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Teil 1/3

Mordversuch an Magnus Hirschfeld: Die Vorgeschichte

Vor 100 Jahren – am 4. Oktober 1920 – wurde der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld in München Opfer eines Attentats. Der erste Teil dieser dreiteiligen Artikelserie behandelt die äußeren Rahmenbedingungen.


Der Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1868-1935) war Begründer der ersten homosexuellen Bürgerrechtsbewegung (Bild: Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin”)
  • Von Erwin In het Panhuis
    2. Oktober 2020, 13:33h, 2 Kommentare

Magnus Hirschfeld auf einer Karikatur von 1907 als Vorkämpfer für die Legalisierung von Homosexualität

Der schwule, jüdische und sozialistische Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld hielt 1920 in München einen Vortrag über die Thesen des Sexualforschers Eugen Steinach und wurde anschließend überfallen. Es ist nicht wenig, was man wissen muss, um diesen Vorfall mit seinen Hintergründen gut einordnen zu können. Es geht nicht nur um die politische und gesellschaftliche Situation von Juden und Homosexuellen oder um den Stand der Sexualwissenschaft, sondern auch um München als Keimzelle rechter Gewalt und nicht zuletzt um die bis heute faszinierende Person Magnus Hirschfelds.

Viele Informationen zu diesem Artikel stammen aus den beiden Biografien von Manfred Herzer ("Magnus Hirschfeld. Leben und Werk eines jüdischen, schwulen und sozialistischen Sexologen", 2., überarbeitete Auflage 2001; "Magnus Hirschfeld und seine Zeit", 2017) und aus dem Beitrag von Albert Knoll "München 1920 – kein sicheres Pflaster für Homosexuelle" (in: "Der Anschlag auf Magnus Hirschfeld. Ein Blick auf das reaktionäre München 1920", 2020, S. 7-22), der Ende Oktober 2020 anlässlich des Jahrestages des Attentats erscheinen wird.

Hirschfeld und die Homosexualität

Magnus Hirschfelds Schrift "Sappho und Sokrates" (1896 – unter Pseudonym erschienen) lässt sich als eine Art "Gründungsmanifest" der späteren Homosexuellenbewegung begreifen. Am 15. Mai 1897 gründete Magnus Hirschfeld mit drei weiteren Männern das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) und damit die weltweit erste homosexuelle Interessenvereinigung der Welt.

Zu den Zielen des WhK gehörte die Abschaffung des § 175 RStGB und damit die Legalisierung von Homosexualität zwischen Männern. Diesem Ziel diente die Einreichung einer Petition an den Reichstag, die zwar politisch erfolglos blieb, jedoch die Öffentlichkeit sensibilisierte. Ab 1899 gab das WhK das "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" und daneben auch populäre Aufklärungsbroschüren wie "Was soll/muss das Volk vom dritten Geschlecht wissen?" (1901) heraus. Eine erste Blütezeit hatte das WhK in den ersten zehn Jahren seines Bestehens von 1897 bis 1907. Mit der Harden-Eulenburg-Affäre setzte eine Krise ein, von der sich das WhK bis zum Ersten Weltkrieg nicht mehr erholte.

Als eines von Hirschfelds Hauptwerken gilt sein Buch "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914), in dem er auf mehr als 1.000 Seiten die gesamten Lebensumstände von Homosexuellen beschrieb.

Auch zu Beginn der Weimarer Republik hatte Hirschfeld eine große Bedeutung. Im Mai 1919 wurde mit "Anders als die Andern" (hier der Film, hier mein Artikel zum Film), der weltweit erste Film über Homosexualität, uraufgeführt, für den Hirschfeld als Berater tätig war und in dem er auch selbst auftritt.

Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft wurde am 6. Juli 1919 eröffnet. Die Homosexuellenhymne "Lila Lied" erschien im Herbst 1920 mit einer Widmung für Magnus Hirschfeld als "unermüdlichen Forscher und Freund". Die zu Beginn der Weimarer Republik neu gegründeten Homosexuellenvereine hatten jedoch mit der Zeit einen größeren Zulauf als das WhK, wobei man betonen muss, dass das WhK nie als eine Massenorganisation konzipiert war.

