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Interview

"Tel Aviv ist eine Blase, genau wie Berlin"

Die lesbische Regisseurin Shirel Peleg über ihren Kinofilm "Kiss Me Kosher", das Verhältnis zwischen Israel und Deutschland, LGBTI-Feindlichkeit in beiden Staaten und die autobiografischen Momente der Komödie.


Szene aus "Kiss Me Kosher": Die Israelin Shira und ihre deutsche Freundin Maria verloben sich – sehr zum Entsetzen von Shiras Oma Berta (Bild: X Verleih)
  • Von Patrick Heidmann
    10. September 2020, 11:50h, 1 Kommentar

Regisseurin Shirel Peleg (Bild: Festival Scope)

Shirel Peleg ist schon viel herumgekommen. Geboren wurde sie in Venezuela, aufgewachsen ist sie in Israel, wo sie ein erstes Filmstudium absolvierte. Für die Fortsetzung ging es später nach Stuttgart, inzwischen lebt sie samt Ehefrau und frisch geborenem Sohnemann in Berlin. Am 10. September kommt ihr Debütfilm "Kiss Me Kosher" in die deutschen Kinos, eine charmant-turbulente Familienkomödie rund um ein israelisch-deutsches Lesbenpaar, an der das einzige Klischee eigentlich der deutsche Titel ist. Wir trafen Peleg zum Interview.

Frau Peleg, wie schwierig war es, Ihren ersten Spielfilm "Kiss Me Kosher" Wirklichkeit werden zu lassen?

Jeder Film ist ein Kampf. Die Tatsache, dass überhaupt Filme gedreht werden, ist ein Wunder. Schließlich verkauft man im Endeffekt eine Idee für viele Millionen Steuergelder. Zumindest gilt das hier in Deutschland für den Großteil aller Produktionen. Dass ich die Gelegenheit bekomme, meine Idee und Perspektive mit der Welt zu teilen, ist jedenfalls alles andere als alltäglich.

Sie erzählen von einem lesbischen Paar, die eine ist israelische Jüdin, die andere Deutsche. Haben die Thematik und die Figuren die Sache zusätzlich erschwert?

Bestimmt. Lesben und Schwule will man am liebsten immer in der Drama-Ecke zeigen. Und Juden im Holocaust. Ich dagegen habe einen großen Mischmasch aus allem gemacht, um genau diese Absurdität ein bisschen ans Licht zu bringen. In meinem Film kommt von allem etwas vor, vom israelisch-palästinensischen Konflikt bis zur Shoah. Und all das wollte ich witzig und elegant erzählen, ohne die üblichen Klischees nochmal zu bedienen.

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Klingt auf jeden Fall nach dem, was man gerne als jüdischen Humor bezeichnet...

Ja, auf jeden Fall. Und mein Traum ist es natürlich, die Deutschen zum Lachen zu bringen (lacht). Zum Judentum gehört seit jeher das Leiden – und um das zu ertragen, braucht man schon Humor. All diese Tragödien kann ein Volk sonst nicht überleben. Selbst wenn es manchmal etwas zwanghaft ist. Aber das Thema ist komplex, denn diese Erwartung, witzig zu sein, wird auch oft an uns Juden herangetragen. Manchmal werden wir auch ein bisschen als Hofnarr gesehen. Ich bin wirklich gerne lustig und gebe die Entertainerin. Allerdings nicht, wenn ich das Gefühl habe, dass ich es muss.

Wann hatten Sie eigentlich die erste Idee für "Kiss Me Kosher"?

Das ist schon mehrere Jahre her. Damals war meine Partnerin, die heute meine Frau ist, für ein paar Wochen zu Besuch bei mir in Israel und ich nahm sie mit zu meinen Eltern. Schon im Auto auf dem Weg dahin dachte ich mir, dass das eine witzige Prämisse ist. Mit meiner neuen deutschen Freundin zu den Eltern in den besetzten Gebieten – das passt doch ganz gut in eine Komödie (lacht).

Ist auch der Rest des Films so autobiografisch?


Zumindest gibt es allerlei Ähnlichkeiten zu meinem Leben und meiner Familie. Die Oma im Film zum Beispiel ist eine Mischung meiner beiden Omas.

Wie begeistert war denn Ihre Familie davon, von Ihnen als Filmfiguren abgebildet zu werden?

