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Verlaines schwule Lyrik

"Wenn sich der Phallos hebt / am Bauch, der vor Erregung bebt"

Vor genau 100 Jahren – im August 1920 – erschien erstmals ein verboten geiles Buch auch in deutscher Sprache: "Männer" von Paul Verlaine. Eine adäquate Übersetzung von "Hombres" fehlt bis heute.


Paul Verlaine (li.) und sein Liebhaber Arthur Rimbaud auf einem Gemälde von Henri Fantin-Latour (1872)
  • Von Erwin In het Panhuis
    16. August 2020, 06:11h, 3 Kommentare

Gewagte Zeichnung von Marcus Behmer zu einer französischen Ausgabe, die ohne Übersetzung 1920 in Potsdam erschien

Der Lyriker Paul Verlaine (1844-1896) hatte einen großen Einfluss auf die französische Literatur des 20. Jahrhunderts. In der homosexuellen Geschichtsforschung ist Verlaine vor allem wegen seines Verhältnisses mit Arthur Rimbaud (1854-1891) bekannt, den er 1871 kennen und lieben lernte.

Einen guten Einstieg in Leben und Werk bietet der Film "Total Eclipse – Die Affäre von Rimbaud und Verlaine" (1995), der gut verdeutlicht, wie die homosexuelle Beziehung zwischen Verlaine und Rimbaud (gespielt von Leonardo DiCaprio) von Liebe, Gewalt, Trennungen und Versöhnungen geprägt war.

Verlaines homosexuelle Lyriksammlung "Hombres" bzw. "Männer" ist Ausdruck dieser Liebesbeziehung und hat zudem eine spannende Publikationsgeschichte hinter sich.

Die französische Ausgabe "Hombres" (1903)


Das Cover der französischen Ausgabe (1903)

Das Manuskript stammte aus dem Jahr 1891. Die vollständige Sammlung der homosexuellen Lyrik von Paul Verlaine erschien jedoch erst posthum 1903 in französischer Sprache unter dem Titel "Hombres". Es ist der letzte von drei erotischen Gedichtbänden des Autors nach "Les Amies" (1867) und "Femmes" (1891), die weibliche Homosexualität bzw. Heterosexualität behandeln.

Nach Axel Schock erschien "Hombres" als Privatdruck in einer Auflage von 525 Exemplaren und wurde beschlagnahmt ("Die Bibliothek von Sodom", 2000, S. 218-219). Verlaines Gedichte sind sexuell sehr direkt und pornografisch. Sie handeln nicht von Freundschaften unter Männern, von Umarmungen und Küssen, die homoerotisch interpretiert werden können, sondern ganz unmissverständlich vom schwulen Sex.

Von den meisten Zeitgenossen wurde die Schrift verurteilt. So hebt beispielsweise die in Brünn erscheinende "Jüdische Volksstimme" (17. August 1910) hervor, dass Verlaines "Femmes" und "Hombres" ("Männer" und "Frauen") "das Eckelhafteste, das Schmutzigste aller pornographischen Literatur enthalten". Diese wenigen Zeilen geben einen Eindruck wieder, wie bekannt und umstritten Verlaines Verse früher waren. Bis in Frankreich eine französische Ausgabe von "Hombres" erschien, die sich nicht als Privatdruck oder Liebhaberausgabe dem allgemeinen Zugang entzog, dauerte es noch bis 1985.


Bewertung der französischen Ausgabe in der deutschsprachigen Presse (1910)

Die frühe Homosexuellenbewegung

In der literarischen Homosexuellenzeitschrift "Der Eigene" wurde Verlaine regelmäßig besprochen. Auch das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" berichtet über ihn, zum Beispiel über sein Verhältnis zu Rimbaud (JfsZ, 3. Jg., 1901, S. 421-425). Spannend und unklar ist die kurze Erwähnung von Verlaines "Les hommes" – einer "ungedruckte[n] Sammlung erotischer Gedichte über die Männerliebe", bei der es sich vielleicht um die erst später publizierte Lyriksammlung handeln könnte (JfsZ, 3. Jg., 1901, S. 518), die nicht nur den Titel "Hombres", sondern auch den Zusatz "(Hommes)" trug.

