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"Meine mir angeborene Naturanlage"

Karl Mays ziemlich offen schwuler Künstlerfreund

Am Montag vor genau 150 Jahren – am 21. September 1870 – wurde der Maler und Bildhauer Sascha Schneider geboren. Bekannt wurde er vor allem durch seine homoerotischen Aktzeichnungen für die Cover von Karl-May-Romanen.


Sascha Schneider in seinem Atelier. Im Hintergrund sind die kämpfenden Männer aus seinem heute verschollenen Monumentalgemälde "Um die Wahrheit" (1901) zu sehen
  • Von Erwin In het Panhuis
    20. September 2020, 06:06h, 24 Kommentare

Cover von Sascha Schneider für Karl Mays "Durchs wilde Kurdistan"

Über den Bildhauer und Maler Sascha Schneider (1870-1927) gibt es bei Youtube eine eindrucksvolle Bildergalerie, die in rund 7 Minuten mehr als 70 seiner Kunstwerke vorstellt. Für einen Einstieg in sein Lebenswerk ist sie sehr geeignet.

Sie zeigt die von Lichteffekten und starker Symbolsprache geprägten Gemälde und Zeichnungen, die oft von religiöser Überhöhung und dämonischer Bedrohung handeln. Es geht um große Gefühle, große Gesten, offene Arme und gespreizte Beine. Manchmal in ruhiger Inszenierung, manchmal ist die Stimmung bis zum äußersten gespannt.

Einige seiner Werke erinnern an die von Fidus, dem Zeichner der Lebensreformbewegung. Mit seinen Werken schuf Schneider eine archaische und fast reine Männerwelt. Viele Männer inszeniert er nach antikem Vorbild, die Bandbreite der Typen reicht von bärtigen Männern mit athletischer Körperbildung bis zu zarten Jünglingen. Die wenigen Frauen bei Schneider sind schwach, unscheinbar und klein – bzw. werden von Schneider dazu gemacht.

Direktlink | Bildergalerie von Schneiders Werken auf Youtube

Sein Leben

Sascha Schneider eröffnete im Jahre 1900 sein erstes eigenes Atelier und wurde 1904 Professor an der Kunsthochschule in Weimar. Hier bezog er mit seinem Schüler und Lebensgefährten Hellmuth Jahn eine gemeinsame Wohnung, was von einigen Autoren schon fast als offen gelebte Homosexualität angesehen wird. Kurze Zeit später wurde Schneider von Jahn jedoch erpresst und floh aus Angst vor dem § 175 des Strafgesetzbuches, der in Deutschland Homosexualität zwischen Männern unter schwere Strafen stellte, nach Italien, wo Homosexualität zu jener Zeit straffrei war.

In Italien lernte er den wohlhabenden Maler Robert Spies kennen und teilte sich 1908 mit ihm eine Villa am Meer. Als Spies 1914 im Krieg getötet wurde, gestaltete Schneider sein Grabmal.

In der Zeit um 1909 erwog er auch eine Scheinehe, um vor gesellschaftlichen Angriffen wegen Homosexualität besser geschützt zu sein. Wie sehr dies nötig war und wie Schneiders Kunst mit Homosexualität assoziiert wurde, zeigte sich einige Jahre später: Seine Skulptur "Badende Knaben" von 1909, die er für das Albertinum in Dresden schuf, wurde 1912 wegen "Aufreizung zur widernatürlichen Unzucht" abgelehnt.

Heute wird Schneider zu den ersten selbstbewusst homosexuellen Künstlern gezählt. Sein Umgang mit seiner Homosexualität wird vor allem durch Briefe an Freunde wie Hans Olde, Kuno Graf von Hardenberg und Karl May deutlich. Seine Freundschaft mit Karl May war dabei wohl die wichtigste.

Seine Freundschaft mit Karl May

Sascha Schneider lernte den Schriftsteller Karl May 1903 kennen. Am 16. Mai 1904 besuchte er May in dessen Villa Shatterhand in Radebeul bei Dresden und erzählte ihm von seiner Homosexualität. Karl Mays Reaktion in einem Brief vom folgenden Tag war einfühlsam: "Sie sind mir seit gestern genau noch so werth wie vorher, u. mein Interesse für Sie ist sogar noch tiefer, viel tiefer gestiegen."

