Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?37202

Interview

War Fassbinder ein Kotzbrocken, Oliver Masucci?

Drei Weizenbier schon am Morgen und eine angefressene Wampe: Im Interview erzählt Oliver Masucci, wie er sich auf seine Rolle als Rainer Werner Fassbinder im Biopic "Enfant Terrible" vorbereitet hat.


"Ich bin alles, aber vor allem schwul. Und ich steh auf Gastarbeiter": Oliver Masucci als Rainer Werner Fassbinder in "Enfant Terrible" (Bild: Bavaria Filmproduktion)
  • Von Dieter Oßwald
    1. Oktober 2020, 13:28h, noch kein Kommentar

Seine Theater-Karriere brachte ihn vom Schauspielhaus Hamburg über Bochum bis zum Wiener Burgtheater. Der Kino-Durchbruch für Oliver Masucci, 56, folgte vor fünf Jahren mit der Satire "Er ist wieder da", wo der Schauspieler als Adolf Hitler in der heutigen Zeit auftrat. Nach seinem Auftritt als Joseph Beuys in "Werk ohne Autor" von Florian Henckel von Donnersmarck folgte eine Rolle in der Netflix-Serie "Dark". Nun gibt Masucci den Fassbinder im Biopic "Enfant Terrible".

Herr Masucci, als Hitler in "Er ist wieder da" hatten Sie 25 Kilo zugenommen. Als Fassbinder legten Sie abermals reichlich zu. Ein Jojo-Effekt der etwas anderen Art: Sind Sie wieder auf Normalgewicht?

Beim Hitler war ich fünf Jahre jünger, da fiel das Abnehmen noch spürbar leichter! (lacht) Diesmal geriet bereits das massive Zunehmen zum Problem: Mit Übergewicht bekomme ich schnell Bandscheiben-Probleme. Ich war froh, als ich die Fassbinder-Wampe nach dem Dreh endlich wieder loswerden konnte. Gelungen ist das mit Nordic Skating, wo man mit der richtigen Technik gut 3.000 Kalorien in zwei Stunden verbrennen kann.

Sie hätten es ja machen können wie Eva Mattes, die den Fassbinder einst in "Ein Mann wie Eva" lediglich mit einem angeklebten Bart spielte...

Ich finde, vom Gesicht her kam Eva damals relativ gut an Rainer heran. Wobei ich lediglich Fotos davon gesehen habe und nicht den Film. Für mich war ganz entscheidend, dass ich mich auch bei der äußeren Erscheinung dieser Figur nähere. Ich musste für den Film zu Fassbinder werden. Das ging soweit, dass auch ich schon morgens drei Weizenbier trank – und die waren nicht alkoholfrei!

Fahren dürften Sie danach kaum noch. Spielen kann man mit Promille noch?

Das muss man spielen! Wenn Schauspieler einen Betrunkenen spielen, wirkt das selten überzeugend. Mein Anspruch liegt darin, möglichst authentisch zu sein. Glaubwürdiger wirkt es, wenn man zuvor etwas trinkt und anschließend versucht, die Wirkung des Alkohols zu kaschieren. Denn genau das machen Menschen, wenn sie betrunken sind. Zudem machen drei Weizen ziemlich euphorisch – und Euphorie tat ganz gut bei diesem Film.


Regisseur Oskar Roehler (li.) und Oliver Masucci am Set (Bild: Bavaria Filmproduktion)

Wie sympathisch finden Sie diesen Fassbinder?

Zu Beginn hatte ich eine große Abneigung gegen Fassbinder, mir missfiel sein rüder Umgang mit anderen Leuten. Ich hatte Angst davor, mich dieser Monsterhaftigkeit von ihm zu nähern. Durch das Spielen habe ich allerdings die Sympathie zu ihm gefunden. Man muss ja auch sehen, wie bereitwillig die anderen all diese Schikanen sich gefallen ließen. Fassbinder gab ihnen einen Traum vom Glück: Kino war eben schon mehr als die öde Wirklichkeit.

