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"Wir sind nun einmal anders als die Andern"

Eine Homo-Hymne wird 100

Vor 100 Jahren – im September 1920 – erschien das "Lila Lied". Diese Hymne der frühen Homosexuellenbewegung wird bis heute gehört, gesungen und gefeiert. Vollkommen zu Recht!


Ausschnitt aus einer mit lila Farbakzenten versehenen Werbung für das "Lila Lied"
  • Von Erwin In het Panhuis
    27. September 2020, 06:57h, 10 Kommentare

Der Komponist Mischa Spoliansky (1898-1985)

Die Situation in den ersten Jahren nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sorgte auch bei den Schwulen und Lesben in Deutschland für eine Aufbruchstimmung, und obwohl der § 175 immer noch wie ein Damoklesschwert über den Schwulen hing, konnte sich reichsweit – aber vor allem in Berlin – eine homosexuelle Szene mit Verbänden und Kneipen etablieren bzw. vergrößern. In Berlin gründete Magnus Hirschfeld 1919 das Institut für Sexualwissenschaft. Im gleichen Jahr produzierte der Regisseur Richard Oswald mit "Anders als die Andern" unter der wissenschaftlichen Mitarbeit Magnus Hirschfelds den ersten deutschen Kinofilm, der sich mit Homosexualität auseinandersetzte. Das "Lila Lied" von 1920 ist ein weiteres wichtiges Zeitdokument aus den Anfangsjahren. Es ist erstaunlich anachronistisch, weil es darin – auch im Gegensatz zum genannten Film – weniger um Selbstmitleid und Diskriminierung, sondern eher um Fröhlichkeit und Selbstbewusstsein geht.

Mischa Spoliansky (Musik) und Kurt Schwabach (Text)

Mischa Spoliansky (1898-1985) komponierte das Lied unter dem Pseudonym "Arno Billing". Er entwickelte sich später zu einem der erfolgreichsten Kabarett- und Revuekomponisten der Weimarer Republik. Wegen seiner jüdischen Herkunft muss Spoliansky 1933 nach England fliehen, wo er 1985 starb.

Den Text für das "Lila Lied" schrieb Kurt Schwabach (1898-1966), der bis zum Ende der 1950er Jahre viele populäre Schlager unter anderem für Evelyn Künneke, Zarah Leander und Freddy Quinn verfasste. Ähnlich wie Spoliansky war auch er zu diesem Zeitpunkt noch ein recht unbekannter Künstler und zeitgleich mit dem "Lila Lied" begann auch für ihn eine große Karriere.

Beide Männer versahen die verkauften Noten mit der aussagekräftigen Widmung: "Dem unermüdlichen Forscher und Freund Herrn Sanitätsrat Dr. Magnus Hirschfeld zugeeignet." Auch wenn schon der Liedtext keine Zweifel an der homosexuellen emanzipatorischen Bedeutung lässt, wird diese durch die Widmung noch einmal unterstrichen. Magnus Hirschfeld war die wichtigste Person der ersten Homosexuellenbewegung und die Bezeichnung "Forscher" bezog sich auf Hirschfelds Forschungen über Homosexualität. Bei beiden Männern ist das "Lila Lied" der einzige erkennbar homosexuelle Anknüpfungspunkt. Obwohl der Text eine Innen- und keine Außenperspektive widerspiegelt, kann man heute davon ausgehen, dass beide Männer selbst nicht homosexuell waren.


Werbung für die Noten mit dem Text

Die Noten mit dem Text

Die Klaviernoten mit dem Text erschienen im Herbst 1920 im Verlag von Carl Schultz. Weil im selben Verlag auch die Homosexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" erschien (zu dieser Zeitschrift s.a. queer.de), verwundert es nicht, dass in dieser Zeitschrift Werbung für die Noten erschien. Anhand von zwei Werbeanzeigen von 1920 lässt sich die Erstveröffentlichung noch etwas genauer datieren. In Heft 39 der "Freundschaft" heißt es, dass die Noten in "den nächsten Tagen" erscheinen würden, und im Heft 41, dass sie nun erschienen seien, woraus sich durch Berechnung der Kalenderwochen eine Veröffentlichung in der zweiten September-Hälfte 1920 ergibt. Der Erfolg der Noten war so groß, dass im Dezember 1920 schon die fünfte Auflage in Farbdruck und preisreduziert erschien.

Die Musikwissenschaftlerin Friederike Wißmann ist eine der wenigen, die sich auch damit auseinandergesetzt hat, inwiefern Text und Musik des "Lila Liedes" harmonieren. Sie betont in ihrem Buch "Deutsche Musik" (2015, online o.S.), dass sich das Lied "durch seinen mitreißenden Charakter und natürlich wegen seiner herausragend guten musikalischen Qualität" zu einer Hymne habe entwickeln können. Musik und Text passten zusammen, denn "musikalisch kontrastiert das Lied marschartige Gleichförmigkeit mit […] extrovertierten Ausschweifungen im Gesang". Durch die musikalische Gestaltung sei hier "eine fast wörtliche Übersetzung in Musik" gelungen.


