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Neue Eintragungsoptionen

Österreich jetzt mit sechs Geschlechtern

"International einzigartig": Österreich bietet Intersexuellen mehr Geschlechtsoptionen. LGBTI-Aktivst*innen bemängeln jedoch, dass weiterhin Zwangsgutachten gefordert werden.


LGBTI-Aktivst*innen in Österreich begrüßen die neuen Eintragungsmöglichkeiten, sehen aber noch viel Spielraum nach oben (Bild: Andrey Belenko / flickr)

Laut einem neuen Erlass der österreichischen Bundesregierung sind nun sechs Eintragungsmöglichkeiten für die Kategorie Geschlecht zulässig. Dabei handelt es sich um weiblich, männlich, inter, divers, offen sowie die Möglichkeit zur Streichung, teilte das Bundesinnenministerium diese Woche mit.

Bei der Geburt legt die verantwortliche Person – Arzt, Ärztin, Hebamme oder Entbindungspfleger – fest, welches Geschlecht eingetragen wird. Intersexuelle Personen, die nicht als weiblich oder männlich registriert worden sind, können ihren Eintrag künftig einfach ändern – bei Minderjährigen tut dies die gesetzliche Vertretungsperson. Allerdings ist eine Änderung von "männlich" oder "weiblich" in eine der vier anderen Eintragungsmöglichkeiten nur möglich, wenn die betroffene Person ein Gutachten über eine körperliche "Variante der Geschlechtsentwicklung" vorlegt.

Ein derartiges Zwangsgutachten wird von LGBTI-Aktivst*innen scharf kritisiert: "Die Änderung des Erlasses ist ein wichtiger Schritt für die Inter* Community. Leider werden intergeschlechtliche Menschen weiterhin pathologisiert und der Schritt zur Selbstbestimmung bleibt in weiter Ferne", erklärte Luan Pertl von der Plattform Intersex Österreich. "Hier wurde eine große Chance vertan, allen Menschen, die sich in dem binären Geschlechterbild nicht wiederfinden, einen alternativen Geschlechtseintrag zu ermöglichen", ergänzte Anton Wittmann von der HOSI Salzburg. Auch in Deutschland wehrt sich die Community gegen Zwangsgutachten und wirbt dafür, dass die Möglichkeit zu einer dritten Geschlechtsoption nicht nur inter sondern auch trans und nicht-binären Menschen offen stehen solle.

"International einzigartig"

HOSI-Salzburg-Aktivistin Gabriele Rothuber erklärte außerdem, dass die sechs Eintragungsmöglichkeiten "international einzigartig" seien. Sie regte an, dass nun als nächster Schritt ein gesetzliches "Verbot geschlechtsverändernder medizinischer Maßnahmen an intergeschlechtlichen Kindern und Jugendlichen" folgen solle. Ein derartiges Verbot sollte laut Koalitionsvertrag auch in Deutschland eingeführt werden, Schwarz-Rot hat dies aber bislang nicht umgesetzt (queer.de berichtete).

Wie in Deutschland mussten sich auch österreichische Intersexuelle das Recht auf einen Geschlechtseintrag jenseits von männlich und weiblich in langwierigen Gerichtsverfahren einklagen: Der Wiener Verfassungsgerichtshof hatte bereits vor über zwei Jahren nach einer Klage geurteilt, dass es in der Alpenrepublik das Grundrecht darauf gebe, mit einer dritten Geschlechtsoption anerkannt zu werden (queer.de berichtete). Ein Jahr später wurde ein Reisepass mit dem Geschlechtseintrag "X" ausgestellt (queer.de berichtete). (dk)