Magnus Hirschfeld betont in seinem Buch "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914, S 671, s. a. S. 670, S. 1021, S. 1023), dass Verlaine seinen "Werken nach bisexuell" gewesen sei, und erwähnt seine Texte über "homosexuelle Frauenliebe", ohne dabei auf "Femmes" einzugehen.

Der Sexualwissenschaftler Albert Moll geht in seiner Schrift "Berühmte Homosexuelle" (1910, S. 52-54) zwar auf "Femmes", nicht aber auf "Hombres" ein. Ich vermute, dass Magnus Hirschfeld und das JfsZ – im Gegensatz zum "Eigenen" – Verweise auf Paul Verlaine als für die homopolitische Emanzipationsarbeit weniger geeignet ansahen. Man konnte mit ihm zwar auf die Bisexualität eines prominenten französischen Schriftstellers verweisen, aber im Gegensatz zu anderen Autoren war er nicht zitierbar. Marita Keilson-Lauritz kommt in ihrer Dissertation "Die Geschichte der eigenen Geschichte" (1997, S. 290) zu dem Schluss, dass Verlaine an 14. Stelle der wichtigsten Autoren steht, die in den beiden ersten Homosexuellenzeitschriften rezipiert wurden.

Die französisch-deutsche Ausgabe (1920)

Vor 100 Jahren erschien dann endlich eine Ausgabe mit französischem und deutschem Text, die in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist. Es war eine Subskriptionsausgabe, die als "Privatdruck" bezeichnet wurde und unter Ausschluss des Buchhandels in 1.100 nummerierten Exemplaren erschien. Diese Exklusivität hatte allerdings keinen künstlerischen, sondern einen juristischen Hintergrund, denn dieser schwule Mix aus Porno und Poesie war selbst in der eher noch zurückhaltenden deutschen Übersetzung schon recht derb.

Verlaines Schrift wurde mit einem Nachwort versehen. Der Herausgeber und der Verfasser des Nachwortes waren zwar anonym, aber es war von Anfang an ein offenes Geheimnis, dass die Übersetzung von Curt Moreck stammte und das Buch im Steegemann-Verlag in Hannover erschien (diesen Verlag mit seinem recht queeren Verlagsprogramm habe ich im April 2019 hier auf queer.de schon näher vorgestellt).


Maskerade bei der Herausgabe: Hinweis auf den "Privatdruck" in der "Schweiz"

Curt Moreck war das bekannteste Pseudonym von Konrad Haemmerling (1888-1957), dessen Leben und Werk in meinem ersten Buch "Anders als die Andern" (2006, hier als PDF, S. 142-143) ausführlich gewürdigt wird. Er beschäftigte sich in vielen Publikationen mit Homosexualität und ist heute vor allem noch wegen seines breit rezipierten "Führers durch das lasterhafte Berlin" (1931) bekannt.

Es bleibt, gerade unter Berücksichtigung seiner sonstigen Publikationen, allerdings recht irritierend, dass er in seinem Nachwort (S. 52-53) die Homosexualität in den Texten nicht nur verschleiernd, sondern teilweise sogar abwertend benennt: "Die erotischen Gedichte Verlaines sind den Bibliophilen eine Art düsteren Testaments, sie geben, nicht sehr versteckt, die feinsten Einzelzüge seiner Biographie [...]. Es liegt nicht in unserer Absicht, den eigenartigen Ruhm eines ungewöhnlichen Werkes durch diese Veröffentlichung auszunutzen, sondern eines der seltensten Dokumente einer Ausnahmeliteratur den Lesern zu bieten, die gewillt sind, auch die düsteren Seiten des Lebens zu durchforsten und die Abgründe der Seele zu erkennen. Diese Ausgaben in Deutschland erscheinen zu lassen, wurde uns durch die dort herrschende Mentalität unmöglich gemacht. Wir geben sie deshalb in der Schweiz und anonym heraus."

