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Sachbuch

"Du siehst gar nicht schwul aus. Das meine ich als Kompliment"

Julius Thesing setzt sich in seinem selbst illustrierten Buch "You don't look gay" mit queerfeindlicher Alltagsdiskriminierung auseinander. Ein wertvoller Begleiter, den auch nicht-queere Menschen lesen sollten.


Eine von vielen Illustrationen aus dem Band (Bild: Julius Thesing)

"You don't look gay" ist bei Bohem Press erschienen

"Das ist nur eine Phase", "Wer von euch beiden ist die Frau?": Das sind Sätze, die queere Menschen so oft hören, dass sie mittlerweile zum Klischee geworden sind. Sätze, die vielleicht gar nicht diskriminierend gemeint sind, sondern eher von Unwissen und einem heteronormativen Weltbild zeugen. Dennoch bleiben sie diskriminierend. Es gibt keine nett gemeinte Queerfeindlichkeit.

Mit solchen Sätzen und ähnlichen Situationen setzt sich Julius Thesing in seinem Buch "You don't look gay" auseinander, das aus der Bachelorarbeit des Illustrators entstanden ist. Auf rosa Papier gedruckt, verfolgt es eine einheitliche, klare Bildsprache. Es ist mit Sinn für Details an der richtigen Stelle gestaltet, vielfältig, dazu kommen große Zahlen und Fakten sowie große, rote, queerfeindliche Zitate von Leuten wie Jair Bolsonaro oder Björn Höcke oder Reinhard Kardinal Marx.


Eines von vielen queerfeiindlichen Zitaten prominenter Personen

So oder so ähnlich kennen wir die Situationen

Julius Thesing schreibt ganz persönlich von seinen Erfahrungen. Vom Besuch eines Sex-Shops in London, von Zugfahrten mit grölenden Fußballfans, von Gesprächen mit Freunden, die sich fragen, ob sie mit Schwulen befreundet sein könnten – vor seinem eigenen Coming-out. Das sind Situationen, die viele queere Menschen so oder so ähnlich erlebt haben. Er ordnet acht dieser Erlebnisse knapp ein, er macht sich Gedanken dazu, mal eher bewusstseinstromartig, dann klarer.

Leider kommt er hier und da nicht um Gemeinplätze wie "Wir sind noch lange nicht am Ziel" herum. Bei manchen Themen wären auch noch stringentere Gegenargumentationen – wie beim Straight Pride – wünschenswert gewesen.

Ein wertvoller Begleiter


Julius Thesing hat "You don't look gay" ursprünglich als Bachelorarbeit geschrieben

"You don't look gay" ist ohne Zweifel ein hübsch gestaltetes, anschaulich geschriebenes Buch. Die Frage ist, an wen es sich richtet. Das Buch sei ein Versuch, schreibt Julius Thesing im Intro. Ein Versuch, "greifbar zu machen, wie sich alltägliche Diskriminierung anfühlt." Gute Idee, gleich für verschiedene Gruppen. Nur vielleicht nicht für gefestigte queere Menschen, die sich ihrer Identität sicher sind, denn für sie wird der Erkenntnisgewinn überschaubar sein.

Aber für (werdende) Hetero-Eltern, die sich das alles nicht vorstellen können, die womöglich überfordert sind, die einen leichten, niedrigschwelligen Zugang zu queerer Alltagsdiskriminierung suchen (oder dazu gebracht werden sollen, sich endlich damit auseinanderzusetzen). So können sie die gröbsten Fettnäpfchen gut umschiffen.

Und für all diejenigen, die noch am Anfang stehen. Junge (oder auch ältere) queere Menschen, denen solche Situationen wahrscheinlich leider noch bevorstehen, und die erst noch lernen müssen, damit umzugehen. Die noch nicht das nötige Rüstzeug haben – hier wären ein paar mehr konkrete Handlungsempfehlungen oder Tipps vielleicht hilfreich gewesen. Und, ganz wichtig, die erst einmal anerkennen müssen, dass es sich um Diskriminierung handelt. Dass sie ein Recht darauf haben zu widersprechen, dass sie Queerfeindlichkeit nicht weglächeln müssen. Ihnen kann "You don't look gay" ein wertvoller Begleiter sein.

Infos zum Buch

Julius Thesing: You don't look gay. Sachbuch. 96 Seiten. Gebundenes Buch. Format: 16,4 x 22,6 cm. Bohem Press. Münster 2020. 14,95 € (ISBN: 978-3-95939-094-1).


#1 svenboEhemaliges Profil
  • 17.08.2020, 17:08h
  • "Du siehst gar nicht schwul aus. Das meine ich als Kompliment" Der Satz ist so lächerlich und dämlich.
    Hab nicht mal Lust, das groß zu analysieren. ;) Von "Der ist aber hübsch" bis "Schwuchtel" wurde mir so ziemlich alles an den Kopf geknallt. Witzig und im Grunde leicht drollig fand ich junge Frauen, denen mein leicht androgynes Äußeres häufig sehr gut gefallen hat. Weniger angenehm war der Protest von rotzfrechen Schuljungen und aggressiven Klemmschwestern. Öffentlich zeigten tatsächlich diejenigen am meisten mit dem Finger, die ihre eigene Homosexualität aus Panik vor Anfeindung verstecken wollten. Gerade diese Überkompensationsversuche, um gesellschaftlicher Diskriminierung zu entkommen, sind besonders unangenehm und schmerzhaft. Darin verbirgt sich auch oft Neid und in Folge ein gewisser Hass, wie man es denn eigentlich wagen kann, so eine offensichtliche Schwuchtel zu sein. Daran erinnere ich mich äußerst ungern. Von heterosexueller Seite störte mich schon immer diese ekelhafte Überlegenheitsmasche, schwul verbal abwertend für etwas uncooles/nerviges/beschissenes zu verwenden. Das wird von heterosexueller Seite oft gruselig verniedlicht, dabei ist gerade diese gehässige Dauerbeschallung nichts anderes als hochbelastendes, tyrannisches Mobbing. Ob sich da mal noch ernsthaft was ändert ...
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#2 dellbronx51069Anonym
#3 daVinci6667
  • 17.08.2020, 17:40h
  • Blöde primitive Sprüche kennen wir alle leider nur zu gut.

