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Autobiografischer Roman

Einst arm, schwarz und schwul – heute Königin der Pariser Nächte

Galia Salimo ist einer bekanntesten Revue-Tänzerinnen in Frankreich. In ihrem Buch "Der kleine Junge, der ich war" erzählt die trans Frau von ihrer Kindheit und Jugend in Marseille, von der Suche nach sich selbst.


Galia Salimo bei einem Auftritt im französischen Fernsehen
  • Von Fabian Schäfer
    16. August 2020, 09:15h, noch kein Kommentar

Das war's?, ist der erste enttäuschte Gedanke, der sich unweigerlich einstellt, als ich "Der kleine Junge, der war ich" zu Ende gelesen habe. Galia Salimo wird immerhin als Königin des Pariser Nachtlebens angepriesen, auch wenn sie in Deutschland relativ unbekannt ist. Sie soll "hochgradig amüsant und sehr schlagfertig" sein. Davon ist in ihrem autobiografisch angelegten Roman leider wenig zu spüren.

Ziemlich formelhaft berichtet sie, 1950 geboren, von ihrer Kindheit und Jugend in Marseille. Damals, als sie, der bei der Geburt der Name Dominique gegeben wurde, von allen, auch sich selbst, zunächst als Junge gesehen wurde. Domino, so der Spitzname, hat weiche Gesichtszüge und interessiert sich eher für die schönen als für die rauen Dinge des Lebens.

Dafür ist in Le Panier jedoch kaum Platz: Heute von Gentrifizierung bedrohtes Altstadtviertel, in dem es handgeschöpftes Papier zu kaufen gibt, damals Arbeiter*innen-, Migrant*innen-, Fischereiviertel. Mittendrin: Domino, italienisch-korsische Mutter und Vater, "der von den Inseln stammt, über denen am frühen Morgen der Duft von Ylang-Ylang und Vanille liegt". Arm, schwarz und schwul – so fasst Galia es selbst zusammen.

Das größte Leid ist die Sehnsucht nach den Liebhabern


"Der kleine Junge, der ich war" ist bei Nagel & Kimche erschienen

Die Mutter ist streng, der Stiefvater kommt mit dem femininen Jungen nicht klar. Domino zieht kurzerhand zum Vater, die Stiefmutter vergöttert ihn, lässt ihm alle Freiräume. Immer häufiger geht er zur Allée de Meilhan, wo sich "eine illustre Gesellschaft tummelte" – genau die Gesellschaft, die Domino guttut. Schnell findet er eine Clique, und auch sein Klassenkamerad Patrick hilft ihm, sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Zumindest so lange, bis Patrick auf ein Schweizer Internat geschickt wird, nachdem die Eltern ihn beim Sex mit einem Mann erwischt haben.

Domino ist süß, unschuldig, unbedarft – und wird schnell unter die Fittiche der Clique genommen. Er hat Freude daran, diesen Lebensstil zu entdecken. Gleichzeitig sind Häme bis zu Verfolgungen und Gewalt ganz nah – für wen die "Elle" die "Bibel der Neo-Swingbirds" ist, der ist Anfeindungen ausgesetzt. Und trotzdem: "In Dominos Leben lief alles wie am Schnürchen." Für jedes Problem gibt's eine Lösung, das größte Leid ist die Sehnsucht nach den Liebhabern, ob sie nun Daniel oder Tonto heißen. Irgendwie ist das zu einfach.

Das große Ziel: das "Le Carrousel" in Paris

Wer große Gedanken oder feine Reflexionen in "Der kleine Junge, der ich war" erwartet, wird enttäuscht. Vielleicht trägt daran die Form des autobiografischen Romans Schuld, die eher kurz und konzise berichtet statt im Nachhinein zu kommentieren oder einzuordnen. Von den Bonmots, mit denen die Autorin einst die Aufmerksamkeit der Kommiliton*innen gewann, fehlt jede Spur. Galias Sprache ist leicht, sachlich, nüchtern, wenig emotional – und verspielt damit viel Potenzial.

Je älter Domino wird, desto mehr Zeit verbringt er in Marseilles Nachtleben. Die Tage und Nächte ähneln sich zunehmend. Und desto mehr gefällt ihm der Vorname Clandès, eine Kurzform von Clandestine, den René d'Aubagne ihm verliehen hat, weil er unbedingt vermeiden wollte, dass an der Uni jemand von seiner sexuellen Orientierung erfährt.

Nach Begegnungen mit der Kabarettistin Sandrine, einem "geheimnisvollen und bewundernswertem Geschöpf", reift zusehends der Gedanke, die Frauenkleider nicht nur für Shows zu tragen. Das große Ziel, trotz aller negativen Verheißungen: das Kabarett Le Carrousel in Paris. Sie wird es erreichen.

Infos zum Buch

Galia Salimo: Der kleine Junge, der ich war. Autobiografischer Roman. Aus dem Französischen von Felix Mayer. 227 Seiten. Nagel & Kimche. Zürich 2020. Hardcover m. Schutzumschlag: 20 € (ISBN 978-3-312-01188-9). E-Book: 15,99 € (ISBN 978-3-312-01189-6)