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Interview

Die 5-Jahres-Strategie zur Ehe für alle in Botswana

An diesem Wochenende wird online der "Pride Afrique" gefeiert. Wir sprachen mit dem Aktivisten Bradley Fortuin aus Botswana über die Situation von LGBTI in der Coronakrise, die Erfolge in seinem Land und die Vorbildfunktion für ganz Afrika.


Aktivist*innen von The Lesbians, Gays & Bisexuals of Botswana (LeGaBiBo) beim IDAHOBIT 2020 (Bild: LeGaBiBo)

Vor etwas mehr als einem Jahr wurde gleichgeschlechtlicher Sex in Botswana dekriminalisiert (queer.de berichtete). Wie ist die Lage heute, auch in Zeiten von Corona? Fragen an Bradley Fortuin von der LGBTI-Gruppe LeGaBiBo (The Lesbians, Gays and Bisexuals of Botswana). Die Organisation nimmt auch teil am dreitägigen Online-Event Pride Afrique, das an diesem Wochenende den Stimmen und Geschichten von afrikanischen LGBTI Raum geben möchte.

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Bradley, wie geht ihr mit der Pandemie um?

Nach wochenlangem Corona-Lockdown sind wir im Juni wieder in unsere Büros gekommen. Kontaktbeschränkung gibt es aber weiterhin, und das hat große Auswirkungen auf unsere Arbeit. Wir mussten alle Veranstaltungen absagen und versuchen natürlich, so viel wie möglich davon online zu machen, aber es gibt hier noch kein 5G und das Internet fällt manchmal aus, das behindert Zoom-Konferenzen leider sehr. Wir leben hier die letzten Monate in einem Ausnahmezustand.

Was macht das mit den Menschen?

Für viele bedeutete der Lockdown, dass sie in für sie toxischen Umständen gefangen waren. Manche waren der Stigmatisierung durch ihre Familie ausgesetzt, andere missbräuchlichen Beziehungen, wieder andere hatten auf einmal überhaupt kein Einkommen mehr. Die Mehrheit der jungen Leute, mit denen wir zu tun haben, geht zur Universität oder hat informelle Jobs, was auch alles weggefallen ist. Es war und ist für viele Menschen sehr schwierig.

Wie versucht ihr zu helfen?

Die Nachfrage nach unseren Beratungsangeboten hat sich verdoppelt. Vorher hatten wir zwei Teilzeit-Berater, wir haben zwei weitere engagiert, um die Anfragen alle bewältigen zu können. Und wir haben unsere gesamte Arbeit umgestellt, um von den öffentlichen Stellen einzufordern, dass sie sich auch um die LGBT-Community kümmern. Wir tun unser möglichstes, dass unsere Stimmen gehört werden.

Aber das werden sie nicht?

Wir hören ganz oft das Versprechen, dass man uns zurückruft, aber dann meldet sich niemand. Also haben wir uns entschieden, zusammen mit anderen Gruppen, die sich etwa für Frauenrechte oder Menschenrechte allgemein einsetzen, unsere eigene Covid Task Force zu gründen. Nun gibt es zum Beispiel eine Telefonnummer, die die Leute anrufen, wenn sie Gewalt wegen ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung erfahren.


Bradley Fortuin (Bild: privat)

Gibt es noch genug Geld für eure Arbeit?

Wir haben mit mehreren Geldgebern gesprochen, damit wir die Finanzierung umleiten können auf laufende Kosten, also auf Miete, und damit wir niemanden entlassen müssen. Die meisten waren verständnisvoll, andere haben ihre Unterstützung vorübergehend ausgesetzt, etwa wenn sie Projekte betraf, die wir wegen der Pandemie nicht umsetzen können. Vom Staat oder von Privatpersonen gibt es sehr wenig Unterstützung, wir sind zu 99 Prozent von ausländischen Stiftungen und Organisationen abhängig, etwa der deutschen Botschaft, der Organisation All Out, Stiftungen aus Südafrika… es ist nicht immer leicht, etwas zu bekommen, weil Botswana unter den Dritte-Welt-Ländern als eher wohlhabend gilt. Wir haben während der Pandemie auch in der Community um Hilfe gebeten, da war auch eine große Bereitschaft, sich gegenseitig auf privater Basis zu helfen, von LGBTI und auch unseren Verbündeten.