Die Münchner Schwulenszene von 1920

Hirschfelds WhK bildete während des Kaiserreichs mehrere Ortsverbände. Dazu gehörte das im September 1902 gegründete Subkomitee des WhK in München mit dem Vorsitzenden Joseph Schedel. Die Protokolle dieses Subkomitees sind erhalten und sie vermitteln gut, mit welchen Problemen die noch junge Bewegung in München zu kämpfen hatte. Aufgrund der sich massiv verschlechternden gesellschaftlichen und politischen Situation von Homosexuellen infolge der Harden-Eulenburg-Affäre löste sich das Subkomitee im Mai 1908 auf, ohne bis dahin nennenswerte Spuren in der Münchner Stadtgeschichte hinterlassen zu haben.

Ein homosexueller Einzelkämpfer in München war August Fleischmann, der mehrere populäre Aufklärungsschriften und seine Homosexuellenzeitschrift "Der Seelenforscher" (1902-1904) publizierte (vollständiger Reprint in "Gott sei dank, dass ich so bin!", 2007). Sowohl Fleischmann als auch das Münchner WhK-Subkomitee scheiterten jedoch an dem massiven Gegenwind aus Politik, Gesellschaft und Kirche. Einen weiteren Versuch, für "anständige Gleichgesinnte" einen Verein zu gründen, gab es 1920. Dieser Klub mit dem Namen "Harmonie" wurde jedoch im selben Jahr schon wieder aufgelöst.

Um 1920 gab es zwar auch in München eine Szene, die jedoch mehr als in anderen deutschen Großstädten eingeschränkt und überwacht wurde. Gaststätten, die als Treffpunkte für Homosexuelle bekannt wurden, wurde schnell die Konzession entzogen. Informationen über homosexuelle Treffpunkte wurden daher vor allem über Mundpropaganda verbreitet.

Eine gute Momentaufnahme der schwulen Szene in München bietet "Der internationale Reiseführer" für schwule Männer von 1920/1921, in dem zwei Vereine und sechs Lokale aufgeführt werden ("Spartacus Gay Guide 1920". In: Capri. Zeitschrift für schwule Geschichte, Nr. 14, 1991, S. 39). Einzelne weitere Hinweise ergeben sich durch Polizeiakten. Eine Möglichkeit für anonyme sexuelle Handlungen boten einige öffentliche Toiletten, die als Klappen bezeichnet wurden und – trotz Polizeirazzien – regelmäßig aufgesucht wurden. Dazu gehörten die imposante Toilettenanlage am Karlsplatz/Stachus sowie die Toiletten am Odeonsplatz, am Maximiliansplatz, an der Maximiliansbrücke und im Hauptbahnhof.


Karlsplatz/Stachus. Aufnahme um 1900

Als Damoklesschwert hing über den Schwulen aber nicht nur der § 175, sondern es konnte auch jederzeit zu Erpressungen kommen, was nicht nur juristische Konsequenzen hatte, sondern auch den sozialen Tod bedeuten konnte. Insgesamt lässt sich konstatieren, dass die bayerische Landeshauptstadt bzw. die Sittenpolizei hinsichtlich der Überwachung und Verfolgung homosexueller Männer im Jahr 1920 hart durchgriff und die Richter juristische Spielräume eher strafverschärfend auslegten. Homosexuelle Männer konnten kein angstfreies Leben führen.

In der Homosexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" konnte man im Frühjahr 1920 lesen: "München. Es gehen uns fortgesetzt Klagen darüber zu, daß in München kein Klub oder Lokal existiert, wo sich anständige Gleichgesinnte treffen und durch Gedankenaustausch und Geselligkeit dem Ernst des Lebens ein paar angenehme Stunden abringen können. Sollte in der Großstadt München das nicht zu erreichen sein, was in bedeutend kleineren Städten schon längst existiert?"

Hirschfeld und das Judentum


Antisemitische Hetze gegen Magnus Hirschfeld (aus dem NS-Hetzblatt "Der Stürmer", Februar 1929)

Der weit verbreitete Antisemitismus in Politik und Gesellschaft bezog sich nicht auf den gelebten Glauben, sondern auf die jüdische Herkunft. Das war auch bei Magnus Hirschfeld der Fall, dessen jüdische Herkunft eine von mehreren Projektionsflächen für Hass bot. Zu den wenigen Indizien dafür, dass sich Hirschfeld überhaupt der jüdischen Gemeinde als zugehörig empfand, gehört ein Vermerk an der Universität Breslau, wo Hirschfeld ab 1887 studierte und wo in Unterlagen bei seiner Religionszugehörigkeit "jüd." vermerkt ist. Später scheint Hirschfeld eine atheistische Einstellung eingenommen zu haben und war Mitglied im "Deutschen Monistenbund" – einer freidenkerischen Organisation. Einen frühen antisemitischen Angriff erlebte Hirschfeld 1907, als er vor seinem Haus Zettel fand, die die Überschrift trugen: "Dr. Hirschfeld eine öffentliche Gefahr – die Juden sind unser Unglück!" Es ist vermutlich Ausdruck der Hilflosigkeit und Angst und nicht Ausdruck von Souveränität, dass Hirschfeld darauf nicht reagierte.

