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Interview

Gunter Ziegler: "The Boys in the Band" war "der Anfang von allem"

Der österreichische Schauspieler Gunter Ziegler verkörperte 1970 im Münchner Theaterstück "The Boys in the Band" den als Cowboy gekleideten Stricher. Wir sprachen mit ihm am Telefon.


Gunter Ziegler, Jahrgang 1949, wirkte in vielen Fernsehproduktionen und einigen Spielfilmen mit. Von 2012 bis 2013 war er in der täglichen ARD-Seifenoper "Rote Rosen" als englischer Kriegsveteran Pete Johnson zu seheN (Bild: privat)

  • Von Erwin In het Panhuis
    29. September 2020, 07:26h, noch kein Kommentar

Wie kam es zu Ihrer Rolle als Cowboy?

Ich wurde über Freunde auf das Theaterstück aufmerksam gemacht, und ich wollte dort unbedingt mitspielen. Für die Münchner Produktion, wo Harald Leipnitz die Regie führte, wurde ich zu einem Vorsprechen eingeladen und war vom Typ offenbar genau die richtige Besetzung für den Cowboy. Es gab übrigens schon vor mir zwei bekannte Theaterschauspieler, die auf der Bühne ebenfalls die Rolle dieses Cowboys verkörperten. In Frankreich hatte es eine Inszenierung gegeben, bei der der Cowboy von Gérard Depardieu verkörpert wurde [1969 unter der Leitung von Jean-Laurent Cochet – alle Anmerkungen in eckigen Klammern sind von Erwin In het Panhuis].

Noch vor der Münchner Aufführung fand die deutsche Uraufführung von "The Boys in the Band" in Bonn statt, wo Raimund Harmstorf die Rolle des Cowboys übernommen hatte [Harmstorf wurde später durch die Fernsehserie "Der Seewolf" von 1971 bekannt]. Diese Aufführung wurde jedoch ein großer Flop. Als eigene Produktion von Harald Leipnitz, an der auch ich mitwirkte, kam das Stück dann zuerst in München und später auch in Hamburg zur Aufführung und wurde in beiden Städten ein großer Erfolg. Nur in Berlin kam die Aufführung – entgegen allen Erwartungen – nicht so gut an, und wir blieben als Ensemble dort nur für einen Monat.


Eine Theaterszene von 1970: Der als Cowboy gekleidete Stricher (Gunter Ziegler rechts mit Halstuch) ist das Geburtstagsgeschenk für Harold

Wie waren die Proben? War es mutig, 1970 einen Schwulen zu verkörpern?

Der Cowboy war nicht homosexuell, sondern ein Stricher, der das nur macht, um Geld zu verdienen. Ich hätte aber auch die Rolle von einem Mann übernommen, der gay ist, weil mir eine solche Rolle nicht schwerfällt. Das deutsche Wort "schwul" mag ich übrigens nicht. "Gay" ist ein viel schöneres Wort und bezeichnet hier in den USA auch die Frauen, die anders orientiert sind.

Ich erinnere mich, dass am Rande der Proben viel über den Inhalt des Stücks diskutiert wurde – auch mit Harald Leipnitz, der ja straight ist. Das Halstuch, das ich im Stück dauernd trug, hatte übrigens nichts mit Homosexualität zu tun, wie man heute vielleicht meinen könnte, sondern gehörte zu seiner Rolle als Cowboy. Mein Lieblingszitat aus dem Stück ist übrigens Amerys Ausspruch, als er oben an der Wendeltreppe stand und schrie: "Wen muss man hier ficken, um an einen Drink zu kommen?" Ein anderes wichtiges Zitat ist übrigens leider falsch übersetzt worden: "Show me a happy homosexual and I'll show you a gay corpse", das mit "schwule Leiche" statt "lustige Leiche" übersetzt wurde.

Wie war die Premiere?

Bei der Premiere waren viele Prominente dabei, wie zum Beispiel der Schauspieler Reiner Schöne. Mein Schauspielerkollege Ron Williams (ebenfalls Darsteller in "Boys in the Band") hatte seine damalige Freundin Donna Summer mitgebracht. Donna war nicht nur bei den Proben oft mit dabei, sondern war auch für die Choreografie der Tanzszene aus "Boys in the Band" verantwortlich [Donna Summer war Ende der Siebzigerjahre mit geschätzten 130 Millionen verkaufter Schallplatten die erfolgreichste Musikerin in Deutschland und den USA. Im Münchner Theater in der Brienner Straße hatte sie vorher – gemeinsam mit Ron Williams – im Musical "Hair" gespielt. 1968 sang sie als 19-Jährige das bekannte Aquarius-Lied aus "Hair" in deutscher Sprache, das später zu ihrer ersten Single wurde].

