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Frontale Sex-Aufklärung

"Sexfront" und die "Glorifizierung der Homosexualität"

Vor 50 Jahren erschien das bahnbrechende Aufklärungsbuch "Sexfront", das die CDU auf den Index setzen wollte. Der schwule Autor Günter Amendt bot unverkrampfte Sex-Aufklärung auch für Schwule und Lesben.


Das durch Farbe, Buchstabengröße und das Wort "Sex" auffällige und provokative Cover des Buches
  • Von Erwin In het Panhuis
    9. August 2020, 07:18h, 6 Kommentare

Der Autor Günter Amendt (Bild: Rotpunktverlag)

Als der Sexratgeber und spätere Bestseller "Sexfront" im August 1970 erschien, wurde im Bereich der Sexualaufklärung ein neues Kapitel aufgeschlagen. Um einen Zugang zu Kindern und Jugendlichen zu finden, wurde eine Jugendsprache über Sexualität verwendet, wie man sie vorher nur von Schulhöfen kannte. Auch grafisch orientierten sich die Macher*innen an einer jungen Zielgruppe und ließen sich von Comics, Pop-Art-Kultur und Foto-Romanen inspirieren. Auch Anleihen an damals erfolgreiche Zeitschriften wie "Twen", "Pardon" und "konkret" sind zu erkennen.

Der Autor des Buches war der Sozialwissenschaftler Günter Amendt (1939-2011), der heute neben seinem Buch "Sexfront" auch für "Das Sex-Buch" (1979) bekannt ist. In seinen Büchern und Zeitschriftenbeiträgen (u.a. 130 Artikel für die Zeitschrift "konkret" ab 1976) beschäftigte er sich vor allem mit den Themen Sex und Drogen, wobei Homosexualität einen überdurchschnittlich großen Raum einnimmt. Ab Anfang der Neunzigerjahre fokussierte er sich thematisch fast nur noch auf Drogen. Aus seiner eigenen Homosexualität machte Günter Amendt nie einen Hehl.

Der Satz "Mit 5 Mark seid ihr dabei" verweist im Buch (S. 45) nicht nur auf den niedrigen Verkaufspreis, sondern ist auch eine Referenz auf den Slogan "Mit fünf Mark sind Sie dabei" der ARD-Fernsehlotterie "Ein Platz an der Sonne". Fünf Mark war früher aber nicht nur eine wichtige psychologische Kaufgrenze, sondern – so Amendt an gleicher Stelle – auch der monatliche Preis für ein bestimmtes "Grundnahrungsmittel": die Pille.

Die Vorgeschichte des Buches

Jörg Schröder, der 1969 den März Verlag gründete und ihn bis zur Schließung im Jahr 1987 leitete, schrieb in seinem "taz"-Blog "Schröder & Kalender" (7. August 2007), wie es zu diesem Sexratgeber kam: Anfang 1970 stellte Amendt ihm die Idee eines lustfreundlichen und durchgehend farbigen Sexualaufklärungsbuch "neuer Art" vor, das "nicht mehr als fünf Mark kosten" dürfe. Trotz Befürchtungen, dass sich das Projekt nicht lohnen könne, ließ sich Schröder darauf ein.

Zu Amendts Mitarbeitern an dem Buch gehörte Bernhard Korell, in den Amendt zu dieser Zeit verliebt war. Mehrere Titelvorschläge wurden von Schröder zunächst abgelehnt, wie zum Beispiel "Das Sexbuch – für Jugendliche, die selber lesen können". Aus dem Titelvorschlag "Jugendliche an die Sexfront!" wurde "Sexfront". Schröder gestaltete selbst den Buchumschlag mit seinen auffallend großen Lettern. Weil der Buchpreis knapp kalkuliert war, brachten erst die späteren Lizenzausgaben bei Zweitausendeins (1975, 1978) und Rowohlt (1982, 1989) – nun in Schwarz-Weiß – mit einer Gesamtauflage von rund 400.000 Exemplaren auch für den März Verlag einen "anständigen Profit" ein.

Schröder vermutet, dass mit Amendts Buch – weil Bücher ja auch verliehen werden – mehr als eine Million Leser*innen erreicht wurden. "Sexfront" war das wichtigste Buch des Verlages geworden und hatte – so Schröder – "den Weg für eine angstfreiere Sexualität freigeschlagen, einfacher gesagt: Die Menschen fickten fröhlicher."

