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Witze auf Kosten von Minderheiten

Erkan und Stefan: "Heute sagen wir nicht mehr schwul"

Vor ein paar Jahren noch lustig und heute problematisch? Immer mehr Comedians setzen sich kritisch mit früheren rassistischen oder homofeindlichen Gags auseinander.


Erkan und Stefan geben sich selbstkritisch. Das Komikerduo, besteht aus den unter Pseudonym auftretenden deutschen Komikern John Friedmann aus München und Florian Simbeck aus Ingolstadt (Bild: Promo)
  • Von Gregor Tholl, dpa
    26. September 2020, 14:27h, 3 Kommentare

Die Comedians Bernhard Hoëcker und Kaya Yanar gehen mit eigenen früheren Sketchen hart ins Gericht. "Natürlich war auch schon 2006 das Blackfacing nicht in Ordnung, deshalb ist es durchaus eine Frage, kann man sich diese Sachen von früher mit dem Wissen von heute völlig unbedarft ansehen", sagt Hoëcker (50) in der neuen Show "Walulis Woche", die für Sonntag im Programm des SWR Fernsehens stand und seit Donnerstag in der ARD-Mediathek abrufbar ist. "Eine Möglichkeit wäre: Wir löschen das Ganze. Aber dann gibt es keinen Grund mehr, darüber nachzudenken. Aber genau das ist es, was Comedy, was Parodie, was Unterhaltung auch soll – das Gehirn anregen."

Hoëcker bezieht sich auf eine Aktion in der ProSieben-Sendung "Switch reloaded" mit Michael Kessler als Florian Silbereisen und Hoëcker als Rapper 50Cent – schwarz geschminkt. Darin fallen auch rassistische Begriffe. Von Blackfacing spricht man, wenn sich weiße Menschen schminken, um schwarze Menschen stereotyp darzustellen und die Hautfarbe zu einer Verkleidung degradieren.

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Das Anderssein war oftmals der einzige Witz

Auch Kaya Yanar geht kritisch auf Sketche ein, in denen er sich schwarz oder dunkel schminkte. "Diese ganze Diskussion, die finde ich großartig. Die zwingt uns Komiker dazu, zu reflektieren. Und 20 Jahre später zu sagen: Hey, was du damals gemacht hast, das geht nicht mehr", sagt Yanar (47) in der SWR-Sendung. "Es ist natürlich einfach, eine einzelne Person anzugreifen, aber eigentlich müsste man den ganzen Zeitgeist, der damals herrschte, angreifen, was natürlich viel schwieriger ist."

Die Sendung "Warum Comedy-Helden jetzt gelöscht werden sollen" aus der neuen Showreihe "Walulis Woche" mit Philipp Walulis (40) zeigt auch frühere problematische Darstellungen von Oliver Pocher, Oliver Kalkofe, Bastian Pastewka und Anke Engelke, in denen oftmals der einzige Witz der Akzent, das Aussehen oder eben das Anderssein ist – also kein weißer Deutscher zu sein.

Zwischen "Cancel Culture" und "Humor darf alles"

Engelke hatte vor zwei Wochen in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" gesagt: "Blackfacing, Yellowfacing – einige Parodien würde ich nicht mehr machen." Heute würde sie diese Rollen anders angehen, immer abchecken, ob Menschen betroffen seien, die struktureller Ausgrenzung oder Rassismus ausgesetzt seien. "Ich finde es gut, wenn wir heute ein anderes Bewusstsein haben."

Die neue SWR-Sendung reflektiert das Thema ausführlich zwischen den Extrempolen "Cancel Culture" (alles löschen und verbannen) und "Humor darf alles" (Verharmlosung) und erklärt zum Beispiel auch den oft vernachlässigten Unterschied zwischen Thema und Ziel eines Witzes – also ob Rassismus beispielsweise nur als Lacher dient oder aber entlarvt wird.

