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Brandenburg

Ravensbrück: Neue gemeinsame Forderung nach Gedenkkugel für verfolgte Lesben

In einem gemeinsamen Antrag setzen sich die Initiatorinnen und wichtigsten queeren Verbände für ein offizielles Mahnmal in der Mahn- und Gedenkstätte ein.


Die Kugel in einer früheren Fassung bei einem Gedenken 2018 (Bild: Gedenkkugel für die ermordeten lesbischen Frauen im Frauen-KZ Ravensbrück / Facebook)

Mehrere queere Verbände haben am Donnerstag einen gemeinsamen Antrag bei der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten eingereicht, in dem sie die Verankerung einer offiziellen Gedenkkugel auf dem Gelände der Gedenkstätte Ravensbrück fordern. Mit ihr solle ein würdiges Zeichen der Erinnerung an die dort inhaftierten lesbischen Frauen errichtet werden.

Zuvor hatten sich die beteiligten Verbände – die Initiative "Autonome feministische Frauen und Lesben aus Deutschland und Österreich", das "Bündnis der Initiativen zur Unterstützung der Gedenkkugel für die verfolgten und ermordeten lesbischen Frauen und Mädchen im ehemaligen Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und Uckermark", der LesbenRing e.V., RuT Rad und Tat – Offene Initiative Lesbischer Frauen, der Lesben- und Schwulenverband (LSVD), die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und der Fachverband Homosexualität und Geschichte (FHG) – auf einen Widmungstext geeinigt.

Die Inschrift solle demnach heißen: "In Gedenken aller lesbischen Frauen und Mädchen im Frauen-KZ Ravensbrück und Uckermark. Sie wurden verfolgt, inhaftiert, auch ermordet. Ihr seid nicht vergessen." Zahlreiche Mitstifter*innen, Personen und Organisationen aus dem In- und Ausland unterstützten das Vorhaben, so der LSVD in einer Pressemitteilung. Die Gedenktafel solle nach der Idee der Initiative weiter als 40-cm-Kugel umgesetzt werden.

Hoffen auf Entscheidung im Herbst

Um das geplante Mahnmal hatte es seit Jahren Debatten und Streit gegeben. Vor zwei Jahren hatte die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten die Errichtung abgelehnt, nachdem sich die beiden Beratungsgremien der Stiftung, eine Fachkomission und ein internationaler Beirat, auf unterschiedliche Inschriften einigten (queer.de berichtete). Verbänden hatten dazu unterschiedliche Formulierungen eingereicht.

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld und der LSVD-Bundesverband hatten danach die beteiligten Verbände zu Gesprächen geladen, unter Beteiligung der Gedenkstätten-Stiftung. "Wir als zivilgesellschaftliche Initiativen und Organisationen haben erfolgreich einen guten Konsens gefunden", so der LSVD. "Jetzt ist die Stiftung am Zug. Wir appellieren an die Gremien der Stiftung, nun im Herbst 2020 eine Entscheidung zu treffen, die die Realisierung dieses gemeinsamen Vorschlages ermöglicht."

Ursprünglich hatte die Initiative "Autonome feministische Frauen Lesben aus Deutschland und Österreich" die Gedenkkugel angefertigt. Die Inschrift lautete: "In Gedenken aller lesbischen Frauen und Mädchen im Frauen-KZ Ravensbrück und Uckermark. Lesbische Frauen galten als 'entartet' und wurden als 'asozial', als widerständig und verrückt und aus anderen Gründen verfolgt und ermordet. Ihr seid nicht vergessen!" (cw/pm)



#1 Ralph
  • 01.10.2020, 11:24h
  • Die Kugel ist mit der neuen Inschrift akzeptabel, da man nunmehr von der historisch falschen Behauptung abgerückt ist, es habe im Nationalsozialismus eine systematische Verfolgung lesbischer Frauen gegeben.
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#2 KrawalllesbeAnonym
  • 01.10.2020, 15:17h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Ich zitiere Axel Hochrein vom LSVD:

    "Die Tatsache, dass im § 175 nur männliche Homosexualität als strafbar erklärt wurde, war kein Freibrief für lesbische Liebe, sondern ganz im Gegenteil, Ausdruck des patriarchalischen Weltbildes, in welchem Frauen kein eigenständiges sexuelles Begehren zugestanden wurde. Ein Weltbild, das ja noch lange Jahrzehnte auch im Nachkriegs-Deutschland galt.

    Durch die Historikerin Laurie Marhoefer ist ein Fall aus meiner Heimatstadt Würzburg dokumentiert. Es geht um die 1913 geborene Ilse Totzke, die dadurch auffiel, dass sie gerne Herrenkleidung trug und einen Eton, einen modischen, lesbisch konnotierten Kurzhaarschnitt hatte. Totzke wurde wiederholt als lesbisch denunziert, weil ihr Lebensstil den Normen der Gesellschaft widersprach. Die Gestapo interessierte sich für den Umstand, dass sie jüdische Freundinnen und Freunde hatte, und ermittelte gegen Ilse Totzke. Im Jahr 1942 wurde Totzke bei dem Versuch verhaftet, mit einer jüdischen Freundin in die Schweiz zu fliehen. Sie wurde nach Ravensbrück deportiert und war dort bis April 1945 inhaftiert.

