderlichen Zweitstimmen erhielt. Heute ist Littmann vor allem durch zwei Theater in Hamburg bekannt, die er 1988 bzw. 1991 eröffnete.)

Die CSU hatte die Teilnahme in der Beethovenhalle aus inhaltlichen Gründen abgesagt – dazu noch später. Zur Verärgerung Verheugens hatte kurzfristig auch eine namentlich nicht bekannte Vertreterin der DKP einen Platz auf dem Podium erhalten.

Der Film "Der Fall (der) Beethovenhalle"

Das lebendigste Dokument zu dieser Veranstaltung ist wohl die Dokumentation "Der Fall (der) Beethovenhalle" (1991, 53 Min.). Ich freue mich, dass die beiden Regisseure Bernd Pönnighaus und Oliver Schulte auf meine Bitte hin den Film kostenlos auf Youtube online gestellt haben, wofür ich mich an dieser Stelle recht herzlich bedanke. Der Untertitel des Films "Schwulenbewegung zwischen Emanzipation und Integration" umreißt ansatzweise die beiden als unvereinbar erscheinenden Pole der Bewegung, die in den Filminterviews meistens mit "Integrationisten" und "Lustfraktion" umschrieben werden. Die Doku lebt von den Interviews mit offen schwulen Zeitzeugen, die sich rund zehn Jahre nach den Ereignissen in der Beethovenhalle nicht nur zu den Geschehnissen, sondern auch über ihre Positionen und Utopien äußern.

Direktlink | Die Doku "Der Fall (der) Beethovenhalle" auf Youtube

Einige Positionen der bekannteren Interviewpartner möchte ich kurz skizzieren. Für Volker Beck ("Die Grünen", MdB 1994-2017) war "diese Form der Auseinandersetzung" schlimm, weil hier "eine Gruppe einer anderen Gruppe ihre Politikform aufzwingen will" und "nicht erträgt, dass andere eben 'ne andere Option gesellschaftspolitisch haben". Für ihn dürfe ein solcher Eklat "nicht mehr passieren" und er plädiert daher für ein "Nebeneinander von Politikansätzen" (49:25 Min.).

Martin Dannecker (Sexualwissenschaftler) zeigt seinen gewohnt analytischen Blick. Seiner Meinung nach hatte die sogenannte "Lustfraktion" – also die, die sich nicht integrieren lassen wollten – eine große Lust, Außenseiter zu sein. Wer sich als Außenseiter und gesellschaftliche Randgruppe verstehe, sei – so Dannecker – immer noch Teil dieser Gesellschaft. "Das ist, wenn man es durchgehalten hat", eine "angenehme Position. Man sieht sozusagen nämlich nach zwei Richtungen und man sieht auch kritischer auf das gesellschaftliche Gebilde" (u.a. 12:30 Min).

Der Homosexuellenaktivist Detlef Stoffel (berichtet davon, wie er als schwuler Arbeitgeber mit seinem Naturkostladen für schwule Arbeitnehmer eine "Insel" habe schaffen wollen, dabei aber auch gemerkt habe: "Schwulsein ist zu wenig Kitt, um die Verschiedenheit von Menschen zu überbrücken" (14:35 Min.). Stoffel ist sich nicht sicher, ob die Veranstaltung in Bonn ein geeignetes Format gewesen sei, weil man sich schließlich so auf "das Spiel der Politiker" einlassen müsse (20:30 Min.). Es habe ihn "betroffen gemacht", an diesem Tag auch Prügeleien zwischen Schwulen zu erleben (44:50 Min.).

Manfred Herzer (Autor und Historiker) macht sich im Interview über Schwule (wie Detlef Stoffel) lustig, die Steuern zahlten und das als eine Utopie verkauften (16:30 Min.). Außerdem macht er deutlich, dass er von diesem Format einer Parteienbefragung nichts hält (17:55 Min.), und ist erkennbar amüsiert, dass die Bonner Veranstaltung mit Stinkbomben und Trillerpfeifen beendet wurde (22:00 Min.). Herzer kann "verstehen", dass diese Veranstaltung gesprengt wurde, hält dies aber "nicht für richtig" (47:15 Min.).


Die Beethovenhalle von außen. Aus: "Der Fall (der) Beethovenhalle" (1991)

Die Dokumentation lebt auch von Original-Filmaufnahmen der Veranstaltung, die im zweiten Teil des Films zu sehen sind. Als Redner der Grünen in der Beethovenhalle ist der energische Corny Littmann zu sehen. Seine Forderung, dass nicht nur die Verurteilungen schwuler Männer bis 1945, sondern auch die bis 1969 für eine Rehabilitierung zu berücksichtigen seien, hat bis heute Gültigkeit.

