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Ralf König

Schwulen Schweinkram zeichnen bis zum Umfallen

Heute feiert Ralf König seinen 60. Geburtstag und sein 40. Comiczeichner-Jubiläum. Generationen schwuler Männer konnten und können sich mit seiner Kunst identifizieren. Beim Hausbesuch erzählt er uns, warum er lieber alterspeinlich als altersmilde sein möchte.


Ralf König mit "Schwul-Comix" (1980) und "Roy & Al machen Männchen" (2020)

Ein Selbstporträt von Ralf König von 1982 (Wiederabdruck in "Rosa Radikale. Die Schwulenbewegung der 1970er Jahre", 2012)

Wie wird man einer Würdigung für Ralf König wohl am ehesten gerecht? Bevor ich mich der Bedeutung und dem Charme seiner Comics widme, möchte ich einzelne Geschichten von ihm und seinen Comics erzählen, die vielleicht immer noch unerzählt und unerhört sind. Seine ersten 19 Jahre überspringe ich einfach mal. Mit seinem Coming-out nahm sein Leben dann eine ganz neue Wendung.

"Homolulu" (1979) – und Ralf Königs Coming-out

Ralf kann sehr lebendig vom "Homolulu"-Treffen in Frankfurt 1979 berichten. Ich selbst kann zu "Homolulu" vielleicht auch einige Fakten beisteuern (s. meinen queer.de-Artikel), aber wenn Ralf davon erzählt, hat man ganz schnell das Gefühl, sich in einem seiner Comics zu befinden.

Um die Daten von "Homolulu" zu erfahren, wollte sich der damals noch ungeoutete Ralf verschämt die "Du & Ich" am Soester Bahnhofskiosk kaufen und traf dabei auf eine resolute homophobe Verkäuferin, die quer durch die Halle schrie: "Sind wir denn schon 18?" Schwule im Fummel hatte er bis dahin für ein schwulenfeindliches Klischee gehalten, in Frankfurt sah er als Erstes den großen Schmink- und Fummeltisch und stritt leidenschaftlich mit den Tunten. Später wurde getanzt und gefeiert, die "Hot Peaches" traten auf. "Homolulu" war Ralfs erste schwule Erfahrung und ein Damaskuserlebnis. Er war betrunken, wurde von jemandem in den Wald abgeschleppt, hatte unerfreulichen Sex und verknallte sich danach gleich zweimal, an einem Wochenende.

Nach Frankfurt folgte ein zielstrebiges Coming-out. Er klebte in der Holzfabrik – er war Schreiner – einen Zettel auf die Furnierschneidemaschine: "Schwul zu sein bedarf es wenig, ich bin schwul und heiß Ralf König." Damit ging er frech in die Offensive, und die verblüfften Arbeitskollegen waren verunsicherter als er. Weil es in Dortmund ein Schwulenzentrum gab, zog er mit 20 dorthin, lernte dort seinen ersten Freund kennen und blieb mehr als zehn Jahre mit ihm zusammen.


Eines der ersten Pressefotos von Ralf König

"Homolulu" war eine Initialzündung für sein Coming-out, aber keine für seinen Drang, Geschichten zu erzählen. Comics hätte er auch als Hetero gezeichnet, da ist er sich sicher. Seine Vorbilder: die amerikanischen Underground-Comics, zum Beispiel von Robert Crumb ("Fritz the Cat"). Ab 1980 erschienen seine ersten Heftchen: "Sarius" und "Das sensationelle Comic-Book" in einem Marler SM-Pornoverlag und vor allem "Schwul-Comix" beim Verlag rosa Winkel in Berlin machten den Anfang.

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Über sehr viel Papier – und einen politischen Skandal (1980-1990)

Mitte der Achtzigerjahre hatte ich selbst mein Coming-out und suchte im Centrum schwule Geschichte in Köln nach einer spannenden Aufgabe. Als Erstes suchte ich wie ein Trüffelschwein in alten Homo-Heften nach Ralf-König-Comics und wurde schnell fündig. Ralfs Nasen fanden sich auf Plakaten und Werbeaufklebern – sie waren gegen den § 175 und für das schwule Leben in all seiner Vielfalt. Ein Motiv von Ralf zierte auch eine unscheinbare Visitenkarte, die Werbung für den Berliner Masseur "Watai" machte. (Sie soll dem schwulen Politiker Albert Eckert gehört haben, der Mitte der Neunzigerjahre von seinen politischen Funktionen zurücktrat, als ihm eine solche Massagetätigkeit öffentlich vorgeworfen wurde.)