"Sexfront" über Homosexualität

Es gibt im Buch ein eigenes Kapitel über Homosexualität (S. 94-107). Aber auch in anderen Kapiteln (S. 39, 117, 134) denkt Amendt Schwule und Lesben mit. Dabei verbindet der Autor nicht selten Sex und Politik und kommt dabei zu ganz eigenen Schlüssen: Eine besondere Ablehnung von Homosexualität "ist besonders in der proletarischen Klasse und im sogenannten Mittelstand der Fall, während die besitzende Klasse es sich leisten kann, weibliche wie männliche Homosexualität zu tolerieren". Weil der "Rhythmus des Arbeitsprozesses" auch den "Rhythmus des Sexuallebens" bestimme, werde "besonders der freie Samstag zum Wasch- und Geschlechtstag".

Solche Anleihen bei marxistischer Terminologie und Theorie sind dabei typisch für linke politische Diskurse der Siebzigerjahre – auch in der wenig später entstandenen Schwulenbewegung. Weil Jugendliche noch bei ihren Eltern wohnten, könnten sie ihre Sexualität nur bedingt ausleben. "Es gilt das Gesetz: Die Freiheit der sexuellen Betätigung wächst mit dem Abstand" zum Elternhaus. Die meisten Möglichkeiten zum Ausleben von Homosexualität biete die Großstadt mit ihrer Szene, wobei die Adressen und die Beliebtheit der schwulen und lesbischen Bars oft wechsle. Dort könne man zwar die wichtige Erfahrung machen, dass es viele Homosexuelle gibt, aber meistens sei es dort "ziemlich beschissen" und es gehe dort "genauso hektisch zu wie an der Börse. Man zeigt sich, läßt sich prüfen, prüft selbst und fragt nach." Die "oft stickige Luft" solcher Bars sei für manche aber die "einzige Möglichkeit, frei zu atmen".

Bei solchen Zitaten ist zu berücksichtigen, dass es zu diesem Zeitpunkt in der BRD noch keine Schwulenbewegung und keine alternative, nichtkommerzielle Szene gab. Die empirische Studie von Dannecker/Reiche zum Leben "normaler" Homosexueller war noch nicht erschienen, und die Reform des § 175 war noch nicht einmal ein Jahr her.

Für Amendt gibt es nur wenige Menschen, die eindeutig auf ein Geschlecht festzulegen sind. Ob man seine Homosexualität allerdings auslebe, "hängt vom Grad der Sexualunterdrückung ab, unter der man groß geworden" sei. Amendt bittet darum, das Buch nicht nach der "Rauspickmethode" zu lesen: "'Das ist der heterosexuelle Teil, das betrifft mich', und 'das ist der homosexuelle Teil, das betrifft mich nicht' und umgekehrt." Für Amendt ist die homosexuelle "Verführung" eine "der idiotischsten Geschichten", weil es im Sexuellen "überhaupt keine Verführung" gibt. Es gebe aber das Ausnutzen von Abhängigkeitsverhältnissen, wie sie zwischen "Mann und Frau" oder zwischen "Unternehmer und Unternommenen" bestünden, wenn zum Beispiel "der Direktor mit der Sekretärin vögelt". Auch der Sex zwischen einem Älteren und einem unerfahrenen Jugendlichen sei an sich unproblematisch, denn wenn dieser dabei bleibe, habe er "rechtzeitig seinen Weg gefunden", bleibe er nicht dabei, habe er eine für ihn wichtige Erfahrung gemacht.


Eine Textpassage aus dem Buch, die sich an der Umgangssprache der Jugendlichen orientiert

"Sexfront" speziell über Lesben

Amendt weist darauf hin, dass in vielen Ländern lesbischer Sex – im Gegensatz zum schwulen Sex – keine Straftat sei, stellt aber auch unmissverständlich und richtig dar, dass dies nichts mit größerer Akzeptanz zu tun habe. Sexualität von Frauen werde als so "unbedeutend [eingeschätzt], daß sie nicht einmal als strafwürdig erachtet" werde. In den Medien werde zwar viel über Lesben berichtet, aber nicht aus Gründen der Aufklärung. Der eigentliche Grund sei vielmehr "der geile Blick des männlichen (heterosexuellen) Betrachters". Dieser beziehe seine Lust auch aus der Freude, dass es ohne seinen "Zauberstab" angeblich nicht gehe. Dabei gehe es sehr gut auch ohne Mann und ohne "Gummipimmel und die Colaflasche". Wenn sich Frauen untereinander "Brust oder Kitzler mit Zunge, Lippen oder Hand" reizten, könnten sie dabei sogar öfter als Männer zum Orgasmus kommen.