    Joan Nestle, der Gründerin des New Yorker Herstory Lesbian Archives, verdanken wir die Dokumentation der Geschichte einer Überlebenden des Holocaust, einer lesbischen Frau aus Polen. Diese Frau erzählte Joan Nestle von Radclyffe Halls Roman Quell der Einsamkeit, der 1928 erschienen war und lesbische Liebe als legitim und natürlich feierte: Ich konnte Quell der Einsamkeit lesen, bevor ich ins Lager gebracht wurde. Es war ins Polnische übersetzt worden. Ich war damals ein junges Mädchen, 12 oder 13. An das Buch zu denken, half mir dabei, das Lager zu überleben. Ich wollte nicht sterben, bevor ich eine Frau geküsst habe.

    Die Erforschung der Geschichte lesbischer Frauen in der Zeit des Nationalsozialismus ist leider noch dürftig. Es ist eine Forderung unseres Verbandes, dass sich dies auch mit öffentlicher Förderung ändern muss. Es geht um die Erforschung, aber es geht vor allem darum, Schicksale zu dokumentieren und die Erinnerung und das Gedenken zu ermöglichen und aufrecht zu erhalten.

    Die Lebensgeschichte verfolgter lesbischer Frauen, das Leid, das sie erfahren haben, die zerstörten Leben, das Unrecht, das ihnen wiederfahren ist, ist Teil unserer Gedenkkultur. Die Bedrohung der Ausrottung galt der gleichgeschlechtlichen Liebe, der Ausmerzung all dessen, was nicht in die heteronormative und patriarchalische Ideologie passte. Das galt für die schwule wie für die lesbische Liebe.

    Leid ist ohne Neid. Unrecht ist ohne Neid. Indem wir gemeinsam dafür Sorge tragen, dass dem Leid der lesbischen Frauen würdig und gleich gedacht wird, wird dem Gedenken an das Leid schwuler Männer nichts genommen. Wir würden aber den lesbischen Frauen, die Opfer wurden, posthum zusätzliches Leid und Unrecht zufügen, wenn wir sie vergessen würden, oder ihre Geschichten verschweigen. Es muss deshalb gerade für schwule Männer eine solidarische Verpflichtung sein, mitzuwirken und gegen das Schweigen und Vergessen mit zu kämpfen! Seien wir uns bewusst, dass gerade in der jetzigen Zeit besonders gilt: Vergessen ermöglicht Wiederholung!"
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#3 Girlygirl
  • 01.10.2020, 16:30h
  • Antwort auf #1 von Ralph
  • Ich hab gelesen, dass in Österreich alle Homosexuellen, also auch Frauen verfolgt wurden. In Deutschland (heutige BRD) galt Paragraph 175 aber nur für Männer. Ob man das eine "systematische Verfolgung von Homosexuellen Frauen" nennen kann, weiß ich nicht. Ich hab irgendwie das Gefühl, dass ältere Schwule und Lesben sich oft wegen geschichtlicher/politischer Themen in die Haare kriegen.
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#4 Ralph
  • 01.10.2020, 17:03h
  • Antwort auf #2 von Krawalllesbe
  • Die nationalsozialistische Schwulenverfolgung dauerte von 1933 bis 1969. Niemals in dieser Zeit gab es eine ähnliche, systematische Verfolgung lesbischer Frauen. Das ist eine Tatsache. Lesbische Liebe und Sexualität wurden in der patriarchalen Gesellschaft negiert; Lesben galten als Gefahr für diese Gesellschaft, denn sie entzogen sich zum einen der sexuellen Verfügbarkeit für (Hetero-) Männer und zum anderen der vermeintlichen Pflicht zur Fortpflanzung und Aufzucht von Kindern, was ja gerade für den NS-Staat, der Frauen in erster Linie als des "Führers" Gebärmaschinen verstand, untragbar war. Auch das ist eine Tatsache. So konnten auch lesbische Frauen als "asoziale Elemente" in die Mühlen der NS-Justiz/Polizei usw. geraten. (Das von Dir zitierte Beispiel deutet allerdings schon an, dass eigentlicher Anlass oft nicht die Homosexualität war, sondern ein direkter Akt des Ungehorsams gegen die NS-Obrigkeit, im Beispiel der Versuch, einer Jüdin zur Flucht zu verhelfen.) Natürlich konnten auch Lesben ins KZ gesperrt und schlimmstenfalls getötet werden. Wie auch Katholiken oder Offiziere. Aber so wenig wie das Katholischsein oder das Offiziersein reichte das Lesbischsein an sich schon dazu aus. Diese Wahrheit haben die Stifterinnen der Gedenkkugel inzwischen begriffen und ihren Text redigiert. Deswegen habe ich gegen die Stiftung keine Bedenken mehr und möchte sie auf diesem Wege ausdrücklich begrüßen und unterstützen.
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#6 goddamn liberalAnonym
  • 01.10.2020, 18:16h
  • Antwort auf #3 von Girlygirl
  • Vernichtungspolitik sollte immer ein Streitpunkt sein.