Schneider antwortete ihm am 19. Mai 1904 und bedankte sich zunächst für Mays Empathie: "Tausend Dank für Ihre teilnehmende Güte!" Anschließend charakterisierte er seine "Naturanlage": "Mein Standpunkt ist ausserhalb des Normalen. Diese meine mir angeborene Naturanlage ist nicht zu bekämpfen und zu unterdrücken. Wozu auch?! Sünde gibt es nicht für mich in diesem Sinne."

Karl May hielt auch nach diesem Gespräch daran fest, die Gestaltung der Buchcover für seine Reiseerzählungen mit symbolistischen Bildern bei Schneider in Auftrag zu geben. Erst unter dem Druck der Verleger wurden diese Darstellungen später wieder ausgewechselt und in kleine Kunstmappen verbannt. Einige Jahre später, im Juni 1908, schrieb Schneider an Karl May auch von seiner Flucht aus Deutschland: "Ich habe Ihnen vor einiger Zeit [...] persönlich Andeutungen über meine Naturanlage gemacht, dieselbe hat nun ihre Frucht gezeitigt. Wie gefällt Ihnen das Wort Erpressung!? Damit genug! Und Sie können sich alles vorstellen."


Brief als Ausdruck von Vertrauen: Schneider schreibt an seinen Freund Karl May über seine Homosexualität

Frühe schwule Rezeption

Schon in frühen Homosexuellenzeitschriften lässt sich eine Rezeption Schneiders als schwuler Künstler belegen. So heißt es: "Er war ein Eigenwilliger [...]. Er war ein Maler des Mannes" (in: "Die Freundschaft", Jg. 1927, S. 283) und: "In den wissenden Kreisen wird er als Homosexueller eingeschätzt" (in: "Neue Freundschaft", Jg. 1928, Nr. 2, S. 5-6). Andere Schwulenzeitschriften druckten Abbildungen seiner Plastiken wie "Morgendämmerung" ("Der Eigene", Jg. 1905, Heft 1) und einen Knabenkopf ab ("Die Fanfare", Jg. 1924, Heft 24, S. 1).

Heutige schwule Rezeption


Als Cover für "Winnetou" ein Indianer, der wie ein Engel zum Licht schwebt, als Referenz auf das "Lichtgebet" von Fidus (1910)

Als selbstbewusster schwuler Künstler, dessen Gemälde auch heute noch Eyecatcher sind, wird Schneider seit Jahrzehnten breit rezipiert. In diesem Sinne wurde er auch im Ausstellungskatalog "Eldorado. Homosexuelle Frauen und Männer in Berlin 1850-1950. Geschichte, Alltag und Kultur" (1984, S. 82-86) breit behandelt. Die Kunsthistorikerin Annelotte Range ("Zwischen Max Klinger und Karl May. Studien zum zeichnerischen und malerischen Werk von Sascha Schneider", 1999, S. 3, S. 43) kritisierte Schneiders Vereinnahmung in "Eldorado", allerdings nicht die als schwuler Künstler, sondern die als Berliner Künstler, denn eine wirkliche Verbindung Schneiders mit Berlin gibt es nicht.

Auch ich wollte in meinem Buch "Anders als die Andern. Schwule und Lesben in Köln und Umgebung 1895-1918" (2006, hier als PDF auf S. 168-169) unbedingt etwas über den faszinierenden Sascha Schneider schreiben und war sehr froh, dass ich zwei Bezüge Schneiders zum Rheinland fand.

Eher unterhaltsam ist die Geschichte von Schneiders 1901 entstandenem und heute verschollenem Monumentalwerk (5 x 10 Meter) "Um die Wahrheit", das 1902 in Düsseldorf ausgestellt wurde. Nach einem Artikel in der "Rheinischen Zeitung" (12. Juli 1902, S. 2) sollen die dargestellten kämpfenden Männer auf einen Nachtwächter einen so schrecklichen Eindruck gemacht haben, dass dieser aus dem Saal floh.

Die zweite Geschichte handelt vom Kölnischen Stadtmuseum, das über Jahrzehnte nicht wusste, dass es viele Sascha-Schneider-Originale besitzt. Schneider gestaltete 1902 im neu eröffneten "Neuen Stadttheater" (spätere Bezeichnung: Opernhaus) das Foyer mit Wandgemälden. 1937/1938 wurden diese Werke entfernt, um Platz für einen Nazi-Künstler zu schaffen, wodurch Schneiders Werke vermutlich vor einer Vernichtung während des Zweiten Weltkrieges gerettet wurden. Die danach im Stadtmuseum verwahrten Gemälde konnten jahrzehntelang nicht zugeordnet werden und galten als verschollen. Erst 2007 wurden diese Gemälde von der Stadt Köln publiziert: allerdings kleinformatig, in Schwarz-Weiß und – für Schneider-Interessierte kaum recherchierbar – nur als Teil eines Gemäldebestands-Katalogs ("Kölnischer Bildersaal", 2007, S. 253-261).