Eine Visitenkarte von "Watai": Werbung für eine erotische Massage von Mann zu Mann

Zeitschriften wie "Du & Ich", "Torso" und "Magnus" waren voll mit Zeichnungen und Interviews. Die "Siegessäule" hat wohl als einzige Schwulenzeitschrift aus dieser Zeit überlebt (Sofern man das später neugegründete Magazin – das zuerst nur als Berlin-Beilage in "Magnus" und erst später als Gratis-Stadtmagazin erschien – als Fortsetzung der alten Zeitschrift anerkennt). Die ersten Rezensionen sind noch skeptisch: "Die Begabung ist da, es fehlt an technisch künstlerischer Ausbildung ("Him Applaus", Jg. 1980, Nr. 11/12, S. 18) – illustriert war der Beitrag mit einem meiner Lieblingscomics, der einen Hasen und eine Henne zeigt.


Eine kleine Fabel von Ralf König ("Schwul-Comix", 1980, S. 33)

Nur einige Jahre später avancierte Ralf schon vom Insider-Tipp zum Starzeichner ("Du & Ich", Jg. 1989, Nr. 10, S. 41). In einigen Homo-Blättchen wie "Kumpel", "Stattpark" und "Disziplin" zeigte er sich gerne auch mal derber und pornografischer – ganz im Stil von "So trieben es die alten Römer". Sein Faible für Geschichte zeigte sich schon früh – historische Klassiker als klassische Einhandliteratur. Ralf textet, dichtet, experimentiert mit Poesie und Porno, sucht seinen Stil und findet ihn – später.

Kurios ist seine Auftragsarbeit "Bodo und Heinz": eine Comicserie für die Bergbauzeitschrift "Arbeit und Sicherheit" (1984-1990), in der es um Unfallprävention in deutschen Bergwerken ging. Ich dachte beim Auswerten der Geschichten von "Bodo und Heinz" immer nur an schwulen Sex. Das lag natürlich vor allem an Ralfs ansonsten ja doch eher monothematischem Œuvre.


"Bodo und Heinz": Unfallprävention oder doch Phallus-Symbolik? (in: "Arbeit und Sicherheit", 1986, Heft 4)

Leider war das Sammelgebiet "Ralf König" schon 1990 zu groß und zu unübersichtlich. Eine meiner erstellten Sammelmappen habe ich ihm 1990 geschenkt und ihn auf diese Weise kennengelernt. Zu dieser Zeit hatte er gerade in Dortmund seinen 30. Geburtstag gefeiert. Kurz danach zog er von Dortmund nach Köln.

"Der junge König" – und die Pädosexuellen

Der Männerschwarm-Verlag – bekannt für Gutes und Seltenes – hat unlängst drei Bände "Der junge König" herausgebracht. Zu sehen sind Ralfs spannende erste Gehversuche ab den Achtzigerjahren, sein wildes, experimentelles Austoben, seine zeichnerische Entwicklung bis zur "Vollendung der Knollennase". Schwuler Sex in allen Stellungen und in allen Genres – die schwule Welt als großer Abenteuerspielplatz. Für Historiker und die vielen Schwulen, die mit Ralf König älter geworden sind, ist es eine Fundgrube zum Neu- und Wiederentdecken alter Comics. Der Verkauf aber läuft eher schleppend, was wohl auch daran liegt, dass man junge Schwule so nicht mehr erreicht, die vermutlich noch nicht einmal mehr die Themen verstehen: Was ist eine Klappe? Was ist der § 175?