Manchmal wurden die beiden populären Ressentiments – gegen Juden und gegen Homosexuelle – miteinander verbunden. Hirschfelds Petition zur Abschaffung des § 175 wurde so schon früh als angeblich jüdisches Projekt verunglimpft. Typisch dafür ist die Überschrift "Humanität von hinten" eines Artikels, in dem Hirschfeld auch als "hebräischer" Arzt verunglimpft wurde (Eugen Dühring in der Zeitschrift "Personalist und Emancipator", 1908, S. 1588; der Nationalökonom und Publizist Dühring gehörte zu den Begründern des modernen Rassenantisemitismus). Nachdem Hirschfeld als Sachverständiger bei zwei Gerichtsprozessen im Rahmen der Harden-Eulenburg-Affäre 1908 bekannt geworden war, nahmen solche Diskreditierungen noch zu. Weil nicht nur Magnus Hirschfeld, sondern auch der Journalist Maximilian Harden und sein Anwalt Max Bernstein Juden waren, konnte diese Affäre antisemitisch ausgeschlachtet werden.

Im dritten Teil dieser Artikelserie werde ich noch aufzeigen, aus welcher antisemitischen Stimmung heraus der Überfall auf Hirschfeld kommentiert wurde und wie der Angriff auf einen reichsweit bekannten Juden von Antisemit*innen als legitim angesehen wurde. Leider lässt sich der Einfluss antisemitischer Hetze auch innerhalb der Homosexuellenbewegung belegen. So behaupteten Autoren aus Adolf Brands "Gemeinschaft der Eigenen", dass Hirschfeld "als Jude der ungeeignetste Führer" einer Bewegung gegen den § 175 sei (St. Ch. Waldecke), und verwiesen auf seine angeblich "orientalische Einstellung" zur Sexualität ("Der Eigene", 1925). Magnus Hirschfeld wurde innerhalb und außerhalb der Bewegung als Jude diskreditiert, und das, obwohl er sich in erster Linie als Deutscher sah und sich vermutlich nie mit dem Judentum identifizieren konnte.

Hirschfeld und die Sexualwissenschaft

Am 6. Juli 1919 wurde Hirschfelds "Institut für Sexualwissenschaft" eröffnet, das dazu beitragen sollte, die Sexualwissenschaft zu institutionalisieren. Vorher hatte es keine etablierte Sexualwissenschaft gegeben, sondern allenfalls Professoren der Psychiatrie, Gerichts- und andere Mediziner, die das Geschlechtsleben zum Teil mitberücksichtigten. So blieb Hirschfelds nicht-staatliches "Institut für Sexualwissenschaft" bis nach dem Zweiten Weltkrieg das einzige seiner Art. Zu den Höhepunkten des Instituts gehörte die Ausrichtung der "1. Internationalen Tagung für Sexualreform auf sexualwissenschaftlicher Grundlage" im September 1921.

Als Sexualwissenschaftler hatte Hirschfeld zwar auf der einen Seite wichtige Sexualforscher als Verbündete wie zum Beispiel Iwan Bloch (1872-1922) und Albert Eulenburg (1840-1917), die jedoch schon recht früh starben. Auf der anderen Seite war das Institut bei konservativen Medizinern umstritten, auch deshalb, weil der Kampf für die Emanzipation von Homosexualität mit zu den Tätigkeitsfeldern des Instituts gehörte. Hirschfeld wurde deshalb beschuldigt, die Sexualwissenschaft zu missbrauchen und in Bezug auf Homosexualität nicht objektiv zu sein.

Hirschfelds Hauptwerk im Bereich der Sexualforschung ist das fünfbändige und mehr als 3.000 Seiten umfassende Werk "Geschlechtskunde" (1925-1930), wobei der Hinweis "Auf Grund dreißigjähriger Forschung und Erfahrung bearbeitet" auf den biografischen Hintergrund des Autors verweist. Hirschfeld war wohl auch eine treibende Kraft, als sich die "Weltliga für Sexualreform" 1928 in Kopenhagen konstituierte und von 1928 bis 1932 vier internationale Kongresse zur Sexualreform ausrichtete. Hirschfeld war zwar als Sexualwissenschaftler populär, hatte aber in dieser Funktion weniger nachhaltigen Erfolg als einige seiner Kollegen.