Die Ausstellung im Schwulen Museum (2014)

Der deutlichste Ausdruck schwuler Rezeption in den letzten Jahren waren wohl die beiden Ausstellungen in den Jahren 2013/2014. Unter dem Titel "'Ich gehe meine eigenen Wege'. Kunst und Homoerotik um 1900" zeigte das Schwule Museum in Berlin von März bis Juni 2014 viele von Schneiders Bildern, Fotografien und Skulpturen.

Die Ausstellung war zuvor 2013 im "Leslie + Lohman Museum of Gay and Lesbian Art" in New York zu sehen. Dabei handelt es sich nach queer.de um das erste schwule Museum der Welt, das sich nicht der Geschichte, sondern der Kunst widmet. Durch diese internationale Einbindung erschienen Beiträge zur deutschen Ausstellung auch in den USA (s. "Advocate").

Insgesamt wurde die Berliner Ausstellung breit und positiv aufgenommen. Der Feuilleton-Redakteur Tilman Krause schrieb in seinem Artikel "Schwule Kunst. Winnetou auf hoher Klippe beim Lichtgebet" ("Die Welt", 6. Juni 2014) davon, dass Schneider "einer der ersten selbstbewusst homosexuellen Künstler" gewesen sei und nun wiederentdeckt werde. Für "die Neuauflage des 'Winnetou' entwarf er einen Indianer, der wie ein Engel zum Licht schwebt, eine Antwort auf das berühmte 'Lichtgebet' von Fidus, das um 1910 jeder kannte. [….] Lebensreform, Erziehung des Menschengeschlechts, das war für Sascha Schneider vor allem anderen Homosexualität als geistige Lebensform, als Körperkult, als Schule der Ästhetik."

Für den Literaturwissenschaftler und Blogger Torsten Flüh in seinem Artikel zur Ausstellung ("Karl Mays nackte Männer", in: "Night out @ Berlin", 2014) war der Titel der New Yorker Ausstellung "Nude in Public: Sascha Schneider, Homoeroticism and the Male Form circa 1900" besser "als der ein wenig umständliche deutsche Titel", weil "nackt" mehr Zuschauer anspreche. Für den Kunsthistoriker Thomas W. Kuhn in der Zeitschrift "Kunstforum" (2014) war "die Ausstellung an sich Teil eines kulturellen Emanzipationsprozesses einer lange Zeit diffamierten und teils kriminalisierten Gruppe der Gesellschaft". Eigentlich sind diese zwei Ausstellungen Ausdruck für beides: Sie sind Teil eines Emanzipationsprozesses und dokumentieren ihn gleichzeitig.

Weitere Bücher über Schneider

Unter den vielen neueren Publikationen zu Sascha Schneider bin ich vor allem beeindruckt von Christiane Starcks Buch "Sascha Schneider. Ein Künstler des deutschen Symbolismus" (2016, zum großen Teil online), das neben Bildern und einer DVD auch gute analysierende Texte bietet. In zwei Kapiteln beschäftigt sich die Autorin ausführlich und unverkrampft mit Schneiders Homosexualität und beschreibt sein Leben im Kontext der Zeit und der Gesellschaft.

Im Kapitel "Soziales Umfeld: Homosexualität und Gesellschaft" (S. 136-148) stellt sie zunächst einmal fest, dass das künstlerische Schaffen Schneiders von seiner Sexualität nicht zu trennen ist. Aus einem seiner Briefe an seinen Freund Kuno Graf von Hardenberg wird deutlich, dass er wohl die Schriften von Karl Heinrich Ulrichs kannte, weil er hier das Wort "Urning" verwendet. Aus dem italienischen Exil schrieb er über das gemeinsame Leben mit seinem ehemaligen Schüler Robert Spies, dem die in Italien herrschenden Freiheiten offenbar "etwas zu Kopf gestiegen" seien: "Das geht nicht, dass Bob das Leben eines echten Urnings zum Scandale unseres teueren Vaterlandes in den obscursten Hotels […] spielt." Nach Starck kannte Schneider vermutlich auch Magnus Hirschfelds Schriften, weil er "in ähnlicher Wortwahl von seiner eigenen Homosexualität als seiner 'Naturanlage'" schrieb, auch wenn er "beispielsweise den Namen Hirschfeld oder die Titel seiner Publikationen nie in seinen Schriften erwähnte".

