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"Find Me": Was aus Elio und Oliver wird

André Aciman schreibt die Geschichte von Elio und Oliver aus "Call Me By Your Name" weiter. Natürlich wollen alle wissen, wie es mit den beiden weitergeht. Doch viele Fans werden vom Roman enttäuscht sein.


Szene aus der Verfilmung von "Call Me By Your Name": Die Romanze zwischen Elio (Timothée Chalamet) und Oliver (Armie Hammer) entzückte vor rund zweieinhalb Jahren Zuschauer*innen und Kritiker*innen (Bild: Sony Pictures Classics)

Literatur bewegt. Und wie. Manche Kritiken und Kommentare zu André Acimans "Find Me" auf der Bücherplattform "Goodreads" zeugen eindrücklich davon. "Diese Kritik zu schreiben tut sehr weh", schreibt einer, der dem Sequel von "Call Me By Your Name" nur einen Stern gibt. "Ich habe es gehasst. Lest es nicht", eine andere. "Nun, das hier ist die herzzerreißendste Ein-Sterne-Bewertung, die ich je vergeben habe", urteilt ein anderer.

Viele Leser*innen sind zutiefst enttäuscht von "Find Me", das jetzt unter gleichem Titel in deutscher Übersetzung erscheint. Zurecht. Dass der Name Elio zum ersten Mal erst nach knapp der Hälfte der rund 300 Seiten fällt – geschenkt. Davor erzählt Aciman die Geschichte von Elios Vater Samuel, der während einer Zugfahrt nach Rom eine Zufallsbekanntschaft macht. Nach ein bisschen Plauderei lädt die deutlich jüngere Miranda ihn schließlich zum Abendessen ein, und natürlich verlieben sich die beiden unsterblich ineinander.

Auch Elio erfährt eine schicksalshafte Begegnung


"Find Me" erscheint am 24. Juli in deutscher Übersetzung bei dtv Literatur

Die Geschichte von Samuel und Miranda ist so unfassbar übertrieben und klischeehaft, dass es wirklich unangenehm ist. Bei Mirandas pathetisch aufgeladenen Sätzen wie "Ich kenne dich, Sami, darum", "Alles, was ich habe, gehört dir" oder er sie mit den Worten "So lange du willst, so lange du lebst" in sein Haus am Meer lädt – die beiden kennen sich 24 Stunden -, dann ist das nicht mehr romantisch oder rosarot, sondern einfach nur Kitsch übelster Sorte. Ja, manche mögen es, wenn sich Frischverliebte schon am ersten Tag der Begegnung ein gemeinsames Tattoo stechen lassen wollen.

Dass Samuel zunächst noch ein wenig unsicher wie ein Teenager vor dem ersten Date ist, mag ja anfangs noch als süß durchgehen. Irgendwann driftet es aber dermaßen ins Selbstmitleid ab, dass man sich fragt, was Aciman mit dem Charakter aus dem ersten Teil gemacht hat. Und ob er ihn bitte wieder zurückbringen kann.

Im nächsten Teil des Romans geht es dann endlich um Elio. Ein weiterer Zeitsprung, mittlerweile sind wir zehn Jahre nach "CMBYN". Obwohl wir in einer anderen Zeit, einer anderen Stadt und bei einer anderen Person sind, ändert sich der Ton so gut wie überhaupt nicht. Elio ist Pianist in Paris und erlebt eine ähnlich schicksalshafte Begegnung wie sein Vater. Nach einem Konzert in einer Kirche trifft er den deutlich älteren Michel. Muss erklärt werden, wie es mit den beiden weitergeht?

Elio und Oliver treffen sich – auf 20 Seiten


Autor André Aciman (Bild: Sigrid Estrada)

Die beiden kennen sich nicht einmal eine Woche, aber für Elio ist das "wirklich sehr besonders". Worin genau die Anziehung besteht, wird jedoch nicht wirklich ersichtlich. Es ist einfach alles zu perfekt. Hin und wieder sind da manche Details, wo Acimans erzählerisches Talent doch durchblickt, etwa wenn er beschreibt, wie sehr Elio es genießt, wenn Michel ihm die Hand einreibt. Kleinigkeiten, Details, die aber leider in dem sonst so vorhersehbaren Ablauf verpuffen.