"Sexfront" speziell über Schwule

Amendt stellt fest, dass die Mehrzahl der Schwulen unauffällig lebe. Wenn einige von ihnen sich als "Tunten" oder "Schwuchteln" präsentierten oder in ihren Beziehungen Mann und Frau "spielten", "passen sie sich in geradezu lächerlicher Weise an heterosexuelle Paarbeziehungen an". Dabei deutet sich eine gewisse Form von Tuntenfeindlichkeit an. Schwule seien "zumeist" auch keine "Arschficker. Denn wer sich bumsen läßt, übernimmt die 'Frauenrolle'. Dazu aber wollen sich nur wenige hergeben. Ein homosexueller Mann ist zunächst 'Mann' und erst dann homosexuell." Es liege daher auch eher am Selbstwertgefühl und nicht an den Schmerzen, dass Analverkehr bei Schwulen vor allem dann vorkomme, wenn diese schon länger zusammen seien. Wenn dann keine Vaseline vorhanden sei, "dann tut's auch Spucke".

Die teilweise Legalisierung der männlichen Homosexualität (1969) mit dem "Schutzalter" von 21 Jahren habe an der gesellschaftlichen Situation "wenig verändert". Auf die Schwulen werde sich weiterhin Wut entladen – die "geringste Strafe wird Lächerlichkeit oder Mitleid sein". Amendt befürchtete für die Zukunft, dass sich das "gesunde Volksempfinden" auch ohne Strafgesetzbuch durchsetzen lasse.

Zeitgenössische Besprechung

Als ein Beispiel von vielen möchte ich auf den "Spiegel" (31. August 1970, hier als PDF) eingehen. Er berichtete darüber, dass es dem Sexualwissenschaftler Volkmar Sigusch vom Hamburger Institut für Sexualforschung angesichts des Vokabulars zunächst fast die Sprache verschlagen haben soll. Sigusch wird mit den Worten zitiert: "Diese Termini haben mich anfangs erheblich gestört. Ich habe mich vom Autor dann aber bekehren lassen. Als Mittel zum direkten Ansprechen des Lesers sind sie wohl nötig."

Später gutachtete Sigusch, die Amendt-Schrift wirke "wie eine richtige Wohltat, verglichen mit dem Wust der üblichen Aufklärungsliteratur, wo mehr verschleiert als gesagt wird". Amendt wird vom "Spiegel" mit vielen Bezeichnungen bedacht, die alle ein wenig stimmen. Er war tatsächlich der "linke Literat", der "Lust-Apologet", der "Sex-Helfer", der "linksradikale Sex-Verklärer" und der "Gesellschaftskundler".

Sekundärliteratur über "Homosexuelle Orgie" und "Fick mal wieder!"


"Fick mal wieder!" als Referenz auf ein bekanntes Maskottchen und als Beispiel für den Humor des Buches

Bettina Kahrer vergleicht in ihrer auch online verfügbaren Diplomarbeit "Sozialer und kultureller Wandel der Sexualität. Eine Diskursanalyse ausgewählter Ratgeberliteratur für Jugendliche (1968-2012)" (2013, S. 81-101) Günter Amendts "Sexfront" mit Bent H. Claessons ebenfalls 1970 erschienenem Buch "Sexualinformation für Jugendliche" und kommt zu dem inhaltlich richtigen Schluss: "Der Zugang zur Homosexualität von Amendt ist besonders ausführlich, offen und progressiv" (S. 99-101, s. a. S. 142-143). Zuvor setzt sie sich auch mit Amendts satirischem Humor auseinander – am Beispiel eines Fotos, das jubelnde und sich umarmende Fußballspieler zeigt und die ironische Bildunterschrift "Homosexuelle Orgie" trägt.