Das Kapitel "Schneiders Leben als Homosexueller" (S. 148-160) beginnt Starck mit der Feststellung: "Die Homosexualität Schneiders war auch zu seinen Lebzeiten eine nur oberflächlich kaschierte Tatsache." Schneider war zwar nie Teil einer homosexuellen Emanzipationsbewegung und hat sich nie öffentlich über seine Homosexualität geäußert, aber den eigenen Freunden teilte er sie mit, wie in dem schon oben wiedergegebenen Briefwechsel mit Karl May.

Ist die Karl-May-Stiftung homophob?

Vor einigen Monaten titelte queer.de "Karl-May-Stiftung homophob?" (11. Mai 2020) und berichtete darüber, dass Christian Wacker als Chef des Karl-May-Museums in Radebeul entnervt hingeworfen habe, u a. weil ihm der Stiftungsvorstand untersagt habe, Karl May mit "Schwulengeschichten in Verbindung" zu bringen. Dabei ging es um einen Artikel einer Professorin für das Magazin des Museums, der abgelehnt wurde, weil er "dem Gerücht, May sei homosexuell gewesen, neue Nahrung geben" könne.

Ich habe daraufhin mit Kevin Sternitzke, im Karl-May-Museum für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig, Kontakt aufgenommen. Er teilte mir mit, dass der damalige Vorstand der Stiftung inzwischen abgewählt wurde und dass der umstrittene Artikel in der neuen Zeitschrift "Karl May Museum. Magazin" doch noch erscheinen konnte (s u.). Sternitzke weiter: "Das gesamte Team des Karl May Museums positioniert sich ganz klar gegen Rassismus, Homophobie und Transfeindlichkeit."

Mit der Abwahl des früheren Vorstandes, dem Abdruck des Artikels und dieser Positionierung kann man der aktuellen Karl-May-Stiftung keine Homophobie mehr vorwerfen. Beim Lesen im oben genannten Magazin hatte ich auch ansonsten nicht das Gefühl, dass die Stiftung Themen ausweicht, die als schwierig angesehen werden (z.B. eine Kritik an geschminkten Weißen, die in Karl-May-Filmen der Sechzigerjahre Indianer verkörperten). Es ist zwar schade, dass weder das Karl May Museum noch der Karl-May-Verlag eine eigene Veranstaltung oder Publikationen zu Schneiders 150. Geburtstag geplant bzw. durchgeführt haben. Dies muss jedoch auch vor dem Hintergrund von Corona, dem Stellenwert Schneiders neben Karl May und dem Interesse an Sascha Schneider gesehen werden. Die Verlagspreise ab 3 Euro für Publikationen über Schneider sind eher ein Indiz dafür, dass sich Bücher über Schneider nicht besonders gut verkaufen lassen.

War Karl May homosexuell?

Von Kevin Sternitzke wurde mir freundlicherweise der umstrittene Artikel "The Great Pretender[s]" aus der Zeitschrift "Karl May Museum. Magazin" (Jg. 2020, Heft 1, S. 19-29) von A. Dana Weber zur Verfügung gestellt. Die Autorin geht hier darauf ein, dass Mays Texte "häufig Gender-Rollenspiele" enthielten, auch wenn diese von May gar nicht beabsichtigt worden seien: "Die Helden küssen, umarmen und blicken sich liebevoll an" – manchmal schwärmten sie auch von wallendem Haar und dunklen Samtaugen.

Weber verweist auch auf einzelne Autoren und Sekundärliteratur, die sich – wie u. a. Arno Schmidt – mit den Themen Gender und Homosexualität in Mays Werk auseinandersetzen. So beschreibt der Literaturwissenschaftler Frank Degler die "Oszillation zwischen vordergründig heterosexueller Männlichkeit und homoerotischer Anziehung", während Rudi Schweikert illustriert, wie Mays Ich-Erzähler "sich selbst homosexuelle Erkennungsmerkmale zuschreibt", etwa durch das Pseudonym "Sappho".

