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"The Boys in the Band" in München

"Wen muss man hier ficken, um an einen Drink zu kommen?"

Heute vor 50 Jahren – am 29. September 1970 – war in München die Premiere des Theaterstücks "The Boys in the Band". Das Textbuch versuchte, dem schwulen Volk aufs Maul zu schauen.


Szene aus dem Münchner Theaterstück "The Boys in the Band", das vor 50 Jahren Premiere feierte: Jeder der schwulen Freunde soll den Menschen anrufen, den er am meisten geliebt hat
  • Von Erwin In het Panhuis
    29. September 2020, 07:24h, 2 Kommentare

Gruppenbild ohne Dame: das Ensemble von "The Boys in the Band" in München

Ein halbes Jahr, nachdem der Film "The Boys in the Band" (1970) seine Premiere gefeiert hatte und damit als erster Homosexuellenfilm Hollywoods galt (s. meinen Artikel auf queer.de), hatte das gleichnamige Theaterstück in München seine Premiere und erregte hier – ähnlich wie zuvor der Film – die schwulen und heterosexuellen Gemüter.

Bei der Recherche zu diesem Theaterstück hatte ich mehrfach Glück: Das 28-seitige Programmheft von 1970 wurde – voll mit inhaltlichen Beiträgen, Interviews und Fotos – gerade antiquarisch zum Kauf angeboten. Der Rechteinhaber am deutschen Textbuch – die Kölner Firma Hartmann & Stauffacher GmbH – stellte mir eine Kopie des Textbuchs zur Verfügung und genehmigte mir den Abdruck einzelner Szenen. Das Centrum Schwule Geschichte unterstützte mich mit Schwulenzeitschriften von 1970. Außerdem habe ich einen Schauspieler aus dieser Aufführung ausfindig gemacht und interviewt, wobei der 70-jährige Gunter Ziegler als Schauspieler immer noch aktiv sind. Mit diesen Hintergründen lässt sich die Münchner Theateraufführung gut rekonstruieren. Bei allen genannten Institutionen und Personen bedanke ich mich recht herzlich für ihre Hilfe.

Zu der langen Erfolgsgeschichte von "The Boys in the Band" wird dies nicht der letzte Artikel sein. Am morgigen 30. September 2020 wird die Premiere der Neuverfilmung u.a. mit dem Schauspieler Jim Parsons ("Big Bang Theory") stattfinden, zu der vor kurzem der Trailer erschien. Auf eine genaue Inhaltsbeschreibung verzichte ich im nachfolgenden Text und verweise auf meine oben verlinkte Filmbeschreibung.

Das Theaterstück – anhand des Drehbuchs

Grundlage für den Hollywood-Film war das gleichnamige Theaterstück des offen schwul lebenden Mart Crowley (1935-2020). Die Inszenierung in München fußte auf der Übersetzung des Textbuches von Karl Molvig und Walter Brandin, wobei Walter Brandin (1920-1995) der bekanntere von beiden ist: Er verfasste oder übersetzte zahlreiche Schlagertexte u.a. für Zarah Leander, Udo Jürgens, Karel Gott und Katja Ebstein. Er schrieb die deutschen Fassungen der Musicals "Hair" und "Charleys Tante" sowie zahlreiche Drehbücher. Die Übersetzung von "The Boys in the Band" wurde anschließend unter dem Titel "Die Gratulanten" zur Aufführung angeboten und in München verwendet.

Das deutsche Textbuch stellt sich als eine recht genaue Übersetzung dar und ist daher bei den verwendeten Begriffen wie "amüsante Tunte" und "Arschficker" (S. 180) an einigen Stellen ähnlich derb wie das Original-Theaterstück und wesentlich derber als der Film. Das deutsche Textbuch versucht erkennbar eine authentische Sprache zu verwenden, wie sie unter Schwulen als üblich angesehen wurde: "Wen muss man hier ficken, um an einen Drink zu kommen?"

Frei nach Martin Luther kann man das Textbuch als Versuch bezeichnen, dem schwulen Volk aufs Maul zu schauen. Viele der Begrifflichkeiten wo "Homo", "Trine" oder "Homosexueller" werden bis heute verwendet. Andere sprachliche Besonderheiten sind zwar heute unter Schwulen nicht mehr oder kaum noch zu finden, aber aus den Siebzigerjahren bekannt, wie z.B. die Verwendung weiblicher Vornamen (Bernard als "Bernadette" S. 43). Den im Stück geäußerten Wunsch "keine Tölereien" (S. 41) würde man heute vielleicht als "nicht rumtucken" (nicht als übertrieben effeminiert auftreten) bezeichnen.