Was Ralf im Rückblick "richtig schlimm" findet, ist aber in diesen drei Bänden von Männerschwarm nicht enthalten, wie zum Beispiel die schon erwähnten Pornos mit den wild fickenden Römern. So wird die Neuausgabe der "Schwul-Comix" (1980) zwar von Männerschwarm als Reprint angepriesen, es fehlt darin jedoch der Comic "Der Straffall Lothar Weiss" (S. 10-15), der die sexualisierte Beziehung eines Mannes zu einem 13-jährigen Jungen behandelt. Dieser Comic ist ein typischer Ausdruck des damaligen schwulen Zeitgeistes, denn nicht wenige Schwule solidarisierten sich mit den Pädosexuellen, weil sie glaubten, zwischen der (früheren) Kriminalisierung homosexueller Kontakte und der Kriminalisierung sexueller Kontakte von Erwachsenen mit Kindern Parallelen erkennen zu können. Als die Grünen 2013 ihre Parteigeschichte aufarbeiteten, mussten sich viele Menschen nicht nur für Handlungen, sondern auch für ihre früheren Positionen rechtfertigen.


Der problematische Comic: "Der Straffall Lothar Weiss"

Es gab auch Journalisten, die Ralf für diese sechs Seiten von 1980 ans Kreuz nageln wollten. Sie hätten gerne gehört, dass Ralf eine pro-pädosexuelle Position immer noch in Ordnung findet. Aber er findet sie heute nicht mehr in Ordnung: "Ich war jung und dumm und habe einfach das, was ich in der Szene erlebte, zu Comics verarbeitet." Eine solche Distanzierung von früheren Positionen ist heute notwendig. Mir persönlich hat übrigens Micha Schulze mit dem Artikel "Meine falsche Solidarität mit den Pädos" (2015) aus der Seele gesprochen. Ich finde es richtig, dass "Der Straffall Lothar Weiss" nicht nachgedruckt wurde. Es geht nicht darum, das Thema des sexuellen Missbrauchs unter dem Teppich zu kehren, sondern darum, die emotionalisierte Debatte nicht auch noch anzuheizen. Ralf König hatte aber noch einen anderen Grund, einige der ganz alten, versucht 'realistischen' Comics lieber unterm Teppich zu lassen: Er findet die Zeichnungen einfach schlecht und konzentriert sich damals wie heute lieber auf die weit vielversprechenderen Knollennasen.

"Super Paradise" (1999) – und der Erfolg mit dem Tod

In den Achtziger- und Neunzigerjahren folgten viele Comics mit einer facettenreichen, liebevollen und oft auch selbstironischen Schilderung schwulen Lebens. Ralf schaffte den Durchbruch von der "schwulen Nische" zum Erfolg in der Mainstream-Öffentlichkeit – u.a. mit seinem bei Rowohlt erschienenen Comic "Der bewegte Mann".

Von der Covergestaltung her wirkt der 1999 bei Männerschwarm erschienene Band "Super Paradise" eher wie leichte Urlaubslektüre – er behandelt aber Trauer und Tod. Dieses Buch ist Ralf am wichtigsten. Mit dem Anspruch, aus dem schwulen Leben zu erzählen, konnte und wollte er auch HIV und Aids nicht ausblenden. Als Dieter, ein guter Freund, starb, war das neben der traumatischen Erfahrung der Auslöser für "Super Paradise". Ralf hatte damit ein neues Thema gefunden. Für Ralf war es eine wichtige Erfahrung, dass seine Leser mitgehen, wenn seine Knollennasen nicht nur krank werden, sondern sogar sterben können. Insofern ist ihm hier tatsächlich etwas Außergewöhnliches gelungen. Wenn er dann auch noch betont, dass er beim Zeichnen der Geschichte viel verarbeiten und loslassen konnte, hat es auch ihm gut getan.

Dass Ralf auch für Tragisches ein gutes Händchen hat, zeigte er auch viele Jahre später mit "Herbst in der Hose" (2017), wo es um den Sex in der zweiten Lebenshälfte geht. "Super Paradise" und "Herbst in der Hose" verkauften sich wohl auch deshalb gut, weil seine schwulen Leser nicht nur ihr Coming-out mit Ralf hatten, sondern auch mit ihm älter geworden sind. Mit Comics, die von Schwulen handeln, bei denen die Haare auf dem Kopf sich wie die sexuellen Erlebnisse lichten, erreicht man vielleicht keine 20-Jährigen mehr, aber eine ganz besondere Leser-Comic-Bindung mit der schwulen Generation 50 plus.


