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Interview

Kann das Coming-out noch zum Career-Out führen?

Im schwulen Liebesfilm "Silent Youth" spielte Martin Bruchmann vor sieben Jahren seine erste Hauptrolle als junger Berlin-Tourist. Noch heute bekommt er Fan-Post. Wir sprachen mit ihm über Nacktszenen, die Besetzung queerer Rollen sowie seine erste Single "Hör nicht auf".


Der Schauspieler und Sänger Martin Bruchmann wirkte bereits mehrfach in der Krimiserie "Tatort" mit (Bild: Nils Schwarz)

Martin Bruchmann wurde 1989 in Leipzig geboren und studierte Schauspiel an der dortigen Hochschule für Musik und Theater "Felix Mendelssohn Bartholdy". Seit 2016 arbeitet er an Theatern in Berlin, Münster, Nürnberg und aktuell Stuttgart.

Zu seinen Filmen gehören "Der Turm", "Unsere Mütter, unsere Väter" sowie zuletzt der Oscar-Kandidat "Werk ohne Autor" von Florian Henckel von Donnersmarck. Seine erste Hauptrolle spielt er 2013 an der Seite von Josef Mattes im Coming-out-Drama "Silent Youth", das seit letzte Woche als Video in Demand im Salzgeber Club läuft.

Mit "Hör nicht auf" folgte vor kurzem seine erste Single – "eine Empowerment-Hymne, die jeden dazu ermutigen soll, an sich selbst zu glauben", wie der 30-jährige Künstler betont.

Zwei gute Anlässe für ein Interview.

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Herr Bruchmann, mit "Hör nicht auf" haben Sie gerade die erste Single samt Video veröffentlicht. Ein Mutmacher für schwierige Zeiten?

"Hör nicht auf" soll auf jeden Fall eine Hymne sein, ein Empowerment-Song, der ganz gut in den Pride-Monat passt. Song und Video sollen Mut geben und aufatmen lassen. Die Nachrichten, die mich auf Instagram erreichen, sind jedenfalls sehr ermutigend. "Der Song kam gerade zur richtigen Stunde", schrieb jemand, "der gibt mir richtig Kraft". Solche Reaktionen gehören zum Schönsten, was man sich als Künstler wünschen kann. Das sind Komplimente, die berühren.

Direktlink | Offizielles Video zu "Hör nicht auf"

Welche Reaktionen gab es damals vor sieben Jahren, als "Silent Youth" das Licht der Leinwand erblickte?

Damals bekam ich sehr viele Reaktionen zu "Silent Youth", auch aus der ganzen Welt, weil der Film auf vielen internationalen Festivals lief. Mails trudeln tatsächlich bis heute noch wöchentlich ein, vor kurzem kam ein total netter Fanbrief aus Australien – das ist unglaublich und so schön! Umso mehr freue ich mich, dass der Film nun nochmals als VoD seine kleine Wiedergeburt erlebt.

Es passiert oft nicht viel in dem Film. Wie schwierig ist das für den Darsteller, minutenlang über das Rollfeld von Tempelhof zu laufen, ohne dem Partner etwas zu sagen?

Im Prinzip ist das nicht schwer, wenn man weiß, welche Gedanken eine Figur hat. Klar, es passiert nicht viel, wir reden kaum. Aber das ist nur die Oberfläche, der Zuschauer bleibt an diesen beiden Typen dran, weil eben doch etwas passiert. Die Jungs kommunizieren ständig nonverbal, wenngleich auf eine unbeholfene, naive und schüchterne Art. Das ist ein meditativer Film, was mir gut gefällt.

Vimeo / Salzgeber Club | Offizieller Trailer zu "Silent Youth" und Möglichkeit, den Film direkt anzuschauen

Wie war das Verhältnis zu Ihrem Partner Josef Mattes, dem Sohn von Eva Mattes?

Josef und ich kannten uns vorher nicht, wir trafen uns beim Casting zum ersten Mal. Danach hatten wir eine wunderbare Drehzeit zusammen, aus der eine kleine Freundschaft entstanden ist. Für mich war das damals meine erste Zeit in Berlin, und Josef hat mir gezeigt, wo es in der Stadt den besten Schawarma gibt – ich habe damals in Leipzig gewohnt, da gab es nur Döner. (lacht)

Vom gemeinsamen Schawarma nach Feierabend zum gemeinsamen Duschen im Film. Wie leicht fallen solche intimen Szenen vor der Kamera vor einer ganzen Crew?

Das ist immer irgendwie eigenartig, vor der Kamera eine solch extrem große Intimität herzustellen. Ich versuche einfach, das ganze Team um mich herum auszublenden und mich auf meinen Charakter sowie auf meinen Partner zu konzentrieren. Aber solche Szenen sind nicht so schön, weil sie eben einfach immer auf irgendeine Art verklemmt sind.


Martin Bruchmann (re.) und Josef Mattes in "Silent Youth" (Bild: Edition Salzgeber)

Gibt es Grenzen, sich zur Schau zur stellen? Wären Nacktauftritte für Sie problemlos? Immerhin waren Sie im ehrbaren "Tatort" als Pornodarsteller zu erleben….

Stimmt, im "Tatort" war ich fast nackt – aber eben auch nur für die Kamera und nicht real. Unsere Kostümdamen hatten uns etwas ganz Praktisches genäht aus hautfarbenem Stoff, der von einem dünnen Faden um die Hüfte gehalten wird. Prinzipiell sind Nacktauftritte nicht mein Favorit. Wenn es für die Geschichte notwendig ist, muss man sich eben etwas einfallen lassen.

Aktuell gibt es die "Berlin Alexanderplatz"-Diskussion: Darf ein cis Mann eine trans Frau spielen? Sollten nur queere Leute auch queere Figuren spielen?

Es gibt da zwei Seiten. In unserer jetzigen Situation, wo Diversität erst langsam versucht etabliert zu werden, wäre es angebrachter, trans Frauen von trans Frauen spielen zu lassen, um diese Leute zu unterstützen. Das Ideal wäre doch aber, wenn das keine Rolle mehr spielt und wir nicht mehr darüber nachdenken, ob ein cis Mann eine trans Frau spielt oder umgekehrt. Das sollte einfach akzeptiert sein und ein Film so divers sein, dass es kein Thema mehr ist. "Pose" von Netflix zeigt ja schon, wie das gehen kann. Dort sind die Rollen von trans Frauen mit trans Frauen besetzt.

Damals soll Ihre damalige Agentin Sie davor gewarnt haben, nochmals eine schwule Rolle zu spielen, weil Sie da gleich in eine Schublade gerieten. Kann das Coming-out noch zum Career-Out führen?

Prinzipiell empfinde ich Agenten oft als ein bisschen vorsichtig. Auch hier wäre das Ideal, wenn die sexuelle Orientierung eines Schauspielers oder einer Schauspielerin einfach keine Rolle mehr spielen würde. Aber diese Warnung vor Schubladen wäre auch gekommen, wenn man zum zweiten oder dritten Mal den Mörder spielt.

Wie sind die Erinnerungen an den Oscar-Rummel um "Werk ohne Autor"?

Meine Rolle in "Werk ohne Autor" war ja nicht so groß, dass ich mit nach Los Angeles zur Oscar-Verleihung gefahren bin. Von Florian Henckel von Donnersmarck bekam ich hin und wieder eine Mail, was sich so tut – aber der Oscar war für mich damals sehr weit weg.

Was ist die wichtigste Qualität in Ihrem Beruf?

Nie bequem zu werden. Man muss neugierig bleiben auf neue Abenteuer.

Galerie:
Silent Youth
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