Wie ist es nach der Premiere weitergegangen?

Meine Rolle war beliebt, und alle liebten diesen Cowboy. Arndt von Bohlen und Halbach [schwuler Sohn der Krupp-Dynastie, der die Krupp-Werke erben sollte] hat in seiner Villa in der Georgenstraße eine Party für uns veranstaltet. Ich sollte dort unbedingt in meinem Cowboy-Kostüm erscheinen und war quasi das Gastgeschenk für Arndt. Symbolisch war das alles sehr hübsch. Ich fand, dass Arndt ein sehr sympathischer und feiner Kerl war, egal was die Leute sagen oder was er getan haben soll. Mir gegenüber war er sehr nett, und wir haben uns noch oft getroffen. Nach der Premiere wurden wir als Ensemble überall rumgereicht und lernten durch das Theaterstück auch die ganze Münchner Szene kennen.

Wen konnte man in der Münchner Szene von 1970 denn alles so kennenlernen?

In der Münchner Szene habe ich zum Beispiel Friedrich von Thurn und Taxis kennengelernt, lange bevor er seine Gloria geheiratet hat, und in "Kais Bistro" traf ich Leonard Bernstein. Im München der Siebzigerjahre war das Restaurant "Die grüne Gans" angesagt, wo auch Arndt von Bohlen und Halbach regelmäßig verkehrte. In der "Deutschen Eiche" – die ja bis heute bekannt ist – konnte man auch den Regisseur und Filmproduzenten Ulli Lommel treffen und direkt in der Nähe hatte auch Freddy Mercury eine Zeit lang gewohnt [Der britische Musiker Freddy Mercury hatte von etwa 1979 bis 1985 in München seinen Hauptwohnsitz, um dort Alben aufzunehmen und gleichzeitig von der Medienöffentlichkeit unbehelligt die schwule Szene besuchen zu können].

War "The Boys in the Band" ausschlaggebend für Ihre weitere Karriere?

Ja, diese Rolle war meine erste und der Anfang von allem, was später kam – von den ganzen Spielfilmen bis zu meinen Engagements für Serien wie "Star Trek", "Lindenstraße" und "Rote Rosen". Durch diese Rolle habe ich auch viele Prominente wie Grit Boettcher kennengelernt und mit ihnen gearbeitet, was ausschlaggebend für meine spätere Karriere wurde. Als wir zum Beispiel in München 1974 für eine Produktion einen Mann suchten, der uns am Klavier begleitete, engagierten wir den damals noch unbekannten Konstantin Wecker, mit dem ich immer noch befreundet bin. Auch das war ein Kontakt, der über "The Boys in the Band" zustande kam.

Mit Ulli Lommel – aus dem Umfeld von Rainer Werner Fassbinder [und Regisseur des Films "Die Zärtlichkeit der Wölfe", 1973] – habe ich immer noch Kontakt. Mit Rainer Werner Fassbinder habe ich allerdings nie zusammengearbeitet, auch weil ich dessen Art nicht mochte. In L.A. habe ich später Werner Pochath kennengelernt und für ihn dauernd irgendwelche Sachen repariert. Als er an den Folgen von HIV starb, hat er mich sogar in seinem Testament berücksichtigt und mir zwei Autos vererbt [Der österreichische Schauspieler Werner Pochath starb 1993 in den Armen seines Lebenspartners John Neumeier].

Im Interview mit der Schwulenzeitschrift "Du & Ich" (Heft 11/1970) haben Sie auf die letzte Frage nach eigenen homosexuellen Erfahrungen mit "natürlich" geantwortet. Stimmt das?

Ich habe in jungen Jahren mal ausprobiert, ob das was für mich ist – aber das war nichts für mich. Bis heute habe ich allerdings viele Freunde, die gay sind. Hier in den USA spiele ich jeden Morgen Tennis und hier sind 80 Prozent gay. Diese Männer können gut akzeptieren, dass ich eine Freundin habe. Wenn mich jemand für gay hält, der mich nicht kennt, sage ich einfach: "I'm a very gay person", im Sinne von "Ich bin eine sehr glückliche Person".

Ausführlicher Bericht zum Theaterjubiläum: "Wen muss man hier ficken, um an einen Drink zu kommen?" (29.09.2020)