Als meine Mutter den Film zu ersten Mal gesehen hat, war sie fast empört und meinte, sie würde in echt doch gar nicht so viel schreien. Und schreit seitdem ein bisschen weniger (lacht). Die deutsche Familie hat allerdings nichts mit der Familie meiner Partnerin zu tun, das muss ich ganz deutlich dazusagen, sonst kriege ich Probleme (lacht).

Dass die Protagonistin Shira eine Frau heiraten will, ist im Film kein großes Thema. Dass das eine Deutsche ist, dagegen schon. Ist das auch in Ihrer Generation noch so?

Wenn wir alle in Berlin sitzen, ist natürlich alles super pluralistisch und offen. Aber sobald es nach Hause zu Mama und Papa in Israel geht, sieht die Sache oft anders aus. Und bei Juden steht am Ende, egal wie liberal sie sind, immer die Frage im Raum: bist du mit einem Menschen liiert, der auch jüdisch ist – oder nicht. Das ist wirklich immer ein Thema, egal ob bei Israelis oder Juden in Amerika, Deutschland oder sonst wo.

Insgesamt gilt Israel als LGBTI-Paradies. Stimmt das Bild Ihrer Meinung nach?

Im Grunde ist das ganz ähnlich wie in Deutschland. Tel Aviv ist eine Blase, genau wie Berlin. Was dort gilt, gilt nicht automatisch für den Rest des Landes. Natürlich laufe ich mit meiner Frau Hand in Hand durch Tel Aviv. Aber im Süden des Landes? Nicht unbedingt. Da muss man das schon sehr bewusst machen und für alles bereit sein. Aber auch im tiefsten Bayern oder Schwabenländle würde ich zweimal darüber nachdenken, ob wir uns auf der Straße küssen.

Weltweit wird in der Film- und Fernsehbranche heutzutage viel diskutiert, wer welche Geschichten erzählen und welche Figuren spielen darf oder sollte. Oder ob Künstler*innen nicht einfach machen können was sie wollen. Wie stehen Sie zu solchen Debatten?

Diese Fragen sind sehr wichtig, und sie werden nicht oft genug gestellt. Wir sind in dieser Diskussion noch nicht weit genug. Dabei gibt es auch gar nicht unbedingt ein "richtig" oder "falsch"; das Wichtige ist, überhaupt das Thema zu diskutieren.

Das müssen Sie bitte noch etwas ausführen.

Wenn es in einem Film nur um Frauen geht und man sich im Marketing groß den Feminismus auf die Fahnen schreibt, aber die einzige Frau am Set fürs Make-up zuständig war, dann ist das eigentlich eine Schande. Das sollte nicht mehr passieren. Vor allem, wenn das Ganze auch noch mit Steuergeldern finanziert wurde. Ein bisschen Kontrolle muss da einfach sein, denn noch sind wir nicht soweit, dass alle von sich aus diese Problematik im Blick haben.

Und wie war der Fall bei "Kiss Me Kosher"?

Ich habe beim Casting nicht gesagt: Wir lassen nur Lesben vorsprechen. Ich wollte einfach gute Schauspielerinnen. Außerdem war für genug Authentizität für die Community ohnehin gesorgt, schließlich bin nicht nur ich lesbisch, sondern die Produzentin auch.

Direktlink | Offizieller Trailer

Infos zum Film

Kiss Me Kosher. Komödie. Deutschland, Israel 2020. Regie: Shirel Peleg. Darsteller*innen: Moran Rosenblatt, Luise Wolfram, Rivka Michaeli, Juliane Köhler, Bernhard Schütz, Irit Kaplan, John Carroll Lynch. Laufzeit: 101 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. Verleih: X Verleih. Kinostart: 10. September 2020
Galerie:
Kiss Me Kosher
12 Bilder


#1 lindener1966Profil
  • 13.09.2020, 21:59hHannover
  • War gerade mit meinem Mann und einer Freundin drin und wir haben schon sehr gelacht. Aber es ist ganz und gar nicht eine Klamotte. Sehr wahr fand ich auch den Umgang der deutschen Schwiegereltern mit der Vergangenheit ihrer eigenen Eltern und die Kommunikation darüber. Genau wie bei mir und meiner Familie. Sehr cool, wünsche dem Film viele Zuschauer*innen. Es lohnt sich.
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