    In der Geschichte sind Fakten wichtiger als neumodische Gefühligkeit.

    Und zu den Fakten gehört, dass in Österreich (auch zur Zeit des Anschlusses) eben homosexuelle Männer UND Frauen verfolgt wurden.

    ausstellung.de.doew.at/m21sm139.html

    Und das bis weit in die Nachkriegszeit (in der faschistischen Version bis 1971).

    Und das bis weit
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#7 TheDadProfil
  • 01.10.2020, 18:56hHannover
  • Antwort auf #2 von Krawalllesbe
  • Bei allem Verständnis..

    ALLE Verfolgten erlitten Grauenvolles..

    Aber man kann mit "einzelnen Schicksalen" immer noch keine Systematik begründen..

    Die Systematik in der Judenverfolgung lautete :
    ALLE Juden, egal ob nun "voll" oder auch nur "halb", oder "viertel" waren irgendwann "dran"..

    175er nahm man nach verbüßtem Zuchthaus in "Schutzhaft"..
    Es war klar wer damit "geschützt" werden sollte..

    Allein das man für lesbische Frauen mehrere Synonyme verwendete wie etwa "entartet" oder "asozial" macht hier aber deutlich, eine Systematik lag nicht darin um lesbische Frauen zu verfolgen, denn dann hätte es auch viel mehr Opfer gegeben, als die spärliche Anzahl der einzelnen Schicksale die man bis Heute nachverfolgen konnte..

    Für diese Frauen mag man nun diesen Gedenkstein endlich setzen, und damit an sie erinnern, sie sind bis Heute unvergessen wie auch alle namenlosen Opfer die es in den vielen Lagern, über 1.200 in den von der Wehrmacht besetzen Gebieten zwischen 1939 bis 1945 gegeben hat, denn noch immer sind sehr viele Opfer in diesen zahlreichen Lagern nicht identifiziert..

    Aber man versuche sich bitte nicht in einer Geschichtsklitterung, nur um eine vermeintliche Sichtbarkeit zu erreichen die allein den Heutigen lesbischen Frauen dienen soll, denn das ist absolut unangemessen den Opfern gegenüber, und beschädigt diese dann auch noch von Neuem..
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#8 ursus
  • 01.10.2020, 21:45h
  • Ich habe die Debatte nicht allzu detailliert verfolgt, aber ich muss sagen, dass mich bisherige Diskussionsbeiträge (damit meine ich jetzt nicht diesen Kommentarbereich hier, sondern das, was ich von der Vorgeschichte so mitbekommen habe), von schwuler Seite teils ehrlich beschämt haben. Mit welcher Verbissenheit einzelne Akteure (absichtlich so gegendert) Opferolympiaden lostraten, ernsthaft anfingen, darüber zu dozieren, dass nur eine ganz bestimmte Art von Verfolgung eine "richtige" Verfolgung ist, und darüber zu streiten, wer für ein offizielles Gedenken wirklich "ausreichend" gelitten hat und wer doch eher nicht, das fand ich teilweise schockierend. Nicht etwa, weil ich grundsätzlich überhaupt keinen Diskussionsbedarf bei diesen Thema sähe, sondern weil dabei so oft wirklich jeder Funke von Solidarität über Bord geworfen wurde. Die Nachwirkungen dieser vergifteten Debattenbeiträge sehen wir hier. Ich finde, das muss irgendwie auch anders gehen.
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#9 Ralph
  • 02.10.2020, 10:24h
  • Antwort auf #3 von Girlygirl
  • Ja, das stimmt. Österreich und ich glaube auch Finnland waren die einzigen Staaten Europas, die auch Lesben verfolgten. Insoweit war der Nationalsozialismus für österreichische Lesben wahnsinnigerweise liberaler als die demokratische Republik.
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#10 Ralph
  • 02.10.2020, 10:33h
  • Antwort auf #8 von ursus
  • Jeder tatsächlich verfolgte Mensch ist als solcher anzuerkennen. Verfolgung darf nicht geleugnet werden. Gerade Schwule wissen das auf Grund der Erfahrung jahrzehntelangen Ausschlusses von der Gedenkkultur und wegen ihrer fortdauernden Kriminalisierung. Klar- und Richtigstellungen historischer Tatsachen stellen aber keine Hierarchie oder Opferolympiade dar. Schwule wurden wegen ihrer Homosexualität erbarmungslos verfolgt. Dafür gab es sogar eine eigene NS-Behörde. Lesben nicht. Dass dennoch Lesben in unbekannter Zahl auch Opfer des Nationalsozialismus wurden, kann nicht bestritten werden. Ich habe bereits eine Parallele zu Verfolgten gezogen, die Katholiken oder Offiziere waren. Auch die waren Opfer, aber es gab keine organisierte Katholikenverfolgung oder Offfiziersverfolgung und eben auch keine Lesbenverfolgung, die der Verfolgung nach § 175 NS-Fassung vergleichbar gewesen wäre.
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