Die Noten mit der aussagekräftigen Widmung für den "Freund" Magnus Hirschfeld

Die Hintergründe zum Text

Den vollständigen Text habe ich verlinkt, möchte aber zumindest den Refrain hier zitieren:

Wir sind nun einmal anders als die Andern, die nur im Gleichschritt der Moral geliebt,
neugierig erst durch tausend Wunder wandern, und für die's doch nur das Banale gibt.
Wir aber wissen nicht, wie das Gefühl ist, denn wir sind Alle and'rer Welten Kind,
wir lieben nur die lila Nacht, die schwül ist, weil wir ja anders als die Andern sind.

Bedeutsam ist die Formulierung "anders als die Andern", die offenbar auf dem Titel des weltweit ersten Homosexuellenfilms "Anders als die Andern" (1919, s. queer.de) fußte, der ein Jahr zuvor erschienen war und ebenfalls in enger Verbindung mit Magnus Hirschfeld steht. Die Formulierung wirkte – auch durch ihre mehrfache Verwendung im Refrain – identitätsstiftend und wurde mit "von ander'm Holz" auch sprachlich variiert. Die Verbindung zwischen Lied und Film war so groß, dass Joachim S. Hohmann in seinem Buch "Sexualforschung und -aufklärung in der Weimarer Republik" (1985, S. 60) fälschlicherweise schrieb, dass das "Lila Lied" "auf den" Film "Anders als die Andern" "geschrieben" worden sei. Seit 1919 wurde "anders als die Andern" zu einer für Jahrzehnte geltenden Chiffre für Schwul- und Lesbischsein. Einige Autoren gehen sogar davon aus, dass Formulierungen wie "andersrum" und "vom anderen Ufer" hier ihren Ursprung findet, was mir überinterpretiert erscheint.

Mit dem Titel "Lila Lied" und dem Ausdruck "lila Nacht" wird zwei Mal auf Lila als symbolische Farbe von Schwulen und Lesben Bezug genommen. Diese symbolische Zuschreibung ist in Deutschland fast nur aus den 1920er Jahren bekannt; in den USA – auch in den Variationen von Lavendel, Violett und Flieder – seit Ende der 1920er und vor allem in den 1950er und 1960er Jahren. Der Grund für diese Zuschreibung lag vermutlich darin, dass Lila – ähnlich wie in Deutschland die spätere schwulenpolitische Signalfarbe Rosa – ein Zwischenfarbton ist. Der Anglist Jody Skinner verwies in seiner Arbeit "Bezeichnungen für das Homosexuelle im Deutschen" (1999, 2. Bd., S. 210-211) darauf, dass diese Mischfarbe aus Rot und Blau "farbensinnbildlich weder kalt noch heiß" sei und als "analog zu warm" angesehen werden könne. Für Andreas Unger ist Lila im Kontext des Liedes "möglicherweise" ein "Symbol des Androgynen" ("Von Algebra bis Zucker", 2013, o. S.). An der Entwicklung zur schwul-lesbischen Signalfarbe hatte das "Lila Lied" vermutlich einen maßgeblichen Anteil.

Mit den Hinweisen auf eine "schwüle Nacht" und auf "Lust und Spiel" wird in dezenter Form auch auf Sex und Erotik Bezug genommen. Für den Historiker Stefan Micheler thematisierte das Lied "indirekt auch Sexualität und entwarf ein stark lustbetontes, freudvolles Bild" von Schwulen und Lesben. Man wolle schließlich laut Text "lieben und die schwüle lila Nacht teilen, womit […] auch eine sexuelle Begegnung […] gemeint sein dürfte" ("Selbstbilder und Fremdbilder der 'Anderen'. Eine Geschichte Männer begehrender Männer in der Weimarer Republik und der NS-Zeit", 2003, in Auszügen online, S. 177).

Die beiden zeitgenössischen Aufnahmen


Die Schallplatte mit der Orchesteraufnahme (1921)

Vom "Lila Lied" gibt es verschiedene zeitgenössische Aufnahmen, die früher auf Schellackplatten erschienen und die man sich heute auf Youtube anhören kann. Die erste Aufnahme ist beim Label "Homocord" erschienen. Kurt Schwabach singt den Refrain und wird dabei von einem unbekannten Orchester begleitet (Youtube, Aufnahme von 1. Februar 1921, Laufzeit 2:39 Min., Text ab 1:05 Min.). Diese Aufnahme wurde von einem User bei Youtube auch in einer langsameren Geschwindigkeit eingestellt (Youtube, Laufzeit: 3:03 Min., Text ab 1:17 Min.). Seiner Meinung nach wurde die Aufnahme bisher immer in einer schnelleren Geschwindigkeit abgespielt, "um der Aufnahme etwas mehr Schwung zu geben", und müsse daher – um dem Original gerecht zu werden – "etwas langsamer und tiefer" abgespielt werden.