Als die beiden schließlich ein langes Familiengeheimnis von Michel zu lüften versuchen, scheint es irgendwann keine stimmige Lösung mehr zu geben. Dann endet dieses Kapitel einfach und weiter geht's, nochmal fünf Jahre weiter in der Zukunft, mit Oliver in New York. Dieser dritte und kürzeste Teil ist der angenehmste. Endlich keine abgedroschenen Liebesschwüre mehr. Einfach nur Oliver, der als Dozent arbeitet, kurz vor einem Umzug steht und eine kleine Party schmeißt.

Natürlich nicht ganz, selbstverständlich treffen Elio und Oliver sich noch – für nicht einmal 20 Seiten. Doch auch das ist, ohne zu viel zu erfahren, weder stimmig noch nachvollziehbar. Der Drang zu erfahren, was aus den beiden wird, ist verständlich. Wer sich jedoch den Zauber aus dieser Liebesgeschichte bewahren will, der sollte "Find Me" einfach ignorieren.

Auch das Film-Sequel kommt

Es ist erstaunlich, wie sehr sich Sprache und Stil innerhalb eines Romans wandeln können. Das war schon bei "Fünf Lieben Lang" so, dem Roman von André Aciman nach "CMBYN". Die erste Geschichte vom jungen Paul und dem Schreiner Nanni auf San Giustiniano ist wirklich berührend. Alles, was danach kommt, wechselt wieder ins fast Lächerlich-Kitschige.

Dass "Find Me" viele (nicht alle) Leser*innen enttäuscht, ist verständlich. Die Messlatte lag auch einfach extrem hoch. Da hatte Armie Hammer, der im Film Oliver spielt, leider ganz recht. In einem Interview mit der US-Entertainmentseite "Vulture" sagte er im März 2019: "Wenn wir einen zweiten Teil machen, können wir meiner Meinung nach nur Enttäuschung hervorrufen. Ich weiß einfach nicht, ob irgendwas mit dem Original mithalten kann."

Erst in diesem März hat "CMBYN"-Regisseur Luca Guadagnino bestätigt, dass es auch ein filmisches Sequel geben wird und dass alle Hauptdarsteller*innen mit an Bord sind (queer.de berichtete). Hoffen wir nur, dass er sich nicht an "Find Me" als Vorlage bedient.

Infos zum Buch

André Aciman: Find Me – Finde mich. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Brovot. 296 Seiten. dtv Literatur. 2020. Hardcover: 22,00 € (ISBN: 978-3-423-28230-7). E-Book: 19,99 € (ISBN: 978-3-423-43749-3). Erscheinungstag: 24. Juli 2020


#1 Ralph
  • 19.07.2020, 09:41h
  • Mich hat schon das Ende von CMBYN enttäuscht, das für einen der beiden Protagonisten den Weg in ein "normales" Familienleben bringt und damit nervig auf ein Klischee der 70er Jahre zurückgreift, das wenigstens einem der zwei Unseligen die Rettung bringt. So was will ich heute nicht mehr als "Lösung" in einem Roman lesen.
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#2 old cloudAnonym
  • 19.07.2020, 20:48h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • richtig, nicht nur das aber auch der dubios klischeehafter Altersunterschied und die ganze schwülstige und pathetische Stimmung waren aus der Zeit gefallen. vermutlich erst der Erfolg im breiten hetero Publikum genau dem geschuldet.
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#3 lindener1966Profil
#4 lindener1966Profil
#5 lindener1966Profil
  • 20.07.2020, 02:51hHannover
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Weder im Roman noch im Film geht es ums Schwulsein, sondern darum, dass das Geschlecht manchmal keine Rolle spielt, wenn man einen besonderen Menschen trifft und sich in ihn verliebt. Und das gilt hier eben auch und ganz besonders für den älteren Oliver. Er ist vielleicht eben gar nicht schwul! Wir queers betonen doch so oft die Fluidität von Gefühlen und Identitäten, da sollte es doch wohl wenigstens in der Literatur möglich sein, wenn es in der Realität schon nicht immer stimmt.
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#6 paul senftenbergAnonym
  • 20.07.2020, 09:53h
  • ich muss sagen, dass ich beim lesen von "find me" geradezu schockiert war, wie ein autor hier (wahrscheinlich gegen eine schöne summe geld) seinen ruf ruiniert - ein katastrophal schlechtes buch, das in keiner weise an CMBYN herankommt, das ja schlichtweg eines der berührendsten bücher überhaupt ist, das ich kenne.