Die Szene, als um 24 Uhr der "Mitternachts-Cowboy" erscheint (S. 78), lässt sich als kulturelle Referenz verstehen. Es ist offenbar eine Anspielung auf den Film "Midnight Cowboy" mit Dustin Hoffman (1969), der heute ein Klassiker des "New Hollywood" ist und – wie auch seine literarische Vorlage von James Leo Herlihy von 1965 – zahlreiche homosexuelle Anspielungen enthält.

Das Theaterstück – anhand des Programmheftes

Am 29. September 1970 feierte das Theaterstück im Münchner Theater in der Brienner Straße (heute Sitz des Münchner Volkstheaters) seine Premiere. Verantwortlich für diese Inszenierung war der – sonst vor allem als Schauspieler bekannte – Regisseur Harald Leipnitz. In einem Interview, das im Programmheft abgedruckt ist, beginnt er leider mit den unpassenden Worten: "Nein, ich bin nicht homosexuell, ich bin […] verheiratet und habe drei Kinder […]. Das Problem der Homosexualität ist […] für mich nur der Vorwand für großes Theater. Das Amüsement, die Unterhaltung steht im Vordergrund."

Wenn Leipnitz behauptet, dass der Gesetzgeber "den Homosexuellen ihren Frieden gegeben" habe, bezieht er sich offenbar auf die Reform des § 175 StGB im Jahre 1969. Wenn er sagt: "Die Homosexualität war schon einmal das Normale, das Alltägliche, die Mode!", meint er damit wohl die Antike. Wer auch nach dem Theaterbesuch den Homosexuellen mit "Unverständnis" begegne, habe "sein Geld zum Fenster hinausgeworfen" und solle einfach ein zweites Mal kommen.


Regisseur Harald Leipnitz (Mitte) bei den Proben

Im Gegensatz dazu gibt es im Programmheft auch einige sehr lesenswerte Artikel. Der Übersetzer Walter Brandin schreibt, das Problematische bei diesem wichtigen Theaterstück sei nicht das Tabu Homosexualität, sondern wie man ein Stück machen könne, dass weder anklage noch "larmoyant um Verständnis heischt" und trotzdem ein "praktikables, echtes Theater" bleibe. Brandin beschreibt nicht nur gut seine eigenen Gefühle zwischen Neugier, Staunen und Bewunderung, sondern würdigt auch Crowleys Original-Textbuch – etwa die durchdachte Zeichnung der unterschiedlichen Charaktere, denn das Drehbuch sei nicht nur eine "gelungene Milieu-Studie", sondern auch ein "raffiniert gebautes, einleuchtendes Kompendium aller [homosexuellen] Probleme". Für ihn hätten sich die Ansichten und Gesetze gelockert, und in diesem Sinne trage auch das Theaterstück "zum Verständnis eines Phänomens bei, das einfach da ist – und immer da war, ob man nun die Augen davor verschließt oder nicht".

In einem weiteren Beitrag betont der Germanist Rolf Cyriax, dass Homosexuelle, nachdem sie auf der Bühne bisher eher belacht oder bedauert worden seien, mit diesem Theaterstück endlich eine "Würdigung" erführen. Er lobt "Witz, Ironie und Understatement" dieses ehrlichen Theaterstückes und hebt auch den "brillanten, wortreichen Dialog", die "Feinheiten der Dramaturgie und die Lebendigkeit der Charaktere" hervor. Für Cyriax leben Homo- und Heterosexuelle "in eigenen Bereichen, die nicht – oder vielleicht noch nicht – in Einklang gebracht werden können".

Das Programmheft enthält neben vielen Bildern aus der Aufführung und Werbeanzeigen auch viele Kurzbiografien, die die Darsteller und Verantwortlichen porträtieren und dabei auf ihre bisherigen beruflichen Erfolge verweisen.

Die Rezeption


Teil des Kompendiums homosexueller Probleme: "Wenn wir lernen würden, uns selber nicht so sehr zu hassen"

Weil erst im Herbst 1969 männliche Homosexualität in Deutschland für über 21-Jährige legalisiert wurde, gab es im Herbst 1970 nur wenige Schwulenzeitschriften – in "Du & Ich" und "Him" wurde ich jedoch fündig.

