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Biopic

Ein Genie unter Dauerstrom – am Set wie im Darkroom

Ab Donnerstag im Kino: Mit seinem bisweilen experimentell anmutenden Spielfilm "Enfant Terrible" setzt Regisseur Oskar Roehler seinem 1982 gestorbenen Kollegen Rainer Werner Fassbinder ein würdiges Denkmal.


Der Theater- und Filmschauspieler Oliver Masucci spielt den berühmten Filmemacher Rainer Werner Fassbinder nicht nur, er wird eins mit ihm (Bild: Bavaria Filmproduktion)
  • Von Sven Weidner
    28. September 2020, 07:24h, noch kein Kommentar

Wer von Oskar Roehler eine konventionelle, schmiegsame wie geschmeidige Annäherung an den Berserker des Neuen Deutschen Film erwartet, die zudem noch spannungsvoll und in Etappen das Leben des Filmemachers Rainer Werner Fassbinder nacherzählt, wird früh enttäuscht werden. Denn Roehler geht in seinem über zwei Stunden und 15 Minuten andauernden Biopic "Enfant Terrible" einen filmästhetisch gewagten Schritt: Er kopiert mithin die Filmsprache Fassbinders, überdreht sie, und er konfrontiert uns mit teils abgefilmten Theater. Gewagt insoweit als der betont mäandernde, langsame, stilisierte wie gekünstelte Stil heutigen Zuschauer*innen einiges abfordern wird.

Die Handlung setzt während stattfindender Theaterproben ein, bei denen Fassbinder Regie führt. Und hier deutet sich stilistisch gleich etwas an, was sich wie ein roter Faden durch den kompletten Film hindurchziehen wird: Wir haben es mit Theater im Film zu tun, mit einer Verschachtelung von Theater und Film, mit der Konsequenz, dass an manchen Stellen beide Ebenen schlechterdings verschmelzen. Der Film spielt sich gleichermaßen auf einer einzigen Bühne ab, auf der entweder Fassbinders Privatleben oder Dreharbeiten nachempfunden werden.

Privatperson und Regisseur lassen sich bei Fassbinder nicht trennen


Poster zum Film: "Enfant Terrible" startet am 1. Oktober 2020 im Kino

Nicht immer ist dabei sofort zu erkennen, ob dieser nun als Privatperson oder als Regisseur beim Dreh agiert. Was aber bei seinem Temperament und seinem Verständnis von Film im Endeffekt keine wesentliche Rolle spielt, da der energetische Fassbinder unter Dauerstrom stand, und das Private in den Film in derselben Weise hineinreichte wie umgekehrt. Nun hat Lars von Trier mit "Dogville" (2003) und "Manderlay" (2005) schon Filme produziert, deren Handlung jeweils auf einer einzigen improvisierten Bühne entfaltet wurde. Bei einem Künstlerporträt – wie es hier der Fall ist – ist dies jedoch ein Novum.

Aber es ist nicht nur das Theaterhafte wie Theatrale, das Roehler ungeniert und schon fast demonstrativ von Fassbinder übernimmt: Extrem lange wie statische Einstellungen, melodramatische Elemente, das exzessive Spiel mit den Farben, die manchmal in einen infantilen Pathos abdriftenden Konfliktsituationen, das Aufeinanderprallen von Wannabes und verkrachten Situationen – all diese Ingredienzen, die mithin die Filme von Fassbinder und sehr wahrscheinlich einen Gutteil seines doch sehr kurzen Lebens auszeichnen, finden wir in Roehlers Inszenierung eins zu eins wieder.

Ein Mensch mit viel Lebens- und Liebeshunger

Aus gutem Grund hat Roehler den Theater- und Filmschauspieler Oliver Masucci mit der Hauptrolle besetzt. Ohne an einer einzigen Stelle in die Falle des Overacting zu tappen (was bei einer Figur mit derlei ausgeprägten Ambivalenzen und impulsiven Gemüt schnell geschehen kann), mimt er einen Menschen voller Widersprüche, ein Kraftwerk, einen Tausendsassa und Arbeitswütigen, einen Hochstapler und Intriganten erster Güte. Einen Menschenhändler mit ungeheurer Strahlkraft, der es versteht, Personen an sich zu binden, vor seinen Karren zu spannen, um sie nach Belieben und Notwendigkeit dann fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel.

Masucci führt uns aber ebenso einen Menschen mit viel Lebens- und Liebeshunger vor, der in vielfachen Sexbegegnungen nur vordergründig seine Zufriedenheit findet. Roehler ist keineswegs zurückhaltend mit der Bebilderung von schwuler Sexualität, und neben Darkrooms und heruntergekommenen Hinterhöfen, in denen wild gefickt wird, erleben wir den exzentrischen Egomanen in wenigen Momenten ebenso als einen ohne Kompromisse Liebenden. Erwähnenswert ist neben Sunnyi Melles, Katja Riemann, Désirée Nick vor allem Eva Matters, die so derart wunderbar Brigitte Mira verkörpert, die ihrerseits den recht aufgebrachten Fassbinder mit ihrem Berliner Dialekt und ihrer Betulichkeit und Nonchalance zu beruhigen vermag.

"Enfant Terrible" ist für Fassbinder-Fans eine wahre Freude, da man viele Anspielungen auf seine Filme und sein Leben wiedererkennt. Inwieweit ein breites Publikum ohne jedes Hintergrundwissen und eben wegen der sperrigen Ästhetik dem Film wird folgen will, bleibt abzuwarten. Das aber ist Roehler egal. Wie es schon Fassbinder egal war. Und das ist gut so!

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film

Infos zum Film

Enfant Terrible. Spielfilm. Deutschland 2020. Regie: Oskar Roehler. Darsteller*innen: Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann, Eva Mattes, Alexander Scheer, André Hennicke, Désirée Nick, Anton Rattinger, Felix Hellmann, Erdal Yildiz, Jochen Schropp, Lucas Gregorowicz, Sunnyi Melles, Antoine Monot Jr., Isolde Barth, Meike Droste, Detlef Bothe, Christian Berkel, Ralf Richter, Götz Otto. Laufzeit: 134 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. Verleih: Weltkino. Kinostart: 1. Oktober 2020
Galerie:
Enfant Terrible
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