Bei seiner früheren Publikation von Verlaines "Frauen" hatte Moreck auf den französischen Text verzichtet und seinen Text als "Umdichtung" bezeichnet. Jetzt bei den "Männern" schreibt er auf dem Cover davon, dass es eine "Deutsche und Französische Ausgabe des Buches Hombres" darstelle. Vermutlich wollte er auf mögliche Kritik an der Übersetzung entgegnen können, dass es gar keine Übersetzung im eigentlichen Sinne sei. Morecks Maskerade mit der Schweiz und der anonymen Herausgeberschaft flog auf. Er selbst kam zwar ungeschoren davon, sein Verleger Steegemann musste sich jedoch vor Gericht verantworten.

Die Texte in "Männer"

Um einen guten Eindruck von der sexuellen Deutlichkeit von Verlaines strittiger Gedichtsammlung zu vermitteln, habe ich daraus einige Zeilen zusammengestellt und dabei aus Gründen der Lesbarkeit auf die Angaben der Seitenzahlen und der Auslassungen verzichtet:

Ihre stämmige Mannheit und ihre prächtigen Glieder /
Es peitscht beim Lampenschein ihr Fleisch meine Sinne wieder /
Anton, endlich mit der sprüchwörtlich prächtigen Rute /
Sein Blaublick durchbohrt mein Herz. Er hitzt mir im Blute /
Es bohrt sich dein Schaft / Stämmig, voll Kraft /
Feurig zu Großtat entflammt / der meine Rundung berammt /
Durch Butter rutschend, doch gleichviel / und toll im geilen Zungenspiel /
O, Du, auf meinen Schenkeln reitend / Wenn ich mich auf- und abmüh gleitend /
Erscheint als Vorpost nun ein Tröpfchen hell / Und leck an dir und lutsch, mein Lustgesell /
Die reiche Gabe deiner Jünglingskraft / Tief eingetaucht, getauft in ihrem Saft /
Wenn sich sein feister Phallos plötzlich hebt / An meinem Bauch, der vor Erregung bebt /
Ich bin von jenem Glied entzückt / Das deiner Lende Leiste schmückt /
Und während dein Idol nun schwillt / Wie wunschgewollt, ersehntes Bild! /
Wenn wir uns wiegen im Spiel mit dem stoßenden Degen,
Oder nach dem Liede der kleinen Flöte uns regen /
Lacht über die fade Wollust der Spießer, Denn wir, wir sind die wahren Genießer

Vier Gedichte aus diesem Buch sind – als eine Art Aperitif zum Buch – auch online zu finden.

Die Gerichtsurteile über "Männer"

Über die Beschlagnahmungen wegen des Verdachts auf Verbreitung unzüchtiger Schriften sind wir heute u.a. durch die Homosexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" informiert (Jg. 1920, Heft 52, S. 4). Die Verhandlung fand vor dem Landgericht Hannover statt, und Steegemann als Verleger wurde am 24. November 1921 zu 500 Mark Geldstrafe verurteilt. Zu diesem Gerichtsurteil erschien ein großer Artikel des Schriftstellers Frank Thiess im "Hannoverschen Kurier" (27. November 1921), der das Urteil im Namen der Moral befürwortet und ein nur sehr verstecktes Lob für Verlaines glänzende Verse bereithält: "Verlaine, dessen zügelloses Leben, durch keinen sittlichen Willen gehemmtes Triebleben sich hier in der nacktesten Schilderung sexueller Perversitäten ausrast, wird als Lyriker dadurch nicht verkleinert, daß er diese Schilderungen intimster Privatissimi in ebenso glänzende wie schamlose Verse spannte. (…) Wer es aber wagt, vor Verlaines 'Hombres' mit der Gebärde andächtiger Bewunderung zu stehen, ist entweder ein Heuchler oder – es macht ihm selbst Vergnügen." Es ist der "Vorwurf" von Homosexualität, den Thiess im letzten Satz gegen all jene erhebt, denen diese Texte gefallen.