Diese Satire in Form einer sogenannten Bild-Text-Schere wird von der Autorin über mehrere Seiten in wissenschaftlicher Sprache analysiert: "Der Sprach-Bild-Bezug ist kohärent, wobei keine expliziten Verweise auf das Bild gemacht werden. Es visualisiert das Textthema auf satirische Weise, demzufolge handelt es sich um eine Verbindung von symbolischem Bildtext und aufklärendem und beratendem Sprachtext. Es lässt sich das Gebrauchsmuster 'Bedeutungsgegensatz' beim Sprache-Bild-Bezug feststellen, welches die Brücke zwischen dem verbalen und dem visuellen Text bildet. Das Muster umfasst das Phänomen, daß ein Bild einen Gegensatz zum sprachlichen Inhalt bietet" (S. 90-92).

In ähnlicher Form setzt sich Kahrer auch mit der Zeichnung "Fick mal wieder!" auseinander, die eine Parodie auf das bekannte "Trimm Dich"-Männchen von 1970 darstellt (S. 92-93).


"Homosexuelle Orgie" als Beispiel für den Humor des Buches

Sekundärliteratur über das "Stillleben mit Penis"

Eine sehr ausführliche und gute Auseinandersetzung mit Amendts Aufklärungsbuch stellt Christine Weders Buchaufsatz "'Sexfront' oder Die ironische Kunst der Aufklärung: Sexualität als Pop Art" dar (in: "Intime Beziehungen. Ästhetik und Theorien der Sexualität um 1968" (2016, S. 121-147). Die Autorin verortet das Buch im Rahmen der Sexualwissenschaft und betont dabei – in Abgrenzung zu den Publikationen von Oswalt Kolle – Amendts Lustfreundlichkeit (S. 123).

Die Tatsache, dass Homosexualität im Buch einen großen Raum einnimmt, verbindet die Autorin allerdings weniger mit der sexuellen Orientierung des Autors, sondern vielmehr mit seiner Kritik an der bisherigen Aufklärung über Homosexualität (S. 125-126). Für sie hat Amendt einen "Schalk, der die Ernsthaftigkeit nicht schmälert" (S. 130). Eine leichte Kritik deutet die Autorin an, wenn sie darauf verweist, dass Amendt die Aufwertung der Homosexualität in nicht notwendiger Form durch eine Abwertung der Heterosexualität vornehme (S. 132).

Die Ironie sei im Buch mehr als nur ein bloßes "Augenzwinkern zur Auflockerung", sondern so stark vertreten, dass sie eine "'Aufschlüsselung' in Botschaften und Ratschläge" erschwere (S. 135). Das Foto im Buch, das Christine Weder als "Stillleben mit Penis" bezeichnet und das sich im Kapitel über Homosexualität befindet, verteidigt sie ausdrücklich, weil man nicht behaupten könne, dass der Penis hier "unironisch 'überhöht' werde". Für die Autorin stellt eine solche "darstellerische Ironie" den "Charakter der Pornographie" eher in Frage als dass sie selbst pornografisch sei (S. 144). Um pornografisch zu sein, sei das gesamte Buch zu künstlerisch und arbeite auch zu viel mit Elementen wie Ironie und Parodie (S. 145).

Hinter ihren ausführlichen Ausführungen über den Vorwurf der Pornografie stehen vermutlich nicht nur die zeitgenössischen Indizierungsversuche, sondern auch die antipornografischen Diskurse in Teilen des Feminismus zu dieser Zeit. Auch Dietmar Kreutzer zeigt in seiner "Chronik der Schwulen. Die Siebzigerjahre" (2007, S. 16) dieses "Stillleben" und berichtet davon, dass Amendts Freiheit der sexuellen Aufklärung selbst der Schwulenzeitschrift "Du & Ich" (Ausgabe 12/1970) "zu weit" gegangen sei.

Indizierungsversuch wegen "Glorifizierung der Homosexualität"

Christine Weder geht in ihrem Aufsatz (S. 124, S. 142-143) auch darauf ein, dass das Sozialministerium von Rheinland-Pfalz nach dem Erscheinen des Buches bei der "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften" eine Indizierung beantragte – Sozialminister war damals Heiner Geißler (CDU), Ministerpräsident Helmut Kohl (CDU). Wäre es zu einer Indizierung gekommen, hätte das Buch seine Zielgruppe der jugendlichen Leser nicht mehr erreichen können.

Als Begründung führte das Sozialministerium u a. an, dass das Buch "Hemmungen gegenüber gleichgeschlechtlicher Betätigung" abbaue. Dabei wurde auf eine Zeichnung verwiesen, die "in der doppelseitigen Glorifizierung der Homosexualität und des Triolenverkehrs gipfelt", womit nur S. 102/103 des Buches gemeint sein kann, auf der man zwei Frauen und einen Mann beim Sex sieht.

