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Heimkino

Gothic-Girl und Schneewittchen-Lolita erobern ihre Welt

"Lollipop Monster" über die Freundschaft zwischen den gegensätzlichen Schülerinnen Oona und Ari ist eine wilde, junge, verrückte Filmperle, die jetzt wieder für den Salzgeber Club entdeckt wurde.


Schwarz versus bunt: Oona (Sarah Horváth, li.) und Ari (Jella Haase) träumen vom Ausbruch in die Freiheit (Bild: Edition Salzgeber)
  • 15. August 2020, 05:46h, noch kein Kommentar

Wo auch immer die zwei Schülerinnen Oona und Ari leben, in unserer Welt ist es nicht, auch wenn sie so aussieht. Denn in ihrer Welt ist Ari völlig unbeeindruckt, wenn ihr Bruder Jonas beim Abendessen einen Anfall hat und sie am selben Tisch vom Ficken spricht, als wäre es Kartenspielen. Ari (Jella Haase in ihrem Kinodebüt), hellblonde Schneewittchenzöpfe, rot und gelb gekleidet, pinkes Barbie-Zimmer hat ohnehin – lieb ausgedrückt – etwas eigensinnige Eltern, die noch nicht kapiert haben, dass ihre Kinder keine Kinder mehr sind. "Piep piep piep, wir haben uns alle lieb", wird da noch ganz brav vor dem Essen aufgesagt, um die heile Welt aufrechtzuerhalten.

Bei Oona (Sarah Horváth) sieht das nicht besser aus, auch wenn es da wahrscheinlich noch nie eine heile Welt gab. Ihr über die Maße exzentrischer Künstler-Vater erhängt sich vor der Schule. Dass sein Bruder eine Affäre mit seiner Frau hatte, hat da sicher mit reingespielt, depressiv war er aber wohl schon vorher. Sie ist zunächst noch das Gegenteil von Ari: schwarz gekleidet, schwarz geschminkt. Gegensätze ziehen sich an, und deshalb werden die zwei Mädchen Freundinnen.

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Ein intermediales Gesamtkunstwerk


Poster zum Film: "Lollipop Monster" läuft seit 13. August 2020 als VoD im Salzgeber Club

Es ist weniger eine stringente, konventionell erzählte Geschichte als vielmehr aufeinanderfolgende Episoden, von denen Regisseurin Ziska Riemann in "Lollipop Monster" erzählt. Wie Oona ihren Onkel beim Sex mit ihrer Mutter erwischt. Wie Ari in einer Bar das erste Mal Sex hat und der Typ danach die Scherben aufkehren muss. Wie sie sich ausprobieren, ihre Freundschaft intensivieren, herumprobieren, wie Oona Ari die Augen genauso schwarz schminkt wie sich. Und wie Ari einen bedeutungsvollen Fehler begeht, der die Freundschaft auf die Probe stellt – und für den es nur eine brutale Lösung geben kann.

Und es ist ein intermediales Gesamtkunstwerk, bestehend aus lauten Musikvideos, die in den eigentlichen Film übergehen, aus Comic-Elementen, aus dokumentarisch wirkenden, körnigen Super-8-Aufnahmen. "Lollipop Monster" sprengt Mediengrenzen und tut das so stimmig, dass es nicht mal ansatzweise prätentiös wirkt.

Eine Perle des deutschen Independent-Kinos

Doch es gibt noch mehr Grenzen, mit denen gespielt wird. Regisseurin Ziska Riemann und ihre Drehbuchautorin Luci van Org halten sich nicht an Genre-Erwartungen. "Lollipop Monster" ist ein bisschen Coming-of-Age, Familien- und Liebeskomödie, gemischt mit Fantasy- und fast Slasher-Elementen, erzählt mal ernst und sanft-ruhig, dann wieder fast schräg und absurd bis surreal.


"Lollipop Monster" ist ein intermediales Gesamtkunstwerk (Bild: Edition Salzgeber)

Das alles in übertriebenen Räumlichkeiten: Die heile Welt von Ari strahlt so viel heile Welt aus, dass allen klar sein muss, dass da was faul ist. Und auch die rabenschwarze, düstere, unfertige Atelier-Wohnung von Oona ist fast eine Parodie ihrer selbst.

"Lollipop Monster" ist eine queere Perle des deutschen Independent-Kinos, die beim Erscheinen 2011 leider etwas untergegangen ist. Höchste Zeit, das nachzuholen. Denn der Film erzählt jung, wild, verrückt und völlig fernab jeder Konvention von der überforderten Mittelschicht, vom Ausbruch aus starren Korsetts, von Lust, Schmerz und Verlust, von den Extremen, mit denen wir alle konfrontiert sind.

Vimeo / Salzgeber Club | Trailer zum "Lollipop Monster" und Möglichkeit, den Film direkt anzuschauen

Infos zum Film

Lollipop Monster. Spielfilm. Deutschland 2011. Regie: Ziska Riemann. Darsteller*innen: Sarah Horváth, Jella Haase, Nicolette Krebitz. Laufzeit: 96 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. FSK 16. Verleih: Edition Salzgeber. Seit 13. August 2020 im Salzgeber Club als Video on Demand