Sein Vortragsthema in München am 4. Oktober 1920 – das ich im zweiten Teil genauer behandeln werde – war sexualwissenschaftlicher Art. Es ging um die Thesen des Wiener Sexualforschers Eugen Steinach, der davon ausging, dass die Verpflanzung von Hoden zu einer Verjüngung beitragen könne und durch eine Hodentransplantation eine "Heilung" von Homosexualität möglich sei.

Hirschfeld und die Sozialdemokratie

Manfred Herzer beschreibt Hirschfelds sozialdemokratische Einstellung als eine "Art sozialliberaler Philanthropie ohne christliche Beimengung, gespeist von reformerisch gezähmten Idealen der Französischen Revolution". Vermutlich war Hirschfeld schon seit seiner Studentenzeit Mitglied der SPD. Wichtig wurde sein Kontakt zu August Bebel, der die SPD mit begründete, den Hirschfeld politisch für die Ziele der Homosexuellenbewegung zu gewinnen versuchte und der die Petition in den Reichstag einbrachte. In meinem Artikel über August Bebel auf queer.de habe ich nicht nur versucht, Bebels ambivalente Einstellung zur Homosexualität zu erläutern, sondern auch seine Verbindungen zu Hirschfeld und der jungen Homosexuellenbewegung aufgezeigt.

Vor allem anlässlich der vielen Homosexuellenskandale in der Kaiserzeit hatte die SPD viele Möglichkeiten, sich zur Homosexualität zu positionieren. Statt Homosexualität zu verteidigen war die Partei ähnlich janusköpfig wie Bebel. Der Industrielle Friedrich Alfred Krupp wurde in der SPD-Zeitung "Vorwärts" mit dem Artikel "Krupp auf Capri" 1902 sogar der Homosexualität beschuldigt. Eine einheitlich positive Linie der SPD zur Homosexualität ist in der wilhelminischen Zeit nicht zu erkennen.

Mit dem Beginn der Weimarer Republik waren viele Hoffnungen auf eine bessere Politik verbunden, und Hirschfeld engagierte sich bei den Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 parteipolitisch für die SPD. Staat und Gesellschaft waren jedoch – von der ersten kurzen Phase nach der Novemberrevolution von 1918 einmal abgesehen – eher von konservativen bis rechten antidemokratischen Kräften bestimmt. Wie muss es auf Hirschfeld gewirkt haben, dass ausgerechnet mit Billigung der SPD 1919 die Filmzensur wieder eingeführt und damit auch sein Film "Anders als die Andern" (1919) verboten wurde? Viele Schwule hätten Hirschfeld gerne als Reichstagsabgeordneten der SPD gesehen. Weil Hirschfeld jedoch nur im Januar 1919 parteipolitisch aktiv war, wurde dies nie ernsthaft diskutiert.

Nach dem Überfall 1920 erfolgten auf der einen Seite verbale Angriffe auch von sozialdemokratischen Zeitungen und dem Sozialisten Kurt Tucholsky, die Hirschfeld eigentlich hätten nahestehen müssen. Auf der anderen Seite würdigte ihn der SPD-Parteitag in Kassel – als Reaktion auf die Nachricht von Hirschfelds vermeintlichem Tod – als Parteigenossen – und verurteilte die völkische Hetze gegen ihn. Auch hier ist eine Uneinheitlichkeit im Verhalten der SPD festzustellen. Hirschfeld wies Tucholsky später zu Recht darauf hin, dass solche Kritik aus den "Kreisen seiner eigenen Parteigenossen" von "Hakenkreuzlern" dazu verwendet wurde, um ihre Gewalttaten zu legitimieren. Tucholsky war kein Parteigenosse Hirschfelds, sondern Mitglied der USPD. Hirschfelds Brief ist hier wohl im Sinne von "derselben politischen Richtung angehörend" zu verstehen.

Störungen und Widerstände bei anderen Vorträgen

Ein Vortrag von Magnus Hirschfeld in Hamburg am 23. Februar 1920 ist aus mehreren Gründen erwähnenswert. Er handelte von der "Fortpflanzung und Höherpflanzung des Menschen" und damit von Eugenik, was, ähnlich wie der Inhalt seines Münchner Vortrages über Steinachs Forschungen, aus heutiger Sicht zu Hirschfelds dunklen Punkten gehörte.

