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Homo-Hasser on tour

"Demo für alle": Hassbus floppt, aber Gefährlichkeit bleibt

In Berlin kam am Dienstag fast niemand zu der Kundgebung vor dem Roten Rathaus, in Erfurt versammelten sich erheblich mehr Gegendemonstrant*innen. Doch die Organisatorin vernetzt sich weiter, ihre Hetze wird viral verbreitet.


Der Bus am Sonntag in Erfurt umrandet vor allem von Gegendemonstrant*innen. Der CSD, der LSVD und weitere Gruppen hatten zur Kundgebung "Kein Millimeter nach Rechts – Queerfeindlichkeit konsequent entgegenstellen" aufgerufen (Bild: LSVD Thüringen / facebook)

Die dritte Tour des "Busses der Meinungsfreiheit" des homo- und transfeindlichen Bündnisses "Demo für alle" (DfA), diesmal mit dem vorgeblichen Thema "Stoppt Kentlers Sex-Pädagogik", zieht in diesen Tagen kaum noch Interessierte und Mitstreiter*innen an. Bei der zweiten Kundgebung im Rahmen der Tour an diesem Dienstag in Berlin lauschte nur eine Handvoll den Ausführungen des Teams rund um Organisatorin Hedwig von Beverfoerde, darunter die regionalen AfD-Abgeordneten Tommy Tabor und Thorsten Weiß.

Der reichweitenstarke Propagandist Boris Reitschuster streamte dafür live vom Protest (ebenso wie die "Epoch Times"), die Aufrufzahlen bei Youtube waren bereits binnen weniger Stunden fünfstellig. Beverfoerde beklagte sich ihm gegenüber über Gegendemonstrant*innen, die "mit falschen Vorstellungen über uns indoktriniert" würden – es sei "einfach irre, dass man gegen Kindesmissbrauch vorgeht und dafür dann als Nazis beschimpft wird." In dem gleichen kurzen Interview beklagte sie sich über "Gender-Ideologie", "linke Doktrin", "Frühsexualisierung an Schulen", dass "kleinen Kindern" Homosexualität "ohne Anlass aufoktroyiert" werde, dass "Kinder zur Homosexualität angeleitet werden" oder dass der "Unsinn", dass es mehr als zwei Geschlechter gebe, für eine "Kulturrevolution genutzt" werde.


Beverfoerde im Gespräch mit Reitschuster, während im Hintergrund ihre eigene Kundgebung kaum Interesse findet (Bild: Screenshot)

Sie sei "kein Homo-Hasser", so Beverfoerde, und ihrer Bewegung gehe es nicht um Homosexualität, sondern um "die Sexualisierung". Zugleich sagte sie Reitschuster ins Mikrofon, dass Homosexualität nicht "gleichwertig" zur Heterosexualität wäre, "da daraus keine Kinder entstehen". Es gebe eine "natürliche Sexualität, und das ist die zwischen Mann und Frau, aus der heraus wir uns fortpflanzen". Erst auf Nachfrage betonte sie, dass Homosexuelle als Menschen natürlich gleichwertig wären: "Wenn jemand was gegen das Verhalten hat, heißt das ja nicht, dass deswegen der Mensch nicht gleich viel wert wäre." Auf früheren Veranstaltungen hatte sie einen offensichtlich von "Homo-Heilern" bearbeiteten jungen Schwulen, der seine Homosexualität nicht auslebt, als Vorbild präsentiert (queer.de berichtete).

Alte Hetze neu verpackt

Mehrere dutzend Gegendemonstrant*innen hatten sich teilweise mit Regenbogenflaggen in der Nähe versammelt, es blieb entgegen überzogener Darstellungen von Reitschuster oder Beverfoerde weitgehend friedlich. Zu einer größeren Gegenkundgebung hatte – anders als bei der ersten Buskundgebung in Erfurt – soweit ersichtlich niemand aufgerufen. Einige argumentieren, man würde mit Gegenprotesten der DfA mehr Aufmerksamkeit schaffen, als sie verdiene. Andererseits hatte Beverfoerde die Hauptstadt-Presse zu dem Termin eingeladen und in der Vergangenheit je nach Stadt immer wieder ein größeres Medienecho in ihrem Sinne auslösen können.

