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Kinostart

"'Normal gibt es nicht' – diese Haltung hat sie immer vertreten"

Einst kannte er sie nur als "frivole Oma aus dem Fernsehen", dann hat er eine Doku über sie gedreht. Ryan White über seinen Film "Fragen Sie Dr. Ruth" und die große Bedeutung, die Ruth Westheimer gerade für Lesben und Schwule hat.


Ruth Westheimer wurde 1928 in Wiesenfeld/Karlstadt geboren. Der biografische Dokumentarfilm "Fragen Sie Dr. Ruth" fühlt der rüstigen Sexualtherapeutin auf den Zahn und kreiert mit Archivmaterial, aktuellen Interviews und animierten Passagen ein umfassendes Porträt (Bild: Filmwelt Verleihagentur)

Regisseur Ryan White

Ryan White gehört zu den vielseitigsten und fleißigsten Dokumentarfilmer*innen unserer Zeit. Für "The Case Against 8", seinen Film über jenen Gerichtsfall, der in Kalifornien das Verbot der Ehe für alle wieder aufhob, wurde er vor einigen Jahren beim Festival in Sundance prämiert und für den Emmy nominiert. Eine Doku über Tennis-Star Serena Williams inszenierte er ebenso wie die beeindruckende Netflix-Reihe "The Keepers" über den Mord an einer Nonne und Missbrauch durch einen Priester.

Seit Februar läuft bei Apple TV+ sein Fünfteiler "Visible: Out on Television", nun kommt – mit etwas Verspätung – auch sein Film "Fragen Sie Dr. Ruth" in die deutschen Kinos. Anlässlich der Dokumentation über die berühmte deutschstämmige Sexualtherapeutin, Soziologin und Medienpersönlichkeit Dr. Ruth Westheimer haben wir mit dem schwulen Regisseur telefoniert.

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Poster zum Film: "Fragen Sie Dr. Ruth" läuft seit 27. August 2020 im Kino

Mr. White, was sind Ihre frühesten persönlichen Erinnerungen an Dr. Ruth Westheimer?

Berühmt wurde sie mit ihrer ersten Radioshow 1981, das war das Jahr, in dem ich geboren wurde. Ich war also zu jung, um sie ein paar Jahre später schon wirklich im Fernsehen gesehen zu haben. Aber ich wuchs auf der Höhe ihrer medialen Präsenz auf, damals war sie wirklich omnipräsent. Jeder sprach über sie, und ich erinnere mich, sie beim Durchschalten regelmäßig irgendwo zu sehen, bevor meine Eltern schnell wieder den Sender wechselten. Sie und ihr Akzent wurden auch immer wieder imitiert, etwas bei "Saturday Night Live". Entsprechend wusste ich natürlich auch als Kind schon irgendwie, wer sie ist, ohne wirklich zu verstehen, wie wichtig ihre Arbeit war. Damals war sie für mich eher so etwas wie ein schmutziger Witz, die frivole Oma im Fernsehen.

Wann wurde Ihnen dann bewusst, welche Bedeutung Westheimer tatsächlich hat – und dass sie ein ergiebiges Thema für einen Dokumentarfilm wäre?

Diese Idee hatte ich nicht, sondern ein Produzent schlug mir vor einigen Jahren vor, sie mal zu treffen. Ich muss gestehen, dass ich bis dahin ewig nicht mehr an sie gedacht hatte. Damals muss sie 88 Jahre alt gewesen sein, und ich war erst einmal unsicher, wie fit sie überhaupt sein würde, körperlich und geistig. Bei unserem Abendessen war ich dann vollkommen begeistert, wie sie immer noch vor Leben sprühte und absolut scharfsinnig war. Also habe ich mich auf das Projekt eingelassen – und eigentlich erst im Verlauf der Arbeit daran realisiert, was Dr. Ruth tatsächlich in ihrem Leben alles geleistet hat.


Ruth Westheimer hat viel zu erzählen (Bild: Filmwelt Verleihagentur)

Ihr Bemühen um Aufklärung und Sex-Positivität war für die gesamte amerikanische Gesellschaft wichtig, aber gerade für schwule Männer in den Achtziger- und Neunzigerjahren spielte Westheimer eine große Rolle...