Die Schallplatte mit dem gesungenen Refrain (1921)

Ein halbes Jahr später erschien das Lied in einer Aufnahme vom Orchester Marek Weber beim Label "Parlophon" – hier allerdings ohne Text (Youtube, Aufnahme vom 25. August 1921, 3:36 Min.). Es mutet zunächst merkwürdig an, dass es keine zeitgenössische Tonaufnahme mit dem vollständigen Text gibt. Bei populären Liedern war es jedoch üblich, dass bei Aufnahmen nur der Refrain gesungen wurde, sofern die Lieder nicht mit dem Namen eines bekannten Sängers verbunden waren. Auf eine dritte Aufnahme, eine heterosexuelle Adaption, gehe ich im nächsten Abschnitt ein.

Direktlink | Die Aufnahme vom 25. August 1921 auf Youtube

Heute werden die Originalaufnahmen des "Lila Liedes" auf vielen Tonträgern angeboten. Neben den im nächsten Kapitel genannten CDs gehören dazu auch "Wir sind, wie wir sind!" (2002) und "Die schwule Plattenkiste" (2014). Mel Gordons Buch "Sündiges Berlin" (2011) liegt eine entsprechende Audio-CD bei.

Haben uns die Heteros das Lied weggenommen?


Die heterosexuelle Version über einen One-Night-Stand (1921)

Die Melodie war so erfolgreich, dass sie noch im selben Jahr mit dem Titel "Sei meine Frau auf 24 Stunden" heterosexuell adaptiert wurde. Der Texter Richard Bars brachte mit seinem neuen Text den Wunsch eines Mannes nach einer Frau für einen Tag und "eine süße Nacht" – also einem One-Night-Stand – zum Ausdruck. Dieses neue Lied wurde mit alter Melodie vom "Orchester Dajos Béla" am 17. Dezember 1921 aufgenommen, allerdings nur instrumental und – obwohl es mehrfach online angeboten wird – nur in einer bekannten Fassung (Youtube, Aufnahme 1921, 3:55 Min.).

Auch bei gleichen Noten, wie in diesem Fall, ergeben sich durch die Aufnahme mit einem anderen Orchester leichte Unterschiede, z. B. in der Länge. Weil es bei einer instrumentalen Fassung keinen Unterschied zwischen einer homo- und heterosexuellen Version gibt, wäre es nur ein kleiner Fehler gewesen, die etwas längere "Orchester Dajos Béla"-Einspielung auf einem schwulen Sampler zu veröffentlichen. Dass diese Orchesteraufnahme aber ausdrücklich mit dem Titel "Sei meine Frau auf 24 Stunden" auf dem Sampler "Schwule Lieder – Perlen der Kleinkunst" (Label: Carinco, 2011, Disc 2, Track 14, s.a. Youtube in 3:55) veröffentlicht wurde, ist unverständlich.

Bei zwei anderen CD-Samplern (Label: Documents) hat man einfach alle drei Fassungen aufgenommen, d. h. das "Lila Lied" mit Text, das "Lila Lied" instrumental und "Sei meine Frau …" vom Orchester Dajos Béla instrumental. Gemeint sind damit die Sampler "Schwule Lieder. Perlen der Kleinkunst" (Label: Documents, 2003; hier mit der Möglichkeit reinzuhören) und "Schwule und frivole Lieder" (2013, 10 CDS; hier mit der Möglichkeit reinzuhören).

Es ist nicht belegbar, ob Schwule und Lesben früher das Gefühl hatten, mit einer heterosexuellen Adaption des Liedes würde ihnen ein Stück ihrer Kultur weggenommen. Vielleicht waren sie auch stolz, dass etwas aus der Subkultur vom Mainstream übernommen wurde. Um die neue Orchesteraufnahme zu bewerben, taucht in "Die Schaubühne" (1921, S. 331, hier Reprint nach CD-Rom von 2010) die Formulierung "(Früher Das lila Lied)" auf. Das hört sich so an, als würde es das "Lila Lied" nun nicht mehr geben und als wolle sie andeuten: "Früher schwul, jetzt heterosexuell". Ein Hinweis, dass die neue Orchesteraufnahme auch als "Lila Lied" bekannt sei, wäre passender gewesen.

Zeitgenössische Rezeption

In der Homosexuellenzeitschrift "Die Freundschaft", in der die Werbung für die Noten erschien, war das Lied auch durch Besprechungen präsent. In einem dieser Kommentare wird betont, dass das Lied die Situation Homosexueller treffend beschreibe und schon lange erforderlich gewesen sei. Weitaus spannender ist ein Leserbrief, der im selben Heft erschien und aus dem deutlich wird, dass das Lied zu einem Coming-out verhalf: Ich "zeigte […] meiner Mutter und Schwester diese Verse, die wie ein Gedicht klingen auch ohne diese eindringliche Weise seiner Melodie. Mutter und besonders meine Schwester […] gaben mir die Hand und sagten: 'Ich glaube, jetzt kann ich Dich schon verstehen.' Beide Frauen, die unserer Sache doch nur bedingt nahe stehen und deren große Liebe nun zu mir gefunden hatte, sie verstanden mich. […] Mein Gast Jan Z. sagte, wie sehr sie sich in Holland, wo es weniger Verstehen als hier gibt, so ein Bundes- und Trutzlied schon öfter ersehnt hätten." ("Die Freundschaft", Jg. 1920, Nr. 42). Ein anderer Mann lernte über das Lied seine große Liebe kennen ("Die Freundschaft", Jg. 1921, Nr. 20; zu weiteren Leserbriefen s. a. Jg. 1920, Nr. 43 und Jg. 1921, Nr. 9).