Das Buch wurde von der Bundesprüfstelle nicht indiziert, was vermutlich nicht zuletzt an dem entlastenden Gutachten des Sexualwissenschaftlers Gunter Schmidt lag. Auch Christine Weder verteidigt das Buch und diese Illustration gegen den Vorwurf der "Glorifizierung" von Homosexualität. Mit dieser Darstellung werde schließlich die sexuelle Aufklärung mit dem "Stil der um 1970 noch jungen Pop Art" imitiert. Dabei werde durch die Farbe und das an Andy Warhol erinnernde "serielle Prinzip" die sexuelle Handlung ästhetisiert. Typisch für die Pop-Art-Kunst sei aber eben keine ungebrochene "Glorifizierung" eines Subjektes, sondern immer auch deren ironische Brechung.


Ein Beispiel für Pop Art, einen provokativen und deutlichen Umgang mit Sexualität und für die von Kritikern angenommene "Glorifizierung von Homosexualität"

Kindlicher Sex / Sex mit Kindern

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Einstellung zu kindlicher Sexualität und zu sexualisierten Beziehungen von Erwachsenen zu Kindern grundlegend gewandelt und es stellt sich die Frage, ob Amendts Einstellung auch in dieser Hinsicht einer kritischen Betrachtung standhält. Schließlich gibt es in "Sexfront" einige Seiten, die man aus heutiger Sicht besonders aufmerksam wahrnimmt: So liegen auf einem Foto drei kleine Jungen nackt nebeneinander und erfreuen sich ihrer zum Teil erigierten Penisse (S. 8). An anderer Stelle hat eine Tochter Fragen zur Sexualität, woraufhin sich der Vater auszieht, um ihr alles an seinem und ihrem Körper zu veranschaulichen (S. 66-71). Kindliche Sexualität grenzt Amendt hier klar gegen sexuelle Kontakte von Kindern mit Erwachsenen ab. Im Kontext des ganzen Buches betrachtet, handelt es sich zwar um einen konfrontativen, insgesamt aber verantwortungsvollen Umgang mit der Sexualität von Kindern. Mein Lob des Buches "Sexfront" umfasst daher ausdrücklich auch diese Bilder und Texte.

Um Amendts Einstellung zu verdeutlichen, bieten sich diverse Texte aus den Jahren 1979/1980 an, als sich die Diskussion um Pädosexualität, die nicht wenige Befürworter hatte, auf dem Höhepunkt befand. Der "Spiegel" (21. Juli 1980) bezeichnete Amendt als einen Kritiker der pädosexuellen Kampagnen und zitierte ihn, wie er von "pseudoemotionaler ausbeuterischer Libertinage" sprach. Auch das Berliner Stadtmagazin "Zitty" verwies darauf, dass Amendt 1979 die weit verbreiteten Sympathien für Pädosexuelle "hart und deutlich" kritisierte (Daniel Boese: "Pädophilie in der zitty" vom 20. Mai 2009).

Am deutlichsten wird Amendts Einstellung im Gespräch mit der "Emma"-Herausgeberin Alice Schwarzer ("Wie frei macht Pädophilie?", "Emma" vom 1. April 1980), die "zur Sensibilisierung für die neuen Gefahren einer scheinbaren Liberalisierung" beitragen wollte. Amendt sprach sich hier dafür aus, dass Kinder und Jugendliche "ihre Sexualität frei leben können. Andererseits habe ich natürlich auch die Opfer im Auge. […] Ich glaube, wir treten beide [er und Schwarzer] als Erwachsene für das Recht der Kinder auf Sexualität ein. Das heißt aber nicht, daß wir für das Recht der Erwachsenen auf die Sexualität der Kinder eintreten." Einig waren sich Schwarzer und Amendt offenbar auch, dass es sich "nicht primär um ein Problem von Homosexuellen handelt", dass aber die Debatte "fast ausschließlich von homosexuellen Pädophilen geführt" werde.

Vergleiche mit "Dr. Sommer" und "Schulmädchen-Report"

Amendts Buch – zu Beginn der "sexuellen Revolution" in Deutschland entstanden – muss im Kontext seiner Zeit gesehen werden. Um dies wenigstens ansatzweise zu erreichen, möchte ich zwei recht unterschiedliche Vergleiche vornehmen.

