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Heimkino

Erschütterndes Meisterwerk über Kindesmissbrauch

16 Jahre nach seiner Premiere ist Gregg Arakis bekanntester, emotionalster und kontroversester Film "Mysterious Skin" erstmals in Deutschland auf Blu-ray erschienen. Zeit für eine (Wieder-)Entdeckung!


Neil und Brian waren beide acht Jahre alt, als sie Anfang der Achtzigerjahre von ihrem pädophilen Baseball-Coach missbraucht wurden (Bild: Antidote Films)
  • Von Patrick Heidmann
    13. September 2020, 12:03h, 3 Kommentare

Im New Queer Cinema der Neunzigerjahre gab es kein Vorbeikommen an Gregg Araki. Mit "The Living End" (einer Geschichte zweier junger, HIV-positiver Männer, von manchen Kritikern als schwule Antwort auf "Thelma & Louise" beschrieben) und "Totally Fucked Up" (über eine Wahlfamilie aus sechs queeren Teenagern) etablierte sich der Regisseur damals als eine der aufregendsten Stimmen des boomenden US-Independent-Kinos.

Anders als etwa sein Zeitgenosse Todd Haynes bemühte sich Araki nie wirklich darum, im Mainstream Fuß zu fassen; der ganz große Respekt in Form von Kritikerlob und Filmpreisen blieb ihm häufig verwehrt. Am nächsten kam er dem ganz großen Durchbruch ausgerechnet mit seinem kontroversesten Film "Mysterious Skin", der 16 Jahre nach seiner Premiere gerade erstmals in Deutschland auf Blu-ray erschienen ist.

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Missbraucht vom Baseball-Trainer


"Mysterious Skin" ist Ende August 2020 auf Blu-ray im limitierten Mediabook mit Bonus-DVD erschienen

In "Mysterious Skin", seinem achten Spielfilm, erzählt Araki von zwei jungen Männern in der amerikanischen Provinz, die ein ähnliches Schicksal teilen. Neil und Brian waren beide acht Jahre alt, als sie Anfang der Achtzigerjahre nicht nur gemeinsam in einer Baseball-Mannschaft spielten, sondern auch beide von ihrem pädophilen Coach missbraucht wurden, der eine regelmäßig, der andere einmalig. Die Art und Weise, wie die beiden Jungs damit umgehen, könnten kaum unterschiedlicher sein. Doch loslassen tut sie das Trauma auch als junge Erwachsene zehn Jahre später nicht.

Während Brian (Brady Corbet), ein verschüchterter Einzelgänger mit Berührungshemmungen, keine Erinnerung an das Ereignis hat und stattdessen glaubt, damals von Aliens entführt worden zu sein, redet der zügellose, schwule Neil (Joseph Gordon-Levitt) sich die Erfahrungen als wahre Liebe schön und verdient sich seinen Lebensunterhalt – zunächst in der Heimat, dann in New York – lieber als Stricher. Für Intimität und Nähe ist in beider Leben kaum Platz, doch dauerhaft lässt sich nicht verdrängen und unterdrücken, was ihnen angetan wurde. Vor allem nicht, als sich ihre Wege eines Tages wieder kreuzen.

Kitsch und Künstlichkeit, Zärtlichkeit und Emotionalität,

Wer Arakis Filme kennt, konnte schon damals ahnen, dass "Mysterious Skin" trotz der bitteren, herzzerreißenden Thematik kein ausschließlich düsterer, qualvoller Film ist. Auch hier setzt der Regisseur seinen Sinn für Kitsch und Künstlichkeit in Szene, beweist sein Händchen für poppige Farben und eine Schönheit der Bilder und lässt hier und da sogar Humor aufblitzen. Nur auf das ungehemmt Schrille und Exaltierte, das Arakis Werk so oft auszeichnet und jüngst auch in seiner Serie "Now Apocalypse" wieder präsent war, verzichtet er hier und ersetzt es durch eine Zärtlichkeit und Emotionalität, sie sonst nicht immer zu seinen Stärken gehören.

Nicht jedem gefiel damals, dass Araki dem Sex einen so großen Platz in der – übrigens auf dem gleichnamigen Roman des schwulen Schriftstellers Scott Heim basierenden – Geschichte einräumte. Auch die Fokussierung auf die kindliche Perspektive der Opfer, während der Täter gleichzeitig fast ausgeblendet wird, galt manchem als kontrovers. Daran, dass Gordon-Levitt (damals gerade seine Kinderstar-Tage hinter sich lassend, zuletzt etwa im Netflix-Film "Project Power" zu sehen) und Corbet (inzwischen vor allem als Regisseur aktiv) schauspielerisch beeindrucken, hatte aber ebenso wenig jemand Zweifel wie an der Brillanz des Soundtracks, inklusive Filmmusik von Robin Guthrie (Cocteau Twins) und Songs u.a. von Sigur Rós. Nicht unerwähnt bleiben sollte auch die Arbeit von Kameramann Steve Gainer sowie Nebendarsteller*innen wie Elisabeth Shue, Michelle Trachtenberg, Jeff Licon und Bill Sage.

"Ein hinreißendes, gefühlvolles, absolut überzeugendes Kunstwerk", schrieb damals ganz richtig die "New York Times" über "Mysterious Skin", der damals bei den Festivals in Venedig, Toronto und Sundance gefeiert wurde und nun unbedingt (wieder-)entdeckt werden sollte. Die bei Camera Obscura/Alive erschienene Blu-ray umfasst im limitierten Mediabook (FSK 18) übrigens auch eine DVD mit Bonusmaterial. Vieles davon – etwa der Audiokommentar von Araki, Gordon-Levitt und Corbet, eine Buchlesung und mehrere Interviews – war auch schon früher auf der DVD verfügbar, neu dazu gekommen sind nun interessante entfallene Szenen, Casting-Videos sowie ein lesenswerter Essay der deutschen Autorin Sofia Glasl.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Mysterious Skin. Drama. USA 2004. Regie: Gregg Araki. Darstelle*innen: Joseph Gordon-Levitt, Brady Corbet, Michelle Trachtenberg, Elisabeth Shue, Joseph Gordon-Levitt. Laufzeit: 99 Minuten. Sprachen: deutsche Synchronfassung, englische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 18. Camera Obscura Filmdistribution


#1 JörgAnonym
  • 15.09.2020, 06:50h
  • Der Film basiert auf dem Buch von Scott Heim welches ebenfalls sehr empfehlenswert ist.
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#2 nikiAnonym
#3 mactorProfil
  • 15.09.2020, 14:23hBerlin
  • Hätte ich mir gern angeschaut.

    Aber im Zeitalter von Streaming noch ne BlueRay rauszubringen ist schon komisch.

    Macht doch heute keinen Sinn mehr für einen Film ohne HD/4K und 5.1 Dolby Sound...

    Vielleicht kommt der Film ja noch zum Online anschauen raus - ist ja nicht mehr 1980 oder 2005...
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