Auch Knollennasen können sterben: Eine Zeichnung aus "Super Paradise" (1999)

Politik – und Religion

Bei der Kölner CSD-Parade 2002 habe ich Ralf getroffen, als er mit einer Fußgruppe "entstoiberte". Diese politische Aktion war gegen den damaligen CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber gerichtet, der Bundeskanzler werden wollte, was es mit viel Humor zu verhindern galt. Ein Freund von Ralf hatte diese Idee, und so zogen sie mit rot-grünen Latzhosen und Staubtüchern gegen konservative Politik zu Felde. In diesem Jahr – 2020 – will mit Markus Söder möglicherweise wieder ein CSU-Vorsitzender Bundeskanzler werden, aber die Zeiten haben sich verändert. Söder setzt sich ja nicht nur für Bienen ein, er begrüßt auch die Ehe für alle und will die Gay Games nach München holen. Nicht nur Ralf König hat sich verändert, auch die CSU ist nicht mehr das, was sie einmal war. In diesem Jahr wird es also keine politische CSU-Verhinderungsaktion – keine "Ent-Söderung" – geben.

Ralf wählt zwar immer noch die Grünen, ist aber auch mit der ruhigen und unaufgeregten Art von Angela Merkel "insgesamt zufrieden". Ralf ist politisch wach, findet die AfD scheiße und die gesellschaftliche Lage zum Teil beängstigend, aber dies auch in seine Comics einzubauen ist eine andere Geschichte. Er versteht sich nicht als politischer Zeichner oder gar Aktivist. Tagespolitische Comics bzw. Cartoons fallen ihm schwer, er ist eher ein Geschichtenerzähler und Dialogschreiber. Was ihn aufgrund seiner Kindheit und Jugend im katholischen Westfalen umtrieb, war die Religion.

Ich habe es genossen, wie Ralf mit seiner Religionskritik ein neues Thema für sich und seine Comics fand und damit rund fünf Jahre am Ball blieb. Schon 2006 bekam er einen Preis dafür, wie er sich zu den damals heftig umstrittenen Mohammed-Karikaturen äußerte. Seit 2007 ist er im Beirat der Giordano-Bruno-Stiftung, gelegentlich saß er in Talkshows, und von 2008 bis 2010 brachte er seine religionskritische Trilogie ("Prototyp", "Archetyp" und "Antityp") heraus.

Für ihn ist es nach wie vor wichtig, dass sich auch Nicht-Gläubige organisieren. Als ihn nach dem Anschlag auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" in Paris deutsche Medien von "Bild" bis Markus Lanz als 'den' religionskritischen Karikaturisten vor die Kameras und Mikrofone stellen wollten, rief sein Agent, der einige der Ermordeten persönlich kannte, ihn aus Angst vor Nachahmern zurück und drängte ihn, einen islamkritischen Cartoon auf Facebook zu löschen. Eine Ausstellungseröffnung im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover wurde von Polizisten in Zivil bewacht – verstörende Zeiten. Und der Berliner "Tagesspiegel" titelte prompt: "Ralf König zieht kontroversen Cartoon zurück". Schwierige Zeiten für Karikaturisten, die von wem auch immer in die erste Reihe geschoben werden, um stellvertretend mutig zu sein. Oder lebensmüde.

Die Ausstellung "Elftausend Jungfrauen" (2014) – und die Zensur


Große Pappfiguren als Erinnerung an die Ausstellung "Elftausend Jungfrauen" (2014)

Als Ralf König 1990 nach Köln zog, freundete er sich mit Mario Kramp an, Kunsthistoriker und Mitglied im Centrum Schwule Geschichte. Von Mario hörte Ralf zum ersten Mal die Kölner Legende von den 11.000 Jungfrauen. Er hielt diese Geschichte von Anfang an für einen geilen Plot mit all den Jungfrauen, Engeln, lüsternen Päpsten, Königen und wilden Hunnen.