Selbstkritik von Erkan und Stefan

Auch die Neunzigerjahre-Comedians Erkan und Stefan kritisieren sich selbst. Sie sagen: "Wir haben damals mal öfter das Wörtchen schwul verwendet für Dinge, die uncool waren oder die uns nicht männlich genug waren. Das würden wir heutzutage natürlich nicht mehr so tun. Heute sagen wir nicht mehr schwul, sondern etwas viel Differenzierteres: nicht schwul, sondern vegan."

Moderator Walulis sagte in einem "DWDL.de"-Interview, er habe "festgestellt, dass wenn ich eine Diskussion über etwas anregen will, es nicht zielführend ist, den Leuten die eigene Meinung als einzig wahre entgegenzuschreien und dann im Zweifel alle Kritiker ans heilige Twitter-Kreuz der reinen Lehre zu nageln. Da machen die Leute innerlich sofort zu und es kommt kein Gespräch oder Nachdenken zustande."



#1 FuchsiAnonym
  • 26.09.2020, 23:44h
  • Ich fand es immer okay.
    Es wurde zwar immer "schwul alta" oder sowas gesagt, aber ich habe nie Probleme damit gehabt. Ich bin mir meiner Homosexualität bewusst, ich sag es aus humor sogar selbst. Die Comedy und satire darf alles, weil es ein wichtiges Licht auf die Probleme in unserer Gesellschaft wirft, wodurch wir damit lernen, besser umzugehen. Ich habe mir damals sehr viel comedy angeschaut und bin der Meinung, dass sie sehr viel wert hat. Wenn Erkan und Stefan nicht mehr "schwul" sagen, wird auch das Gute darin verteufelt.

    Denkt selbst darüber nach, wie viel zensur wirklich gut tut. Ich beobachte die Entwicklungen zurZeit mit Sorge, und würde denen allen mal ins Gewissen reden, auch denen, die sich genau wegen der alten Comedy empören. Ich liebe Erkan und Stefan, und ich weiß, sie lieben auch mich.
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#2 KindAnonym
  • 27.09.2020, 09:57h
  • Antwort auf #1 von Fuchsi
  • Darf ich fragen wie alt und gefestigt du in deiner Identität warst als du diese Inhalte konsumiert hast? Ich war ein Kind und ich glaube es sind Inhalte wie diese, die mitursächlich dafür waren, dass ich erst spät Frieden mit meiner Sexualität fand. Wo wurde denn damals in der Medienwelt ein anderes, vielfältiges Bild von schwulen Männern gezeichnet? Ich als Kind kannte nur Herbig, Pochen und Co. und die Message war immer die gleiche: der Schwule als Lachnumer.
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#3 Girlygirl
  • 27.09.2020, 16:14h
  • Antwort auf #2 von Kind
  • Ich gebe dir zu 100% Recht. Ich war sogar erst Anfang der 2000er Jahre ein Kind, aber groß geworden bin ich mit Anke Engelkes (die ich eigentlich sehr mag) "Kampflesben" Imitat, Bully Herbigs "Tunten" und Stefan Raabs (und diversen anderen Comedians) "Popo Witzen". Es geht ja nicht darum diese Leute zu verteufeln, sondern anzuerkennen, was für ein merkwürdiges Verhältnis Deutschland mit Homosexuellen hatte oder immer noch hat. Aus irgendeinem Grund ist Homosexualität für Heterosexuelle unheimlich witzig. Und die Witze sind ja nicht mal kreativ, sondern sie beinhalten immer, dass Schwule feminin seien (=lustig, haha), es mit jedem Mann treiben wollen, Analsex haben (=noch viel lustiger) und Lesben unsympathische Mannsweiber seien. Das Phänomen Homosexuell=lustig hat Johannes Kram in seinem Buch "Ich bin ja nicht schwul, aber" erklärt. Ich empfehle jedem das mal zu lesen, es ist sehr interessant.
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