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Kommentar
Je länger nur geredet wird, desto weniger Safe Spaces werden überleben
Der weichgespülte Appell der Hirschfeld-Stiftung an Politik, Verwaltung und Gesellschaft, mit der queeren Community "einen nachhaltigen öffentlichen Dialog zu führen", kommt viel zu spät und droht zu verpuffen.

Eine queere Institution kämpft ums Überleben: Das Berliner SchwuZ ist seit 174 Tagen geschlossen (Bild: SchwuZ)
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3. September 2020, 09:00h 2 Min.
Vor fast genau neun Jahren beschloss die Bundesregierung die Errichtung der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. "Bürgerferner schwarz-gelber Murks", ätzte damals – etwas voreilig – der Grünen-Politiker Volker Beck. Unter Führung des überparteilichen, aber stets parteiischen LGBTI-Aktivisten Jörg Litwinschuh mauserte sich die kleine Stiftung zu einer wichtigen Institution, die zurecht Anerkennung sowohl in der queeren Community als auch der Mehrheitsgesellschaft erfährt.
Natürlich ist der queere Marsch durch die Institutionen nach fast einem Jahrzehnt etwas ins Stocken geraten, der große Elan der Anfangsjahre scheint dahin. Je größer die Hirschfeld-Stiftung wurde, desto mehr beschäftigte sie sich vor allem mit sich selbst. Um so erfreulicher, dass sie sich nach vielen eher ruhigen Monaten mit dem Appell "COVID-19 und die Auswirkungen auf die LSBTIQ*-Community" in der Öffentlichkeit zurückgemeldet hat.
Kein einziges Wort zur kommerziellen queeren Szene
Doch wer eine klare Analyse und einen lauten Weckruf erwartet, wird enttäuscht. Der kaum konkrete Appell der Bundesstiftung fällt weit zurück hinter die Papiere, die queere Aktivist*innen von SPD, Grünen und Linken bereits vor Monaten veröffentlicht haben. Kein einziges Wort verlieren die Hirschfelds zu kommerziellen queeren Freiräumen wie Bars, Clubs und Saunen, die weiterhin ums Überleben kämpfen. Das drohende Ende queerer (Print-)Medien ist ebenso wenig Thema wie die absolut prekäre Situation queerer Sexarbeiter*innen und Kulturschaffender.
Der weichgespülte Aufruf an Politik, Verwaltung und Gesellschaft, mit der queeren Community "einen nachhaltigen öffentlichen Dialog zu führen", kommt viel zu spät und droht zu verpuffen. Um tatsächlich etwas zu erreichen, müsste sich die Magnus-Hirschfeld-Stiftung die seit Monaten auf den Tisch liegenden Forderungen nach einem "Regenbogen-Rettungsschirm" zu eigen machen und diese offensiv gegenüber der Bundesregierung, den Ländern, Kommunen und der Privatwirtschaft vertreten.
Es ist allerhöchste Zeit, zu handeln. Je länger nur geredet wird, um so größeren Schaden wird die queere Infrastruktur dauerhaft nehmen.
Links zum Thema:
» SPDqueer zur Coronakrise: Mehr Community wagen
» Sven Lehmann und Ulle Schauws (Grüne): Wir brauchen einen Regenbogen-Rettungsschirm
» DIE LINKE.queer zur Coronakrise: Queere Strukturen stützen und erhalten
Mehr zum Thema:
» Der Appell im Wortlaut: "Die institutionelle Absicherung von Community-Strukturen ist gefährdet" (03.09.2020)