Im Jahre 2010 wurde Mario Kramp Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, und genauso, wie er sich immer als Freund und Förderer des Centrums schwule Geschichte engagiert hatte, engagierte er sich nun für eine Ralf-König-Ausstellung im Stadtmuseum. Ralf sollte dafür die Geschichte von der heiligen Ursula und den 11.000 Jungfrauen adaptieren. Er hat zwar ein Faible für Geschichte – man denke nur an seinen Comic "Lysistrata", frei nach der altgriechischen Komödie von Aristophanes -, aber diese katholische Märtyrerlegende hat Ralf fast überfordert. Während sich die Geschichten von Konrad und Paul mittlerweile fast von selber schreiben, war die Geschichte der Jungfrauen für Ralf aufgrund ihrer schieren Fülle eine monatelange Quälerei. Dem fertigen Comic merkt man diese Schwierigkeiten zum Glück nicht an.

Als die Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum 2014 zu sehen war, lagen in den Vitrinen viele Radiergummis herum. Sie lagen genau auf den dicken Dödeln von Ralfs Comics. Während ich das unangemessen fand, reagierte Ralf amüsiert und verständnisvoll. Das Stadtmuseum müsse darauf achten, dass es nicht ganz so versaut zugehe, er fühle sich nicht zensiert.

Zensiert wurde er tatsächlich noch nie, aber als das bayerische Landesjugendamt Mitte der Neunzigerjahre den Comic "Bullenklöten" (1992) indizieren lassen wollte, war das für ihn eine schwierige Zeit. Heute eine eher lustige Anekdote, empfand er es damals eher als beklemmend. Dass seine Comics sogar von Polizisten landesweit aus Buchläden beschlagnahmt wurden – ohne dass diese indiziert waren -, war ein öffentlicher Skandal. Wenigstens ging alles gut aus: Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien, die eine Indizierung ablehnte und "Bullenklöten" für Kunst für Erwachsene erklärte, hat ihm damit den Rücken gestärkt.

Ralfs Wandgemälde – und die politische Korrektheit

Wir unterhalten uns länger über Ralfs Wandgemälde in Brüssel. Es wurde von Aktivistinnen, die vermutlich noch nie einen seiner Comics gelesen haben, über Nacht mit den Worten "Transphobia" und "Racism" beschmiert. Leider wurden diese Vorwürfe später vom Vorstand des "Rainbow House" übernommen, des queeren Zentrums, das das Bild vier Jahre zuvor selbst in Auftrag gegeben und feierlich eingeweiht hatte. Nun, unter neuer Führung, wurde Ralf aufgefordert, seine Zeichnung doch bitte politisch korrekt zu überarbeiten (s. queer.de und Spiegel). Brüssel ist die europäische Comic-Hauptstadt, und es ist für einen deutschen Zeichner eine Ehre, dort mit einem großen Comicbild präsent zu sein. Anlass der Kritik sind die Darstellungen einer schwarzen Lesbe mit rotem Lippenstiftmund und einer etwas belämmert dreinschauenden Trümmertunte, die aber von den Kritikerinnen nicht als Dragqueen gesehen wird, sondern als trans Frau, die "traurig" gucke, weil sie behaart ist und auch noch dick.


Königs umstrittenes Wandgemälde in Brüssel (Bild: Rainbow House)

In Köln haben sich die politisch Linken vor einigen Monaten fast die Köpfe eingeschlagen, weil sie das geplante CSD-Motto "Einigkeit! Recht! Freiheit!" für nationalistisch hielten (s. queer.de). Ralf hat darüber den Kopf geschüttelt und sich gewundert, dass so etwas in Köln passiert, wo die queere Szene so schunkelfreudig wirkt und sich im Großen und Ganzen zu vertragen scheint.