Für Weber selbst kann die "quasi-eheliche Beziehung" der beiden Freunde Dick Hammerdull und Pitt Holbers aus "Old Surehand" als "aussagekräftigstes Beispiel für eine Schilderung kaum verschleierter Homosexualität gelesen werden". Hammerdull betont ausdrücklich, dass er Holbers – als Frau – "augenblicklich heiraten" würde. Zu Recht betont die Autorin, dass es sich dabei nur um komödiantische Elemente handelt, dass diese allerdings auch ziemlich derb ausfallen können. Auf die Frage von Dick "Welches Instrument kannst du denn blasen?" bekommt er von Pitt die Antwort: "Die längste Posaune von Jericho".

Vor dem Hintergrund von Karl Mays Popularität sind diese Textpassagen spannend, auch wenn es für mich vollkommen unklar bleibt, warum diese Texte – die so unverfänglich sind wie "Charleys Tante" – "dem Gerücht, May sei homosexuell gewesen, neue Nahrung geben" könnten.


Beispiel von "kaum verschleierter Homosexualität": Die literarischen Figuren Dick Hammerdull und Pitt Holbers auf einer Medaille

Den bekanntesten Versuch, in den Reiseerzählungen Mays Hinweise auf Homosexualität nachzuweisen, unternahm der Schriftsteller Arno Schmidt mit seinem Buch "Sitara und der Weg dorthin. Eine Studie über Wesen, Werk und Wirkung Karl Mays" (1963). Hier verweist er auf angeblich sexuelle bzw. phallische Symbolik (in jedem "Kanal" sieht Schmidt "anal"), die liebevolle Darstellung einzelner Männer, einzelne Transvestiten-Figuren und auch auf Sascha Schneiders Illustrationen. Seine Thesen fanden weite Beachtung, aber nur wenig Zustimmung. Arno Schmidts Publikation soll einen großen Einfluss auf filmische Interpretationen wie Michael Herbigs Film "Der Schuh des Manitu" (2001) ausgeübt haben, was ich bezweifele.

In seiner Zeitschrift "Capri. Zeitschrift für schwule Geschichte" (Nr. 45, Oktober 2011, S. 1-5) widmet sich Manfred Herzer recht ausführlich Arno Schmidts gewagten Thesen, der glaubte, in Ortsnamen wie "Port Said" und "Bosporus" den Po eines Mannes entdecken zu können. Nach Herzer wollte Schmidt unbedingt beweisen, dass Karl May auch "praktizierender Schwuler" gewesen sei, womit die "literarische Produktion eine Art Ersatzhandlung für handfesten Männersex" wäre.

Herzer kann sich "nicht recht vorstellen, dass Schmidt die Dürftigkeit seines Beweisverfahrens nicht selbst gesehen hat", und versucht daher für Schmidts absurde Theorien Erklärungen zu finden. Einige Autoren vermuteten "einen Privatkrieg Schmidts gegen dem Bamberger Karl-May-Verlag", dem er die "Fälschung der Urtexte vorwarf". Herzer bringt "Schmidts Entdeckung der Homosexualität als literarisches Sujet beim hassgeliebten May" mit dem gesellschaftlichen Klima am Anfang der Sechzigerjahre in Verbindung. (Dabei hatte die Sexwelle 1963 noch gar nicht richtig angefangen und Werke wie der Kinsey-Report und die Romane von Jean Genet waren nur Vorläufer.) Wie Arno Schmidt bei Karl May auf dem Analverkehr herumreitet, erinnert Herzer daran, wie dies auch schon Heinrich Heine in "Die Bäder von Lucca" bei August Graf von Platen versucht habe – ohne dabei allerdings das sprachliche Niveau Heines zu erreichen.

Der österreichische Autor Josef Winkler geht in seinem Buch "Winnetou, Abel und ich" sogar von einer homosexuellen Beziehung zwischen Schneider und May aus und verweist darauf, dass sich in der Erstausgabe von "Winnetou II" Winnetou von Old Shatterhand mit einem Kuss auf die Wange verabschieden, während sie sich in späteren Ausgaben nur noch die Hand geben (hier wiedergegeben nach einer Rezension des Buches im ORF vom 20. August 2014).

Mit einer homoerotischen Beziehung zwischen Schneider und May spielt auch Hans-Jürgen Syberbergs Biopic "Karl May" (1974, hier online: 34:20-36:40 Min.). Darin wird May in Schneiders Galerie gezeigt, wo er zu Schneider angesichts von dessen homoerotischen Cover-Entwürfen sagt: "So wie Sie hat mich noch keiner erkannt." Anschließend ist Schneider über die innige Umarmung Mays irritiert – und nicht umgekehrt. Aus dem Off ist kurz danach Schneider mit dem Satz "Ich gehe meine eigenen Wege" zu hören, das im Kontext eines verbrieften Zitats im homosexuellen Zusammenhang zu sehen ist.