Welche Auswirkungen hatte Corona auf dich persönlich?

Ich habe die Zeit des Lockdowns auch genutzt, um meine Batterien wieder aufzuladen. Ich war viel online unterwegs, auf Instagram und TikTok, so fühlte ich mich nicht so allein. Es gibt viele verschiedene Strategien, damit umzugehen, ich habe auch Tanzen und Backen gelernt.

Die Pandemie hat auch die Anregung gegeben, online einen transnationalen Pride zu veranstalten: den Pride Afrique.

Der Pride Afrique 2020 ist eine großartige Initiative, die Solidarität unter den Menschen in Afrika fördern soll. Afrika ist einer der gefährlichsten Orte für queere Menschen, und der Pride soll ganz deutlich ausdrücken, dass auch wir LGBTI-Menschen Afrikaner sind und ganz normal dazugehören.

Wie nimmt LeGaBiBo teil?

Wir wurden von den Organisatoren angesprochen, ob wir mitmachen wollen, und wir waren sofort Feuer und Flamme, weil es genau unserer Arbeit und unseren Zielen entspricht. LeGaBiBo ist Teil eines Panels, bei dem es um unser Selbstverständnis über verschiedene Generationen afrikanischer schwuler Männer hinweg geht. Und Botswanas früherer Präsident von Botswana Festus Mogae wird beim Pride Afrique mit dabei sein. Das ist ein politisches Statement an die Oberhäupter afrikanischer Staaten, dass sie ihre Gesetze ändern sollen und LGBTI nicht verfolgen, sondern schützen sollten.

Genau das ist in Botswana geschehen: Vor etwas über ein Jahr wurde Homosexualität entkriminalisiert...

Homosexualität an sich war in Botswana nie illegal, aber es gab den Paragraph 164 gegen "unnatürliche Akte" im Strafgesetz, was zu Stigma und Ausschluss unserer Community geführt hat – viele Leute dachten, dass schon Homosexualität an sich verboten sei. Letztes Jahr gingen wir vor Gericht, um den Paragrafen zu kippen. Denn er hatte so viele Folgen, Diskriminierung bei der Arbeit, in den Kirchen, bei der Gesundheitsversorgung. Das Gericht ist unseren Argumenten gefolgt. Wobei die Berufung noch läuft, es ist also noch nicht endgültig.

Hat die Berufung Aussicht auf Erfolg?

In den letzten Jahren haben sich die Gerichte in Botswana fast immer für LGBTI-Rechte, also auch für Menschenrechte ausgesprochen. So war es 2016 bei der Registrierung von LeGaBiBo als Verein, und es gab seitdem mehrere Urteile zugunsten von Minderheiten, die sich auf die Versammlungsfreiheit berufen, letztes Jahr hat sich ein Verein von Sexarbeiterinnen gegründet. 2017 gab es ein Urteil zugunsten von zwei trans Personen, die daraufhin ihren Personenstand angleichen durften. Das Urteil galt nur für diese beiden Personen, wir müssen also immer wieder vor Gericht, um für unsere Rechte zu kämpfen, aber immerhin sehen wir: Ich kann Entscheidungen der Regierung anfechten, auch wenn ich schwul bin oder eine Frau oder queer oder HIV-positiv. Wir gehören dazu, wir tragen etwas zu dieser Gesellschaft bei, wir zahlen Steuern, wir sind Teil davon! Und das hat nun das oberste Gericht mehrfach bestätigt, 2016 hat es sogar geschrieben: "LGBT sind Teil der reichhaltigen Community von Botswana". Das haben fünf Richter so bestätigt, einmütig. Und das alles hat viel Gutes gebracht. Die Menschen reden über queere Angelegenheiten, mehr Leute finden den Mut sich zu outen.