Überspannte politische Korrektheit kennt er vor allem aus Berlin. Auch für die Berliner Schwulenberatung hat Ralf mal eine für ihn typische Regenbogen-Familie gezeichnet: zwei Lesben, einen Lederkerl, Tunten etc. Damit niemand ausgegrenzt wird, sollte er aus der einen Lesbe mit nachträglich gestrichelten Bartstoppeln noch schnell einen trans Mann machen – und wurde später dafür kritisiert, dass er aktiv mit dazu beitrage, Lesben unsichtbar zu machen. Von politischer Korrektheit und der manchmal absurden Überempfindlichkeit der Szene soll einer seiner nächsten Comics handeln. Ich habe ihm Patsy l'Amour la Loves Buch "Beißreflexe" ans Herz gelegt, das er dazu noch lesen wird.

Ralf ist durchaus ein "alter weißer Mann", weil weiß und mittlerweile 60. Das Wort "auftransen" – jahrzehntelang das übliche schwule Wort für "anfummeln" – hat er aus seinem Wortschatz gestrichen. Er findet es gut, wenn sich trans Personen zeigen und öffentlich wahrgenommen werden. Übertrieben findet er jedoch Kritik, die sich auf Formulierungen wie "Sehr geehrte Damen und Herren" bezieht, und die Gendersternchen in Zeitungsartikeln empfindet er als Sprachverunstaltung, von der er hofft, dass sie keinen Einzug in die Literatur hält.

Ralfs Geburtstag, dieses Scheiß-Corona – und neue Comics

Corona stellte auch für Ralf einen Einschnitt dar. Die Kölner Innenstadt war zwar während des Lockdowns im positiven Sinne zwangsentspannt, und diese Ruhe verursachte bei ihm einen kreativen Schub wie lange nicht. Aber es fanden auch keine Lesungen zum 40-jährigen Comiczeichner-Jubiläum mehr statt und keine große Ausstellung in Berlin zum 60. Geburtstag. Das Jubiläumsjahr hat Corona vermasselt.

Aber seit Corona veröffentlicht Ralf König auf Facebook jeden Tag eine kleine Episode von Konrad und Paul (s. queer.de). Diese kurze, klassische Form des Comicstrips – vier Bilder, fertig – ist neu für ihn und ermöglicht erzählerische Spontaneität, die in seinen seitenstarken Comicromanen kaum möglich wäre. Eigentlich ist Ralf Gegner einer solchen "Umsonst-Bespaßung im Internet", weil er ja von seiner Kunst und vor allem den Buchverkäufen lebt. Aber er erreicht womöglich viele Leser, die entweder noch nie oder seit langem kein Buch von ihm in der Hand hatten, und hofft darauf, dass die gesammelten Episoden später auch gekauft werden, wenn sie im Frühjahr 2021 bei Rowohlt erscheinen. Bisher sind rund 100 Folgen erschienen, nach der 180. Folge wird ein Buch daraus.

Nach dem Interview, das vor rund zwei Wochen stattfand, hat mir Ralf seinen neuen Comic "Roy & Al machen Männchen" geschenkt. Nach über 50 Comicbänden ist das Album auch Ralfs Geburtstagsgeschenk an sich selbst. Einige Comic-Leser kennen die beiden unterschiedlichen Köter schon vom ersten "Roy & Al"-Band von 2004 und erinnern sich: Al ist ein reinrassiger, weißer Zwerchfellterrier, der im homosexuellen Haushalt, in dem er leben muss, stets schlecht gelaunt ist und aus Leidenschaft homophob. Politisch korrekt ist was anderes. Aber Ralf König wird auch lieber alterspeinlich als altersmilde. Findet er unterhaltsamer.


Ralf Königs Schreibtisch

Ein Lob auf Ralfs Unterhaltungskunst und seine Form der Schwulenpolitik

Ralf versteht, wie Komik funktioniert. Ob schreiend grotesk oder eher subtil und tragisch – es ist (fast) immer lustig. Mich persönlich bringt er seit 30 Jahren zum Lachen und zum Nachdenken. Alleine auf der Unterhaltungsebene hat Ralf mit seiner feinen Beobachtungsgabe vieles erreicht. Dabei ist er zum Glück nicht pädagogisch und möchte mit seinen Comics weder beraten noch belehren.

