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"Mein Körper, meine Sache"

Russischer LGBTI-Aktivistin drohen sechs Jahre Straflager

Die lesbische Künstlerin Julia Tsvetkova kassiert in Russland Strafen, weil sie etwa gleichgeschlechtliche Paare mit Regenbogen-Motiven malt. Und sie erhält massenhaft Morddrohungen. Der Fall der 27-Jährigen steht beispielhaft für ein System.


Julia Tsvetkova, auf deutsch auch Zwetkowa, mit einem Corpus Delicti (Bild: privat)

Monatelang, von November bis März, hat die junge russische Künstlerin Julia Tsvetkova wegen ihrer Zeichnungen nackter Frauen im Hausarrest verbracht, dann wurde sie angeklagt. "Mir wird vorgeworfen, im Internet Pornografie verbreitet zu haben", sagt die 27-Jährige zu ihrem wichtigsten Verfahren, dem strafrechtlichen. Die LGBTI-Aktivistin und Feministin sitzt zu Hause in ihrer Heimatstadt Komsomolsk am Amur im äußersten Osten Russlands in einem Video-Chat mit der Deutschen Presse-Agentur. Ihre Zeichnungen sieht sie wie auch viele Kunstexpert*innen, die auf Gemälde großer Meister*innen von nackten Frauen in den Museen der Welt verweisen, nicht als Pornografie. Aber in Russland setzt bisweilen schon ein gemalter Regenbogen den Staatsapparat in Gang.

Weil sie gleichgeschlechtliche Paare – Frauen und Männer – mit Kindern malt, eckt Julia Tsvetkova immer wieder an. "Familie ist, wo Liebe ist", steht auf ihrem Bild mit Regenbogenfarben. Eine Richterin verurteilte sie wegen Teilen des Bildes deshalb Anfang des Monats in einem Bußgeldverfahren nach dem Gesetz gegen "Homo-Propaganda" zu einer Strafe von 75.000 Rubel (queer.de berichtete). Das sind rund 925 Euro – gut zwei Monatsgehälter in der Region. Viel Geld für die arbeitslose Theatermacherin, die wegen der Anklage auch ihren Posten als Direktorin eines Begegnungszentrums verloren hat. Sogar mit dem sonst für die Sicherheit des Landes zuständigen Inlandsgeheimdienst FSB hatte sie es schon zu tun.


Hierfür wurde Tsvetkova verurteilt: "Familie ist, wo Liebe ist. Unterstütze LGBT+-Familien". Das Bild war eine Reaktion auf panische Medienberichte und Ermittlungen gegen ein schwules Paar, denen Behörden ein Adoptivkind wegnehmen wollten (queer.de berichtete)

"Sexuelle Orientierung ist keine Idee, keine Überzeugung", sagte Tsvetkova vor Gericht. "Und mir persönlich ist kein Fall bekannt, in dem ein Junge beim Anblick einer Regenbogenfahne schwul wurde." Die Richterin sah das anders. Sie verurteilte Tsvetkova, weil sie Kinder in ihrer Entwicklung schade. Dabei hatten die Gruppen im Netz, in der sie die Bilder teilte, die Altersangabe 18+, womit sich etwa Medien gegen das Gesetz gegen "Bewerbung nicht-traditioneller sexueller Beziehungen unter Minderjährigen" absichern können. In einem anderen Verfahren nach dem Gesetz lag ihre Strafe bei 50.000 Rubel; die Staatsanwaltschaft strengt bereits ein drittes an.

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Sechs Jahre Straflager drohen

Längst ist die Feministin aus der Region Chabarowsk, wo es acht Stunden später als in Deutschland ist, für ihren Einsatz um die Rechte von LGBTI landesweit bekannt. Auch die Europäische Union schaut auf den Fall. Doch das Schlimmste steht Julia Tsvetkova noch bevor. Weil sie Bilder von nackten Frauen gemalt hat, muss sie sich nun bald noch wegen Verbreitung von Pornografie verantworten. Die Bilder gehören zu einer Sammlung mit dem Titel "Eine Frau ist keine Puppe".


Beispielbilder aus der beanstandeten Serie mit Beschriftungen wie "Lebendige Frauen menstruieren", "haben Körperhaare", "haben graue Haare" oder "haben unperfekte Brüste" – immer mit dem Zusatz "und das ist normal". Alle Bilder und weitere Informationen bietet die Webseite freetsvet.net

Bis zu sechs Jahren Straflager drohen ihr deshalb. Viele prominente Russ*innen aus dem Show- und Mediengeschäft, Menschenrechtler*innen und Politiker*innen verurteilen das Vorgehen der Justiz gegen die Künstlerin. "Freiheit für Julia Tsvetkova!", fordern Aktivist*innen mit Plakaten bei Straßenprotesten. Immer wieder kommt es dabei zu gewaltsamen Festnahmen.

