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Interview

Burhan Qurbani, warum spielt ein cis Mann eine trans Frau?

Der Regisseur von "Berlin Alexanderplatz" über die Queerness seines Films, warum sein Gangster-Boss Pums schwul ist, wie die LGBTI-Repräsentanz im Kino verbessert werden kann – und eine umstrittene Besetzung.


Szene aus "Berlin Alexanderplatz": Der schwule Gangster-Boss Pums (Joachim Król, li.) schmiedet riskante Pläne mit Flüchtling Francis (Welket Bungué) (Bild: Frédéric Batier / Sommerhaus / eOne Germany)

Burhan Qurbani veröffentlichte 2010 mit "Shahada" seinen ersten Spielfilm (Bild: Malik Vitthal)

Dass Burhan Qurbani, geboren 1980 als Sohn afghanischer Eltern in Erkelenz, zu den spannendsten jungen Regisseur*­innen des deutschen Kinos gehört, war gleich klar, als er 2010 mit seinem Debütfilm "Shahada" in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen wurde. In dem Film erzählte er vom Islam in Deutschland, unter anderem anhand eines jungen schwulen Nigerianers (gespielt von Jerry Hoffmann). Fünf Jahre später folgte "Wir sind jung,. Wir sind stark" über die rechtsradikalen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen, der für den Deutschen Filmpreis nominiert und mit dem Friedenspreis des Deutschen Films ausgezeichnet wurde.

In diesem Jahr nun präsentierte Qurbani seinen dritten Spielfilm abermals im Wettbewerb der Berlinale und wurde für seine Adaption von "Berlin Alexanderplatz" im April mit dem Deutschen Filmpreis in Silber ausgezeichnet (einen weiteren gab es für Albrecht Schuch als bestem Nebendarsteller). Wir trafen den Regisseur, der auf Instagram (@nevercool_ever) auch sein Talent als Fotograf eindrucksvoll an den Tag legt, in einem Café in Berlin-Kreuzberg zum Interview.

Herr Qurbani, wie relevant ist Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" heute noch?

Man darf ja nicht vergessen, dass der Roman kurz vor dem Scheitern der Weimarer Republik erschienen ist. Eines der letzten Bilder bei Döblin sind die SA-Truppen, die um den Alexanderplatz herum aufmarschieren. Der Roman kommt aus einer Zeit, in der ganz besonders hart um Werte – nicht zuletzt demokratische Werte – in Deutschland gekämpft worden ist. Was ja leider wieder höchst aktuell ist, nicht nur bei uns, sondern auch in zahllosen anderen Ländern. Außerdem hat Döblin seine Geschichte aus einer sozialen Schicht heraus erzählt, die für die bürgerliche, Kultur prägende Schicht damals unsichtbar war. Das fand ich ebenfalls reizvoll und sehr zeitgemäß. Und den idealen Weg, um davon zu erzählen, was es bedeutet, person of color und Teil einer weißen Mehrheitsgesellschaft zu sein.

Im deutschen Kino ist das eine Seltenheit…

Ich finde es wirklich problematisch, dass wir aus Deutschland heraus viel zu wenige Geschichten erzählen, die sich mit Communitys abseits der weißen, heterosexuellen Mitte beschäftigen. Deswegen haben wir kein Grundvertrauen darin, dass man damit ein interessiertes Publikum finden kann. Als ich vor über zehn Jahren angefangen habe, an meinem ersten Film "Shahada" zu schreiben, der von der muslimischen Community in Berlin handelt, war es unglaublich schwierig, diese Geschichte umzusetzen oder überhaupt Schauspieler*innen zu finden. Seither hat sich viel verändert, so viel mehr ist die türkisch-arabische Community zum Teil unseres medialen Selbstverständnisses geworden. Langsam, aber stetig ändert sich also etwas. Was sich auch daran zeigt, dass etwa #BlackLivesMatter zu einer weltweiten Bewegung geworden ist, und nicht mehr nur in den USA, sondern auch überall sonst die Leute auf die Straße gehen, um für Menschenrechte und gegen Rassismus zu demonstrieren. Das ist schon fucking amazing!