In "Him" berichtete Dieter Specht über diese Inszenierung. Zunächst ging es dabei um eine Theaterprobe, wobei Specht sich von dem "sehr gut besetzten Ensemble" – u.a. mit dem Bundesfilmpreisträger Bruno Dietrich (*1939) – beeindruckt zeigte. Die "reizvolle Schmollrolle" Harold war zu diesem Zeitpunkt noch nicht besetzt. Der Regisseur wird mit den Worten zitiert, dass sich "auch der 'normale' Zuschauer" mit dem Stück identifizieren könne. Einen Erfolg der Aufführung möchte Specht, "wär's schicklich, durchaus vorausunken". In diesem Fall sollte das Stück auch in Berlin, Hamburg und Düsseldorf zu sehen sein (1970, S. 31-32). Zwei Monate später wurde die eigentliche Premiere von Specht allerdings verrissen: Das Stück sei nur eine "flache Theateraufführung ohne erkennbare Intelligenz und wenigstens in Ansätzen wünschenswerte Präzision". Für Specht war es daher nur ein teurer Theaterabend mit "billigem Integrationsgeschwätz" (Heft 12/1970, S. 12).

Die Münchner Premiere des Theaterstücks wurde vermutlich bewusst zeitnah zur deutschen Premiere des Films am 30. Oktober 1970 angesetzt. In beiden genannten "Him"-Heften wurde auch auf den Kinofilm eingegangen und der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass er auch im deutschen Fernsehen zu sehen sein werde (Heft 10/1970, S. 32). Später kritisierte der Autor nicht nur den deutschen Verleihtitel "Die Harten und die Zarten", sondern äußerte sich auch skeptisch darüber, wie sich der Inhalt des Films über die "lieben alten Schwuchteln und müden Tunten" wohl auswirken werde (Heft 12/1970, S. 13).

Die "Du & Ich" (Heft 11/1970, S. 6-13) war begeistert und besprach das Theaterstück auf acht Seiten, das als "The Boys in the Band", aber in anderen Städten auch unter den Titeln "Die Boys vom Club", "Die Gratulanten" und "Andersrum" aufgeführt wurde. Der Leserschaft werden acht Kurzbiografien bzw. Interviews geboten. Im Gegensatz zum Programmheft fallen die Beiträge kritischer und die Fragen persönlicher aus. So werden die Ensemblemitglieder unumwunden nach eigenen homosexuellen Erfahrungen befragt, wobei die Antworten recht unterschiedlich ausfallen: "Nein" (Claus Ringer), "Nennen Sie mir den, der sie nicht hat" (Hans Zander), "Ja" (Michael Münzer), "Das geht niemanden etwas an" (Herbert Weicker), "Natürlich" (Gunter Ziegler), "Ja, und es war schön" (Ronny Williams) und "Kein Kommentar" (Bruno Dietrich).

Der Artikel schließt mit einer Theaterszene auf zwei Seiten, der als eine "der ergreifendsten Szenen aus dem Stück" bezeichnet wird. Es ist die Szene, in der jeder der Freunde den Menschen anrufen soll, den er am meisten geliebt hat.

Interview mit Gunter Ziegler: "The Boys in the Band" war "der Anfang von allem" (29.09.2020)

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#1 Ralph
  • 29.09.2020, 11:36h
  • Erwin, wenn wir Dich nicht hätten, müsste Dich wer erfinden. Vielen herzlichen Dank für diesen hochinteressanten Artikel. - Bei der homophoben Einleitung des Regisseurs zum Programmheft muss wohl die Zeit (1970) berücksichtigt werden. Wer sich schon so weit ais dem Fenster lehnte, die Emanzipation von Schwulen zu unterstützen, der musste gleichzeitig Distanz zu ihnen beteuern. Die Grundeinstellung der breiten Öffentlichkeit war unverändert feindlich, und in der Politik galt der Satz von Bundesjustizminister Ehmke, dass Homosexualität auch nach weitgehender Einstellung der Verfolgung zu missbilligen sei.
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#2 QaswaProfil
  • 29.09.2020, 16:34hBerlin
  • In dem Gespräch mit Ziegler sagt der: "Mit Ulli Lommel aus dem Umfeld von Rainer Werner Fassbinder [und Regisseur des Films "Die Zärtlichkeit der Wölfe", 1973] habe ich immer noch Kontakt." Da Lommel 2017 gestorben ist, sollte das vllt. noch irgendwie als Gedächtnispanne o. dgl. kommentiert/erklärt werden.
    Ansonsten DANKE für die vielen guten Beiträge auf Sissy.
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