Ralf betont gerne, dass er nur unterhalten möchte und dass er sich nicht als Homosexuellenaktivist sieht. So weit die Theorie. Natürlich weiß er aber auch, dass seine Comics wirken – sie wirken in die Politik, in die Gesellschaft und ins Private hinein. Seine Comics haben immer noch die Kraft für Veränderung – auch wenn es um Ralf in den letzten Jahren vielleicht etwas ruhiger geworden ist. Eigentlich sind seine Comics die Fortsetzung von Schwulenpolitik mit anderen Mitteln. Er hat eine Meinung und bezieht öffentlich Stellung. Er sagt sehr deutlich, was politisch und religiös nicht richtig läuft. Und das ist genauso vernünftig wie mutig.

Ein Lob auf die Möglichkeit der Identifikation

In der Schwulenszene der Achtziger- und Neunzigerjahre sagte man nicht: "Diese Comics sind wie das schwule Leben", sondern: "Das schwule Leben ist wie in diesen Comics." Das sagt viel über Ralfs Beobachtungsgabe und die Authentizität seiner Comics aus. Als schwuler Mann kann man sich mit seinen Comics identifizieren und sein Leben und Lieben dort gespiegelt sehen, weshalb die schwule Leserbindung so gut klappt. Auch ich gehöre zu der Generation schwuler Männer, die mit Ralf König und seinen Comics älter geworden sind.

Es gibt mehrere ältere prominente schwule Männer, deren Leben sich über Jahrzehnte verfolgen lässt. Sie sind – ob sie wollen oder nicht – wichtige "role models". Hape Kerkeling zog sich jedoch schon nach seinem 50. Geburtstag weitgehend aus dem Showgeschäft zurück, und Volker Beck, der in diesem Jahr ebenfalls 60 Jahre alt wird, hat sich von der politischen Bühne verabschiedet. Ralf König dagegen zeichnet und zeichnet und zeichnet. Es ist nicht selbstverständlich, dass er mit all dem, für das er steht, in der Szene immer noch präsent ist. Für ihn als Künstler gibt es weder das Ende einer Legislaturperiode noch ein Pensionsalter. Er will übrigens schwulen Schweinkram zeichnen, bis er tot umfällt. Das ist ein guter Vorsatz!

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#1 olikhujmhnzgbvfAnonym
  • 08.08.2020, 10:32h
  • Ich denke das bei jüngeren eher @darkviktory mit Broadcast my Ass und Tube Clash ankommt.

    Fand Ralf mal gut. Aber mit seinen vor einigen Jahren gemachten Äußerungen über Muslime hat er sich Disqualifiziert.
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#2 Pink FlamingoAnonym
  • 08.08.2020, 11:06h
  • Antwort auf #1 von olikhujmhnzgbvf
  • Nochmals hier Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag Lieber Ralf. Mögest Du mir weiterhin viel Freude und besonders viele, viele Lacher bescheren. Deine Comics auf Fakebook kann und will ich mir auch nicht anschauen. Umso mehr schätze ich Deine Bücher.
  • Antworten » | Direktlink »
#3 RalfAnonym
#4 Ralph
#5 HagenAnonym
  • 08.08.2020, 11:39h
  • Antwort auf #1 von olikhujmhnzgbvf
  • Seid nicht so streng mit Ralf. Er hat sich gezeigt - dafür Achtung und Respekt. Er hat künstlerisch was zu sagen - das haben wir nicht. Er hat sich geirrt - das haben wir auch. Er hat sich entschuldigt - das ist akzeptiert. Allein, dass er ins seicht/schwulenkonforme Köln gewechselt, das passt nicht in mein Bild. Mein Dortmund mit Migranten-/Malochermentalität ist für mich deutlich inspirierender :)
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#6 MarcAnonym
  • 08.08.2020, 14:50h
  • Hallo, der neue Roy & Al ist zum Schreien!! Nach ein paar Seiten musste ich bereits 2x Tränen lachen, mir hat der Bauch geschmerzt vor Lachen!!!!
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#7 KaiJAnonym
#8 Ralph
#9 stromboliProfil
#10 KaiJAnonym
  • 08.08.2020, 16:54h
  • Der Autor sollte doch besser den Streit über's alte Motto und seinen Ausgang verfolgt haben.
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