Auch in den Publikationen des Homosexuellenaktivisten Adolf Brand war das Lied präsent. Das Schweigen der Homosexuellenbewegung rund um das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) ist jedoch auffällig – auch wegen der liebevollen Widmung an Magnus Hirschfeld. Weder der Komponist noch der Texter wurden je im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" oder in Hirschfelds großer Artikel-Serie von 1922/1923 "Von einst bis jetzt" auch nur erwähnt. Auf das Lied selbst wird nur kurz eingegangen ("Mitteilungen des WHK", Nr. 32, Januar/März 1932, S. 342). Die einzige nachvollziehbare Begründung dafür ist, dass das Lied – aus der kritischen Sicht von Wissenschaftlern – als zu populär eingeschätzt wurde. Dabei muss berücksichtigt werden, dass der heute harmlos wirkende Text für einige Schwule schon "zu frivol und nicht ernst genug" war ("Die Freundschaft", Jg. 1921, Heft 9, S. 6).

Der Schauspieler und Komiker Wilhelm Bendow (1884-1950), der in "homosexuellen Kreisen als Homosexueller bekannt" war, soll das "Lila Lied" 1923 vorgetragen haben, wobei die ganze Bühne lila ausgekleidet gewesen sein soll. Diese oft wiederholte Geschichte beruht jedoch auf einem Erinnerungsfehler der Theaterdirektorin Trude Hesterberg in ihrer 1971 erschienenen Autobiographie. Vermutlich liegt eine Verwechslung vor mit einem "Rosa Lied", das um 1922 entstand, von dem aber keine Textzeile mehr erhalten zu sein scheint (Ralf Jörg Raber: Wir sind wie wir sind. Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe auf Schallplatte und CD, 2010, S. 59-63, hier S. 62). Bendow ist auf Hesterbergs Bühne manchmal als "Tante Magnesia" aufgetreten, womit er Magnus Hirschfeld persiflierte. Heute ist vor allem noch sein Sketch "Auf der Rennbahn" (1926) durch die Zeichentrick-Adaption von Loriot (1972) bekannt, wobei sich in Bendows Artikulation und Anspielungen wie "im Po" (Youtube, 1:25-1:45 Min.) homosexuelle Andeutungen erkennen lassen.

Durch Abdruck in der "Freundschaft" (Jg. 1921, Heft 9) ist auch eine Meldung aus der bürgerlichen Presse bekannt. Danach sah die "Staatsbürgerliche Zeitung" (27. Februar 1921) in dem Lied einen Beweis dafür, "wie immer ungenierter jene geschlechtlich Abwegigen in der Öffentlichkeit aufzutreten belieben und wie groß die Verseuchungsgefahr besonders für unsere Jugend geworden ist".

Das musikalische Umfeld


Die erste Schallplatte mit einem Lied zum Thema Homosexualität: "Der Hirschfeld kommt" (1908)

Ralf Jörg Raber hat mit seinem Buch "Wir sind wie wir sind. Ein Jahrhundert homosexuelle Liebe auf Schallplatte und CD" (2010) nicht nur das "Lila Lied", sondern andere Lieder gut dokumentiert, die Homosexualität thematisierten. Bis 1920 gab es nur zwei Lieder auf Schallplatten, bei denen Homosexualität das wichtigste Thema war. Beide stehen mit Magnus Hirschfeld in Verbindung.

Das erste dieser Lieder war das Couplet des Sängers und Komikers Otto Reutter "Der Hirschfeld kommt" (1908), in dessen Text sich Reutter über Hirschfeld lustig macht, der seiner Meinung nach überall etwas Homosexuelles hineininterpretiere (Youtube als Tonaufnahme). Dieser Text muss im Kontext der zeitgenössischen Harden-Eulenburg-Affäre gesehen werden, die dadurch ausgelöst wurde, dass den engsten Vertrauten des deutschen Kaisers Homosexualität vorgeworfen wurde. Mit dieser Affäre war die gesellschaftliche Stimmung gegen Homosexuelle ins Negative gekippt, was die junge Homosexuellenbewegung in ihre bis dahin schlimmste Krise stürzte. Das Lied "Der Hirschfeld kommt" ist, so Raber, "populistisch" und einem "breiten, konservativen Publikumsgeschmack verhaftet" (Raber, S. 17). Reutter machte sich mit diesem Lied über Hirschfeld lustig bzw. kritisierte ihn. Im Gegensatz dazu wurde Hirschfeld mit dem "Lila Lied" (1920) durch die Widmung geehrt.

Aus der Zeit bis 1920 sollte auch noch Hans Blädel erwähnt werden, der in seinem Lied "Neue Ofenrohrverse" (1908/1911) mit vier Zeilen nicht nur Homosexualität thematisierte, sondern erstmals in einem Lied das Wort "homosexuell" offen aussprach (Raber, S. 19, 370; Youtube: 1:50-2:05 Min.).

