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Deutsche Erstausstrahlung

Die Wurzeln der Homophobie sind kolonialistisch

Mit "Rafiki" endet heute Nacht um 00.05 Uhr die LGBTI-Filmreihe "rbb QUEER". Der kraftvolle wie farbenfrohe Spielfilm über eine heimliche lesbische Liebe in Kenia analysiert die Strukturen hinter Ausgrenzung und Hass auf Minderheiten in Afrika.


Als sich Kena und Ziki ineinander verlieben, müssen sie sich entscheiden: zwischen der vermeintlichen Sicherheit, ihre Liebe zu verbergen, und der Chance auf ihr gemeinsamen Glück (Bild: Edition Salzgeber)

Da steht Ziki. Ziki mit den bunten Haaren und den großen Augen. Ziki mit den schönen Lippen, über die das süßeste Lächeln huscht, vor allem wenn sie Kena sieht. Ziki und Kena – aus ihnen wird bald etwas werden: eine heimliche, eine erste, große, epische Liebe. Und eine versteckte Beziehung zweier junger Frauen in Kenias Hauptstadt Nairobi. Es ist ein zarter Anfang, der Beginn einer Selbstfindung, die im Verborgenen blüht, auf dem Dach eines rosafarbenen Hochhauses. Hier schwören sie sich, nicht die typischen kenianischen Frauen zu werden, die brav ihre Ehemänner ehren und Kinder großziehen. Hier oben, über der Stadt, sind sie frei: Ziki, die die Welt bereisen will, um allen zu zeigen, was es heißt, eine moderne Afrikanerin zu sein, und Kena, die nicht Krankenschwester werden wird, sondern verdammt nochmal Ärztin.

Aber unter ihnen, verankert auf dem Boden kenianischer Tatsachen, inszeniert Regisseurin Wanuri Kahiu in ihrem Film "Rafiki" die Realität des gegenwärtigen Kenias. Hier nehmen die Väter der beiden jungen Frauen den Platz auf der Straße und der Öffentlichkeit ein. Die beiden Männer treten gerade im Wahlkampf gegeneinander an und kämpfen darum, wer den Stadtteil regieren wird. Und hier unten sind auch ihre Mütter, die die privaten Räume, die Wohnungen, besetzen und die man sonst nur in der Kirche sieht. Die Aufteilung der Räume in "Rafiki" macht schnell klar, wie dieser Ort organisiert ist: ganz oben in der Hierarchie steht das Gesetz des Vaters (das psychoanalytische und das christliche), getragen durch die Männer und die Kirche als Phalanx der Macht. Dann kommen die Frauen. Zuerst die älteren, die sich dem Gesetz beugen, es tragen, verteidigen – und die helfen, die jüngeren in die "richtigen" Bahnen zu lenken.

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Wer anders ist, wird leiden

So wie Mama Atim, die alte Besitzerin des Kiosks, die zusammen mit ihrer jungen Tochter alles sieht und alles hört und jedes bisschen Transgression per Tratscherei zur Anzeige bringt. Sie ist Anklägerin im Namen des väterlichen Gesetzes, und niemand wird an diesem Ort ungestraft dessen Grenzen überschreiten. Dafür sorgt die Gemeinschaft selbst, die sich um jedwedes Ausbrechen kümmert und es entsprechend sanktioniert. Und wer es wagt, wer anders ist und sich nicht einordnen will oder kann, der wird leiden.

So wie dieser junge Mann, der keinen Namen und keine Geschichte hat, aber ein paar Mal zu sehen ist Er hat nur ein Gesicht mit feinen Gesichtszügen, einen schmalen Körper, einen nicht perfekt "maskulinen" Gang, der ihn als "schwul" deklariert und damit als Freiwild. Zwei Mal taucht er mit einem geschundenen Gesicht im Film auf, einmal auch in der Kirche, wenn der Pastor Homosexualität verurteilt – denn nach Gottes Gesetz ist sie Sünde. Und wer setzt Gottes Gesetze auf Erden durch? Natürlich er und seine Kongregation. Auch Ziki und Kena hören diese Predigt. Doch Ziki will in ihrer unbeschwerten Freude über ihre Liebe zunächst nicht wahrhaben, was unweigerlich auf sie und Kena zukommen wird.