Sein Statement blieb einer der wenigen konstruktiven Beiträge. Pädosexuelle Aktivisten stürmten das Podium und enthüllten ein Transparent mit der Aufschrift: "Wir klagen die Bundesrepublik an wegen tausendfacher, faschistischer Vernichtung unserer Liebesbeziehungen mit Minderjährigen" (32:45 Min.). Um die Situation nicht eskalieren zu lassen, wurde zwei Pädosexuellen-Gruppen sogar die Möglichkeit angeboten, auf dem Podium zu sprechen, um so auf ihre Situation aufmerksam zu machen (33:15 Min.). Wegen anhaltender Störversuche musste die Veranstaltung jedoch kurz danach abgebrochen werden.


Ein Transparent für die Legalisierung sexueller Kontakte mit Kindern. Aus: "Der Fall (der) Beethovenhalle" (1991)

Zeitzeuge Bernd Pönnighaus

Bernd Pönnighaus – einer der beiden Regisseure des Films – hat an der Veranstaltung in der Beethovenhalle teilgenommen. Ich habe ihn gebeten, seine heutige Sicht auf die Ereignisse zu schildern.

Pönnighaus: "An der Veranstaltung in der Beethovenhalle habe ich auf der Seite der Lustfraktion bzw. als Gruppenmitglied der IHB teilgenommen. Durch die spätere Regiearbeit am Film 'Der Fall (der) Beethovenhalle' (zusammen mit Oliver Schulte) konnte ich 1991 den damaligen Streit reflektieren und so auch meine eigene Geschichte aufarbeiten. Wenn ich mich anlässlich des 40. Jahrestags noch mal an diese Veranstaltung erinnere, war der Streit im Wesentlichen geprägt von einem unterschiedlichen Politikverständnis, unterschiedlichen Zielen und auch unterschiedlichen Strategien, wie die Ziele erreicht werden sollten. Ging es den Integrationisten um konkrete und legitime Forderungen, ging es der Lustfraktion darum, das System der 'Zwangsheterosexualität' insgesamt in Frage zu stellen, was man heute als Kampf gegen die 'Heteronormativität' bezeichnen würde. Die Lustfraktion einte dieses Ziel, ein tiefes Misstrauen gegenüber der Politik und die Lust an Provokation. Dies spiegelt sich auch gut in den u.a. von der IHB verteilten provokanten Buttons 'Heterosexuell? Nein danke!' wider. Die Integrationisten wollten einen Teil des Kuchens; die Lustfraktion eine ganz andere Bäckerei. Diese Unterschiede polarisierten die Szene, sorgten für heftige Dynamik und sehr idealistisch geführte Diskussionen. Außerdem wurde bei der Veranstaltung so getan, als würde sie die gesamte Schwulenbewegung repräsentieren. In der Beethovenhalle prallte das dann mit aller pubertären Energie der noch jungen Bewegung aufeinander."

Die politischen Flügelkämpfe als Störfaktor


Ein Blick in den Veranstaltungssaal. Aus: "Gay Journal", August 1980, S. 5

Innerhalb der schwul-lesbischen Szene, in der Schwule wesentlich zahlreicher vertreten waren, wurden schon im Vorfeld politische Flügelkämpfe deutlich. Einige Gruppen wollten die Veranstaltung bewusst boykottieren. Letztendlich ging es dabei um die grundsätzliche Einstellung zu Politik und Gesellschaft: Möchte man als Schwuler oder als Lesbe Teil dieses Systems sein, dafür möglicherweise Kompromisse eingehen und es von innen heraus verändern? Oder hält man das bisherige System für untragbar, möchte man kompromisslos leben und das System von außen kritisieren bzw. bekämpfen?

Einen zum Teil vergleichbaren politischen Flügelstreit gab es bei den Grünen in den Anfangsjahren, deren beide Pole wurden als "Realos" und "Fundis" umschrieben. Es sind Positionen, die sich mit politischen Begriffen wie "links" und "rechts" bzw. "autonom" und "bürgerlich" nur sehr bedingt umschreiben lassen.

Pädosexuelle als Störfaktor und die spätere Aufarbeitung

Die Veranstaltung in Bonn eskalierte auch deshalb, weil sich Pädosexuelle benachteiligt fühlten und die Veranstaltung ebenfalls massiv störten. Dabei ging es konkret um die Nürnberger "Indianerkommune", deren Forderung, sexuelle Kontakte mit Kindern zu legalisieren, in diesen Jahren nicht wenige Befürworter fand. 2013, als sexueller Missbrauch breit und nicht immer sachlich diskutiert wurde, schrieb der "Spiegel" am 15. August 2013, dass die Veranstaltung in der Beethovenhalle als "ein Höhepunkt dieser [pädosexuellen] Bewegung galt".