Twitter / SvobodaRadio | Am 27. Juni wurden über 40 Personen bei Soli-Kundgebungen zu Tsvetkova in Moskau (Video) und St. Petersburg festgenommen (queer.de berichtete). Eine Aktivistin erhielt mehrere Tage Haft.

Auch das Internet – Facebook, Telegram, Instagram, Youtube – ist voll mit beißender Kritik an den Behörden. Julia Tsvetkova selbst informiert und mobilisiert über die sozialen Netzwerke. Feministinnen landauf, landab demonstrieren gegen Gewalt an Frauen – und für mehr Rechte. "Mein Körper, meine Sache" ist inzwischen der Leitspruch einer ganzen Bewegung. Die Frauen wollen sich nicht vom Staat vorschreiben lassen, was gezeigt werden darf.


Die Anklageschrift im zweiten "Propaganda"-Verfahren stufte Tsvetkova wegen Zeichnungen wie diesem aus dem ersten Verfahren als "Wiederholungstäterin" ein

"Diese Unterstützung tut gut, weil ich mich dann nicht allein fühle", sagt Tsvetkova. "Es gibt aber auch viel Hass gegen mich und meine Mutter. Das ist schwer auszuhalten. Gedroht wird, uns zu erschießen oder zu verbrennen. Und es gibt genaue Beschreibungen, wo ich wohne." Auch die Polizei selbst habe anfangs von ihren Vernehmungen Videos ins Netz gestellt mit Kommentaren. Die Absender der Hassbotschaften gegen LGBTI sind nicht nur in ihrem Fall namentlich oft bestens bekannt. Eine Verfolgung aber wie die Zeichnerin Tsvetkova müssen sie kaum befürchten.

Die Menschenrechtsorganisationen Memorial und Amnesty International haben Julia Tsvetkova offiziell auf die Liste der politisch Verfolgten gesetzt. "Sie wurde zur Zielscheibe einer langen, diskriminierenden und klar homophoben Kampagne", heißt in einem Memorial-Dossier. "Die Behörden haben ihr einen Schlag nach dem nächsten versetzt, indem sie sie willkürlich verhafteten, verhörten und einschüchterten."

Die Lage verschärft sich wieder

Julia Tsvetkova weiß, dass sie einen langen und gefährlichen Kampf vor sich hat. "Wenn ich keine Angst hätte, wäre das schon seltsam." Immer wieder hat die Künstlerin, die in London und Moskau studiert hat, daran gedacht, der Provinz den Rücken zu kehren. Doch die Stadt darf sie wegen der Verfahren nicht mehr verlassen.

"Für die LGBTI-Bewegung wird sich die Lage im Land weiter verschärfen", sagt sie. Zum einen wird das international umstrittene Gesetz 2013 zum Verbot von "Homo-Propaganda" breit angewendet – vor allem zum Verbot von Protesten, zur Selbst-Zensur von Medien und Behörden oder, bei bislang einigen wenigen Ermittler*innen, zum Vorgehen gegen einzelne Aktivist*innen wie sie. Zum anderen ließ Präsident Wladimir Putin gerade erst eine neue Verfassung mit konservativen Werten verabschieden. Sie schließt die bereits einfachgesetzlich verbotene gleichgeschlechtliche Ehe aus (queer.de berichtete). Diese Woche wurde ein Gesetzentwurf vorgestellt, trans Personen die Ehe und gleichgeschlechtlichen Paaren oder solchen mit trans Partner*innen die Adoption von Kindern zu verbieten (queer.de berichtete).


Im Mittelpunkt des dritten Bußgeld-Verfahrens steht offenbar diese viel geteilte Zeichnung, die aus Anlass eines homophoben Spots zum Verfassungsreferendum entstand

Als die Botschaften der USA und Großbritanniens im Juni in Moskau aus Solidarität mit der LGBTI-Bewegung Regenbogenfahnen hissten, kritisierte der Kreml das als Verstoß gegen russische Gesetze. Das Riesenreich mit seiner einflussreichen russisch-orthodoxen Kirche sieht sich wieder zunehmend im Kampf mit dem Regenbogen, dem internationalen Symbol für Toleranz gegenüber sexuellen Minderheiten, stellvertretend für die Minderheiten selbst. Gerade erst hörte sich Kremlchef Putin bei einem Treffen mit Funktionär*innen an, dass die beliebte Eiscreme Raduga eine Gefahr für Kinder sei (queer.de berichtete).