Erwähnen kann man auch noch ein Foto, auf dem Schneider und May händchenhaltend zu sehen sind, das aber bestimmt nicht entstanden wäre, wenn es damals mit Homosexualität assoziiert worden wäre. Ich halte die Homosexualität von Karl May für eher unwahrscheinlich, was auch von den Historikern geteilt wird, die nicht in dem Rufe stehen, unbedingt die Ehre von Karl May retten zu wollen.


Sascha Schneider und Karl May händchenhaltend

Ist Sascha Schneider heute politisch nicht mehr korrekt?

Die Kunsthistorikerin Silke Opitz ist in ihrer Bewertung von Sascha Schneider offen und ehrlich: In ihrem Aufsatz "Sascha Schneider – Ideenmaler und Körperbildner" (in: "Invertito", Jg. 2014, S. 153-165) kommt sie zu dem Schluss, dass sein "künstlerisches Gesamtwerk nach wie vor weder als überragend noch als avantgardistisch gelten" könne. Sie stellt zu Recht fest, dass die heutige Bewertung seiner Kunst nicht aus neutraler Perspektive erfolgen kann, sondern immer auch vom aktuellen Standpunkt abhängig ist. Vom heutigen gesellschaftlichen Standpunkt aus erscheint Schneiders selbstbewusst gelebte Homosexualität als besonders interessant, während sie ihm früher das Leben schwer gemacht hat. Opitz' Vergleich von Sascha Schneiders Kunst mit der von Leni Riefenstahl verdeutlicht, dass die Ästhetisierung männlicher Schönheit nicht automatisch etwas Positives sein muss. Sie betont, dass in Schneiders Kunst alte/kranke Menschen und auch selbstbewusste Frauen keinen Platz haben: "Als selbstbewusster Homosexueller betraf sein unbestritten mutiger, emanzipatorischer Ansatz ausschließlich das Dasein des Mannes, den er als […] 'Krone der Schöpfung' nicht in Frage stellte, im Gegenteil."

Vielleicht sind Opitz' Äußerungen ein Vorverweis darauf, wie sich die Einstellungen zu Schneiders Kunst zukünftig noch verändern können. Vielleicht lehnen wir in einigen Jahren die Kunst von Sascha Schneider ab, weil er in narzisstischer Weise nur dem gut gebauten männlichen Körper huldigte, was die Menschen – so die Autorin – nicht ins Sportstudio, sondern nur zum Schönheitschirurgen treibe. Man kann zu der Bewertung kommen, dass Schneider mit seiner Kunst mit dazu beitrug, Frauen, Behinderte, Alte und trans Menschen unsichtbar zu machen. Muss man aber nicht.

Was bleibt


Karl May: "Der Schut" mit einem Cover von Sascha Schneider

Sascha Schneiders Kunst lässt sich nicht von seiner Sexualität trennen. Es geht den meisten Historikern heute nicht darum, ob Schneider die Männer gut oder schlecht gezeichnet hat, sondern darum, wie Schneider wohl gedacht, gefühlt und geliebt hat. Sein Leben ist offen für Interpretationen und vieles muss spekulativ bleiben. Seine besondere Sehnsucht nach männlicher Kraft wollen einige Historiker damit erklären, dass Homosexualität zu Schneiders Zeit als verweichlicht, feminin und schwach galt.

Mit der Veränderung der Bedeutung von Homosexualität wird sich der Blick auf Schneider vermutlich weiter verändern. Vielleicht lässt sich dieser Blick in den nächsten Jahren noch erweitern. Viele seiner Kunstwerke gelten als verschollen, ebenso wie die Karl-May-Filme "Die Todeskarawane" (1920), bei dem Sascha Schneider die künstlerische Leitung hatte, und "Teufelsanbeter" (1921), an dem Schneider (in nicht genau bekannter Funktion) beteiligt war. Es ist nicht ausgeschlossen, dass diese Filme irgendwann in Archiven gefunden und Schneider zugeordnet werden können.