Heute würde solch ein Verhalten eine Karriere vermutlich schnell beenden…

Die Person Fassbinder ist als Künstler heute undenkbar. Es gibt Dinge, die furchtbar an ihm sind. Auf der anderen Seite ist jeder Künstler selber verantwortlich für sein Tun. Wer über Abgründe erzählen möchte, darf nicht nur in sie hinein schauen, sondern muss sie erfahren. Die großen Theaterhelden von Macbeth bis Richard III. sind alle ganz abgründige Menschen. Was Fassbinder mit seiner Umgebung gemacht hat, war wie ein Menschen-Versuchslabor für ihn. Er hat sich selbst nie geschont. 43 Filme in 12 Jahren – dabei ist er verbrannt.


Poster zum Film: "Enfant Terrible" startet am 1. Oktober 2020 im Kino

Die Kunst bei Biopics heißt Interpretieren statt Imitieren. Wie haben Sie sich vorbereitet?

Mit Fassbinder bin ich schon sehr lange vertraut. Er war meine erste Rolle überhaupt im Stück "Katzelmacher" am Hamburger Schauspielhaus. Zur Vorbereitung habe ich als Auffrischung nochmals seine Filme und Stücke angeschaut. Oskar Roehler wollte von Anfang an kein Biopic drehen. Ihn interessierte dessen ewige Suche nach Liebe und sein völliges Scheitern an der unerfüllten Sehnsucht.

Kürzlich gab es die "Berlin Alexanderplatz"-Diskussion: Darf ein cis-Mann eine Transfrau spielen? Die alte Thematik: Sollten queere Figuren nur von queeren Menschen gespielt werden?

Das halte ich für vollkommenen Unsinn. Es ist immer die Frage, wer sich welchem Stoff nähert und welche Mittel er dafür wählt. Man könnte auch sagen, wir lassen den ganzen Film komplett von Frauen spielen. Verfremdung bedeutet, Dinge zu entrücken statt sie eins zu eins zu übernehmen. Deswegen ist es viel interessanter, wenn die Figur der Irm Hermann von Anton Rattinger gespielt wird. Genau so habe ich meinen Fassbinder angelegt: Der ist ein Konglomerat aus allen Despoten, die ich während meiner Karriere kennengelernt habe.

Was würde Fassbinder zu "Enfant Terrible" wohl sagen?

Fassbinder fände "Enfant Terrible" sicher ganz gut. Schon allein deshalb, weil das Filmfestival in Cannes den Film dieses Jahr in die Auswahl berufen hat. Und Cannes hat er ja geliebt. Außerdem haben wir den Film ja so gedreht, wie er ihn wahrscheinlich gedreht hätte. Das geplante Budget von 8,5 Millionen Euro haben wir nicht bekommen, stattdessen entstand der Film für 2,9 Millionen. Von 50 Drehtagen bliebt nur noch die Hälfte übrig. Das Bühnenbild wurde an die Wand gesprüht. Wir sind also mit einer kompletten Überforderung in den Film eingestiegen – und daraus ist gutes Kino entstanden, auf das ich stolz bin!

Was würden Sie Fassbinder fragen, falls er jetzt zur Tür herein käme?

Ich würde fragen, ob es sich bewusst war, dass er sich so schnell verbrennt. Aber vermutlich würden wir zuerst noch ein Weizenbier trinken...

Direktlink | Offizieller Trailer zum Film

Infos zum Film

Enfant Terrible. Spielfilm. Deutschland 2020. Regie: Oskar Roehler. Darsteller*innen: Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann, Eva Mattes, Alexander Scheer, André Hennicke, Désirée Nick, Anton Rattinger, Felix Hellmann, Erdal Yildiz, Jochen Schropp, Lucas Gregorowicz, Sunnyi Melles, Antoine Monot Jr., Isolde Barth, Meike Droste, Detlef Bothe, Christian Berkel, Ralf Richter, Götz Otto. Laufzeit: 134 Minuten. Sprache: deutsche Originalfassung. Verleih: Weltkino. Kinostart: 1. Oktober 2020
Galerie:
Enfant Terrible
16 Bilder