Zwei weitere Lieder sind gute Beispiele dafür, wie schwierig es manchmal zu bestimmen ist, ob Homosexualität gemeint ist und welche Einstellung gegenüber Schwulen und Lesben ggf. dabei vorliegt. Manchmal ist es auch nur eine Frage der persönlichen Rezeption, ob ein Lied als schwul, lesbisch oder ggf. als homophob wahrgenommen wird. Beide Lieder sind von Mischa Spoliansky, dem Komponisten des "Lila Liedes", komponiert worden, während die Texte von Marcellus Schiffer (1892-1933) stammen. Auf das erste Lied wurde ich durch die "New York Times" (16. März 1997) aufmerksam, die betonte, dass auch mit dem Lied "Wenn die beste Freundin" (1928) die Homosexualität gefeiert wird. Das halte ich für übertrieben. Weil das Lied mit dem deutschen Text (Aufnahme: Marlene Dietrich: "Wenn die beste Freundin") und dem englischen Text (Aufnahme: Ute Lemper: "When the Special Girlfriend") heute online verfügbar ist, kann sich jeder/jede selbst ein Urteil darüber erlauben. Ähnliches gilt für das gemeinsame Lied von Spoliansky und Schiffer "Maskulinum – Femininum", dessen Text zumindest offen für eine homoerotische Interpretation ist und das der Sänger Servio Tulio in einer neuen Aufnahme erkennbar "schwul" interpretiert (Aufnahme: Youtube, 2006). Ganz im Gegensatz zu Ute Lemper, die es auf Deutsch (Aufnahme: Youtube) und Englisch (Aufnahme: Youtube) sang.

Rund ein halbes Jahrhundert später – 1968 – "zitierte" der früher recht bekannte Humorist Fred Warden die Melodie des "Lila Liedes" in seiner "Schwulenverballhornung" mit dem Titel "Liebe einmal anders" (Raber, S. 27, 91-94, 375). Wardens entsprechende Schallplatte "Der fünfte Herrenabend" wird als Audio-Aufnahme nicht online angeboten. Wardens Witzchen auf anderen Schallplatten über "warme Berliner" (Youtube-Aufnahme: 14:20-15:05 Min.) und über "Mann sucht Herrn, der Dame spielen kann" (Youtube-Aufnahme: 9:20 Min.) geben jedoch schon einen guten Eindruck von seinen Altherrenwitzen.

Heutige Rezeption

Von den vielen Büchern, die sich mit dem "Lila Lied" auseinandersetzen, möchte ich noch mal auf Stefan Micheler und seine Dissertation "Selbstbilder und Fremdbilder der 'Anderen'. Eine Geschichte Männer begehrender Männer in der Weimarer Republik und der NS-Zeit" (2003, in Auszügen online) eingehen. Er zitiert den Text des "Lila Liedes" (S. 117) und geht in seinem Kapitel über "Die Konstruktion einer Gruppenidentität als positives Identifikationsangebot" auf seinen Inhalt ein (ab S. 122), denn solche Texte "betonten nicht nur eine Zusammengehörigkeit, sondern auch eine Gemeinsamkeit" bzw. die "Vorstellung einer angeborenen Veranlagung" (S. 123). "Deutlicher Ausdruck gemeinsamer Identität war die Benennung einer eigenen Gruppe", wie sie im Lied durch das "Wir" und die Formulierung "anders als die Andern" zum Ausdruck komme (S. 124-125). In der "Freundschaft" wurde das "Lila Lied" zwar mehrfach erwähnt, seine Verse wurden dort jedoch nie abgedruckt, was für Micheler "möglicherweise" damit zusammenhängen könnte, dass der Text als "zu frivol" erschien (S. 127).

Das Lied ist heute Teil der Szene. Anhaltspunkte dafür sind die mehrfache Verfügbarkeit auf heutigen Tonträgern und neuere Aufnahmen. In Trier wurde das 'Lila Lied' 2015 auf schwulen Karnevalspartys gespielt. Nach wie vor bewegt das "Lila Lied" die Menschen. Ein User schrieb: "Ich wusste vor diesem Lied nicht einmal, das [sic] Deutschland eine Hymne für die Homosexuellen hat, bis ich sie hörte! Ich war überwältigt, mein Herzschlag schlug schneller vor Freunde [sic] … Und erst Recht [sic], als ich diese Cover Version [sic; von Ute Lemper] hörte" (User auf amazon.de). Kevin Clarke schreibt in der "Welt" (6. November 2010), das berühmte Lied "I am what I am" bzw. "Ich bin, was ich bin" aus dem Musical "La cage aux folles" (1983 – popularisiert durch Gloria Gaynor) greife sprachlich auf den Satz im "Lila Lied" "Wir, hört geschwind, sind wie wir sind" zurück. Das ist möglich und spannend, wenn auch nicht belegbar.