Beides erklärt, warum sich nach diesem Gast-Beitrag vom Studienleiter Franz Walter im "Spiegel" mehrere beteiligte Personen auch noch 33 Jahre später für ihre damaligen Positionierungen zur Pädosexualität rechtfertigen sollten, wie u.a. der Moderator Reinhard Münchenhagen. Auch bei Günter Verheugen wollte Franz Walter in diesem "Spiegel"-Artikel erkennbar eine Nähe zur Pädosexualität herstellen, während im gleichen Artikel gleichzeitig betonte, dass es nicht darum gehe "dass Verheugen ein Befürworter der Pädophilie" sei.

Auch Corny Littmann geriet durch diesen und andere Artikel seit 2013 ins Visier der Medien. Das "Hamburger Abendblatt" (14. August 2013) behauptete, Littmann habe "anscheinend den Schulterschluss von Schwulen- und Pädophiliebewegung" herzustellen versucht. Der Politikwissenschaftler Stephan Klecha kommt im Rahmen seiner seriösen wissenschaftlichen Arbeit im Sammelband "Die Grünen und die Pädosexualität" (2015, S. 176) zu dem Schluss, Littman sei damals als jemand wahrgenommen worden, "der den Pädos gewogen" sei.

Solche Formulierungen lassen den Schluss zu, dass bei Münchenhagen, Verheugen und Littmann keine wirklich konkreten Hinweise vorlagen, dass sie die Legalisierung pädosexueller Kontakte empfahlen. Gleichzeitig steht außer Frage, dass Pädosexuelle die politischen Inhalte der Schwulenbewegung um 1980 herum wesentlich mitprägten. Der parteipolitische Einfluss der Pädosexuellen und insbesondere der "Indianerkommune" auf Teile der Grünen in den ersten Jahren ihres Bestehens ist mittlerweile aufgearbeitet worden.

Die zeitgenössische bürgerliche Presse

Als Beispiel für die Berichterstattung der bürgerlich-konservativen Presse möchte ich "Die Welt" (14. Juli 1980) zitieren, deren Überschrift "Das wirft uns wieder um Jahre zurück" ich als Dachzeile dieses Artikels gewählt habe. Durchaus treffend finde ich den Hinweis, dass sich die Szene "ebenso ungeschickt wie aufdringlich und der eigenen Sache schadend" verhalten habe.

Die Kritik der Zeitung an dem, was wir heute "Diversity" nennen ("abenteuerliche Aufmachung", die im "grellen Widerspruch zur Ernsthaftigkeit des gedruckten Programms stand"), geht als legitime Meinung durch. Bei einigen der politischen Forderungen spürt der Leser allerdings schon recht deutlich die innere Empörung des Autors – nicht nur über die Forderung nach Legalisierung sexueller Kontakte mit Kindern, sondern auch über vernünftige Dinge wie die Forderungen nach einem Antidiskriminierungsgesetz, regelmäßiger Sendezeit in den Medien und "zwei Sitze im Rundfunkrat".

Der Autor scheint insgesamt eine CSU-Linie zu vertreten. Die CSU hatte laut "Welt" eine Teilnahme an der Veranstaltung abgelehnt, weil es schließlich "gewisse Dinge im menschlichen Leben gibt und geben muß, die in den intimsten persönlichen Bereich gehören und die sich nicht als Plattform für eine öffentliche Erörterung im Rahmen einer Wahlkampfauseinandersetzung eignen". Diese Einstellung wurde früher und wird auch noch heute oft vertreten, vor allem von konservativer Seite. Dabei ist sie so leicht argumentativ auszuhebeln. Was in Strafgesetzen geregelt und vor Gericht verhandelt wird, muss auch öffentlich diskutiert werden können. Ansonsten könnte man ja auch begründen, dass über § 175 oder § 182 des Strafgesetzbuches oder eine Bewegung wie "MeToo" nicht öffentlich diskutiert werden dürfe.


Beispiel für die bürgerlich-konservative Presse: "Die Welt" (14. Juli 1980)

Der "Kölner Stadt-Anzeiger" beginnt seinen Artikel "Schrille Pfiffe statt des Dialogs" (14. Juli 1980) mit den Worten: "Die Schwulen (und die Lesben), die sich selbst so nennen …" Der Satz macht darauf aufmerksam, dass die Begriffe "schwul" und "lesbisch" in bürgerlichen Zeitungen noch lange nicht selbstverständlich waren; dies änderte sich beim "Kölner Stadt-Anzeiger" erst nach 1990. Der Kölner Homosexuellenaktivist Jean-Claude Letist (GLF) – der sich auch für die Veranstaltung in der Beethovenhalle engagierte – starb 1990 an den Folgen von Aids. In einer bezahlten Todesanzeige für Letist lehnte der "Kölner Stadt-Anzeiger" noch 1990 das Wort "schwul" ab. An diese Erfahrung im Umgang mit Medien erinnert bis heute die Aids-Hilfe und zeigt damit, wie gut das schwule Langzeitgedächtnis manchmal funktioniert.

