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Polizei ermittelt

Polen: Premier verurteilt Regenbogenflaggen-Protest

Mehrere Aktivist*innen schmückten populäre Statuen in Warschau mit dem Regenbogen – die Regierung sieht darin Vandalismus, der die Gesellschaft spalte.


Vor der Heilig-Kreuz-Basilika erhielt auch Jesus eine Regenbogenflagge (Bild: Spacerowiczka / facebook)

In der Nacht zum Mittwoch haben Aktivist*innen offenbar rund um die Gruppe "Stop Bzdurom" (Stoppt den Unsinn) mit Regenbogenflaggen vor oder auf den wichtigsten Statuen Warschaus posiert, um ein Zeichen gegen Homo- und Transphobie zu setzen. Auch ein rosafarbenes Halstuch bzw. einen entsprechenden Mundschutz mit feministischem und anarchistischem Symbol brachten sie an den Figuren an.

Solange man Angst haben muss, Händchen zu halten, und solange der Regenbogen als "Angriff" skandalisiert werde, seien solche Aktionen notwendig, heißt es in einem an den Statuen hinterlassenen Manifest. Man sei eine kleine gesellschaftliche Stimme, die nicht gehört und oft bereits von den eigenen Eltern zum Schweigen gebracht werde. Die Warschauer Meerjungfrau mit Regenbogen sei "unser Aufruf zum Kampf", nicht in den Schlaf zu verfallen mit dem Gedanken, dass sich nichts ändern werde. Es gelte, daran zu erinnern, "dass wir existieren und dass du nicht allein bist. Diese Stadt gehört auch uns."

Manifest grupy przeprowadzaj?cej nocn? akcj?: ?To jest szturm! To te?cza. To atak! Postanowi?y?my dzia?ac?. Tak d?ugo…

Gepostet von Spacerowiczka am Dienstag, 28. Juli 2020
Facebook / Spacerowiczka

Zu den in die Aktion eingebundenen Statuen gehörten neben der Warschauer Meerjungfrau auch das Nikolaus-Kopernikus-Denkmal und Standbilder von Wincenty Witos und Jan Kilinski. Besondere mediale Aufmerksamkeit erzielte die Statue des Kreuz tragenden Jesus vor der Heilig-Kreuz-Basilika, auf der gleichen belebten Straße wie der Präsidentenpalast. Der plakative Protest führte am Mittwoch zu einiger Kritik in sozialen Netzwerken, die "Grupa Stonewall" sprach von einer "Hysterie im rechten Flügel".

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Erzbischof und Premier beklagen "Entweihung der Statue"

Der Erzbischof von Warschau, Kardinal Kazimierz Nycz, beklagte eine "Entweihung" der Jesus-Statue. Dies habe zu Schmerz bei vielen Gläubigen und Bewohnern Warschaus geführt, für die die Statue ein Symbol der Hoffnung während des Aufstands gewesen sei. Religiöse Gefühle seien zu respektieren. "Lassen Sie uns aufhören, in der öffentlichen Debatte Vandalismus und Grenzüberschreitungen anzuwenden", so der Bischof, der im letzten Jahr eine Stellungnahme gegen "LGBT-Ideologie" veröffentlicht hatte und darin Ehe für oder Schulauflärung über Homosexuelle ablehnte.

Premierminister Mateusz Morawiecki ließ sich am Mittwoch gar vor der Jesus-Statue ablichten, um in sozialen Netzwerken den "Vandalismus" zu kritisieren, der mehrere Grenzen überschritten habe. Die "entweihte" Jesus-Figur sei "nicht nur ein religiöses Symbol, sondern auch ein Zeugnis der dramatischen Geschichte der Hauptstadt. Das gleiche Warschau, das unter Menschen litt, die keine andere Sicht der Welt als ihre eigene tolerierten."

Podstawowym warunkiem ka?dej cywilizowanej debaty o tolerancji jest zdefiniowanie granic owej tolerancji. Czy mo?na…

Gepostet von Mateusz Morawiecki am Mittwoch, 29. Juli 2020
Facebook / Mateusz Morawiecki

In den ideologischen Streitigkeiten der heutigen Zeit müsse jede Seite "verstehen, dass dem Grad der Aggression bestimmte Grenzen gesetzt sind, die nicht überschritten werden können", so Morawiecki. Neben physischer Aggression seien dabei auch verbale zu beachten, im Bereich von Kultur, Symbolen und Ideologie. Er stehe für Vielfalt und Meinungsfreiheit ein und Millionen Polen wollten ein tolerantes Land, das unterschiedliche Ansichten akzeptiert.

