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Kristof Magnusson

"Das Queere an meinen Romanfiguren ist weder etwas bürgerlich Normales noch etwas absolut Abseitiges"

Diese Woche ist der neue Roman "Ein Mann der Kunst" des offen schwulen Bestsellerautors Kristof Magnusson erschienen. Johannes Kram traf den deutsch-isländischen Schriftsteller zum Interview.


Kristof Magnusson, geboren 1976 in Hamburg, machte eine Ausbildung zum Kirchenmusiker, arbeitete in der Obdachlosenhilfe in New York, studierte am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Er schreibt Romane, Theaterstücke und übersetzt aus dem Isländischen. Er lebt in Berlin (Bild: Gunnar Klack)
  • Von Johannes Kram
    13. August 2020, 14:31h, noch kein Kommentar

"Ein Mann der Kunst" handelt von einem einsam lebenden, weltberühmten Groß-Ego-Künstler auf der einen und den Mitgliedern eines Fördervereins auf der anderen Seite, die den Neubau ihres Museums ganz dem Werk des alternden Malers widmen möchten. Doch damit beide Seiten zusammen kommen können, müssen nicht nur schwierige Modalitäten, sondern auch so ziemlich alle zurzeit strittigen gesellschaftlichen Fragen ausverhandelt werden.

Das ist nicht nur kompliziert, sondern vor allem saukomisch und passiert in wunderbar beschriebenen Selbstinszenierungen der handelnden Personen aus dem Kulturbetrieb. Im Roman wimmelt es von Prototypen der sogenannten liberalen Eliten, über die gerade so viel geschrieben wird, aber Kristof Magnusson schreibt über sie weder bewundernd noch anklagend, sondern vor allem zutiefst menschlich. Eine Gesellschaftskomödie über die aktuellen Themen, die auf Zynismus verzichtet und deshalb wohltuend konstruktiv ist.


Kristof Magnussons Roman "Ein Mann der Kunst" ist am 12. August 2020 im Verlag Antje Kunstmann erschienen

Kristof, du hast diesen Interview-Einstieg mit dem Titel deines Romans selbst provoziert und wirst dich an ihn wohl so oder ähnlich in den nächsten Wochen gewöhnen müssen. Also: Was ist ein Mann der Kunst? Und bist du selber einer?

"Ein Mann der Kunst" ist wirklich in erster Linie ein Wortspiel mit dem Verlag, in dem das Buch erscheint, dem Kunstmann-Verlag. Der Titel scheint einem männlichen Künstler-Ideal zu huldigen, dabei zitiert er nur den Nachnamen meiner Verlegerin, die wiederum selbst eine verdiente Feministin ist. Der Idee eines genialen, meist männlichen Schöpfers als Dreh- und Angelpunkt von Kunst und Kultur möchte ich auf das Heftigste widersprechen. Ich hoffe, dass alle, die das Buch lesen, den ironischen Gehalt des Titels nachvollziehen können. Überkommene Männerbilder sollten wirklich nur dann abgefeiert werden, wenn die entsprechenden Gegenpositionen gleich mitgeliefert werden.

Bei deinem 2014 erschienenen "Arztroman" wurdest du trotz aller Zuspitzungen oft für die fachliche Stimmigkeit der Schilderungen der Medizinwelt gelobt. Der "Mann der Kunst" liest sich trotz seiner parodistischen Elemente doch auch wie eine kenntnisreiche Insidererzählung aus dem Kunstbetrieb. Sind das Milieus, die du zum Thema machst, weil du sie kennst, oder näherst du dich von außen und schaust, was es da literarisch zu holen gibt?

Beim "Artzroman" hat mich die Fachdisziplin der Medizin interessiert. Aus der Außenperspektive habe ich versucht, so viel Einblick wie möglich zu erlangen. Bei der Kunst ist es schon anders, denn dieses Metier ist der Literatur und Theater gar nicht so fremd. Mein eigener Anspruch an Literatur ist, dass aus dem genau austarierten Verhältnis zwischen Autor und Werk ein Mehrwert entsteht. Manche Autor*innen sind Spezialisten für Themen, die möglichst weit weg von ihrer eigenen Person liegen, manche schreiben quasi nur über ihr eigenes Leben. Alle Ansätze haben ihre Berechtigung, und ich befinde mich irgendwo auf der Hälfte dazwischen. Wenn ein fremdes Thema mein Interesse weckt, ganz egal ob Medizin, Finanzen oder Kunstmuseum, dann gehe ich dem nach und versuche literarisch zu erspüren, was darin steckt.

Der Ich-Erzähler des Romans, Architekt und Sohn der Vorsitzenden des Museums-Fördervereins, ist schwul. Man erfährt das so, wie man es sich oft wünschen würde: eher beiläufig, aber auch relativ spät im Roman. Glaubst Du, dass die Erwartungshaltung der Leser*innen an die Geschichte eine andere gewesen wäre, wenn die Homosexualität des Protagonisten von Anfang deutlicher gewesen wäre?