Die Bewegung ist und bleibt laut LGBTI-Aktivist*innen gefährlich, weil sie in der Vergangenheit durchaus Themen setzen und in ihrer Vernetzung etwa eine geplante Schulaufklärung über LGBTI in Bayern verwässern konnte (queer.de berichtete). Das einstige CDU-Mitglied Beverfoerde, das frühe Proteste ihrer Bewegung aus dem Berliner Büro der AfD-Politikerin Beatrix von Storch organisierte, ist umfassend mit konservativen bis ultrarechten sowie katholischen und evangelikalen Kreisen vernetzt und hat gute Kontakte zu Medien im Inland und zu Anti-LGBTI-Organisationen im Ausland, darunter zu der nach Ansicht von LGBTI-Akitivist*innen gemeingefährlichen Gruppe Ordo Iuris in Polen und zur internationalen Organisation CitizenGo, dem offizieller Mitveranstalter der Bustour.


"Demo für alle" 2014 – in den letzten Jahren machte die Organisation praktisch gegen alle LGBTI-Themen mobil. Bild: nb

Nach der ersten Tour, die sich 2017 gegen die Ehe für alle richtete, geht es diesmal wie bei der zweiten 2018 vor allem um den Widerstand gegen Schulaufklärung über LGBT, Sexualkunde an Schulen und Sexualpädagogik. Mit homo- und transphob motivierten Protesten gegen LGBTI-Berücksichtigung im Bildungsplan Baden-Württemberg und nach Ansicht von Expert*innen vielen Lügen und Hetze hatte die Bewegung einst begonnen – das damals noch fast unbekannte Gerede über "Frühsexualisierung" oder "Gender-Ideologie" ist inzwischen Teil des öffentlichen Diskurses, mit der AfD in alle Parlamente eingezogen und wird von der Partei weitergesponnen.

Als "aktuellen" Anlass der Tour nutzt Beverfoerde den in den letzten Jahren bekannt gewordenen Skandal um den 2008 verstorbenen Sexualpädagogen Helmut Kentler, auf dessen Betreiben heraus Jugendämter Kinder und Jugendliche an pädophile Pflegeväter gaben. Daraus erfolgte, Jahrzehnte zurückliegende Missbrauchsfälle werden instrumentalisiert: Die DfA fordert diffamierend, dass die angeblich mit Kentler "untrennbar verwobene Sexualpädagogik konsequent aus Lehr- und Bildungsplänen, Unterrichtsmaterialien, Studiengängen und Ausbildungen entfernt" werde (mehr dazu im Vorbericht). Das neue Narrativ zu den alten Forderungen bietet der DfA zugleich den Vorteil, ihre Kritiker*innen (und Homosexuelle) als Befürworter von Pädophilie darzustellen. Schaut man sich die Kommentare zu Reitschusters Video an, scheint das gut zu funktionieren. "Linksradikale Demonstranten versuchten in Berlin eine Kundgebung gegen Kindesmissbrauch und Kentlers Sex-Pädagogik zu stören, u.a. mit Pfeifkonzerten und 'Nazi'-Rufen", behauptete er selbst.

Kundgebung und Vernetzung in Erfurt

Am Sonntag hatte der Bus seinen ersten Halt am Domplatz in Erfurt gemacht – und war von 200 bis 300 Gegendemonstrant*innen regelrecht umzingelt. Auch nachdem diese von der Polizei zurückgedrängt wurden, übertönten sie die zwei kurzen Reden von Beverfoerde und Sabine Weigert von der "Elternaktion Bayern" aus dem Bus heraus. Beverfoerde hatte wenige Anhänger mobilisieren können. Vor Ort tauchten unter anderem mehrere "Querdenken"-Aktivisten auf, die noch am Vortag auf dem gleichen Platz eine Kundgebung abgehalten hatten, zudem ein Mitglied der AfD Unteres Filstal (Baden-Württemberg), der auf der Facebook-Seite seines Ortsverbands einen Teil der aufgrund der Gegenproteste unverständlichen Kundgebung gestreamt hatte.

Twitter / QueerWeg

In Erfurt hatte Beverfoerde am Wochenende zugleich mit einem Infostand und der Moderation eines Panels ("Die Familie stärken") an der jährlichen "Schwarmintelligenz"-Veranstaltung teilgenommen, die von Klaus Kelle (Ehemann der Anti-LGBTI-Aktivistin Birgit Kelle) organisiert wird und rechte Teile der Union (speziell "Werte-Union") mit AfD-Politikern und rechten Netzwerken und Medien zusammenführen soll. Medienpartner sind etwa die "Junge Freiheit" und die katholische "Tagespost", zu den Sponsoren zählen die "Demo für alle" selbst, CitizenGo und der CDU- und DfA-nahe Elternverein NRW. Zu den Rednern gehörte Hans-Georg Maaßen, Klaus Kelle ließ sich später beim Hassbus in Erfurt blicken. 2018 hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn an seiner "Schwarm"-Veranstaltung teilgenommen.