Aktivist*innen feierten vor einem Jahr ihren Sieg vor dem Hohen Gericht in der Hauptstadt Gaborone (Bild: SALC / twitter)

Du glaubst also nicht, dass in der Berufung das Urteil zurückgenommen wird.

Wenn man sich die vorherigen Urteile anguckt und den Bezug auf Menschenrechte, kann man sagen: Wir haben Vertrauen ins Oberste Gericht, dass sie weiter Menschenrechte durchsetzen werden.

Könnte Botswana so eine Vorbildfunktion für andere Länder haben?

Es gab schon einiges an Aufmerksamkeit während des Gerichtsverfahrens letztes Jahr, viel Unterstützung von verschiedenen Seiten. Leider gab es ja fast zeitgleich ein Urteil in Kenia, das in einem ähnlichen Fall die Kriminalisierung von Homosexualität aufrecht erhielt, das war ein ziemlicher Rückschlag. Aber wir hoffen, dass unser Fall Menschen an anderen Orten inspiriert, in Malawi und Namibia gibt es LGBTI-Organisationen, die sich registrieren lassen wollen, und wir sind gern bereit, unsere Erfahrungen mit den anderen zu teilen. Was auch ein guter Nebeneffekt der ganzen Gerichtsverfahren war: Die Universität von Botswana beschäftigt sich mit den verschiedenen Verfahren und mit der Rolle von Menschenrechten in der Rechtsprechung.

Das Thema Homosexualität wird also quasi "normaler".

Ja, und das ist gut: Der Kampf, den wir vor Gericht ausfechten, ist nur einer von vielen. Wir engagieren uns auch in der Gesellschaft, sind im Kontakt mit Eltern, mit Multiplikatoren, mit verschiedenen Gruppen. Es muss klar werden: Die Entkriminalisierung von Homosexualität betrifft nicht nur LGBTI, sondern alle! Alle können von diesem Gerichtsurteil profitieren, es geht um das Recht auf Privatheit, um grundlegende Menschenrechte für alle! Das versuchen wir den Leuten deutlich zu machen. Es ist so wichtig für uns, Verbündete zu haben, wir wollen mit allen reden, auch in die traditionellen Gerichte gehen, wo unsere Großeltern hingehen, mit den Stammesältesten reden. Das ist alles Teil unserer 5-Jahres-Strategie, die wir wegen Covid verschieben mussten, aber wir werden weiter versuchen, die Herzen und Köpfe der Menschen zu erreichen.

Wie kam es zu dieser 5-Jahres-Strategie?

Wir haben letztes Jahr nach der Entkriminalisierung eine 5-Jahres-Strategie aufgestellt, wie wir weiter vorgehen wollen mit dem fernen Ziel, dass gleichgeschlechtliche Paare am Ende auch die Rechte auf Eheschließung und auf Adoption bekommen. Aber wir wollen da Schritt für Schritt vorgehen, und da war die Entkriminalisierung der erste wichtige Schritt. "Beyond the Rainbow" heißt die Strategie, es geht um Transformation, auch um die Fortbildung von Aktivist*innen, inhaltlich und in Sachen Führung, wir lassen uns inspirieren, wollen Kontakte aufbauen und weiter wachsen. Unser Fokus soll auch nicht so sehr auf uns als Organisation liegen, sondern wir wollen die Community stärken, wir unterstützen, wo wir können, ob sie jetzt einen Podcast machen wollen oder was auch immer. Ja, das hört sich nach viel an, aber so ist es: Es ist groß, es ist romantisch – es ist unser Drang nach Veränderung.

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#1 Ralph
  • 15.08.2020, 10:44h
  • Nach der Meinung vieler hier auf der Seite müsste es eigentlich unmöglich sein, dass ein afrikanisches Volk und ein afrikanischer Staat homofeindliche Gesetze aus der Kolonialzeit abschaffen, denn Schwarze können sich -so diese Denke- niemals von weißen Gesetzen emanzipieren. Botswana, Mosambik und Angola beweisen das Gegenteil.
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