Ja klar! Dann wäre es ein anderes Buch geworden. Der Ich-Erzähler outet sich den Leser*innen gegenüber sehr spät im Buch. Das bedeutet aber nicht, dass bis dahin alles total unqueer ist. Die Welt ist doch so heteronormativ, dass ein queerer Gehalt bereits dadurch entsteht, dass keine Heterosexualität dargestellt wird.

War die Homosexualität wichtig für die Geschichte, oder war sie vor allem wichtig, weil hier ein homosexueller Autor eine Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählt?

Als queerer Autor liegt es mir zwar daran, dass queere Figuren in meinen Romanen vorkommen, andererseits halte ich einen gewissen queeren Blick auf die Welt wichtiger als dass alle Romanfiguren unbedingt selbst queere Identitäten repräsentieren. Ich mag es nicht, wenn queere Identität benutzt wird, um etwas besonders Verrücktes, Krasses oder Fremdes darzustellen. Andererseits wäre es auch Quatsch, queere Identitäten und Lebensweisen in der Literatur zu normalisieren. Ich stelle mir immer vor, dass das Queere an meinen Romanfiguren weder etwas bürgerlich Normales ist noch etwas absolut Abseitiges. Bei dem Ich-Erzähler des Romans ist dessen queere Identität so etwas wie der Ruhepol seiner Persönlichkeit, etwas was ihm Kraft und Stabilität verleiht.

Ich kenne Autor*innen, denen aus der Literaturbranche vermittelt wurde, queere Protagonist*innen in Romanen könnten problematisch für deren Erfolg sein. Kennst du solche "Tipps" und wie stehst du zu ihnen?

Machen wir uns nichts vor: Es herrscht gewaltige Ungleichheit, egal in welche Richtung man schaut! Je weiter der Gehalt der Literatur von einem gesellschaftlichen Mainstream entfernt ist, desto schwieriger ist die Vermarktung, im deutschen Literaturbetrieb sicherlich noch mehr als in den USA oder in Frankreich – von dort kommen ja die großen Bestseller mit queeren Themen wie zum Beispiel "Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara, "Das Ende von Eddy" von Édouard Louis oder "Die Optimisten" von Rebecca Makkai. Auch wenn es im Literaturbetrieb verhältnismäßig menschenfreundlich zugeht, wirken doch auch dort die hegemonialen Kräfte, die in allen Bereichen der Gesellschaft wirken. Das ist nicht spezifisch homophob, sondern einfach eine strukturelle Benachteiligung von Minderheiten. Ich halte es für wichtig, bei dieser Debatte die intersektionelle Ausgrenzung im Blick behalten. Queer People of Color, trans- und non-binary Identitäten gehören genauso dazu. Und sind in der Literatur weiterhin unterrepräsentiert, auch wenn das seit einigen Jahren besser wird, was sicherlich auch den neuen Vermarktungsmöglichkeiten zu verdanken ist, die das Internet und Social Media bieten.


Mann mit Kunst: Autor Kristof Magnusson (Bild: Gunnar Klack)

Im Buch geht es um Kunst, aber ich frage mich, ob hier die Kunstszene auch als eine Parabel für unsere Gesellschaft dienen könnte: Im Förderverein eines Museums prallen unterschiedlichste Charaktere, Interessen, Machtverhältnisse und Weltbilder aufeinander. Trotzdem müssen sie gemeinsam eine für das Museum existentielle Entscheidung treffen, die alle unterschiedlich tangiert. Ist deine Geschichte auch ein Beitrag zu Debatte darüber, wie gesellschaftlicher Fortschritt trotz aller Spaltungen gelingen kann?

Ja und nein. Mein Roman ist keine Parabel auf die Gesellschaft und hat auch keine Handreichung zur Konfliktlösung. Es gibt aber eine Sache, die mir am Herzen liegt: Alle Konflikte sind menschlich. Das, was manche die Spaltung der Gesellschaft nennen, macht ja nur sichtbar, was unter der Oberfläche eh schon vorhanden war. Die Moralkeule zu schwingen hilft da wenig, das bringt einem vielleicht Anerkennung von den Leuten, die eh schon dieselbe Meinung haben wie man selbst – für den Dialog von unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen bringt das nichts. Ich halte ich es für sinnvoller, unterschiedliche Positionen zu erklären und nachvollziehbar zu machen. Die Hauptfigur meines Romans, der Malerfürst, der "Mann der Kunst", hat ein Weltbild, was von meinem eigenen sehr weit entfernt ist. Trotzdem möchte ich so eine Figur nicht der Lächerlichkeit preis geben. Stattdessen soll diese Romanfigur auf Leute treffen, die ihm heftigst widersprechen. Meinungsfreiheit beinhaltet keinen Schutz vor Widerspruch.