Poster zum Film: "Berlin Alexanderplatz" läuft seit 16. Juli 2020 im Kino

Ihre Version von "Berlin Alexanderplatz" ist nun von einer unerwarteten Queerness durchzogen. Warum?

Angelegt ist das meiner Meinung durchaus schon im Roman. Unabhängig davon war es mir wichtig, alles Queere so selbstverständlich wie möglich zu erzählen und nicht irgendwie als Herausstellungsmerkmal zu setzen. Pums zum Beispiel ist einfach schwul, fertig. Das gehört für mich zur politischen Haltung unseres Films: er setzt sich mit diesen Themen auseinander, also auch mit Rassismus, Diskriminierung oder Flüchtlinge, aber alle diese Dinge werden nie zum Mittelpunkt des Narrativs. Das wird dem Zuschauer oder der Zuschauerin hingeworfen – und er oder sie ist so gezwungen, denselben normalen Umgang zu finden, den die Figuren auch haben.

Von so viel Selbstverständlichkeit ist man hierzulande auf der Leinwand ja leider auch noch weit entfernt!

Ich würde mir wirklich mal eine echt hochkarätige schwule Rom-Com mit richtig großem Budget wünschen. Denn so etwas gibt es noch immer nicht, höchstens ein paar schwule Serien. Wahrscheinlich würde dann wieder irgendein Redakteur sagen, dass sich das nicht verkaufen lässt. Fuck you! Natürlich verkauft sich das. Wenn das gut geschrieben ist und die Figuren gut angelegt sind, dann funktioniert das großartig. Und kann eine echte Kraft haben.

Was meinen Sie genau?

Ich weiß noch, wie ich in den Neunzigerjahren im Kino "Philadelphia" angeschaut habe, zusammen mit Leuten, die damals eigentlich Ressentiments gegenüber schwulen Menschen hatten. Und die sind damals mit einem vollkommen anderen Blick aus dem Kino gekommen, mit einer großen Empathie. Mir selbst ging es ja ähnlich, ich war vermutlich 13 Jahre alt damals und saß heulend da, als Tom Hanks die Callas rezitiert. Das hat etwas mit uns gemacht, seither weiß ich, wie viel Power ein Film haben kann. Dieses Gefühl, plötzlich Empathie mit Menschen oder einer Community zu haben, zu denen man vorher keinen Kontakt hatte, werde ich nie vergessen. Genau das ist es, was mich am Filmemachen reizt – und daran, immer wieder in Szenen reinzugehen, die nicht meine eigenen sind.

Um noch einmal zurück zu Ihrer eigenen Arbeit zu kommen: Nehmen Sie es sich denn bewusst vor, mit Ihren Filmen eine Seite von Deutschland zu zeigen, die es im Kino sonst kaum zu sehen gibt? Geht es Ihnen um ein neues deutsches Kino, gemäß des Satzes, der in "Berlin Alexanderplatz" einmal fällt: "Wir sind die neuen Deutschen"?

Für mich ist das der wichtigste Satz des ganzen Films. Und nicht umsonst kommt er aus dem Mund eines trans Menschen. Berta stellt sich hin und sagt: Wir sind die neuen Deutschen und wir haben uns für uns entschieden. Diese Art von Emanzipation nehme ich für mich gerade verstärkt wahr, auch dank anderer, internationaler medialer Einflüsse auf unsere Kulturwelt, durch Instagram, Youtube und Co. Wir können auf einmal eine ganz neue Sprache definieren. Deswegen bin ich sehr gespannt darauf, wie sich im Kino unsere Erzählsprache verändern wird, wenn in den nächsten fünf oder sechs Jahren auch in der Filmwirtschaft die älteren weißen, meist heterosexuellen Männer, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren jung waren, langsam abtreten und den Platz für andere frei machen.


Die trans Frau Berta (li.) wird in "Berlin Alexanderplatz" vom cis Mann Nils Verkooijen gespielt (Bild: Frédéric Batier / Sommerhaus / eOne Germany)

Wo wir nun gerade von dieser Berta sprechen, muss allerdings eine Frage noch erlaubt sein: Warum haben Sie die Rolle nicht mit einer trans Schauspielerin, sondern mit einem cis Mann besetzt?