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#1 Ralph
  • 11.09.2020, 10:16h
  • Ich frage mich inzwischen, wozu eigentlich ein Geschlechtseintrag in amtlichen Dokumenten erforderlich sein soll. Welches Geschlecht ein Mensch hat, weiß am ehesten dieser Mensch selbst. Ist es also aus irgendeinem sachlichen Grund notwendig zu wissen, welchem Geschlecht jemand angehört, dann kann man ja nachfragen. Ich erinnere mich an Zeiten, da wurde auf vielen Antragsformularen (z.B. Sozialhilfe) noch die Religionszugehörigkeit erfasst. Von diesem Blödsinn sind wir glücklicherweise abgekommen. Auch vom Geschlechtseintrag sollten wir uns trennen.
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#2 selbstbestimmtAnonym
  • 11.09.2020, 10:38h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • ich stimme dir vom bauch her zu. aber mir wird mulmig, was passieren kann, wenn es keinen "amtlichen" eintrag über das geschlecht gibt. was würde im fall einer verhaftung passieren? bestimmen dann andere, wo ein mensch landet? muss eine trans* frau dann ins männergefängnis, weil man ihr nicht glaubt und das nirgends festgehalten wurde? solche situationen sind ja heute schon gefährlich, aber wie wäre das ohne offizielle anerkennung, die solch ein eintrag ja auch darstellt? ich weiß es wirklich nicht, ich grübele gerade.
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#3 GronkelAnonym
  • 11.09.2020, 10:43h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Ja, der Staat sollte gar keine Geschlechter erfassen und speichern. Geht den nichts an und ist für eine Gleichberechtigung auch nicht notwendig. Es fallen dann aber auch alle geschlechtsbezogenen Förderungen und Gleichstellungsbemühungen flach.
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#4 Kritiker_inEhemaliges Profil
#5 seb1983
#6 Anonyma
  • 11.09.2020, 14:07h
  • "HOSI-Salzburg-Aktivistin Gabriele Rothuber erklärte außerdem, dass die sechs Eintragungsmöglichkeiten "international einzigartig" seien."

    Aha... Dann ist Österreich jetzt also weltweit führend in der Kategorie "Geschlechtseinträge, die kaum jemand haben kann". Sehr beeindruckend. Wirklich. Ganz im Ernst... *Kopf->Tischplatte*
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#7 10 feet of blueAnonym
  • 11.09.2020, 14:28h
  • Antwort auf #2 von selbstbestimmt
  • Auf der einen Seite hast du total recht und ich hatte dieses Argument tatsächlich noch nie im Kopf. Auf der anderen Seite kann ich mir leider denken, dass in unserer aktuellen Gesellschaft transphobe Mitglieder des Justizsystems auch mit Geschlechtseintrag Möglichkeiten finden werden, sich über diesen hinwegzusetzen - einfach aus dem Grund, weil sie wissen, dass sich zu wenig Menschen hinter die trans Person stellen werden, wenn es darauf ankommt.

    Ich glaube, die Aufhebung von Geschlechtseinträgen könnte hier sogar positiv wirken, wenn die Gesellschaft dadurch gezwungen ist, ihre Vorstellungen von Geschlechtseinteilung und Binärität zu überdenken. Im Gefängnis etwa besteht die Geschlechtertrennung ja, um Frauen zu schützen. Gäbe es andere Möglichkeiten, mit Straftäter:innen umzugehen, die dafür sorgen, dass keine:r von ihnen befürchten muss, Gewalt durch Wärter:innen oder andere Bewohner:innen zu erleiden? Das wäre doch eine viel spannendere Anschlussüberlegung.

    Leider nach jetziger Sicht noch etwas utopisch, aber vielleicht haben solche Überlegungen ja doch Platz in einer zukünftigen Welt, die die zentrale Erfassung von Geschlecht als Identifikationsmerkmal ernsthaft und weitläufig hinterfragt.
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#8 selbstbestimmtAnonym
#9 selbstbestimmtAnonym
  • 11.09.2020, 15:00h
  • Antwort auf #7 von 10 feet of blue
  • ich wünsche mir auch, dass ein mensch einfach ein mensch ist. und sicher suchen transphobe menschen auch mit einem eintrag hintertürchen, um ihren hass realität werden zu lassen. aber ein eintrag kann villeicht auch eine hemmschwelle darstellen, weil der_die transphobe eben aktiver werden muss als ohne.

    sexualisierte gewalt in gefängnissen ist wohl noch einmal ein feld für sich, das mit sexueller identität evtl. weniger zu tun hat, als man erst mal denkt.
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#10 Ralph
  • 11.09.2020, 16:08h
  • Antwort auf #5 von seb1983
  • Oh, hab ich beim Abfassen meines Beitrags nicht dran gedacht: Österreich bildet zusammen mit Litauen, Estland, Finnland, Schweden und Dänemark die Gruppe der Militärstaaten in der EU. Na ja, das ist ein sachlicher Grund, gut. Allerdings verletzt natürlich die Heranziehung nur von Männern zur Wehrpflicht das Gleichbehandlungsgebot, zu dessen Beachtung auch Österreich verpflichtet ist.
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