Die zeitgenössische schwule Presse

Dem schwulen Blätterwald von 1980 merkt man an, dass die Veranstaltung in der Beethovenhalle eine große Sache war. Die Zeitungen waren voll mit Berichten, Analysen und Positionen zur Wahl, von denen sich nur einige hier wiedergeben lassen.

Die "Du & Ich" unternahm jene parteipolitische Analyse, die in Bonn leider nicht möglich war. Dabei werden die Grünen als die Partei mit dem für Schwule und Lesben fortschrittlichsten Parteiprogramm vorgestellt. Helmut Kohl (CDU-Parteivorsitzender 1973 bis 1998) wird von der Zeitung mit den Worten wiedergegeben, dass er "gegen jede Form der Diskriminierung" sei und dass er nach einem Wahlsieg den "bestehenden § 175 nicht verschärfen" wolle. Das wurde offenbar als positive Nachricht verstanden.

Es sei ein Novum in der Geschichte der FDP, dass diese Partei ganzseitige Werbeanzeigen in Schwulenzeitschriften schaltete ("Du & Ich", Nr. 9, September 1980, S. 66). Im selben Heft erschien auch ein unscheinbar wirkender Leserbrief: Der Vorstand der Kölner GLF ("Gay Liberation Front") begründet darin, warum diese als Mitveranstalterin auf Strafanzeigen gegen andere Schwule verzichte, nämlich weil sie ansonsten "die letzten kümmerlichen Reste von Solidarität in der Schwulenbewegung für zukünftige Aktionen vollends zerstört" hätte. Auch wenn jede Kritik an einem solchen "Terror irrwitzigerweise den Faschismusvorwurf nach sich zieht, wird die GLF jedoch in Zukunft solchen Terror mit allen Mitteln bekämpfen. Wenn sich eine Minderheit in der Minderheit wie die übelste Heteromehrheit verhält, unterscheidet sie nichts mehr von Schwulenhassern" (Du & Ich, Nr. 9, September 1980, S. 70). Zu Ermittlungen der Staatsanwaltschaft kam es dennoch (Du & Ich, Nr. 12, Dezember 1980), deren Ergebnis ist nicht bekannt.


Friedrich Rahardt (CDU) und Herbert Brückner (SPD) im Pressegespräch

Die Zeitschrift "him applaus" zitiert Verheugen mit der Äußerung, er wolle "ja damit auch was ausdrücken, daß ich als Generalsekretär gekommen bin". Verheugen sprach sich nicht nur für eine "Wiedergutmachung" für schwule KZ-Insassen aus, sondern er erklärte auch die "Einführung eines Diskriminierungsverbotes in die Grundrechte" für "sehr wichtig" ("him applaus", Nr. 9/10, September/Oktober 1980, S. 38).

Es ist erstaunlich, dass das "Gay Journal" (August 1980) ein positives Fazit zieht. Das lag daran, dass die Parteien-Vertreter auch nach dem Abbruch der Veranstaltung Gesprächsbereitschaft signalisierten: "Der geknüpfte Faden ist nicht zerrissen!" Auch der eher bürgerliche Schwulenverband "Vv '74" ("Verband von 1974") spricht in dieser Nummer zwar von einer öffentlichen "Blamage", hebt aber positiv hervor, dass es trotz Enttäuschung und Wut weder "Tote noch Verletzte" gab. Weil hier ein "Quentchen Verantwortungsgefühl" eine "Katastrophe" verhindert habe, habe der Verband für die Zukunft ein "Fünkchen Hoffnung". Einige Seiten später spricht die Zeitung eine Wahlempfehlung für die FDP aus.


Corny Littmann (Die Grünen) im Wahlkampfmodus

Zum Vergleich: Die Parteienbefragung in Hamburg (26. Juni 1980)

Am 26. Juni 1980 kamen rund 1.000 Menschen nach Hamburg zu einer Diskussion mit Parteienvertretern. Es war das gleiche Veranstaltungskonzept und die gleiche Bundestagswahl wie bei der Veranstaltung in der Beethovenhalle – der Verlauf kann hier jedoch als konstruktiv und erfolgreich bewertet werden.

Der Kanzlerkandidat beider Unionsparteien für die Bundestagswahl 1980 war übrigens der damalige bayerische Ministerpräsident und CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß. Es verwundert nicht, dass schnell das (bis heute berühmt-berüchtigte) Strauß-Zitat: "Lieber ein kalter Krieger als ein warmer Bruder" fiel – so auch in dieser Veranstaltung, woraufhin Strauß von einem CSU-Mitglied in Schutz genommen wurde.