Heutige lesbische Rezeption

Im Rahmen der lesbischen Rezeption möchte ich zwei Autorinnen hervorheben. Christiane Leidinger geht in ihrem Buch "Keine Tochter aus gutem Hause: Johanna Elberskirchen" (2008, S. 132; nahezu wort- und zeitgleich auch auf Lesbengeschichte.de) auf das "Lila Lied" ein. Sie zitiert Ruth Margarete Roellig, die in ihrem Buch "Berlins lesbische Frauen" (1928) das "Lila Lied" als Lied der "ganzen" – und damit wohl lesbischen und schwulen – Bewegung beschreibt. Nach Leidinger sperrten sich die Lesben jedoch gegen "einheitliche Sichtweisen auf homosexuelle Subkulturen". Folgerichtig interpretiert Leidinger den von der Aktivistin Selli Engler umgeschriebenen Text eines anderen Liedes mit dem Titel "Das Lied der Andern" als einen Versuch, dem lesbisch-schwulen "Lila Lied" ein eigenes lesbisches Lied entgegenzustellen.

In vielen lesbischen Geschichtsbüchern wird das "Lila Lied" kurz erwähnt. So verweisen Ilse Kokula in "Wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten!" (1987, S. 5, 6, 9; in Auszügen online), Irmgard Roebling in "Lulu, Lilith, Mona Lisa. Frauenbilder der Jahrhundertwende" (1989, S. 27) und Petra Zwaka in "Ich bin meine eigene Frauenbewegung" (1991, S. 83) auf das "Lila Lied" und auf Lila als Symbolfarbe der Lesbenbewegung. Vermutlich gehen die Autorinnen davon aus, dass es in der Farbsymbolik von Lila zwischen den 1920er Jahren und der heutigen Frauen- bzw. Lesbenbewegung keinen Unterschied gebe. Es liegt hier jedoch keine Kontinuität vor, sondern eine sich stark verändernde Farbsymbolik, wobei Schwule und Lesben früher mit lila eine gemeinsame Symbolfarbe hatten. (Wobei es auch schon in den 1920er Jahren die leichte Tendenz gab, Lila mit Lesben und Rosa mit Schwulen in Verbindung zu bringen).

Neuere Gesangsaufnahmen

Im Gegensatz zu den zeitgenössischen Aufnahmen, auf denen nur der Refrain (in schlechter Tonqualität) zu hören ist, enthalten die neuen Aufnahmen den vollständigen Text. Als Videoaufnahmen sind sie nicht nur lebendiger, sondern verdeutlichen in ihrer unterschiedlichen Machart auch unterschiedliche Interpretationen des Textes und unterschiedliche Zugänge zu diesem Lied. Für einen Vergleich bieten sich folgende Aufnahmen aus den Jahren 1996 bis 2020 an:

Die Chanson-Sängerin Ute Lemper hat das Lied für ihre CD "Berlin Cabaret Songs" aufgenommen. Die Aufnahme verweist auf ihr künstlerisches Interesse an Cabaret-Songs der Weimarer Republik (Youtube, Aufnahme: 1996). Zeitgleich nahm sie das Lied auch in englischer Sprache auf (Youtube, Aufnahme: 1996), wobei dieser Text keine wörtliche Übersetzung darstellt (hier der englische Songtext: "The Lavender Song"). Diese englische Fassung wurde unter dem Namen "Lavender Nights" auch von der Gruppe "The Love Markets" gespielt und gesungen, wobei ein Mann und eine Frau in lilafarbenen Damen-Unterhemden auftraten (Youtube, Aufnahme: 2011).

Eine andere Aufnahme entstand im Rahmen einer "Geburtstags-Revue für [den Komponisten] Mischa Spoliansky anläßlich seines 100. Geburtstages". Das Lied wird hier von einem Männer-Duo interpretiert, das auch mit seinen Kostümen das Zeitkolorit der Weimarer Republik transportiert (Youtube, Aufnahme: 1998, Friedrichstadtpalast, Berlin; ab 0:12 Min.).

Eine lesbische Interpretation stammt vom Frauen-Duo Micaela Leon und Adrienne Haan, das den Text als Hommage an die Frauen im Berlin der Zwanzigerjahre singt (Youtube, Aufnahme: 6. Dezember 2010, Pantheon-Theater, Bonn). Einige Jahre später spielte die Sängerin Adrienne Haan das Lied auch gemeinsam mit dem "Jerusalem Symphony Orchestra" bei einem Live-Auftritt in einer dramatischen Fassung ein (Youtube, Aufnahme: 22. Januar 2014, "The Jerusalem Theatre")

Die Aufnahme von Brigitte Oytoy mit der Klavierbegleitung von Cosima van Tunte kann zwar weder technisch noch stimmlich überzeugen, aber wie keine andere Aufnahme zeigen, wie sich eine junge Person von diesem alten Text mitreißen lässt (Youtube, Aufnahme: 2014, Kunst- und Kulturclub "Die Winzer", Saarbrücken).

Die polnische Sängerin Katarzyna Groniec hat das Lied in polnischer Sprache aufgenommen und unter dem Titel "Lawendowa piosenka" (="Lavendellied" bzw. "Lila Lied") auf ihrem Tonträger "Emigrantka" (2015) veröffentlicht (Youtube, Aufnahme 2015). Die englische Opernsängerin Melinda Hughes hat das Lied für ihr Album "Weimar & Back" in deutscher Sprache aufgenommen (amazon.de mit Hörprobe von 30 Sek., Aufnahme: 2018). Der Vater von Melinda Hughes ist übrigens Ken Hughes – der Regisseur des Oscar-Wilde-Films "Der Mann mit der grünen Nelke" (1960).