    ich habe auch die verfilmung als sehr gelungen empfunden - aus einer vielzahl an gründen. leider ist der film ja erst nach dem redaktionsschluss meines buches "gay movie moments" herausgekommen, deshalb ist er darin nicht enthalten. er ist aber natürlich eines der highlights im zweiten band, der unter dem titel "more gay movie moments" im herbst 2021 publiziert wird.

    wer lust hat, kann meinen text zum film CMBYN gern auf meiner homepage nachlesen - kostet natürlich nichts und ich freue mich über alle besucher*innen. hier der direkte link:

    www.paulsenftenberg.at/more-gay-movie-moments/neue-gay-movie
    s-1-g/call-me-by-your-name/


    liebe grüße an euch alle!
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#7 PiakAnonym
  • 20.07.2020, 10:18h
  • Antwort auf #4 von lindener1966
  • Ich empfand den Film auch als eher enttäuschend, obwohl ich Filme in derartigem Millieu seit Belle Epoque, der sich im großartigen Ausladsoscarjahrgang 1994 unter anderem gegen das Hochzeitsbankett und Lebe wohl, meine Konkubine durchgesetzt hat, eigentlich überaus mag. Zu viel passte einfach nicht zusammen und dazu gehört schon auch der Altersunterschied, der zwar auf dem Papier nur 7 Jahre betragen soll, was aber durch Arnie Hemmer etwas konterkarriert wurde, da er auf mich nicht wie 24, sondern eher 34 wirkte. Das lag nicht nur an der Besetzung, sondern auch an Maske und Kamera, denn er kann auch jünger erscheinen. Insofern wohl gewollt.
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#8 Ralph
  • 20.07.2020, 12:49h
  • Antwort auf #5 von lindener1966
  • Mag sein, aber ich nehme es anders wahr. Nach meinem Verständnis geht es da um die Liebe zwischen zwei männlichen Figuren, von denen eine dann doch zu einer Frau umschwenkt. Das ist die alte Masche vom glücklich erlösten Schwulen und dem zum Unglück verdammten Perversen und lässt sich genau so schon in den 70ern bei Alexander Ziegler nachlesen. Nein, so was heute bitte nicht mehr.

    Und was den Altersunterschied angeht, der hier auch diskutiert wird: Richtig, so groß ist der nicht, aber das relativiert sich angesichts der Jugend des Jüngeren. Es macht was aus, ob die beiden 30 und 37 sind oder 17 und 24.
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#9 PiakAnonym
  • 20.07.2020, 14:43h
  • Antwort auf #8 von Ralph
  • Prinzipiell richtig, aber ich glaube nicht, dass deine Wertung dem Filmende (das Buch habe ich nicht gelesen) entspricht. Oliver ist nicht glücklich erlöst, sondern eher unglücklich verdammte Klemmschwester und zerstört sein Leben, weil er nicht aus dem Schrank rauskommt. Das Telefonat war da in meiner Erinnerung schon deutlich. Auch das Gespräch mit dem Vater weist in die entgegengesetzte Richtung.
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#10 Ehrliche HautAnonym
  • 20.07.2020, 15:02h
  • Antwort auf #8 von Ralph
  • Vergesst endlich diese dämliche Altersunterschiedsdiskussion.
    Mein Mann war 18 und ich 30 und wir sind immer noch zusammen nach 30 Jahren.
    Es gibt da da keine sinnvolle Regel oder einen Beziehungsratgeber für Altersunterschiede.
    Manchmal passt es manchmal nicht.
    Ebenso wie bei Gleichaltrigen.
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