Sehr ausführlich wurde über die Anerkennung Schwuler als NS-Opfer diskutiert. Corny Littmann, Spitzenkandidat der Grünen in Hamburg, forderte die Abschaffung des § 175. Alle anwesenden Parteienvertreter waren für die Abschaffung des § 175, wobei nur die Grünen dies in ihr Parteiprogramm aufgenommen hatten. Weitere Themen waren die "Rosa Listen" der Polizei, wobei die Diskussionsleiterin allen anwesenden Frauen den befremdlichen (und vielleicht nicht ganz ernst gemeinten) Vorschlag machte, "sich doch nachts massenhaft in den öffentlichen Grünanlagen aufzuhalten und der Registrierung nur der männlichen 'Passanten' entgegenzuwirken". Außerdem wurde die Weltgesundheitsorganisation (WHO) kritisiert, weil sie Homosexualität immer noch als Krankheit führte. Nach Einschätzung der "Du & Ich" blieb der Eindruck einer "regen, kritischen Veranstaltung", bei der die Formulierungen der großen Parteien "sanfter werden" (Du & Ich, Nr. 8, August 1980, S. 12-13).


Die Parteienbefragung in Hamburg am 26. Juni 1980. Aus: "Du & Ich", Nr. 8, August 1980, S. 12

Es ist durchaus typisch für solche Podiumsdiskussionen zum Thema § 175 StGB, dass von homofreundlichen Partei-Vertretern reformfreundliche Äußerungen vorgenommen wurden, die politisch jedoch nie umgesetzt wurden. Die Abschaffung des § 175 wurde durch die Rechtsangleichung von BRD und ehemaliger DDR von einem Gericht erzwungen und war nicht das Verdienst der Politik. Dass Forderungen der Schwulenbewegung ab 1980 als wahlkampfrelevant angesehen wurden, lässt sich als Erfolg für die Bewegung interpretieren.

Die heutige Rezeption: Patrick Henze

In seiner Dissertation "Schwule Emanzipation und ihre Konflikte. Zur westdeutschen Schwulenbewegung der 1970er Jahre" (2019, S. 345-359) verortet der Autor Patrick Henze den Wunsch, diese Veranstaltung in der Beethovenhalle durchzuführen, auch im Kontext der positiven Energien, die 1979 durch das Festival "Homolulu" freigesetzt worden waren (zu Homolulu s. meinen Artikel auf queer.de). Henze schreibt, dass neben der "Indianerkommune" an der Störung auch die "Kanalratten" (bzw. deren Vorläuferin, eine Gruppe lesbischer Pädosexueller) beteiligt gewesen seien. Die Pädosexuellen seien ein "Störelement [gewesen], dem man sich aufgrund der eigenen sexualrevolutionären Ausrichtung nicht zu entledigen wagte".

Henzes Ausführungen leben von diversen Interviews, die er mit schwulen Zeitzeugen wie z.B. dem Juristen Manfred Bruns, dem Aktivisten Detlef Stoffel und dem Filmwissenschaftler Wolfgang Theis geführt hat. So berichtet Stoffel, dass er bis zum Eklat in der Beethovenhalle nie Feindschaften unter Schwulen erlebt habe und nun habe erleben müssen, wie Manfred Herzer in der Filmdokumentation über ihn und andere herzog (s.o.). Obwohl Stoffel eigentlich ein Gegner der Veranstaltung war, griff er am 12. Juli dennoch deeskalierend ein. Nach den Ereignissen in der Beethovenhalle beendete er zunächst seinen schwulen Aktivismus. Für ihn standen danach die Menschen als "Projektionsflächen im Mittelpunkt und nicht (mehr) die Inhalte, über die hätte gestritten werden können".

Für Wolfgang Theis bedeutete der Eklat in der Beethovenhalle den "Zerfall der Bewegung", weil nun "differente Vorstellungen von schwuler Politik" durch "autoritäre Vorgehensweisen" als unvereinbar erschienen. Für ihn wich das "Ideal schwuler Emanzipation, für welches die organisierte Schwulenbewegung uneingeschränkt gestanden hatte, […] einer von enttäuschenden und relativierenden Erfahrungen geprägten Einschätzung". Nach Henze gab es einige Jahre später einen weiteren "Wendepunkt der Schwulenbewegung", mit dem sie lernen musste umzugehen: die Immunschwächekrankheit Aids.

Weitere Stimmen: Reichert, Kraushaar und der LSVD

Auch Martin Reichert verbindet die Beethovenhalle in seinem Buch "Die Kapsel. Aids in der Bundesrepublik" (2018, S. 25-26) mit Aids: "Für viele aus der Bewegung wurden die Ereignisse zu einem Trauma, die Verletzungen und Enttäuschungen über den Abschied von Utopien und Visionen waren groß und wirken nach bis zum heutigen Tag. Zu Beginn der Achtziger war die Bewegung gelähmt und geschwächt. 'Die Luft war raus', konstatierte Michael Bochow […]. Genau in diese Phase der Ermüdung fielen die ersten Fälle von Aids."