Hirschfelds Meinung über Eugenik lässt sich gut in seinem Werk "Geschlechtskunde" (Band 2, 1928, S. 527-659: "Die Höherzüchtung des Menschengeschlechts") nachlesen. Eugenische Bestrebungen, d.h. der Wunsch, den Anteil positiv bewerteter Erbanlagen zu vergrößern und den Anteil der negativ bewerteten zu verringern, wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts breit diskutiert. Nach einem Bericht über Hirschfelds Vortrag im "Hamburger Anzeiger" verband Hirschfeld auch seine Ausführungen über Eugenik mit solchen über Homosexualität. Das zeigt, dass Hirschfeld – was man ihm oft vorwarf – Homosexualität wohl immer mit berücksichtigte.

Auch bei diesem Vortrag kam es zu einer Störung von Antisemiten, "halbwüchsige Lümmel in Uniformen" wollten die Veranstaltung mit Unruhe und Stinkbomben unterbinden. In diesem Fall sorgten mehrere Personen dafür, dass der Vortrag nach kurzer Zeit fortgesetzt werden konnte. Der Veranstalter äußerte sich zuversichtlich, dass in Zukunft solche "Angriffe rasch und energisch im Keim" erstickt werden könnten ("Hamburger Anzeiger", 24. Februar 1920). Die Homosexuellenzeitschrift "Die Freundschaft" schrieb, dass in Hamburg "allbekanntes Gesindel" als Täter verantwortlich gewesen sei ("Die Freundschaft", 1920, Nr. 10).

Auch ein Vortrag in Hamburg über Steinachs Theorien am 16. September 1920 – bei dem sich Hirschfeld durch Arthur Kronfeld (1886-1941) vertreten ließ, einen Psychiater und Mitarbeiter seines Instituts – sollte mit Trillerpfeifen etc. massiv gestört werden, wogegen es jedoch eine "energische Zurückweisung" gab. Der Aufruf zur Störung kam hier vom "Stoßtrupp der Deutsch-völkischen Bünde".

Aus anderen Städten sind "Schmäh- und Drohbriefe" bekannt. Geplante Vorträge in Stettin und Nürnberg mussten abgesagt werden. Mit Bezugnahme auf den "Schmutzfilm" "Anders als die Andern" wurde ein Vortrag in Nürnberg abgelehnt (Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen, 1920, S. 118-142, S. 121-123; zu den Hamburger Vorgängen wird hier die SPD-Zeitung "Hamburger Echo" zitiert). Insofern muss der Überfall in München in einem Kontext mit Übergriffen und Widerständen in anderen Städten gesehen werden, auch wenn sich die politische Situation in München als besonders aggressiv erweist.

Die politisch labile Situation von 1920

Mit dem Ende der Monarchie in Deutschland begann im November 1918 eine Zeit heftiger politischer Umwälzungen. In der Endphase des Ersten Weltkrieges führte die Novemberrevolution von 1918/19 zur Umwandlung in eine parlamentarische Demokratie. Seit 1919 gab es in verschiedenen Städten des Deutschen Reiches Arbeiter- und Soldatenräte. In München wurde 1918 Kurt Eisner der Anführer der Novemberrevolution und war vom 8. November 1918 bis zu seiner Ermordung am 21. Februar 1919 der erste Ministerpräsident des Freistaats Bayern. Kurt Eisners Freistaat und die Räterepublik, die nach seiner Ermordung ausgerufen wurde, bestanden jedoch nur einige Wochen. Soldaten von Freikorpstruppen beendeten den revolutionären Zustand im April/Mai 1919 gewaltsam und errichteten ein von antisemitischen, nationalistischen und demokratiefeindlichen Kräften gesteuertes Regime, das politisch ähnlich gesinnte Menschen anzog.

Einer von ihnen war der noch unbekannte Adolf Hitler, der sich nach dem Ersten Weltkrieg in München niederließ. Im September 1919 wurde er Mitglied der "Deutschen Arbeiterpartei" (DAP), die sich im Januar 1919 gegründet hatte. Am 16. Oktober 1919 hielt er im Münchner Hofbräukeller nach dem Hauptredner seine erste öffentliche Parteirede für die DAP. Im Februar 1920 wurde aus der DAP die "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" (NSDAP). Anlässlich der Umbenennung betonte Adolf Hitler nicht nur sein Ziel der Errichtung eines totalitären "großdeutschen" Reiches, sondern auch das des Ausschlusses von jüdischen Menschen aus der Gesellschaft.