Twitter / bckstrtns

Berlin und Erfurt sollen laut der "Demo für alle" die einzigen Kundgebungen der Bus-Tour sein, geplant seien aber weitere Halte bis Samstag. Bilder in den sozialen Netzwerken der Organisation zeigten bereits Halte in Dresden (im Gespräch mit Passant*innen) und Chemnitz am Karl-Marx-Monument ("Unser Stopp symbolisierte unseren Protest gegen die heute weit verbreitete Familienfeindlichkeit, die vor allem auf marxistische und sozialistische Theorien zurückgeht"). Außerdem traf sich Hedwig von Beverfoerde zu einem Gespräch mit Politikwissenschaftler Werner Patzelt, das später veröffentlicht werden soll. "Unter anderem erklärte er, dass die 'Sexualpädagogik der Vielfalt' durch ihren Einsatz gegen 'Heteronormativität' die Heterosexualität als gesellschaftliche Norm der Sexualität infrage stelle und abwerte", so das Mitglied der "Werte-Union" laut der "Demo für alle". (nb)

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#1 KaiJAnonym
  • 09.09.2020, 10:37h
  • Auf jeden Fall ist die Gegenaktion in Erfurt ein politischer Erfolg, nicht die in Berlin.
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#2 PetterAnonym
  • 09.09.2020, 10:48h
  • Das ist ja nicht das erste mal, dass deren Bustour floppt. Aber die werden dennoch niemals damit aufhören, weil die dermaßen vom Hass zerfressen sind, dass sie es niemals akzeptieren können werden, dass die überwältigende Mehrheit der Menschen das anders sieht.

    Die sind wenige, aber sehr laut und wollen so vortäuschen, mehr zu sein.

    Das ist so ähnlich wie bei den homophoben "One Million Moms" in den USA. Das sind auch nur ein paar Hundert (und auch nicht alles Mütter), aber sie tun einfach mal so, als wären sie eine Million, um wichtiger zu scheinen. Eine Mischung aus Großmannssucht und Realitätsverlust.
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#3 Ralph
  • 09.09.2020, 10:50h
  • Alles menschliche Verhalten hat eine Ursache. Was also mag in der Kindheit und Jugend dieser Leute geschehen sein, dass sie so voll sind von Hass? Es muss alles getan werden, damit aus jungen Menschen nicht Soziopathen werden, die auf Bühnen Volksverhetzung treiben, mit Propagandaprogrammen durchs Land fahren und religiösen oder politischen Fanatikern hinterherlaufen.
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#4 PetterAnonym
  • 09.09.2020, 11:01h
  • Antwort auf #3 von Ralph
  • Volle Zustimmung.

    Und die beste Medizin gegen solche Rattenfänger, die Hass verbreiten und die Gesellschaft spalten wollen, sind Bildung und Aufklärung.

    Leider gibt es davon immer noch viel zu wenig. Da ist die Politik in allen Bundesländern gefordert, die Bildungspläne und Lehrpläne so zu ändern, dass an allen Schulen mehr Aufklärung verpflichtend wird.

    Aber solange regierende Politiker immer noch so kirchenhörig sind, wird das wohl nicht geschehen.
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#5 gayflecktarnhoseProfil
  • 09.09.2020, 11:43hBremen
  • Hallo,
    alles was diese Frau Beverfoerde von sich gibt ist Müll.
    Und wenn solche Leute auch noch erzählen sie haben nichts gegen Homosexuelle ist es einfach
    gelogen. Die lügen doch schon wenn sie den Mund
    aufmachen.
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#6 goddamn liberalAnonym
  • 09.09.2020, 12:36h
  • Antwort auf #2 von Petter
  • Beverfoerde ist durch den europäischen Adel und durch eine klerikal-reaktionäre Vernetzung eine internationale Größe.

    Was hierzulande (noch) randständig wirkt, ist in Polen, aber auch in einer großen Minderheit in Frankreich ein Konsens mit aggressiver Massenbasis.

    Das ist leider auch ein Teil der Realität.
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#7 PetterAnonym
#8 andreAnonym
  • 09.09.2020, 13:16h
  • Antwort auf #2 von Petter
  • Gefloppt haben beide Seiten. Auf Reitschusters Video waren, sehr großzügig, maximal 30 Gegendemonstranten zu sehen. Schade. Der hat auch mehrmals die Seiten gewechselt. Es wurden nicht mehr. Schwach für Berlin. Vielleicht sind alle etwas "Demo-müde", weil ja dort fast jedes Woche irgendeine Demo ist.
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#9 PinoAnonym
#10 MariposaAnonym
  • 09.09.2020, 15:51h
  • Was für eine widerwärtige Schreckschraube. Anscheinend waren ihre Horrorkumpaninnen Kelle und Kuby nicht vor Ort....
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