Sehr lesenswert ist auch Elmar Kraushaars Aufsatz "Höhenflug und Absturz. Von Homolulu am Main nach Bonn in die Beethovenhalle" (in: "Rosa Radikale. Die Schwulenbewegung der 70er Jahre", 2012, S. 80-90, insb. S. 85-90), wobei er mit "Absturz" die Ereignisse in der Beethovenhalle meint. Die Veranstaltung habe zu einem Zeitpunkt stattgefunden, als es in der Szene nur linke Schwule zu geben schien. Die "Schwusos" – der Arbeitskreis Lesben und Schwule in der SPD – hatten sich nach Kraushaar erst im Mai 1980 (bzw. 1978) gegründet. Dass sich eine Veranstaltung nun an alle Parteien richtete, habe vielen politisch linken Schwulen offenbar schon zu viel Toleranz abverlangt.

Der schwule Journalist und Autor Matthias Frings wird in diesem Zusammenhang mit den nicht unpassenden Worten "Schwänze sind leichter fassbar als Lebenskonzepte" zitiert. Schon in der Vorbereitung sollen – so Kraushaar – Pädos ausgegrenzt worden sein und auch einige Frauen hätten das Projekt verlassen. Als der Moderator Münchenhagen nach einer Stunde aufgegeben habe, sei das Desaster mit den Worten umschrieben worden: "die Fundis besiegten die Realos, wenn auch nur für den einen Tag". Die Bewegung habe an diesem Tag nicht die Parteien, sondern sich selbst auseinandergenommen. 1980 sei es um Visionen und Utopien gegangen; heute orientiere sich ein Verein wie der LSVD – so Kraushaar – nur "am politisch Machbaren".

Auch der LSVD bringt seine Sicht auf die Ereignisse in der Beethovenhalle in die politische Diskussion ein. In einem Text auf seiner Internetseite über "Schwulenpolitik in der alten Bundesrepublik" bringt er unter der Zwischenüberschrift "8. Das Desaster in der Bonner Beethovenhalle" eine gute und wichtige Ergänzung zur "Indianerkommune", deren Mitglieder "damals und in den folgenden Jahren der Schrecken aller Veranstalter [waren], weil sie deren Scheu, die Polizei gegen 'Andersdenkende' zu Hilfe zu rufen, hemmungslos ausnutzten" (LSVD).

Was hier als "hemmungslos" bezeichnet wird, würde ich so formulieren: Nicht wenige Schwule solidarisierten sich mit den Pädosexuellen, weil sie in der (früheren) Kriminalisierung homosexueller Kontakte und der Kriminalisierung sexueller Kontakte von Erwachsenen mit Kindern Parallelen sahen (was als Erklärung und nicht als Rechtfertigung zu verstehen ist). Pädo-freundliche Positionen waren in der Schwulenbewegung damals verbreitet, aber auch umstritten. Dass viele Schwulen die Pädosexuellen im Rahmen ihrer politischen Forderungen (wie in der Beethovenhalle) dann doch nicht berücksichtigen wollten, kam nicht durch einen Druck aus dem Innern der Bewegung, sondern durch politischen Druck von außen, die der Pädo-Freundlichkeit ein Ende bereiteten.

Was bleibt

Viele der Hintergründe habe ich im CSG (Centrum Schwule Geschichte, Köln) recherchiert, die mehrere Ordner mit Protokollen, Briefen und Presseartikeln zu dieser Veranstaltung verwahren. Für die Recherchemöglichkeit bedanke ich mich hiermit recht herzlich beim CSG.

Die Ereignisse in der Beethovenhalle werfen – fast mustergültig – private und gesellschaftliche Fragen auf, die auch heute noch Bedeutung haben. Wenn sich Schwule und Lesben in den vergangenen Jahren gefragt haben, ob sie heiraten möchten – obwohl sie früher vielleicht Ehe-Gegner bzw. -gegnerinnen waren -, geht es auch hier um die Frage, ob man ein gleichberechtigter Teil dieser Gesellschaft sein möchte oder ob eine gewisse Distanz zu dieser Gesellschaft erstrebenswert ist.