In einer Mischung aus Jazz, Blues, Swing und Country bieten auch Hairball Remedy eine Neuinterpretation mit Geige, Kontrabass, Gitarre und Gesang (Youtube-Aufnahme, 2020). Produziert wurde das Lied von Betty BBQ, einer Schwarzwald-Dragqueen, die sich selbst als schwulen cis-Mann bezeichnet.

Direktlink | Die aktuellste Neuinterpretation des "Lila Lieds" von Hairball Remedy

Entwurf für Homobewegungs-Denkmal basiert auf "Lila Lied"

Ab 2012 wurde in Berlin über ein "Denkmal für die erste homosexuelle Emanzipationsbewegung" diskutiert, die entsprechenden Entwürfe wurden in einer Ausstellung und in einer Begleitbroschüre 2015 präsentiert. Einer dieser Vorschläge hieß "Spektrum – Anders als die Anderen". Nach diesem Entwurf sollte das Denkmal aus einer lilafarbenen Straßenlaterne aus der Zeit der Weimarer Republik bestehen, deren Licht bei Dunkelheit auf eine Bodenplatte fallen sollte. In der Bodenplatte sollte ein Textausschnitt aus dem "Lila Lied" zu lesen sein, der über die Redewendung "anders als die Andern" einen indirekten Bezug zu Magnus Hirschfeld herstellen sollte. Das "Lila Lied" wurde gewählt, weil es "die Schwierigkeiten des homosexuellen Alltags [beschreibt] und die bedeutende Rolle der Nacht, die heimliche Treffen ermöglicht" (s. dazu die Darstellung von Martin Binder und die Zeichnung in der Darstellung des LSVD, S. 7). Die Fachjury entschied sich jedoch für einen anderen Entwurf und 2017 wurde am Berliner Magnus-Hirschfeld-Ufer ein Denkmal eingeweiht, das aus sechs überdimensional großen Lilien in den Regenbogenfarben besteht (s. Homo-Denkmal.de).


Der Denkmalentwurf mit einer Bodenplatte zum "Lila Lied"

Was bleibt

Das "Lila Lied" ist das selbstbewussteste und deutlichste Musikstück über Homosexualität aus der Weimarer Republik. Zu seinem Erfolg hat nicht nur der Text, sondern auch seine eingängige Melodie beigetragen. Es schaffte ein Zusammengehörigkeitsgefühl und schweißte Schwule und Lesben zusammen. Aus Leserbriefen ist zwar bekannt, dass einzelne Schwule und Lesben das Lied als zu frivol und nicht ernst genug ansahen. Vielleicht war es aber genau das, was andere an diesem Lied liebten. Statt der Verfolgung stellt es Zuversicht in den Vordergrund. Es gehört zur Faszination des Liedes, dass es, bezogen auf 1920/1921, gut die Aufbruchstimmung am Anfang der Weimarer Republik widerspiegelt.

André Heller sang in seinem Lied "Denn ich will" (1973, hier Youtube), er wolle, dass es Männer gibt, die Männer lieben, und Frauen, die Frauen lieben. Erst dieses Lied von Heller, so Ralf Jörg Raber in seinem oben genannten Buch (S. 62), sei von seiner "Aussagekraft" her mit dem "'Lila Lied" "vergleichbar" gewesen. Damit hat es nach dem "Lila Lied" 40 Jahre lang nichts Vergleichbares gegeben. Auch dies verdeutlicht, wie wichtig dieses Lied mit seiner Kraft und unmissverständlichen emanzipatorischen Botschaft war und bis heute ist.

Bis heute sprechen uns die Liedzeilen an und wir finden sie als Titel von Büchern, CDs und Aufsätzen wieder, wie bei "Wir sind wie wir sind" (CD 2002; Buch 2010) und bei "Lila Nächte" (Buch 1981). Der Titel des "Spiegel"-Artikels "Gemacht wird's ja doch. In lila Nächten" (Jg. 1949, Heft 38, S. 8; hier PDF) und Ilse Kokulas Buchtitel "Wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten" (1987, S. 5, 6, 9; hier in Auszügen online) fußen beide auf dem Liedtext, sie wirken dabei aber vollständig aus dem Kontext gerissen, denn beide Texte behandeln die BRD und nicht die Weimarer Republik. Das "Lila Lied" mit seinem ansprechenden Text und seiner eingängigen Melodie wird bis heute nicht nur zitiert, untersucht und bejubelt, sondern auch gehört und gesungen. Von einem erfolgreichen Lied kann man sich kaum mehr wünschen.