Aufklärung mit Bezug auf afrikanische Traditionen


Poster zum Film: "Rafiki" feiert am 7 August 2020 um 00.30 i(Nacht zu Freitag) im rbb-Fernsehen seine deutsche TV-Premiere

Kahiu erfindet in "Rafiki" den lesbischen Liebesfilm nicht neu. Ihre Figuren und deren Liebe zueinander folgen dem gängigen Muster, das in vielen Filmen des Subgenres zu finden ist. Vom taiwanesischen Film "Spider Lilies" über Todd Haynes amerikanisches Epos "Carol" bis hin zum schwedischen Drama "Raus aus Åmål" – all diese Filme bearbeiten die große lesbische Liebe mit viel Melodramatik, die sich aus dem Begehren und den widrigen Umständen schöpft, welche es zu ertragen und mit viel Glück zu überwinden gilt. Leid und Liebe fungieren als Kern, aus dem sich einerseits sexuelles Begehren schöpft.

Andererseits wird dadurch die Liebe selbst zu einem oft stark überhöhten Leidensakt stilisiert. Der Druck von außen tritt als antagonistisches Element auf, das selbst den heterosexuellen Zuschauer*innen aufzeigt, dass wahre Liebe eine Daseinsberechtigung hat und die Welt sich ändern, sich öffnen sollte. Diese dramaturgischen Strukturen können furchtbar plakativ sein oder zu einem Gefühlsporno verkommen, in dem die Frauen und ihre Liebe nichts weiter sind als eine herrlich emotionale Geschichte, bei der man mal so richtig im Kino lieben und leiden kann – und noch dazu die Chance auf etwas vorsichtigen Lesbenblümchensex bekommt.

Man kann dieses Konstrukt aber auch benutzen und daran eine geschickte gesellschaftspolitische Analyse an eine Liebesgeschichte anzudocken, die einer unsichtbaren Community Gesichter und Geschichten gibt. Genau das tut Wanuri Kahiu in jedem einzelnen Filmbild von "Rafiki". Und bezieht sich dabei nachdrücklich auf afrikanische Traditionen.

"Ich bin, denn wir sind"

"Ubuntu" heißt wortwörtlich übersetzt "Ich bin, denn wir sind" und beschreibt eine philosophische Denkrichtung, die die Idee von Menschheit als eine Gemeinschaft aller Menschen sieht, die miteinander in Beziehung stehen und das Leben und die Ressourcen der Welt teilen. Ubuntu ist eine Philosophie des Humanismus, dessen Wiege in Südafrika steht und mit Nelson Mandelas Präsidentschaft weite Verbreitung auf dem Kontinent gefunden hat. Kahiu verbindet diese Idee in ihren Filmen oft mit Elementen des Afrofuturismus, von dem in "Rafiki" aber nur ein hoffnungsvoller Hauch zu spüren ist. Zu verwurzelt ist der Film in der Realität Kenias, zu wütend darüber, dass der Grundsatz von Ubuntu, die Anerkennung der Eigenheiten von Menschen, die zugleich ein Zugewinn für die gesamte Gesellschaft ist, mit Füßen getreten wird. Doch Wut hilft nicht weiter. Analyse schon. Und so setzt Kahiu alles daran, mit Hilfe von Kena, Ziki und ihrer Liebe die Strukturen hinter der Homophobie Kenias (und vieler anderer afrikanischer Länder) zu verstehen.


"Rafiki" basiert auf der Kurzgeschichte "Jambula Tree" von Monica Arac de Nyeko (Foto: Edition Salzgeber)

Ihre Antwort ist deutlich, vor allem für ein europäisches Publikum: die Wurzeln der Homophobie sind eindeutig kolonialistisch. Erst 1963 wurde Kenia unabhängig von Großbritannien, das bis heute tiefe Einschnitte hinterlassen hat. Die straff-christliche Kirche und die Gesetze, die Homosexualität strafbar machen, sind Überbleibsel der Kolonialherren, die etabliert haben, dass es nur eine Art der natürlichen Liebe gäbe – die heterosexuelle. Doch die weißen Herrscher sind jetzt weg, in "Rafiki" sieht man nicht eine einzige weiße Person. Ihre alten Ideen von Natürlichkeit und christlicher Religion, die sie den Einheimischen auf besonders brutale und kleinkarierte Weise eingeflößt haben, sind maßgebender Teil der Gesellschaft und bilden eine unheilige Allianz mit den vorherrschenden patriarchalen Strukturen. Als Instrumente der Macht dienen sie der Unterdrückung von sämtlichen Minderheiten und einer Elitebildung, die jetzt nicht mehr entlang ethnischer Grenzen, sondern von Gender und Sexualität verlaufen.