Vom 13. bis 17. März 1920 unternahmen rechte, republikfeindliche Kräfte den Kapp-Putsch, einen nach vier Tagen gescheiterten Putschversuch gegen die nach der Novemberrevolution geschaffene Weimarer Republik, der das Land an den Rand eines Bürgerkrieges brachte. Die erste reguläre Reichstagswahl der Weimarer Republik fand am 6. Juni 1920 statt. Die stabilisierende Weimarer Koalition aus SPD, Zentrumspartei und Deutscher Demokratischer Partei (DDP) verlor dabei ihre Mehrheit, und es wurden massive Gewinne für USPD und Rechtsparteien wie die DNVP und die DVP verzeichnet. Die Anfangsjahre der Weimarer Republik waren durch eine politisch sehr labile Situation gekennzeichnet, bei der die politischen Standpunkte sehr weit auseinanderlagen und die Politik auch von Gewalt geprägt war. Viele Protagonisten wurden ermordet, wie u.a. Kurt Eisner, Matthias Erzberger (Unterzeichner des Waffenstillstandes am 11. November 1918, Politiker des Zentrums) und Walther Rathenau (Jude, national-liberaler Politiker). 1922 wurde auch ein Mordversuch an dem sozialdemokratischen Politiker Philipp Scheidemann begangen, der am 9. November 1918 von einem Balkon des Reichstagsgebäudes den Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs verkündet und die deutsche Republik proklamiert hatte.

Viele der tragenden Gestalter der Revolution und der Rätezeit waren Juden bzw. jüdischer Herkunft, wie u a. Kurt Eisner, Gustav Landauer und Erich Mühsam. In den Jahren danach wurde mit der sogenannten Dolchstoßlegende die Schuld an dem verlorenen Ersten Weltkrieg und damit auch an den nachfolgenden Entbehrungen den Sozialdemokrat*innen und vor allem den Jüdi*nnen gegeben, womit die von den Antisemit*innen sogenannte "Judenfrage" in den Mittelpunkt weit verbreiteter Verschwörungstheorien rückte. In keiner anderen Stadt des Deutschen Reichs konnte sich jedoch der Antisemitismus in kürzester Zeit so stark wie in München entwickeln.


Eine antisemitische Postkarte zur "Dolchstoßlegende" (1919)

Bewertung

Der Anschlag auf Magnus Hirschfeld – das machen die Zeitungsberichte deutlich, die ich im dritten Teil zitieren werde – war vor allem antisemitisch motiviert. Zum Teil ging es sicherlich auch um die Ablehnung von Sexualwissenschaft und um Hirschfelds Engagement für Homosexuelle. Das Charakteristische ist ja gerade, dass sich in der Hassfigur Hirschfeld mehreres verband. Die Homosexualität Hirschfelds war 1920 öffentlich nicht bekannt. Mit Hirschfelds sozialdemokratischer Einstellung hatte der Überfall offenbar nichts zu tun, wenn auch in sozialdemokratischen Zeitungen eine Auseinandersetzung mit dem Überfall stattfand. Der Schlüssel, um das Geschehene einzuordnen, ist vor allem die politische Situation von 1920. In den Zwanzigerjahren wurde die antisemitische Bewegung erkennbar gewaltbereiter – eine aggressive Stimmung in der Gesellschaft, die sich bis zur "Machtergreifung" Hitlers im Januar 1933 noch steigerte.

Den zweiten Teil der Serie "Mordversuch an Magnus Hirschfeld: Die Tat" veröffentlichten wir am Samstag, den dritten Teil "Die Reaktionen" am Sonntag.



#1 Ralph
  • 02.10.2020, 14:55h
  • Einmal mehr ein sehr informativer, gut recherchierter Artikel. Vielen Dank. - Die wankende Einstellung der Sozialdemokratie, über die wir uns heute noch/wieder zu Recht beklagen, hat unrühmliche Geschichte. Noch 60 Jahre nach dem hier geschilderten Ereignis kämpfte die SPD für die Beibehaltung des § 175, nicht für seine Abschaffung.
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#2 goddamn liberalAnonym
  • 02.10.2020, 15:02h
  • Der Artikel ist sehr gut recherchiert und auch eine implizite Würdigung von Hirschfeld.

    Eine Sache sehe ich aber anders: Moderner Antisemitismus und moderne Homophobie sind bis heute nicht nur manchmal, sondern eigentlich regelmäßig miteinander verbunden, von der polnischen PIS bin zu verkappt reaktionären Gestalten wie Jasbir Puar.
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