Das Reichsgericht bestätigte das Urteil am 19. Juni 1922 und betonte dabei, dass sich die "Mehrheit der Volksgenossen" in ihrem moralischen Empfinden nicht nach "der kleinen Minderheit zu richten" brauche (eine Kopie des Gerichtsurteils – das mir vom Bundesgerichtshof in Karlsruhe freundlicherweise überlassen wurde – ist im Centrum Schwule Geschichte verfügbar).

Die Reaktionen – Thomas Mann und Kurt Tucholsky


Paul Verlaine auf einem Gemälde von Frédéric Bazille aus dem Jahr 1867

Als Thomas Mann 1920 vor dem Druck der zweisprachigen Ausgabe die Druckfahnen zugeschickt bekam, notierte er am 11. August 1920 in sein Tagebuch: "Ungeheure Unzucht. Gedanken darüber." Mit dem Verleger Paul Steegemann kam es danach zu einem Briefwechsel, in dem Mann Morecks Übersetzung als "höchst respektabel" bezeichnete. Thomas Mann: "Es wäre lächerlich, den unzüchtigen Charakter der Blätter zu leugnen, lächerlich, als kunstliberaler Sachverständiger diesen Charakter durch die anmutige Form entschuldigen zu wollen. […] Ich bescheinige Ihnen unumwunden, daß die Gedichte erschütternd unzüchtig sind […], aber ich sage es in einem Sinne, der Ihnen gegen diejenigen, die Sie dieser intimen Publikation wegen in Verruf bringen wollen, recht gibt." Gegen ein Honorar von 200 Mark durfte Paul Steegemann diesen Text veröffentlichen. Seine Verurteilung konnte er damit allerdings nicht verhindern.

Ein Satz von Kurt Tucholsky über das Gerichtsurteil wird zwar oft zitiert, ist aber eigentlich nur in Verbindung mit einem Satz aus der Urteilsbegründung gut zu verstehen. Die Richter hatten betont: "Eine Zote ist nicht darum weniger eine Zote, weil ihr ein Dichter oder Künstler das gefällige Gewand seiner Kunst leiht", was Tucholsky zu der ziemlich frechen, aber vollkommen treffenden Reaktion reizte: "Eine Dummheit ist nicht darum weniger eine Dummheit, weil ihr ein Richter das gefällige Gewand seines roten Talars leiht" (hier zitiert aus "Die Weltbühne", Nr. 37, 14. September 1922). Dieses Tucholsky-Zitat hat über das Urteil zu Verlaines Schrift hinaus eine Bedeutung, weil es etwas über sein Verhältnis zur Judikative aussagt.

Eine Kritik wie die von Tucholsky war aber offenbar die Ausnahme: Die zeitgenössische Presse begrüßte das Urteil mehrheitlich. Kritik kam u.a. von Stefan Zweig, dessen Position man schon seit 1905 kannte: Für ihn waren die Verse das "denkbar Widerwärtigste an Selbstenthüllung". Auch Paul Englisch wollte in seiner "Geschichte der erotischen Literatur" nicht näher auf Verlaine eingehen.

Der Reprint (1986)

Von der Ausgabe von 1920 erschien im Verlag rosa Winkel 1986 ein verdienstvoller Reprint mit einem Nachwort des Herausgebers Wolfram Setz (S. 65-72). Als bibliophile Ausgabe bietet er vor allem etwas für Liebhaber: Druck auf Büttenpapier, Fadenheftung und ein Format, das an die Ausgabe von 1920 angelehnt ist. Es kam sogar zu einer weiteren Auflage, was bei solchen Liebhaberausgaben eher ungewöhnlich ist. Setz ging es vor allem darum, die zu diesem Zeitpunkt eher geheimnisumwitterte Ausgabe von 1920 wieder zugänglich zu machen.