Eine feministische und politische Utopie

Doch genau deshalb ist Zikis und Kenas Liebe ein transgressiver Moment, der dort oben auf dem Dach all diese Strukturen unterläuft. "Rafiki" ist genauso lesbischer Liebesfilm wie feministische und politische Utopie in der kleinsten gesellschaftlichen Einheit – dem Liebespaar. Es ist eine Liebe, die die Gesetze der Väter zum Einsturz bringt und das Patriarchat unterläuft. Es ist eine Liebe, die sich selbst eine neue Idee von Zukunft baut, die Kahiu vor allem den konformen, folgsamen und gebrochenen Frauen gegenüberstellt, die sich keinerlei Zukunft vorstellen können, die außerhalb der väterlichen Ordnung liegt. Das ist der Afrofuturismus dieses Films, der sich verankert in Ubuntu und dem Wunsch, dem Imaginieren eines besseren Kenias, eines besseren Afrikas.

Doch ist das in Anbetracht der Realität nicht nur Wunschdenken auf dem Dach eines rosafarbenen Hauses? Nicht ganz. Nachdem der Film nach seiner Cannes-Premiere in Kenia verboten wurde, weil er Homosexualität in einem guten Licht darstellt, gewann Wanuri Kahiu vor Gericht Aufführungsrechte und "Rafiki" durfte gezeigt werden. Zwar nur für eine begrenzte Zeit. Aber: Mehrere hundert Kenianer*innen konnten ihn so im Kino sehen. Und mehrere hundert nicht-heterosexuelle Menschen sahen sich zum ersten Mal liebevoll und menschlich repräsentiert.

Der Text erschien zuerst auf sissymag.de.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer zum Film

Infos zum Film

Rafiki. Drama. Kenia 2018. Regie: Wanuri Kahiu. Darsteller: Samantha Mugatsia, Sheila Munyiva, Jimmi Gathu: Laufzeit 83 Minuten. Sprache: Originalfassung in Englisch und Suaheli. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Edition Salzgeber.


#1 FennekAnonym
  • 06.08.2020, 07:41h
  • >>>>> die Wurzeln der Homophobie sind eindeutig kolonialistisch <<<<<

    Sorry, aber die Kolonialzeit ist fast 60 Jahre vorbei. Vor 60 Jahren sah die ganze Welt noch anders aus - auch Staaten, die heute vorbildlich sind. Aber andere Staaten haben sich halt weiterentwickelt und dort ist man offenbar stehen geblieben.

    Das ist so, als würde man Erfolg rechter Parteien in Deutschland damit rechtfertigen, dass es hier mal eine Nazi-Diktatur gab.

    Menschen haben auch ihr eigenes Hirn und ihr eigenes Gewissen. Da kann man nach 60 Jahren auch mal erwarten, dass sie sich selbst Gedanken machen und vielleicht auch mal dazu lernen.
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#2 goddamn liberalAnonym
  • 06.08.2020, 09:25h
  • Antwort auf #1 von Fennek
  • "Das ist so, als würde man Erfolg rechter Parteien in Deutschland damit rechtfertigen, dass es hier mal eine Nazi-Diktatur gab. "

    Rechtfertigen nicht, aber erkären.

    Die AFD ist z. B. in der ehemaligen Nazi-Hochburg Thüringen besonders stark.

    Der Fall Mbembe zeigt übrigens, dass nicht nur Homophobie. sondern auch Antisemtismus in Afrika kolonial bedingt ist. Die Klischees, die er in seinem Text 'On Palestine' aneinanderreiht (bis hin zur Ausrottungslüge, Begiffen wie Zeloten und Pharisäer) haben alle ihren Ursprung in einem christlich geprägten Antijudaismus, der mit den Missionaren nach Afrika gekommen ist.

    Genauso wie die Homophobie.