"Die Art von Vandalismus, die wir gestern in Warschau gesehen haben, führt [aber] zu nichts Gutem und hat ein Ziel – die Gesellschaft noch weiter zu spalten. Ich werde es nicht zulassen!", so Morawiecki kurz nach einem wochenlangen auf LGBTI-Feindlichkeit setzenden Präsidentschaftswahlkampf seiner Regierung, den er selbst mit angefeuert hatte (queer.de berichtete). "Wir werden die Fehler des Westens in Polen nicht machen", schrieb Morawiecki am Mittwoch. "Wir alle können sehen, wohin Toleranz gegenüber Barbarei führt. Toleranz bedeutet auch Gegenseitigkeit. Ohne die Ideale der Mehrheit zu respektieren, gewinnen alle Minderheiten nur Feinde, anstatt Anhänger zu gewinnen."

Aktivist*innen drohen Ermittlungen

Zuvor hatte der stellvertretende Justizminister, der PiS-Abgeordnete Sebastian Kaleta, angekündigt, dass er die "Attacke" auf die Statuen der Staatsanwaltschaft melden werde – sein Vorgesetzer, Justizminister Zbigniew Ziobro, hatte am Samstag übrigens einen Ausstieg Polens aus der Istanbul-Konvention gegen Gewalt gegen Frauen angekündigt, weil diese "Gender-Theorie" und "homosexuelle Ideologie" enthalte (queer.de berichtete). Die Polizei bestätigte später, dass man mehrere Strafanzeigen erhalten habe, Vorermittlungen begonnen und dazu vor Ort Beweismittel wie Regenbogenflaggen und Manifeste gesichert habe. Von einer tatsächlich erfolgten Sachbeschädigung war bislang nicht die Rede.

Direktlink | Ziel des Protests sei nicht, religiöse Gefühle zu verletzen, "sondern verinnerlichte phobische Einstellungen zu kritisieren", betont "Stop Bzdurom" am Donnerstag. Um die "Entweihung" durch einen Regenbogen wahrzunehmen, müsse man darin zuerst etwas Böses sehen. Der Protest der Gruppe richte sich gegen Stimmungsmache und Diskriminierung gegenüber sexuellen Minderheiten. "Ist es schon ein Angriff auf Polen, dass wir sauer sind? Gibt es hier einen Schaden, der mit den wirklichen Opfern des von den Medien verursachten Hasses vergleichbar ist, der von zynischen Politikern und Menschen angeheizt wird, denen das Leiden anderer gleichgültig ist?"

Das Kollektiv "Stop Bzdurom", das in den letzten Wochen mehrere friedliche Kundgebungen etwa vor dem Präsidentenpalast organisiert hatte, steht derzeit wegen einer weiteren nicht so friedlichen Aktion unter besonderer medialer und staatlicher Aufmerksamkeit: Mehrere Personen mutmaßlich aus der Gruppe hatten Ende Juni einen Bus mit homo- und transfeindlichen Botschaften der ultrakatholischen Organisation "Ordo Iuris" in Warschau gestoppt. Dabei wurden Spiegel zerbrochen, Nummernschilder entwendet, Reifen durchstochen und die großformatigen Hassplakate zerstört und stattdessen "Stop Bzdurom" auf die Fläche angebracht.

Mitte Juli wurde eine Aktivistin von "Stop Bzdurom" in diesem Zusammenhang von Zivilpolizisten in einer Wohnung festgenommen und zu einem Verhör und einen Untersuchungshaft-Termin gebracht; ihr werden gemeinschaftliche Sachbeschädigung und Körperverletzung vorgeworfen (queer.de berichtete). Gegen die seit Jahren eingesetzten Hassbusse führten Anzeigen und Zivilklagen hingegen bislang zu keinem Ergebnis. Die Politik verurteile "Ordo Iuris" bislang ebenfalls nicht, sondern griff Initiativen der Gruppe für kommunale homofeindliche Resolutionen oder zum De-Facto-Verbot von Sexualaufklärung dankend auf (queer.de berichtete). Derzeit kämpft "Ordo Iuris" vor allem auf nationaler und europäischer Ebene gegen die "Istanbul-Konvention".



#1 FinnAnonym
  • 30.07.2020, 13:15h
  • 1. Es wurde ein Zeichen gegen Hass und für Liebe gesetzt.