Setz bewertet im Nachwort Morecks Übersetzung nicht, betont jedoch, dass es "wohl nicht nur an der Schwierigkeit" liege, Verlaines Verse in deutsche Verse umzusetzen, und dass das Wort "cul" nicht übersetzt wurde (S. 72). Was das französische Wort "cul" bedeutet, schreibt er nicht. "Le sonnet du trou du cul" (auf S. 51-52 sinnentstellend mit "Das Idol" übersetzt) wäre besser mit "Das Sonett vom Arsch" zu übersetzen gewesen. (Zur Problematik der Übersetzung dieses Gedichtes s. a. Ulrich Weinzierls "Stefan Zweigs brennendes Geheimnis" von 2015, o.S.)

Eine gute Möglichkeit, Morecks Übersetzungen einzuordnen, bieten vier von einem "H.A." übersetzte Verlaine-Gedichte, die ebenfalls in der Ausgabe von 1986 enthalten sind (S. 59-64). Diese Übersetzungen erschienen ursprünglich in der Zeitschrift "Die Opale. Blätter für Kunst und Litteratur" (Jg. 1907, S. 133-136). An der Stelle ("Que je baiserais en gamin"), an der Moreck schreibt: "Dem man's von unten macht" (S. 28), schreibt H.A.: "das ich von unten möchte ficken" (S. 61). Die Übersetzung von H.A. trifft den Ton also in der Tat besser; Morecks Version ist nicht falsch, aber dezent.

Die Stelle (ebenfalls das Verb "baiser"), die Moreck übersetzt mit: "Zu liebeln Lüste kriegt" (S. 33), übersetzt H.A. mit den Worten: "kommt und vögelt mich" (S. 63). Auch hier ist also H.A.s Übersetzung treffender und so direkt wie das Original, während Morecks Version sehr gewunden ist, was in diesem Fall einer Verfälschung gleichkommt.

In der dritten Textstelle ("vit de bonheur") schreibt Moreck, dass sich ein "Pumpenschwengel" hebt und senkt (S. 33), während dies bei H. A. ein "Schwanz" (S. 63) ist. Schon im 18. Jahrhundert war die derbe Bedeutung von "vit" als "Penis" fest etabliert. Auch hier scheint mir Morecks Sprache gegenüber dem Original zu dezent zu sein. In weiteren Passagen windet sich Moreck sprachlich, um den "Arsch" zu umschreiben, der bei Verlaine mehrfach deutlich als "cul" oder "fesses" ("Arschbacken") benannt ist. Die Übersetzung von Curt Moreck ist daher nicht nur dezent, sondern teilweise sinnentstellend und tabuisierend.

Sekundärliteratur

Neben dem Nachwort von Setz möchte ich noch auf weitere Sekundärliteratur verweisen, u.a. auf Axel Schocks Buch "Die Bibliothek von Sodom" (2000, S. 218-219). Schocks Meinung nach wurde "Hombres" den Lesern "vorenthalten. Nicht zuletzt weil man glaubte, den arrivierten Dichter vor den eigenen, allzu erotischen Texten in Schutz nehmen zu müssen." Eher ergänzend als korrigierend möchte ich an dieser Stelle anführen, dass als Grund für die Unterdrückung von Verlaines Texten wohl eher Prüderie als Empathie anzunehmen ist. Wichtig finde ich Schocks Hinweis, dass die Texte auf persönlichen Erlebnissen aufbauen und dass der Zyklus "eine unmittelbare Reflexion dieser leidenschaftlichen erotischen Beziehung" zu Arthur Rimbaud darstellt.