    Dass sie sich an der festklammert, ist natürlich Eigenverantwortung der Politik in fast allen afrikanischen Staaten.
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#3 Ralph
  • 06.08.2020, 09:46h
  • Wer ernsthaft behauptet, das kenianische Volk, die kenianische Kultur, die kenianische Gesellschaft, die kenianische Politik seien auch nach 57 Jahren Souveränität noch immer unfähig zur Achtung der Menschenrechte und noch immer unfähig, sich von der ehemaligen Kolonialmacht zu emanzipieren, argumentiert zutiefst rassistisch. Diese Woche sagt der Rassismusforscher Wulf Hund (der heißt wirklich so) im Spiegel über die Einstellung von Immanuel Kant zu Afrikanern: "Die hält er für ewige Kinder, die es mit Anleitung höchstens zu einer 'Kultur der Knechte' bringen können." Nein, die Kenianer sind für ihre Gesetze selbst verantwortlich, niemand sonst.
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#4 Ralph
  • 06.08.2020, 09:49h
  • Antwort auf #1 von Fennek
  • Ja, kann man so sehen. Aber es gibt ein besseres Beispiel: Man könnte in dieser Denke sagen, dass all die Minister, Abgeordneten, Richter, Polizisten, Kanzler 1945-69 nicht verantwortlich waren für ihre an homosexuellen Männern begangenen Verbrechen, denn sie konnten sich ja nicht vom Willen des Führers lösen.
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#5 seb1983
  • 06.08.2020, 09:53h
  • Antwort auf #2 von goddamn liberal
  • Auch in den vorkolonialen Reichen haben Schwule und Lesben nicht fröhlich in einer freien und toleranten Gesellschaft gelebt die dann durch die bösen Weißen verdorben wurde.
    Allerdings war da eher der Ansatz: Warum etwas verbieten was es doch gar nicht gibt...
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#6 goddamn liberalAnonym
  • 06.08.2020, 10:41h
  • Antwort auf #5 von seb1983
  • Na ja, Deine Kenntnisse über das vorkoloniale Afrika sind ja immens.

    Aus welchen Quellen hast Du Sie?

    Ich beziehe mich einfach darauf, dass die Gesetzeslage in großen Teilen Afrikas mit den britischen Kolonialherren kam.

    Dass postkoloniale Theorien mit viel Exotik-Kitsch vom 'edlen Wilden' vermengt sind, ist allerdings auch eine Tatsache.
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#7 TheDadProfil
  • 06.08.2020, 11:02hHannover
  • Antwort auf #1 von Fennek
  • ""Sorry, aber die Kolonialzeit ist fast 60 Jahre vorbei.""..

    Der ganze Gedankengang greift hier viel zu kurz, denn neben der Kolonialzeit ist hier vor allem eines ursächlich :
    Die Religion..
    Egal welche der vermeintlich 4 "global Player"..

    Die Einflüße über Jahrhunderte hinweg haben Homo-und Trans*-Phobie tief in die kollektiven Gedächtnisse der Ethnien eingegraben, und damit steht letzten Endes die tatsächliche "Eigenverantwortung für die derzeit geltenden Gesetze" immer noch auf dem Prüfstand, die Diskussion um Schuld und Verantwortung "lokaler Regierungen" an den Brüchen von Menschenrechten in Dutzenden Staaten dieser Erde sind noch lange nicht abschließend geklärt, und können deshalb auch nicht mit einem einfachem "das ist seit 60 Jahren vorbei" vom Tisch gewischt werden..

    Kolonialismus ist nicht vorbei !
    Er hat nur sein Gesicht gewandelt und nennt sich Heute "Entwicklungshilfe" oder auch "bilaterale Vereinbarungen" beispielsweise zwischen US-Amerikanischen, Europäischen oder auch Chinesischen Konsortien und Konzernen, und dient immer noch dazu diesen die Pfründe an vor allem afrikanischen Ressourcen zu sichern..
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#8 sapere audeAnonym
  • 06.08.2020, 11:10h
  • Antwort auf #6 von goddamn liberal
  • Der heutige Schwulenhass in einigen (vielen) afrikanischen Ländern ist ohne Frage der Jetztzeit zuzurechnen, z.B. in Ländern, in denen LGBT*IQ-Verfolgung muslimisch-religiös motiviert ist, denn diese religiotische Ausprägung hat mit den ehemaligen europäischen Kolonialherr*innen nichts zu tun.
    Aber auch christlicher Hass auf LGBT*IQ ist heute selbstverständlich den aktuellen Machthaber*innen zuzurechnen.

    @Autorin: "politische Utopie in der kleinsten gesellschaftlichen Einheit dem Liebespaar"

    Derber Unsinn. Die kleinste gesellschaftliche Einheit ist das Individuum. Aber das ist ja für alle Ideolog*innen eine Bedrohung, die gerne weggeleugnet wird.
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#9 PeerAnonym
  • 06.08.2020, 11:19h
  • Auch dort, wo es keine Kolonien gab, herrscht Homohass.

    Mal ganz abgesehen davon, dass man nach Jahrzehnten und neuen Generationen eh die Menschen von heute für den status quo verantwortlich machen muss.

    Im übrigen:
    die ganzen Kolonialmächte sind heute weltweit führend bei Homorechten. Wenn die diese Staaten so sehr geprägt haben, müssten die ja auch diesen Weg gegangen sein.
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#10 antosProfil