    2. Es wurde nichts zerstört oder beschädigt. Es kann also per definition kein Vandalismus sein.
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#2 HahaAnonym
  • 30.07.2020, 14:41h
  • Das Land, wo damals das Regenbogendenkmal immer und immer wieder abgefackelt und komplett zerstört wurde, ohne dass das Konsequenzen hatte, will jetzt den Leuten weismachen, eine Flagge an einem Denkmal sei Vandalismus.
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#3 KaiJAnonym
#4 Ralph
  • 30.07.2020, 17:24h
  • Wenn eine Statue schon durch Anbringung einer Fahne "entweiht" werden kann, ist's mit der von ihr ausgehenden religiösen Kraft ja nicht weit her.
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#5 lindener1966Profil
#6 stephan
  • 31.07.2020, 17:08h
  • Kopernikus wird wohl vor Freude im Grab rotieren, denn er selber hat sich ja aus Angst vor der Kirche erst relativ spät - kurz vor seinem Tod - dazu ermutigen lassen sein Hauptwerk De revolutionibus orbium coelestium zu veröffentlichen. Er wird oder würde wohl stolz sein, auf die LGBTIs, die sich mit der Kirche und dem Staat anlegen, wozu er sich als Domherr trotz der festen Überzeugung mit dem Heliozentrismus im Recht zu sein, nicht hat durchringen können. Erst mit der Regenbogenfahne wird die Kopernikus-Statur ein wirkliches Denkmal für alle, die gegen die Dummheit der religiotischen Überzeugungen ankämpfen!
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#7 stephan
  • 31.07.2020, 17:15h
  • Nachtrag: Es war übrigens Rhetikus, ein schwuler oder bisexueller Wissenschaftler, der Kopernikus dazu brachte, seine Forschungen und Erkenntnisse im Werk De revolutionibus orbium coelestium endlich zu veröffentlichen. Ansonsten hätten die Polen nicht einmal diesen Helden, auf den sie ach so stolz sind. (Vgl. Arthur Köster: "Die Nachtwandler", Emil-Vollmer-Verlag, Wiesbaden, 1959 - leider nur noch antiquarisch zu bekommen)
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#8 AnnaAnonym
  • 31.07.2020, 23:58h
  • Antwort auf #7 von stephan
  • Danke für diese Geschichtsunterrichtsstunde Natürlich sind wir stolz auf Kopernikus, obwohl wir völlig bewusst sein, dass seine polnische Identität nicht so eindeutig klar ist (in Renaissance haben sich Menschen nicht so einfach zwischen den Deutschen und den Polen geteilt). Kopernikus hat sich nicht gezögert De revolutionibus zu veröffentlichen, da er Angst vor Kirche hatte. Wie die Geschichte uns gelehrt hat, wurde die Veröffentlichung seines Hauptwerkes erst in 1616 73 Jahre nach seinem Tod! - verboten. Er konnte nicht eigentlich davor Angst haben, dass die Kirche einen guten Kanoniker verbrennen konnte. Giordano Bruno wurde auch erst 57 Jahre nach dem Tod von Kopernikus hingerichtet. Rheticus war ein guter Kerl und ein guter Wissenschaftler, keine Zweifel. Alle, die sich dafür interessieren, wissen genau, dass Rheticus eine riesige Rolle bei der Veröffentlichung des Heliozentrismus gespielt hat. Es ergibt aber kein Sinn, zu betonen, dass Kopernikus nur deswegen berühmt wurde und dass seine Theorie nur deswegen veröffentlicht wurde. Die Wissenschaftler brauchen einander, damals und auch heute. Hätte Rheticus in Deutschland nicht davon gehört, dass Kopernikus solche Theorie bearbeitete, hätte er auch nicht nach Polen verreisen, um den Meister kennenzulernen. Die Wissenschaftler waren schon bewusst, dass Kopernikus Heliozentrismus entdeckt hatte. Die Kirche musste es auch zu dieser Zeit wissen. Es war schlimmer nach der Gegenreformation geworden sein, was aber mehrere Jahre nach seinem Tod anfing. Ich verstehe nicht, warum die Mitarbeit zwischen Rheticus und Kopernikus einen negativen Einfluss auf das deutsch-polnische Verständnis haben soll. Im Gegenteil ging es hier um etwas ganz anderes. Allerdings hat es nichts mit LGBT-Rechten zu tun. Ich bin eine Wissenschaftlerin und eine LGBT-Person, aber diesen Unterricht konnte ich nicht verstehen.
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