Politisch und gesellschaftlich geht es bis heute um ähnliche Fragen wie damals: Wie sollten wir uns in der Öffentlichkeit präsentieren und positionieren? Wie stark sind wir als Bewegung und wie stark ist der Kitt, der die Buchstaben LSBTTIQ zusammenhält? Sollten wir politische Kompromisse eingehen und wenn ja, welche? Auch heute diskutieren wir eifrig darüber, welche Gruppen beim alljährlichen CSD besser ausgeschlossen werden sollten: Sind Bordelle mit männlichen Prostituierten, ein Bareback-Porno-Label oder die frühere Schwulengruppe der AfD Teile der Szene oder sollen sie ausgeschlossen werden? Darüber wird heute – und zum Glück meistens kultiviert – gestritten. Der Eklat in der Beethovenhalle erinnert mich aber leider auch an die Radikalisierung linker Studenten, die sich im Recht sehen, wenn sie Veranstaltungen des ehemaligen Verteidigungsministers Thomas de Maizière (CDU) so massiv stören, dass sie abgebrochen werden müssen.

Die Ereignisse in der Beethovenhalle haben mir auch verdeutlicht, welchen besonderen Reiz es hat, das Leben bekannter schwuler Prominenter über Jahrzehnte mitzubekommen. Dieses Gefühl kennen viele mit Bezug auf schwule Schauspieler mit ihren Höhen und Tiefen wie bei Georg Uecker, Helmut Berger oder Hape Kerkeling. Im politischen Bereich lässt sich Volker Beck als Beispiel nennen, der über Jahrzehnte die Schwulenpolitik in Deutschland maßgeblich mitbestimmt hat.

Im (günstigen und lieferbaren) Biopic "Detlef – 60 Jahre schwul" (2012) erzählt Detlef Stoffel mehr als 30 Jahre nach der Veranstaltung in der Beethovenhalle aus seinem schwulenbewegten Leben. Durch solche Biografien kann man lernen, wie sich schwulenpolitische Ansätze – manchmal auch in Verbindung mit dem Lebensalter – verändern können, Utopien aufgegeben und manchmal auch realisiert werden.

Elmar Kraushaar hat Recht, wenn er betont, wie "Homolulu" (Juli 1979) und die "Beethovenhalle" (Juli 1980) für "Höhenflug" und "Absturz" der Bewegung stehen. Als wichtige Ereignisse von überregionaler Bedeutung sind sie Ausdruck all jener positiven und negativen Energien und damit letztendlich auch von Liebe und Hass, die in der queeren Bewegung stecken und deren inhaltliche Richtung immer wieder neu zu bestimmen ist.

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#1 StaffelvergblickAnonym
  • 12.07.2020, 13:16h
  • "Die "Schwusos" der Arbeitskreis Lesben und Schwule in der SPD hatten sich nach Kraushaar erst im Mai 1980 (bzw. 1978) gegründet."
    Die "Schwusos" wurden Ende Juli 1978 auf Landesebene der Berliner Jusos begründet. Nach einem ausführlichen Referat ging es dann nicht um inhaltliche Diskussionen, vielmehr um den Namen. In den nachfolgenden Monaten/Jahren folgten Köln, Hamburg, Bremen. Jahre später wurde der Arbeitskreis auf "Parteihöhe" angebunden.
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#2 jxxiAnonym
  • 12.07.2020, 15:51h
  • Als damals in Homolulu und in der Beethovenhalle dabei Gewesener war ich zwischen den "Fronten" hin- und hergerissen und kann nur sagen, dass ich von der Korrektheit, Gründlichkeit und Genauigkeit dieses Artikels bezüglich der Aufarbeitung der historischen Fakten und die Einordnung in größere Zusammenhänge schwer begeistert bin!
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#3 AnimalblackProfil
#4 clemAnonym
  • 13.07.2020, 11:54h
  • Jetzt verstehe ich (als junge Person) erstmal warum wir Schwulen in der Vergangenheit und leider teilweise auch noch heute immer mit Pädophilen gleichgesetzt wurden/werden. Die Schwulenbewegung hätte sich von Anfang an mehr distanzieren sollen.
    Sex mit Kindern zu legalisieren ist ja einfach absolut zu verachten. Es ist gut, dass sich sowas nicht durchgesetzt hat und es wird sich hoffentlich auch nicht durchsetzen. Der Schutz von Kindern muss da an erster Stelle stehen.
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#5 goddamn liberalAnonym
#6 Ralph
  • 14.07.2020, 11:25h
  • Antwort auf #4 von clem
  • Ja, in den 70ern und bis in die 80er hinein wurden Homosexualität und Pädosexualität innerhalb der Szene vielfach gleichgesetzt. Ich kann das heute nicht mehr begreifen, muss aber zu meiner Schande gestehen, dass ich es (1980 war ich 18 Jahre alt) zwar nicht selbst propagiert, aber zunächst auch nicht in Frage gestellt habe.
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#7 Ach jaAnonym
  • 14.07.2020, 15:25h
  • Antwort auf #6 von Ralph
  • Ich weiß absolut was Ihr meint, aber das war zu dem Zeitpunkt wirklich kein schwules Problem
    Nach der "sexuellen Revolution" Ende der 60er gab vielfach sowohl in Hetero- als auch Homokreisen Versuche Pädosexualiät zu entkriminalisieren, da man der Auffassung war, Kinder würden durch die strengen Moralvorstellungen der vor 68er Zeit nur in der Entwicklung ihrer natürlichen Sexualität gestört und es würde ihnen nicht schaden auch Sex mit Erwachsenen beizuwohnen bzw. selbst daran teilzunehmen.
    Dass das falsch ist, mussten viele Aktivisten auch erst mal wieder begreifen, zumal die Prüderie der 50er und 60er ja auch tatsächlich schädlich für die Kinder war.
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#8 stromboliProfil
  • 01.09.2020, 01:48hberlin
  • Antwort auf #6 von Ralph
  • in deinem wie auch dem beitrag von #7 Ach ja spiegelt sich die zeitliche distasnz zu der eigenen erfahrungswelt die wir beginnend in der vorpupertären und folgend unserer pupertät erfuhren: nähmlich sexuelle gefühle!
    Nicht eindeutig als schwul benannt aber immer auch mit dem wissen "anders zu sein und zu werden.