Leicht nachvollziehbar erscheint ein Vergleich mit Martin Goldstein, der als "Dr. Sommer" seit 1969 für die Sexualaufklärung der Jugendzeitschrift "Bravo" verantwortlich war und wohl zur höchsten Auflage in der Geschichte der Zeitschrift beigetragen hat. Beide Männer werden regelmäßig als wichtigste und glaubwürdigste Jugendversteher der Bundesrepublik zu dieser Zeit bezeichnet, wobei sie nicht nur berühmt, sondern auch berüchtigt und umstritten waren.

Das, was in der "Bravo" in den Siebzigerjahren an Aufklärung über Homosexualität stattfand, habe ich in meinem Buch "Aufklärung und Aufregung. 50 Jahre Schwule und Lesben in der BRAVO" (2012, S. 33-63) dokumentiert. Dabei war "Bravo" sprachlich bei weitem nicht so direkt wie Amendt in seinem Buch. Überdurchschnittlich offen und deutlich werden in den Heften 6 und 7 von 1972 die gleichgeschlechtlichen sexuellen Erlebnisse von Jungen bzw. Mädchen beschrieben. Beide Hefte wurden indiziert, was die damaligen Grenzen sexueller Aufklärung verdeutlicht.

Etwas weit hergeholt erscheint zunächst ein Vergleich mit der 13-teiligen und kommerziell erfolgreichen Filmreihe "Schulmädchen-Report" (1970-1980), die insgesamt wohl 100 Millionen Zuschauer erreichte (s. meinen Beitrag auf queer.de). Die gesamte Filmreihe stellt das unterste Niveau an Unterhaltung dar. Das Wort "Report" suggeriert einen Informationswert, der nicht einmal ansatzweise vorhanden war. Viele junge Menschen zogen ihre sexuelle "Aufklärung" aus dieser Reihe. Zensiert wurde die Filmreihe übrigens nie.

Was bleibt

Mit seinem Buch "Sexfront" hat Amendt 1970 die Grenzen des publizistisch Möglichen im Bereich Sexualität ausgetestet. Das Buch hat diesen Test quasi bestanden, denn es wurde trotz seiner deutlichen und konfrontativen Sexualaufklärung nicht indiziert. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften hat hier eine nachvollziehbare und vernünftige Entscheidung getroffen. Für das ganze Buch gilt, dass direkte, teils konfrontative Sprache nicht mit plattem Inhalt einhergehen muss, sondern dass damit differenzierte Inhalte vermittelt werden können.

Ich freue mich, dass das Buch – auch wegen seiner vorbildlichen und ausführlichen schwul-lesbischen Aufklärung – mit mehreren hunderttausend verkauften Exemplaren ein Bestseller wurde. Hätte dieser Aufsatz nicht nur Amendts Buch, sondern auch sein Leben fokussiert, hätte ich leicht aufzeigen können, wie sich auch sein sonstiges Werk für eine nähere Betrachtung anbietet. Kurz hinweisen möchte ich aber zumindest darauf, dass er sich auch in "Haschisch und Sexualität. Eine empirische Untersuchung über die Sexualität Jugendlicher in der Drogensubkultur" (1974) und in "Das Sex-Buch" (1979) ausführlich mit Homosexualität beschäftigte und dass er das Buch "Natürlich anders. Zur Homosexualitätsdiskussion in der DDR" (1989) herausgab.

Ein Nachruf auf Günter Amendt

Amendt starb 2011 im Alter von 71 Jahren in Hamburg bei einem Verkehrsunfall. Der schwule Journalist Jan Feddersen schrieb mit "Kämpfer gegen das sexuelle Igittigitt" ("Spiegel", 14. März 2011) einen pointierten Nachruf auf ihn. "Zum Popstar aber avancierte er 1970, als er 'Sexfront' im März-Verlag veröffentlichte. Das Büchlein wurde mit seinem knallgelben Umschlag zum wichtigsten Ratgeber in sexuellen Dingen neben allem, was Oswalt Kolle publizierte. Amendt hatte den richtigen Ton der Aufklärung gefunden", bei dem auch "Homosexualität nichts Anstößiges" gewesen sei.