    Lieber erinnere ich mich an dieser Stelle an die in allem Ernst gestellten Frage einer älteren Dame in unserer ersten Wohnung:

    Wer von Ihnen beiden bringt eigentlich den Müll raus?

    Damals hat mich die Frage nicht nur belustigt. Heute wurde ich antworten, der der zuerst sieht dass der Sack wieder voll ist macht sich an die Arbeit.
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#4 Alexander_FAnonym
  • 17.08.2020, 17:46h
  • Antwort auf #2 von dellbronx51069
  • Ganz aussterben wird das so schnell wohl nicht, aber man muss schon sagen, dass sich da viel getan hat seit meiner Jugend um die Jahrtausendwende. Damals waren solche und wesentlich schlimmere Sprüche überall, sie waren auch völlig internalisiert und salonfähig. Bisexuelle galten als Lügner, und Transgenderleute wurden wenn höchstens als Schwule gehandelt, die so schwul sind, dass sie eine Frau werden wollen und sowas.

    Damals waren so klischeelastige Dinge wie die Comics von Ralf König und "Ein Käfig voller Narren" noch wie Oasen für mich, da hätte ich mir so ein Buch nicht einmal träumen lassen. Es ist zwar weiter nötig, aber dass sowas überhaupt rauskommt, ist etwas, was ich persönlich echt für ein gutes Zeichen halte.
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#5 KaiKnoblauchAnonym
  • 17.08.2020, 18:31h
  • Danke für den Tipp! Wir sofort gekauft, kommt es als Softcover. Gebundene Bücher lesen sich immer so schlecht. Freu mich sehr, dass es so etwas gibt und werde es sicher auch verschenken.
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#6 omamamo
  • 17.08.2020, 18:42h
  • Ja, die ewige Frage, ob man Homosexualität an Äußerlichkeiten feststellen kann.
    Diese Frage stellen Groß und Klein und die Antwort lautet Ja und Nein -
    und ich füge gern hinzu:
    Ich liebe unbestätigte Vorurteile!

    (Man muss nur bereit sein, diese Vorurteile dann auch über Bord zu werfen. Sollte intelligenten Personen nicht schwer fallen.)
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#7 EnayaAnonym
  • 17.08.2020, 22:40h
  • Ist bei mir als Transfrau ja ähnlich mit solchen Sprüchen/Situationen....
    Von vermeintlich harmlos anmutenden Sprüchen wie "Du siehst ja fast aus wie ne Frau. Schade nur das du nen Mann bist." über Aussagen wie "Du willst doch nur ne Frau sein, damit du dich von nem Kerl f...... lassen kannst." bis hinzu Sätzen wie "Du brauchst nicht versuchen mich zu verarschen. Ich weiß doch das du nen Kerl bist" war schon alles dabei. Oder das ich einfach auf offener Straße gefragt werde ob ich denn schon meine GaOP hatte. Sowas gehört leider mitunter zum Alltag... leider.

    Die Menschen stellen Fragen oder sagen Dinge wo sie sich vielleicht nicht mal bewusst sind, das es die Person, welche einem gegenüber steht verletzt.
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#8 HH1979Anonym
  • 18.08.2020, 08:11h
  • Aber wenn man ganz ehrlich ist, diskriminiert sich die Gay-Community doch auch selbst. "Du bist mir zu tuckig." oder "Ich suche nur Hetero-Like."
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#9 RetroGayProfil
  • 18.08.2020, 11:35hDortmund
  • Antwort auf #7 von Enaya
  • "Die Menschen stellen Fragen oder sagen Dinge wo sie sich vielleicht nicht mal bewusst sind, das es die Person, welche einem gegenüber steht verletzt."

    Und diese "Dinge" werden gesagt und diese "Fragen" werden "gefragt", um das Regime der Heteronormativität abzusichern.
    Denn das wird durch die sichtbare Existenz einer queeren Person als bedroht empfunden.
    Stellt man sich solchen Unverschämtheiten, kommt entweder verbale, oder im schlimmeren Fall physische Gewalt, oder die altbekannte Larifari- Phrase "man wird ja wohl mal fragen dürfen...."
    Menschenverachtend!
    Hier ist keine Empathie, kein Interesse, kein Wunsch mehr zu erfahren, um ein Verständnis zu erlangen....

    Ich kenne viele, die sich irgendwann in Selbstzensur geflüchtet haben, um nicht als die Identität öffentlich sichtbar zu sein, die sie sich gegen alle Repressionen erkämpft haben.
    Weil sie es müde sind, sich Anwürfen im öffentlichen Raum auszusetzen, die in anderen Kontexten als unangebracht, menschenverachtend und diskriminierend von der Mehrheit dieser Gesellschaft erkannt würden.
    Aber eben nicht, wenn es um Regenbogenmenschen geht....

    Stay strong!
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