Der Umgang mit Sascha Schneiders Homosexualität ist in den heutigen Medien sehr positiv und reflektierend. Bei der Recherche zu diesem Artikel habe ich nur einen Artikel gefunden, der aus diesem Rahmen fällt. Die Dresdner regionale Kulturzeitschrift "Elbhang Kurier" (2012) behauptete hinsichtlich eines lokal bekannten Sammlers, dass dieser "wahrscheinlich mitleidig den Kopf geschüttelt [hätte], wenn seine diesbezügliche [Schneider-]Sammlung als 'Homosexuellenkunst' apostrophiert worden wäre. Vielleicht tut sich jetzt, weil es gerade schick ist, eine neue Sparte für den Kunstmarkt auf?" Unangenehm ist an diesem Artikel nicht nur die Überheblichkeit und das Negieren einer identitätsstiftenden "schwulen Kunst", sondern vor allem die dumme Annahme, dass man schwul ist, weil es "gerade schick" sei.

Schneiders Rezeption lässt sich kaum von seinem freundschaftlichen Kontakt zum prominenteren Karl May trennen. Sie scheinen ein recht ähnliches Männerbild gehabt zu haben, weil es ansonsten nie zu den von May in Auftrag gegebenen und bis heute gewagten Buchcovern Schneiders gekommen wäre. Bis heute können diese Cover auch als Ausdruck des Mutes angesehen werden, gesellschaftliche Konventionen zu durchbrechen. In einem MDR-Beitrag (23. Februar 2017) wurde in Bezug auf Karl May etwas betont, was ebenso auf seinen Freund Sascha Schneider zutrifft: Was von diesem Werk "bleibt, ist der Mut zu zügelloser Phantasie".



#1 JandreasAnonym
  • 20.09.2020, 07:45h
  • Sehr guter, klug recherchierter Artikel. Ich teile die Auffassung bzgl. Arno Schmidts Aussagen zu Karl Mays Orientierung. Diese sind nicht haltbar, wenn man sich mit dem Gesamtwerk befasst. Karl May war nicht frei von Aussagen, die durchaus kritisch betrachtet werden müssen, aber die Überinterpretation seiner Abenteuerromane (bzw. Reisebeschreibungen, wie er das Genre eher sah) vergisst, dass sie im Aufbau, Konstrukt und der Konstellation seiner Protagonisten durchaus zeittypisch waren und den Massengeschmack trafen und fortlaufend auch treffen wollten. Hier versteckte Botschaften zu sehen und zu finden, ist nicht zielführend und die falsche Herangehensweise. Nicht das Ergebnis muss im Nachhinein bewiesen werden, sondern die Recherche muss ergebnisoffen sein. - Danke für die wohl überlegten Worte und die Einführung in das Werk des Künstlers.
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#2 goddamn liberalAnonym
#3 Ralph
  • 20.09.2020, 11:35h
  • Ich finde die Geschichte jener Bilder aus dem Kölner Theater besonders interessant. Sie wurden von den Nazis abgehängt. Ich kenne mich in Köln nicht aus, aber es ist doch wohl anzunehmen, dass die Stadt auch heute ein Theater besitzt. Weshalb werden die Bilder nicht wieder in dieses Gebäude integriert? Weil sie den Nazis nicht gefallen haben? Eines von vielen typischen Beispielen, wie der Kunst- und Architekturgeschmack der Nazis auch über Jahrzehnte hinweg noch immer die deutsche Kultur prägen.

    Den Vergleich, wenn nicht die Gleichsetzung eines von den Nazis verfemten Künstlers mit Hitlers Propagandafilmerin kann ich nur als skandalös empfinden.
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#4 LarsAnonym
  • 20.09.2020, 11:56h
  • Antwort auf #3 von Ralph
  • Der Körperkult nach der Jahrhundertwende um 1900 hat viele Künstler beeinflusst, von denen später einige mit den Nazis geliebäugelt haben, (andere nicht). Und natürlich hat der Männlichkeitskult der Nazis zusammen mit einem unrealistischen Bild von ewiger Stärke, Jugend und Kraft auch auch schwule Männer angezogen.

