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Heimkino

Anschaffen an der deutsch-polnischen Grenze

Der polnische Teenager Tomek sieht einen Ausweg aus seiner trostlosen Welt in der Prostitution: "Ich, Tomek" ist ein sensibles, schmerzhaftes Sozialdrama, das jetzt im Salzgeber-Club läuft.


Tomek ist fünfzehn und verkauft seinen Körper an deutsche Sextouristen (Bild: Edition Salzgeber)

Acht Euro am Tag bekommt Tomek bei einem Gelegenheitsjob. Er verkauft Spargel oder Gartenzwerge auf einem Markt an deutsche Grenztourist*innen, er schleppt Reifen bei einem Schrotthändler, später versucht er sogar, Hunde mit einem Schlauchboot über den Grenzfluss zu schmuggeln – der vor der EU-Erweiterung wirklich noch eine Grenze darstellt. Bringt alles nichts. Für die Veneers – dünne Keramikverblendungen für ein hollywoodstarwürdiges Lächeln -, die sich seine Freundin Marta so sehr wünscht, reicht es nicht.

Die Welt des 15-Jährigen ist trostlos, rau und eng. Der Vater hat nur Fußball im Kopf, wofür Tomek sich kaum interessiert. Die Mutter befürchtet, ihren Job als Krankenschwester zu verlieren. Die Schwester geht im "Zodiak" feiern, statt fürs Abi zu lernen. Sie will ja eh nach England, um dort Geld zu verdienen. Oder nach Deutschland. Hauptsache weg.

Die "Schweinchen", die sich an der Grenze prostituieren

Und Tomek träumt von einem Teleskop in der Schule, um die Sterne und Planeten beobachten zu können. "Entdeckst du einen Stern für mich?", fragt seine Freundin Marta ihren angehenden Astronomen. Tomek ist gut in der Schule, er ist motiviert und neugierig.


Nach den ersten Erfahrungen auf dem Strich lernt Tomek schnell, wie das Geschäft funktioniert (Bild: Edition Salzgeber)

Das alles ändert sich, als der Jugendliche merkt, dass es noch eine andere Möglichkeit gibt, an Geld zu kommen. Er beobachtet einen Jungen an der Grenze, der in einen Jaguar steigt. Später entdeckt er, dass sein bester Freund Ciemny ebenso als Stricher mit deutschen Freiern sein Geld verdient. "Ekelst du dich nicht?", fragt Tomek da noch. "Na und?", lautet die kurze Antwort. Ciemny gehört zu den Świnki – so auch der Originaltitel -, den Schweinchen, wie an der Grenze Kinder und Jugendliche genannt werden, die sich prostituieren.

"Ich, Tomek", der 2009 ins Kino kam und jetzt im Salzgeber Club als Stream verfügbar ist, hat in einem Jahrzehnt an nichts eingebüßt. Das Sozialdrama des polnischen Regisseurs Robert Gliński porträtiert einfühlsam und sensibel, aber nicht weniger drastisch und gewaltig eine Gesellschaft, die von Ungleichheit und finanzieller Not geprägt ist. Und die auf der anderen Seite des Schlagbaums eine ganz andere Welt vermutet. Der Film erzählt von einer Familie, in der allen irgendwie klar ist, dass der jüngste Sohn krumme Dinger macht. Und die sich doch damit abfindet und gar nicht mehr wissen will.

"Ich, Tomek" ist beklemmend und schmerzhaft


Poster zum Film: "Ich, Tomek" läuft ab 6. August 2020 als VoD im Salzgeber Club

Regisseur Robert Gliński hatte ungemein viel Glück mit seinen Laiendarsteller*­innen, die er in ganz Polen gesucht hat. Filip Garbacz, der die Rolle des Tomek übernimmt, spielt kraftvoll und empathisch. Der so unschuldig wirkende Junge mit den großen Augen, der sich im Laufe des Films deutlich verändert, verkörpert eindrucksvoll die Zerrissenheit eines Teenagers, der seiner ersten Liebe etwas bieten möchte, aber auch seine Familie unterstützen möchte.

Über weite Strecken ist "Ich, Tomek" dabei ein beklemmender Film. Es ist schmerzhaft, fast schwer zu ertragen, wie Tomek bei eingeschaltetem Autoradio, aus dem eine Opernarie ertönt, seinen ersten Klienten trifft. 30 Euro die Stunde, nur fürs Quatschen, hatte der Zuhälter Borys ihm versprochen. Natürlich bleibt es nicht dabei. Der Film versteht es, ohne jeden Voyeurismus von dieser und weiteren Grenzüberschreitungen – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – zu erzählen. Das Drama moralisiert nicht, klagt nicht an, steigert sich zunehmend, und findet dann ein außerordentlich starkes, ergreifendes, offenes Ende.

Vimeo / Salzgeber Club | Trailer zum "Ich, Tomek" und Möglichkeit, den Film direkt anzuschauen
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Infos zum Film

Ich, Tomek. Drama. Polen / Deutschland 2009. Regie: Robert Glinski. Darsteller*­innen: Filip Garbacz, Anna Kulej, Daniel Furmaniak und Rolf Hoppe. Laufzeit: 94 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 16. Verleih: Edition Salzgeber. Ab 6. August 2020 im Salzgeber Club als Video on Demand

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#1 Still_IthEhemaliges Profil
  • 07.08.2020, 11:23h
  • Das Wichtigste, wenn's um sexuelle Gewalt gegen Kinder geht (=> siehe die offenkundig referenzierte Vergewaltigung statt "nur reden"), ist und bleibt immer, dass das möglichst nicht moralisierend, anklagend oder wertend ankommen sollte. Würde den Zuschauenden, die sich gern einen drauf runterholen, am Ende noch die Laune verderben. Und das ginge schließlich GAR nicht.
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#2 alien humanAnonym
  • 07.08.2020, 13:33h
  • Antwort auf #1 von Still_Ith
  • R.e.s.p.e.c.t.
    Ich habe mir den Film übrigens nicht angeschaut, werde ich wahrscheinlich auch nicht. Ich finde es aber gut, dass darüber geschrieben wird.
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#3 antosEhemaliges Profil
  • 07.08.2020, 21:26h
  • Antwort auf #1 von Still_Ith
  • Du hast den Film ja offensichtlich gesehen: Auf welche Art und Weise (filmästhetisch) bedient er Voyeurismus, wie macht er sich deiner Meinung nach zur Wichsvorlage?
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