Amendt hatte, so Feddersen, geschafft, was anderen "nicht gegeben war: sich populär mitteilen zu können, ohne banal zu wirken. Er konnte auf jedem Podium glänzen – ein Preis für die verschwurbeltste Rhetorik wäre ihm nie verliehen worden." Amendt "machte aus seinem Schwulsein kein Hehl […]. Die Attitüden, die auf Homoparaden gepflegt werden, waren ihm eher fremd: Homosexualität, so sagte er in den frühen Achtzigern, ist nichts Schlechtes und nichts Gutes. Es sei, wie es sei – was der Menschen Liebe ausmache, dürfe nicht mit Angst belastet werden."

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#1 Ralph
  • 09.08.2020, 11:45h
  • Endlich darf ich mal sagen: Dafür bin ich zu jung (lol). Nein, dieses Buch hat mich nicht mehr erreicht. Ich gehöre schon zum Publikum des ersten rein schwulen Ratgebers "Schwul - na und?" von Thomas Grossmann, der 1981 erschien, gerade noch rechtzeitig für mich. Aber es wundert mich nicht, dass man zehn Jahre vorher noch nicht wagte, einen Coming-out-Ratgeber zu schreiben. 1981 war das Klima schon liberaler, und es fand sich mit Rowohlt sogar ein renommierter Großverlag zur Veröffentlichung.
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#2 Erwin In het PanhuisAnonym
  • 09.08.2020, 12:56h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Zu dem Buch Schwul na und? will ich übrigens nächstes Jahr einen Artikel schreiben. Am 1. Juni 2021 wird der Autor Thomas Grossmann 70 Jahre alt und sein wichtiger Ratgeber 40 Jahre alt. Das sind beides schöne Anlässe für einen Rückblick.
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#3 antosProfil
  • 09.08.2020, 13:46hBonn
  • Das Popart-Bild, >eine Zeichnung, die in der doppelseitigen Glorifizierung der Homosexualität und des Triolenverkehrs gipfelt<? Oder doch eher die Visualisierung einer der beliebtesten Heteromänner-Phantasien als Ornament und Teppich? Kommentiert für die 90er von E. Jelinek in >Lust<.

    >>Da seid ihr endlich in eurer Haut und eure Lust bleibt immer dieselbe! Sie ist eine endlose Kette von Wiederholungen, die uns mit jedem Mal weniger gefallen, weil wir durch die elektronischen Medien und Melodien daran gewöhnt wurden, jeden Tag etwas Neues ins Haus geliefert zu kriegen.<
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#4 TheDadProfil
  • 10.08.2020, 10:06hHannover
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Ich denke ja das "Schwul - na und ?" von Thomas Grossmann ohne die vorausgegangenen Bücher "Sexfront" und dem 1979 folgendem "Das Sex-Buch" gar nicht möglich gewesen war..

    Großen Dank an Erwin In het Panhuis für den wichtigen Artikel..
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#5 56James35Anonym
  • 10.08.2020, 11:08h
  • "Schwul na und" ist ein Buch, das gelesen werden muss. Der Autor wendet sich nicht nur an die jungen Schwulen der 80er Jahre, sondern auch an an alle. Ein 'wunder-)schönes Buch !
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#6 stromboliProfil
  • 10.08.2020, 22:02hberlin
  • "Eine leichte Kritik deutet die Autorin an, wenn sie darauf verweist, dass Amendt die Aufwertung der Homosexualität in nicht notwendiger Form durch eine Abwertung der Heterosexualität vornehme (S. 132)."
    >>Christine Weders Buchaufsatz "'Sexfront' oder Die ironische Kunst der Aufklärung: Sexualität als Pop Art" dar (in: "Intime Beziehungen. Ästhetik und Theorien der Sexualität um 1968" (2016, S. 121-147)<<

    Kicher... "aufwertung... nicht notwendige form... abwertung"
    Gerade unsere erkenntnis über die nebensächlichkeit der heterosexualität für unser eigenes leben, hier von Amendt treffend illustriert, machte einen nicht unwesentlichen drive der schwulen selbstbewusstseinsfindung aus.
    Ich jedenfalls bin aus meinem klein-spießbürgerlichen schneckenhaus der "wissenschaftlichen aufklärungsbücher " dank sexfront herausgekrochen...

    Hier auch ein dank an den, leider vor wochen verstorbenen JörgSchröder, der zusammen mit Barbara Kalender als lektorin, die veröffentlichung dieses buches überhaupt erst ermöglichte.
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