Ich habe mir dazu sehr lange und sehr ausführlich Gedanken gemacht. Weil wir auch aus Holland heraus gefördert worden sind, mussten wir dort nach der richtigen Besetzung für die Rolle suchen, das war Bedingung. Dadurch war die Auswahl schon mal begrenzt, aber natürlich gab es auch eine trans Person, die beim Casting war. Und natürlich habe ich mir selbst die Frage gestellt, warum man heutzutage eine trans Figur noch mit einem cis Darsteller besetzen sollte. Eine gute Antwort darauf habe ich nie gefunden, außer dass mich Nils Verkooijen, für den ich mich letztlich entschieden habe, mit seinem Spiel und seiner Art einfach umgehauen hat. Das war mir in dem Moment wichtiger als seine Gender-Identität. Ich mag Jean-Luc Godard dafür, dass er mal gesagt hat, dass nicht Filme politisch sein müssen, sondern das Filmemachen. Was die Besetzung von Berta angeht, bin ich dem nicht gerecht geworden, diesen Vorwurf muss ich mir gefallen lassen.

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film
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Infos zum Film

Berlin Alexanderplatz. Drama. Deutschland 2020. Regie: Burhan Qurbani. Darsteller*­innen: Welket Bungué, Jella Haase, Albrecht Schuch, Joachim Król, Annabelle Mandeng. Laufzeit: 183 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: entertainment One. Kinostart: 16. Juli 2020
Wöchentliche Umfrage

» Sollten cis Schauspieler*innen trans Rollen spielen?
    Ergebnis der Umfrage vom 20.07.2020 bis 27.07.2020
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Queere TV-Tipps
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#1 old cloudAnonym
  • 19.07.2020, 20:26h
  • das Wesen des Schauspiels ist, einen anderen darzustellen. ein Problem sind zu wenige trans Schauspieler, oder zu wenige schwarze Schauspieler, kein Problem ist die Darstellung, des trans oder des schwarzen. sonst ist jedes Schauspiel obsolet.
  • Direktlink »
#2 Anonyma
  • 19.07.2020, 22:00h
  • "Dadurch war die Auswahl schon mal begrenzt, aber natürlich gab es auch eine trans Person, die beim Casting war. Und natürlich habe ich mir selbst die Frage gestellt, warum man heutzutage eine trans Figur noch mit einem cis Darsteller besetzen sollte. Eine gute Antwort darauf habe ich nie gefunden, außer dass mich Nils Verkooijen, für den ich mich letztlich entschieden habe, mit seinem Spiel und seiner Art einfach umgehauen hat. Das war mir in dem Moment wichtiger als seine Gender-Identität. Ich mag Jean-Luc Godard dafür, dass er mal gesagt hat, dass nicht Filme politisch sein müssen, sondern das Filmemachen. Was die Besetzung von Berta angeht, bin ich dem nicht gerecht geworden, diesen Vorwurf muss ich mir gefallen lassen."

    Jetzt mal ehrlich: Es langweilt - und zwar gewaltig. Bitte anschauen:

    Die Dokumentation Disclosure:

    www.disclosurethemovie.com/

    www.netflix.com/de-en/title/81284247

    Ein Interview dazu:

    www.youtube.com/watch?v=do9eRjfHQ60

    Und wenn man es dann immer noch nicht verstanden hat, dann möge man doch bitte wenigstens die einfach zu befolgende Regel beherzigen, trans Rollen NICHT MEHR GEGENGESCHLECHTLICH zu besetzen. Niemand hat ein Problem damit, wenn die Rolle einer trans Frau von einer cis Frau gespielt wird. Aber hört um Himmels Willen endlich damit auf, die Rollen von trans Frauen mit cis Männern zu besetzen. Das kann doch nun wirklich nicht so extrem schwer zu verstehen sein...
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#3 DramaQueen24Ehemaliges Profil
  • 19.07.2020, 23:59h
  • Um Himmels Willen, es ist doch sch**egal, ob eine Person trans oder cis ist, die eine Transperson spielt! Wichtig ist das Spiel! Es geht um das Werk, nicht um "political correctness"!
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