Was mir selbst zunächst auch gar nicht so sehr bewusst war, eben weil ich damals selbst zu jung war. Doch ich werde nie den Abend unseres ersten gemeinsamen Dinners in New York vergessen. Wir standen danach noch zusammen auf der Straße, und während wir auf ihren Uber-Fahrer warteten, kam ein älterer Mann auf uns zu, der sie natürlich erkannte. Was übrigens ständig passiert und sie jedes Mal wahnsinnig freut. Jedenfalls sagte dieser Mann zu ihr: "Ich will gar nicht stören. Aber ich habe Sie früher als schwuler Teenager im Radio gehört und muss mich dafür bedanken, dass Sie mir damals das Gefühl vermittelt haben, dass schon alles gut werden wird." Solche und ähnliche Gespräche habe ich im Laufe der Zeit sehr viele gehört.


Unfassbare und ansteckende Power auch mit 92 Jahren: Ruth Westheimer (Bild: Filmwelt Verleihagentur)

Wie würden Sie denn in eigenen Worten das Erfolgsrezept von Dr. Ruth beschreiben?

Ganz entscheidend war und ist sicher einfach ihre Persönlichkeit. Sie ist so entwaffnend offen und freundlich zu jedem, dass wirklich jeder sie liebt, unabhängig von Religion, politischer Einstellung oder sexueller Identität. Dieses Image der netten, verständnisvollen Oma half auf jeden Fall dabei, auch Menschen zum Zuhören zu bringen, die vielleicht eigentlich eher homophob waren. Deswegen fühlten sich ungeoutete Teenager bei ihr genauso gut aufgehoben wie Leute, denen Homosexualität fremd war.

Was konkret die Bedeutung für Homosexuelle angeht, war es natürlich aber auch ganz allgemein wichtig, dass sie überhaupt bereit war, über schwulen – und übrigens auch lesbischen – Sex zu sprechen. Das war in den Achtzigern ja wirklich alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Sie hat ihre queeren Anrufer*innen mit so viel Respekt behandelt, dass wirklich kein Unterschied zu anderen spürbar war. Im Film sagt sie an einer Stelle: "Normal gibt es nicht." Und diese Haltung hat sie ihr Leben lang auch vertreten.

Kurz noch eine Frage zu Ihrem Doku-Fünfteiler "Visible: Out On Television", der seit einigen Monaten bei Apple TV+ zu sehen ist. Wen hatten Sie da eigentlich als Zielpublikum im Blick? Wollten Sie Heteros über queere Mediengeschichte aufklären oder die eigene Community an Ihre Geschichte erinnern

Hm, interessante Frage. Ich hatte schon immer die Hoffnung, dass nicht nur LGBTQ-Zuschauer*innen einschalten. Und ich glaube auch, dass das funktioniert, nicht zuletzt dank all der großen Stars, die mitgewirkt haben. Trotzdem hatte ich im Grunde immer das Gefühl, diese Reihe für die queere Community zu inszenieren. Und zwar dezidiert für alle Generationen. Dadurch, dass eigentlich fast alle heute lebenden Menschen irgendwie mit dem Fernsehen aufgewachsen sind, kann sich durch "Visible" jeder angesprochen fühlen.

Ich selbst wusste eher wenig über all die ersten Darstellungen von Queerness auf dem Bildschirm, um die es zum Beispiel in der ersten Folge geht. Aber meine Editorin, die die Serie mit mir geschnitten hat, ist gute 30 Jahre älter als ich – und konnte sich da mit den Bildern ihrer Kindheit auseinandersetzen. Es gibt also hoffentlich für alle in "Visible" sowohl ein Wiedersehen mit den Sendungen, die uns einst geprägt haben, aber auch Begegnungen mit queeren Darstellungen anderer Generationen.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Fragen Sie Dr. Ruth. Dokumentarfilm. USA 2018. Regie & Drehbuch: Ryan White. Mitwirkende: Ruth Westheimer. Laufzeit: 100 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: Filmwelt. Kinostart: 27. August 2020


#1 queergayProfil
  • 28.08.2020, 17:19hNürnberg
  • Ein ähnlicher Dokumentarfilm sollte auch über den bekannten 'Aufklärer der Nation' Oswalt Kolle (1928-2010) zusammengestellt werden.
    Eine Autobiographie erschien 2008. Die Memoiren "Ich bin so frei - Mein Leben" als schillerndes Stück deutscher Kulturgeschichte für ein Millionenpublikum.
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#2 TheDadProfil
#3 goddamn liberalAnonym
  • 29.08.2020, 12:09h
  • Möge uns Ruth Westheimer, froh und munter, wie sie ist, noch lange erhalten bleiben!

    Ihr ganzes Leben ist ein Mutmacher für alle, die um ihre Selbsterhaltung kämpfen müssen!
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