    Übertriebenen Körperkult und -inszenierung sollte man deshalb auch immer kritisch sehen, auch heute, wo die Werbung einen großen Druck auf junge Menschen macht, scheinbar perfekt auszusehen. Oder denkst du, dass Werbefotografen sich nie etwas an der Ästhetik einer Riefenstahl abguckt haben?
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#5 Girlygirl
  • 20.09.2020, 15:54h
  • Antwort auf #3 von Ralph
  • Man muss Kunst immer im Kontext der Zeitgeschichte verstehen und wenn es Parallelen zwischen seiner Kunst und der Hitler Propaganda gab, ist es berechtigt dies auch anzusprechen. Körperkult/Männlichkeitskult ist natürlich weder eine Erfindung der Nazis noch der Schwulen; es ist ein natürliches Produkt des Patriarchats. Es geht also nicht darum, ob Schneider die gleichen Muskelmänner verehrt hat wie die Nazis, sondern was für Werte er selbst vertrat. Dass seine Kunst verboten wurde (auch schon vor den Nazis), sagt ja rein gar nichts über seine eigene Haltung aus. Er hat vielleicht offen seine Homosexualität ausgelebt, aber gleichzeitig auch die Frauenfeindlichkeit der Nazis geteilt. Ihn jetzt als Nazi darzustellen wäre sicher nicht richtig und seine Bilder sollte man auch ausstellen. Aber gerade Kritik auch aus feministischer Sicht finde ich richtig und auch interessant.
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#6 goddamn liberalAnonym
  • 20.09.2020, 16:39h
  • Antwort auf #5 von Girlygirl
  • "Dass seine Kunst verboten wurde (auch schon vor den Nazis), sagt ja rein gar nichts über seine eigene Haltung aus."

    Eine steile These.

    Auf Emil Nolde kann sie sicher zutreffen, weil seine Bildwelten als 'entartet' galten, obwohl er sich als Person den Nazis andiente.

    Bei Schneider waren die Artefakte zu offensichtlich schwul, also als Bildwelten schon subversiv.

    Als Person war Schneider dann durch sein Bekenntnis zur Homosexualität zusätzlich politisch subversiv.

    Er war ja auch eine Art homosexueller Exilant in Italien wg. des Par. 175.

    Feministische Kritik wg. Männerbündelei ist sicher berechtigt.

    Wenn sie nicht selbstgerecht wird und auch die unterschiedliche Rechtslage für schwule Männer und lesbische Frauen berücksichtigt.

    Feministische Kritik
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#7 Girlygirl
  • 20.09.2020, 19:17h
  • Antwort auf #6 von goddamn liberal
  • Die unterschiedliche Behandlung von Schwulen und Lesben ist ein Ergebnis des Patriarchats und Männlichkeitskults. Frauen hatten sich dem Mann unterzuordnen und welche sexuelle Orientierung sie hatten spielte keine Rolle, da sie als passive Wesen galten, deren Ziel es sein sollte einen Mann zu heiraten und seine Bedürfnisse zu erfüllen. Jahrhundertelang (und teilweise noch bis heute) hat man Frauen zu Scham, Unterdrückung und Passivität im Hinblick auf Sexualität erzogen. Aber darum ging es mir gar nicht. Mir ging es lediglich darum die Kritik von Fr. Opitz nicht sofort als albern abzutun und zumindest ihren Gedankengang nachzuvollziehen.
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#8 goddamn liberalAnonym
  • 20.09.2020, 20:50h
  • Antwort auf #7 von Girlygirl
  • Alles hat eine Ursache.

    Ob man/frau aber im Kerker landet oder eben nicht, ist für die Lebensplanung nicht ganz unerheblich. Empathie ist die Basis von Solidarität.

    Dass eine kritische Betrachtung Schneiders sinnvoll ist, will ich nicht bestreiten. Der Riefenstahl-Vergleich ist aber infam.
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#9 LarsAnonym
  • 20.09.2020, 21:58h
  • Antwort auf #8 von goddamn liberal
  • Der Riefenstahl-Vergleich ist keineswegs "infam". Wer sich mit Kunstgeschichte auskennt, weiß, dass die Reifenstahl-Ästhetik und die Schneider-Ästhetik mit dem Symbolismus und auch der Jugendstilästhetik eine gemeinsame Wurzel haben. Wie eine Ästhetik genutzt und rezipiert wird, ist unterschiedlich, lohnt sich aber zu hinterfragen.

    Genauso lohnt sich zu analysieren, wie, die unzähligen Karl-May-Leser seine Romane von völkerverbindend bis rassistisch, christlich bis neuheidnisch, homophob bis latent homoerotisch gelesen und interpretiert haben.

    Wer einfach nur zu den "Guten"gehören möchte und unantastbare Ikonen schaffen will, ist in der Kunstgeschichte fehl am Platze. Denn das ist Wissenschaft und keine Heldenverehrung.
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#10 goddamn liberalAnonym