Tsvetkova lässt sich in sozialen Netzwerken ihren Aktivismus, ihren Trotz, den Regenbogen und ihren Humor nicht nehmen

Raduga ist Russisch für Regenbogen – die Eisverpackung entsprechend bunt. Kinder würden so an das Regenbogen-Motiv gewöhnt, warnte die Politikerin Jekaterina Lachowa. Putin widersprach nicht. Er regte vielmehr mit Blick auf das Eis des Anstoßes eine "gesellschaftliche Kontrolle" rund um den Regenbogen an, aber "nicht aggressiv". Das kann vieles heißen. Politiker*innnen debattierten zuletzt, den Regenbogen ausdrücklich in das "Propaganda"-Gesetz aufzunehmen. Dabei wurde in den letzten Jahren bereits praktisch jede Person, die sich mit einer Regenbogenflagge auf die Straße wagte, festgenommen.



#1 DramaQueen24Profil
  • 18.07.2020, 06:30hBerlin
  • Auch, wenn ihre Zeichnungen, freundlich ausgedrückt, eher laienhaft als professionell sind, so hat sie als Künstlerin das recht, sich auszudrücken.
    Durch Verbote und Strafen erreichen die Mächtigen selten das, was sie erreichen wollen: das die Künstler kuschen. Vielmehr erreichen sie durch Verbote, dass die Zuschauer noch neugieriger werden, und darüber diskutiert wird.
    Wenn, wie in Russland, auch nur hinter vorgehaltener Hand.
    Wenn durch nackte Bilder und Skulpturen von Frauen und Männer die Kinder der Welt schwul würden, wäre diese Welt ein "Gay Paradise". Da dem nicht so ist, widerlegt es die These der homophoben Richterin.
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#2 goddamn liberalAnonym
  • 18.07.2020, 11:45h
  • Antwort auf #1 von DramaQueen24
  • Da gibt es keine Thesen zu widerlegen, weil die Unmenschlichkeit des neozaristischen Unterdrückungssystem offensichtlich ist.

    Genauso wie der traditionsreiche Todesmut russischer Revolutionär*innen, der gerade im Kontrast zum weit verbreiteten deutschen Kleinmut wirklich bewundernswert ist!

    Ich wünsche der Aktivistin von Herzen alles Gute und viel Kraft!
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#3 queergayProfil
  • 18.07.2020, 12:57hNürnberg
  • Bei solchen Verfolgungen sollte in den Kritiken gerade auch das System Putin thematisiert und angeprangert werden.
    Putin als Pate mit Verbindungen zur Mafia und mafiaähnlichen Machtstrukturen - mit Korruption größten Ausmaßes - ist oberster Richtlinienbestimmer in Russland.
    Nicht nur ARD/ZDF-Dokumentationen belegen diese russischen Zustände hinter den "offiziellen Kulissen" im mafiösen Untergrund der Macht.
    Der liebe, gute Putin, der für alle sorgt, ist nur der schauspielernde Zar in einem absurden, mörderischen Märchen.
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#5 KlartextAnonym
#6 Alexander_FAnonym
  • 19.07.2020, 03:34h
  • Antwort auf #2 von goddamn liberal
  • Ebenso traditionell wie der Todesmut, den Cvetkova an den Tag legt, ist auch der Grund für diesen, nämlich die zutiefst tragische Tradition eines brutalen Obrigkeitsstaates, der Menschen wie sie schon seit ebenso langer Zeit erdrückt.

    Ich habe nur kurz in Russland gelebt, weiß aber seither, weshalb unsere russischen Geschwister Deutschland, so unvollkommen es sein mag, als gelobtes Land betrachten, denn man kann sich nicht vorstellen, was es heißt, dort in Russland als ein Mensch wie sie zu leben, geschweige denn, was die sechs Jahre Lagerhaft bzw. Zuchthaus für sie bedeuten werden. Die sind ein faktisches Todesurteil.
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#7 DramaQueen24Profil
#8 DramaQueen24Profil
  • 19.07.2020, 04:35hBerlin
  • Antwort auf #3 von queergay
  • Putin hat Verbindungen zu:

    1. Geheimdiensten (nicht nur russischen)
    2. russischen Oligarchen
    3. russischer Mafia
    4. russischen Separatisten (nicht nur in der Ost-Ukraine)
    5. Diktatoren (Syrien, Nord-Korea, China, USA), und
    6. willfährigen europäischen Politikern vom rechten und linken Rand.

    Eine Klapperschlange ist da noch vertrauenswürdiger.
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#9 goddamn liberalAnonym
#10 alien humanAnonym
  • 19.07.2020, 15:02h
  • Antwort auf #2 von goddamn liberal
  • Ich sehe überhaupt keine todesmutige russische Revolutionärin, sondern eine friedliche junge Frau in der Tradion des Feminismus, die unter die Räder dieser Kriegs- und Unterdrückungsmaschinerien gekommen ist, die sich in Russland Regierungen nennen, nur weil sie ist, so wie sie ist.
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