Du engagierst dich für Literatur in einfacher Sprache, und zusammen mit Lann Hornscheidt hast du für ein Audioarchiv im Literarischen Colloquium Berlin literarische Texte mit queerem Blick kuratiert. Dabei geht es auch um die Zugänge von Minderheiten auf Literatur. Du bist versierter Minderheitenversteher und bedienst als Bestsellerautor breite Massen. Ist es manchmal schwierig, das zusammenzubekommen?

Nein, nein, nein! Barrierefreiheit und Minderheitenschutz sollte immer ein Anliegen der Massenkultur sein. Ich mache doch keine queeren Hörräume und Literatur in einfacher Sprache, um besonders individuell und unkommerziell zu sein. Nur weil Massenkultur traditionell wenig progressiv ist, bedeutet es nicht, dass ich in meinem eigenen Werk diesen Gegensatz reproduzieren möchte. Ich will, dass die Massenkultur egalitärer wird. Ich bin kein Vorkämpfer für Inklusion. Ich bin einer von den Leuten, die die Ideale der Aktivist*innen ernst nehmen und versuchen, diese dem Mainstream unterzujubeln.

Dein 2003 uraufgeführtes (und 2014 u.a. mit Elyas M'Barek, Christoph Maria Herbst, und Detlev Buck verfilmtes) Theaterstück "Männerhort" spielte lustvoll mit Männlichkeitsklischees und wurde wohl auch deshalb zu einem riesigen internationalen Erfolg. Seitdem hat sich die gesellschaftliche Diskussion um "Gender" und Stereotype sehr geändert. Was macht dein Stück von damals heute noch aktuell, und was würdest du trotzdem heute anders machen?

Also wenn ich heute nichts anders machen wollen würde als 2003, dann müsste man sich wirklich Sorgen machen. Ich bin älter geworden und hoffentlich auch ein Stück weiser. In dem Stück steckt eine ganze Menge jugendlicher Übermut. Für mich war es damals enorm wichtig, dieses Stück genau so zu schreiben, wie ich es gemacht habe. Aber wenn ich es heute schreiben würde, würde ich viel mehr darauf achten, dass kein Regisseur (absichtlich männliche Form) daraus eine sexistische Inszenierung basteln kann. Damals hielt ich es für besonders clever, das Stück ganz ambivalent zu lassen, was die Geschlechtergerechtigkeit angeht. Und zu hoffen, dass die Regie meinen Text als eine Einladung sieht, mit Klischees und klassischen Rollenbildern zu spielen und sie dadurch auch in Frage zu stellen. Das ist auch oft passiert. Manchmal gab es aber auch Inszenierungen, die sich auf diese Klischees einfach nur "draufgesetzt" haben, so nach dem Motto: "Männer sind so! Und Frauen sind so!" Heute würde ich womöglich viel entschiedener vorgehen und darauf achten, dass keine sexistische Interpretation auf der Bühne möglich ist. Andererseits bin ich auch ein großer Fan der künstlerischen Freiheit und des Regietheaters. Ach je, es bleibt kompliziert…

Ingeborg, die Mutter des Ich-Erzählers, ist eine feministische Psychologin, aber gerade die ist besonders fasziniert vom Chauvie-Künstler. Warum?

Die Art und Weise, wie wir unsere Haltungen und Überzeugungen in unser Leben integrieren, hat sich gewandelt. Geht es uns darum, ein von Widersprüchen befreites Selbstbild zu kreieren, oder können wir Widersprüche akzeptieren? Meine Romanfigur der humanistischen Psychotherapeutin hält definitiv nichts von Cancel-Culture. Sie kann ja auch nicht ihre Patient*innen canceln, wenn die mal menschenfeindliche Gedanken äußern. Bei ihr ist der Wille zum Verständnis größer als das Bedürfnis, eine idealtypische Feministin abzugeben. Außerdem ist es doch einfach frappierend, wie viele blinde Flecken man haben kann. Haltungen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt progressiv sind, können ganz schnell vom Weltgeschehen überholt werden. Bei der Romanfigur der Ingeborg kommt hinzu, dass ihr unterbewusstes Begehren gar nicht exakt mit ihrer bewussten gesellschaftlichen Haltung übereinstimmt. Begehren findet nun mal auf einer unbewussteren Ebene statt. Den Widerspruch zwischen Haltung und Begehren erfährt die Romanfigur am eigenen Leib.

Infos zum Buch

Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst. Roman. 240 Seiten. Verlag Antje Kunstmann. München 2020. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-95614-382-3). E-Book: 16,99 € (ISBN 978-3-95614-411-0). Hörbuch: 20 € (ISBN 978-3-95614-409-7)