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Queerfilmnacht

Ein queerer Kreuzberg-Film, wie gemacht fürs Freiluft-Kino

Was für ein Sommer: Nora, 14, kifft zum ersten Mal, entdeckt ihren Körper und ihre Liebe zu Frauen. Leonie Krippendorffs authentischer und verträumter Coming-of-Age-Film "Kokon" startet jetzt im Kino!


Die 14-jährige Nora verliebt sich am Kotti in die wilde Romy (Bild: Edition Salzgeber)
  • Von Fabian Schäfer
    2. August 2020, 04:14h, noch kein Kommentar

Alles neu macht – nicht der Mai, sondern der Hochsommer. Zumindest im Coming-of-Age-Film ist es meist die heißeste Jahreszeit, die Figuren reifer werden lässt. Vielleicht liegt das an der Unbekümmertheit, an der Freiheit, an den wenigen Verpflichtungen, die Raum lassen, sich selbst zu entdecken. So auch in "Kokon", wo es der besonders heiße Sommer 2018 ist, der die schüchterne 14-jährige Nora nicht nur ihren eigenen Körper kennen-, sondern auch die wilde Romy lieben lernen lässt.

Dass Erwachsenwerden alles andere als leicht ist, merkt Nora schnell. Vor allem, wenn ihre erste Periode ausgerechnet im Sportunterricht auftritt, ihre Schwester und deren Freundinnen irgendwelchen Schönheitsidealen hinterhereifern und Wattebällchen mit O-Saft essen like it's 2009, und sie selbst Jungs überhaupt nicht interessant findet, die etwas ältere Romy aus ihrer Schule dagegen umso mehr.

Der Film nimmt seine jungen Protagonist*innen ernst


Poster zum Film: "Kokon" startet am 13. August regulär im Kino und läuft ab Anfang des Monats bereits in der Queerfilmnacht

"Kokon", für den Regisseurin Leonie Krippendorff auch das Drehbuch verfasste, hat dabei einen ganz verspielten, manchmal gar verträumten Grundton. Der passt wunderbar zu Nora (Lena Urzendowsky) mit ihrer jugendlichen, schüchternen, fast naiven Art, an Gefühle heranzugehen. Gleichzeitig beweist die 14-Jährige immer wieder, dass sie auch anders kann, dass sie selbstständig und reif handelt. Oder es können muss, bei einer Mutter, die ihr eigenes Geburtstagsfrühstück verpennt, und irgendwo zwischen feministischem Hippie und Säuferin angesiedelt ist. Viel mehr erfahren wir leider nicht über sie.

Vor diesem Hintergrund ist "Kokon" nicht nur ein Coming-of-Age-Film, er verhandelt auch eine ganz besondere Lebenswirklichkeit: Nora und ihre zwei Jahre ältere Schwester Jule sind mehr oder weniger auf sich allein gestellt. Sie wohnen direkt am Berliner Kottbusser Tor, blicken auf den lebendigen wie berüchtigten Platz herunter. Sie teilen sich ein Zimmer, verbringen die meiste Zeit im Schwimmbad oder einer Shisha-Bar, wo auf den Koran geschworen wird, weil man das jetzt so macht, und wo sie Fingerkloppe spielen, bis Nora sich den Arm bricht. Der Film nimmt seine Protagonist*innen ernst und er nimmt sich Zeit, sie zu portraitieren.

Manchmal vielleicht sogar zu viel Zeit, denn die Dramaturgie wirkt insgesamt etwas zu behäbig. Ein echter Spanungsaufbau ist höchstens erahnbar. Manche Szenenfolgen wirken nicht ganz konsequent, auch wenn die eigentlich ganz hübschen, dokumentarisch daherkommenden Hochkant-Smartphone-Aufnahmen eine Kapitelstruktur vorzugeben versuchen.

Trotz Schwächen absolut sehenswert

Und auch manche Symboliken – die Raupen, die sich zu Schmetterlingen entwickeln – oder dass Nora mit Romy nachts ins Schwimmbad einbrechen, sind für ein erwachsenes Publikum wohl zu oft gesehen und wenig innovativ. Immerhin war es beim CSD sonnig, sonst hätten die zwei auch noch im Regen getanzt. Ein paar kleine, frische Ideen hätten hier Wunder wirken können.

Dennoch ist "Kokon" sehenswert, weil Regisseurin Leonie Krippendorff und ihre fast ausschließlich weibliche Crew es schaffen, Noras Gefühlswelten nachempfinden zu lassen. Ihre Verwirrung, die Freude über die sommerliche Verliebtheit, die Trauer und Stärke, wie sie mit all dem umgeht – all das ist erfahrbar, meist gehaucht in orangefarbenes Licht und untermalt von elektronisch-träumerischen Klängen. Dank Corona hat sich der Filmstart einige Monate verschoben – das passt gut, denn "Kokon" ist ein Film, wie gemacht fürs Freiluft-Kino.

Direktlink | Offizieller Trailer

Infos zum Film

Kokon. Spielfilm. Deutschland 2020. Regie: Leonie Krippendorff. Darsteller*innen: Lena Urzendowsky, Jella Haase, Lena Klenke. Laufzeit: 94 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 12. Verleih: Edition Salzgeber. Kinostart: 13. August 2020 sowie ab Anfang des Monats bereits in der Queerfilmnacht
Galerie:
Kokon
13 Bilder