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#1 In-het-Panhuis-FanAnonym
  • 27.09.2020, 09:23h
  • Lieber Erwin, ich möchte Dir an dieser Stelle für die hervorragenden Beiträge danken, die ich hier immer wieder lese und die sich wohltuend von einigen anderen abheben, die hier zu lesen sind.
    Die Freude über Deine Beiträge habe ich zum Anlass genommen, queer.de mit 100 zu unterstützen.
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#2 Ralph
  • 27.09.2020, 09:54h
  • Bitte nicht als Angriff auf den wie üblich sehr gut geschriebenen und sehr informativen Artikel verstehen - aber von diesem Lied hab ich nie was gehört. Ich bezweifle, dass es zumindest nach 1945 je eine Rolle gespielt hat. Zusätzlich verwirrend ist, dass der Titel allein auf Lesben hinweist, als deren Farbe lila gilt.
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#3 AugenrollAnonym
  • 27.09.2020, 11:08h
  • Ich verstehe nicht, warum Leute in Foren mitteilen müssen, dass sie das Subjekt des Artikels nicht kennen. Wenn sie sich dann auch noch für so belesen halten, dass sie aus ihrer Nichtkenntnis auf eine Nichtrelevanz des Subjekts schließen, spricht das für sich.
    Schöner und informativer Artikel, Danke!
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#4 FinnAnonym
#5 kleoAnonym
  • 27.09.2020, 11:34h
  • Nur ein Hinweis: Bereits seit 1996 hat der Chansonnier Jens Förster das "Lila Lied" in mehreren deutschen Städten und auf dem Kölner CSD gesungen.
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#6 NeeneeAnonym
  • 27.09.2020, 13:48h
  • Also mal ehrlich: so gut der Artikel von Herrn in het Panhuis auch recherchiert ist ... ich kann dem Lied weder textlich noch musikalisch besonders viel abgewinnen.

    Wenn man sich die Musik der Zeit anschaut, gibt es zahlreiche Schlager, die origineller und schmissiger klingen.

    Damals war das wohl noch eine wichtige Botschaft, "anders als die anderen zu sein". Mich interessiert das in 2020 nicht mehr die Bohne. Bis auf die Tatsache, dass ich Männer liebe, halte ich mich für nicht anders als die anderen. Und falls doch, dann aber auch auf jedem Gebiet, nicht nut in der Sexualität.

    Erfahrungen mit Alterität macht man nicht nur als schwuler Mann. Wir sollten uns auf unser Schwulsein daher nicht allzuviel einbilden.
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#7 Peck_SProfil
  • 27.09.2020, 17:45hFrankenthal/Pfalz
  • Meine Kritik bezieht sich nicht auf den Artikel, der wie die anderen von Ihnen zum Besten gehören, was auf queer.de veröffentlicht wird, sondern auf die Musik.

    Ich kann nur wenig mit solchen verklausulierten Texten anfangen, die um den weißen Elefant im Raum kreisen und einfach nicht auf den Punkt kommen wollen. Gepaart mit einer uneingänglichen Melodie ein Flop für mich. Auch halte ich wenig von Interpretationsorgien, Jahrzehnte nach dem Erscheinen oder dem Künstlertod und noch weniger von der feindlichen Übernahme von Songs, wie bsplw. I will survive oder I am what I am von Gloria Gaynor, die darauf angesprochen nicht mal wusste, was LGBT bedeutet, noch besonderes Interesse an der Bewegung zeigte. Eher das Gegenteil.

    Da lob ich mir einen Bernd Clüver, der 1975 "Mike und sein Freund" veröffentlicht hat und die Dinge unmissverständlich auf den Punkt bringt, musikalische Gesellschaftskritik übt und sich völlig entgegen dem Zeitgeist, der Gesetzeslage, der moralischen Wertvorstellungen und jenseits von Erfolgsaussichten, dem Thema Schwulsein widmet und Zensur und Ächtung vom deutschen Kulturbetrieb in Kauf nimmt.
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#8 Ralph
  • 28.09.2020, 09:40h
  • Antwort auf #3 von Augenroll
  • Ich darf schon sagen, dass ich dieses Lied in all den Jahrzehnten meines Engagements in der Schwulenbewegung nie gehört oder gelesen habe. Wenn nämlich ein Lied als "Hymne" bezeichnet wird, dass muss es allgemein bekannt sein und bei zahllosen Gelegenheiten gesungen werden. "I will survive" wurde als Beispiel bereits genannt. "Er gehört zu mir" ist ein deutsches Beispiel. "YMCA" oder "I am what I am" lassen sich auch in diesem Zusammenhang nennen. Jedem/jeder werden weitere Titel einfallen. Das "lila" Lied ist da bestenfalls von historischem Interesse. Es ist gut, dass auf LSBTI-Geschichte hier immer wieder der Scheinwerfer gerichtet wird.
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#9 ursus
  • 28.09.2020, 16:40h
  • Wie immer wunderbar sorgfältig und umfangreich recherchiert. Das hoffentlich geplante Buch, das diese Artikel vereint, wird sicher ein wichtiges und unterhaltsames Handbuch der queeren Geschichte werden. Herzlichen Dank!
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#10 Meleg29Profil
  • 29.09.2020, 06:25hCelle
  • Antwort auf #8 von Ralph
  • Vor ein paar JAHren -es war entweder in Hamburg St. Georg-Kirche...lange Nacht der Kirchen....oder war es der Regenbogengittesdienst bei einem ev. Kirchentag???. ...da kam auf erfrischende Weise das lila Lied...ein Genuss...schade, dass es davon (scheinbar) keine Aufnahme im Netz gibt...
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