Auch Wolfgang Popp baut in seinem Buch "Männerliebe. Homosexualität und Literatur" (1992, S. 79-85, hier 83-85) einen ähnlichen Zusammenhang auf: "In ihrer provokativen Offenheit signalisieren sie [die Gedichte] jedenfalls die Befreiung aus konventionellen Zwängen, die Verlaine nur in der konfliktreichen Freundschaft mit dem jugendlichen Rimbaud erfahren konnte. Und daß diese Freundschaft nicht nur konfliktreich, sondern auch erfüllt und glücklich-leichtsinnig war, mag das berühmt-berüchtigte Sonett vom Lob des Arsches belegen, dass die beiden Dichter gemeinsam verfaßten und das in die spätere Ausgabe von 'Hombres' aufgenommen wurde."

Was bleibt

Aktuell werden antiquarische Exemplare von "Männer" in der Ausgabe von 1920 zu einem Preis ab 48 Euro zum Kauf angeboten. Daneben ist auch der Reprint von 1986 lieferbar. Mehr als 100 Jahre nach der ersten deutschen Ausgabe liegen Verlaines Verse nicht nur vor, sondern können auch unzensiert erscheinen – ohne Diskussionen über eine angebliche Unsittlichkeit. Natürlich müsste dies eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein – ist es aber nicht immer.

Es ist erfreulich und verdienstvoll, dass Wolfram Setz mit seiner bibliophilen Ausgabe von 1986 Verlaines Lyrik wieder zugänglich gemacht hat. Eine Bewertung von Morecks Übersetzung fehlt mir allerdings, woran auch die abgedruckten und für einen Vergleich sehr hilfreichen Übersetzungen von H.A. nichts ändern. Auch die Ausgabe von 1986 bietet damit keine adäquate Übersetzung des Gesamtwerkes, wobei sie diesen Anspruch aber auch gar nicht hat. Eine vollständige Neuübersetzung wäre ein lohnenswertes und nicht weniger aufwändiges Projekt, das auch noch nach einem Jahrhundert auf eine Realisierung wartet.

Heute sind Verlaines Verse seltene Beispiele für einen innerlich freien Umgang mit Homosexualität, die in pornografisch-deutlicher Form von schwuler Lust berichten. In der Kulturgeschichte wird meistens zwischen Poesie und Pornografie genau unterschieden, als würden sich diese Begriffe gegenseitig ausschließen und als könne nicht auch Analverkehr ein lohnenswerter Gegenstand künstlerischer Auseinandersetzung sein. Verlaines Lyriksammlung "Männer" beweist, dass dies möglich ist.

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#1 Peck_SProfil
  • 16.08.2020, 12:07hFrankenthal
  • Lieber Erwin, vielen Dank für diesen grandiosen Artikel! Vor allem dafür, dass ich zum ersten mal etwas über Verlaine erfahren durfte, den ich nur als Beiwerk aus Erzählungen und Filmen über den überlebensgroßen Rimbaud kannte. Auch wenn der Inhalt doch sehr traurig ist.
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#2 Yeoj_Profil
  • 17.08.2020, 07:11hFFM
  • Danke für diesen informativen Artikel. Das vorgestellte Gedicht hat was, muss ich sagen. ;-) Und vor allem der letzte Absatz formuliert, was mir schon lange durch den Kopf geht, wofür ich aber keine richtigen Worte finden konnte: nämlich das Pornografie durchaus poetisch sein kann.
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#3 daVinci6667
  • 18.08.2020, 12:23h
  • Das Buch eignet sich bestimmt nicht mehr als Einhandliterarur. Diese Texte sind zwar immer noch geil, klingen für unsere Ohren gleichzeitig komisch und statt rubbeln muss man sich zwischendurch den Bauch halten vor lachen. Ein Genuss das Buch zu lesen ist es bestimmt alleweil.

    Ich bewundere die Fähigkeit in der damaligen Zeit solche Texte zu schreiben. Es zeigt, trotz allherrschender Homophobie und Prüderie um ihn rum war der Autor innerlich frei und guten Mutes. Ein Lichtblick war dieser Mensch in der damaligen Zeit.
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