    Ich habe mit 14 und beginn meines berufslebens männerbekanntschaften aktiv gesucht.
    Ja , damals ging man mit 14 in die lehre! Bereicherte den produktionsprozess wie ein erwachsener , und dies mit nur beschränkten arbeitsjugendschutz, während man mir vorschrieb, keine sexualität zu haben.
    Aber trotz ver&gebote beginnt meine sexuelle erlebniswelt. Lerne männer höheren alters kennen und vögele mit ihnen.
    Großstadtlehre mit klappen-parks von und zurück zum bahnhof, um von dort wieder ins elternliche ländliche heteronormative zurück kehren zu müssen. Heimlich dann die ersten "gehversuche in den einschlägigen bars; geschützt bei den üblichen polizeilichen "personenkontrollen wegen millieuverdachtes ", von den schwulenmuttis hinter den thresen ( musste immer mindest eine frau anwesend oder angestellt sein um die behördlichen vorgaben sogenannt " gemischten publikums zu erfüllen) , in den bierkeller oder ins büro verfrachtetwurdest, nicht nur weil man ja noch minderjährig ein lokal betrat, sondern weil alle erwachsenen nunmehr als potentielle freier/verführer in die polizeilichen aktenwelten einverleibt wurden, mit teilweise fatalen folgen bis hin zu nachfragen auf der arbeit etc.
    Ich sehes dies noch heute als staatlich-heteronormativen gruppenterror. der sich hin zu einer art schwulen gruppenpsychose ausweitete.
    Hieraus leitete sich dann teils bewusst, teils verdrängt der anspruch einer selbstbestimmten sexualität heraus die da beginnt, wo mensch beginnt sexuell zu empfinden. Dabei bestimmt nicht das alter, sondern die entwicklung! Also auch eine mit dem pupertären drama beginnenden selbstfindung.

    Das ist deshalb kein plädoyer für pädophlie ( also vorpupertäres stadium. Was so aber auch keine selbstbewusste auseinandersetzung mit den eigenen bedürfnissen bringt, sondern ständig in einer art vorwärts-verteidigung endet, die so schwules erwachsenwerden um jahre hinauszögert mit den durchaus bekannten spätfolgen im erwachsenen sein..

    Was sich hier in der erinnerung um die gruppierung indianerkommune hochstilisiert, wird zum scheidepunkt schwuler versus antipädophiler moral, wendet sich dabei aber auch gegen den legitimen anspruch heranwachsender schwuler, sich seine partner aussuchen zu dürfen ohne das ihm entgegen seiner entwicklung, ständig eine altersbegrenzung aufgezwungen wird.

    Was damals aus heteronomativer sicht den schwulen aufoktroyiert wurde, nähmlich die altersbedingte verführungsthese mit folgend "moralisch aufgesetzer pflicht dem grenzen zu setzen ( minderjährigkeitsformel ) , wird heute in unserem abgrenzungsgehabe gegenüber einer uns unterstellten pädo-nähe zum selbstläufer: wir zwingen vorauseilend das mindestalter den nunmehr sexuell heranwachsenden als zwangsmoralisch "notwendig auf um uns so vor dem vorwurf der pädofreundlichkeit zu schützen.
    Den heranwachsenden kindern wird nun von uns schwulen das abverlangt, was man vormals uns ebenso aufgezwungen hat.
    Hände auf der decke lassen.

    Dabei aber weichen wir einer dringend notwendigen diskussion mit pädos und um pädophilie aus. Vermauern und pauschalieren uns hinter den missbrauchsfällen und vergessen dabei unsere eigene geschichte.
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