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Queerfilmnacht

Eine schwule Beziehung hinter Gittern

Im Spielfilm "Der Prinz" avanciert ein hübscher Adonis-Killer zum leidenschaftlichen Liebhaber des alternden Knast-Königs. Was wie ein Knacki-Porno klingt, entpuppt sich als faszinierendes wie vielschichtiges Drama.


Der 20-jährige Jaime landet im Gefängnis, weil er im Suff seinen heimlich begehrten besten Freund erstochen hat (Bild: Edition Salzgeber)

Die Hoffnung auf jene "Du kommst aus dem Gefängnis frei"-Karte kann sich der junge Jaime wohl auf ewig abschminken. Wegen Mordes fährt er ein in den chilenischen Knast der Siebzigerjahre. Aus Eifersucht hat er seinem heimlich begehrten Freund in einer Bar brutal die Kehle durchgeschnitten. Als hübscher Lockenkopf mit Engelsgesicht dürfte dem 20-jährigen Adonis-Killer im Knast die Hölle bevorstehen.

"Um hier zu überleben, musst du knallhart sein", bekommt er auf dem Weg zur Dusche seine erste Lektion. Der Ratschlag stammt vom gefürchteten El Potro, den alle ehrfurchtsvoll nur "den Hengst" nennen. Der Alte macht sich sofort zum Beschützer des attraktiven Neulings, zu seinem neuen "Prinzen". Sein aktueller junger Lover wird gnadenlos aus dem Bett in der Gemeinschaftszelle gekickt, muss fortan die Wäsche des Nachfolgers waschen und auf dem Boden schlafen. Wenig später nimmt sich "der Hengst", wonach er Lust hat: Es wird nicht die erste Vergewaltigung des "Prinzen" bleiben.


Machtspiele in der Gemeinschaftszelle (Bild: Edition Salzgeber)

Was wie der Auftakt eines gängigen Knacki-Pornos klingt, kommt nicht von ungefähr. Die Story basiert auf dem berüchtigten Pulp-Roman von Mario Cruz. Regisseur Sebastián Muñoz hat aus dem schlüpfrig-brutalen Stoff freilich ein formidables Knast-Kammerspiel der ambitionierten Art gestrickt.

Geschichte von Gewalt, Liebe und Sex


Poster zum Film: "Der Prinz" startet am 19. November 2020 regulär im Kino und läuft im Oktober bereits in der Queerfilmnacht

"Als ich das Buch in einem Second-Hand-Buchladen fand, hatte ich nicht erwartet, hinter der Aufmachung eines billigen Erotikromans das faszinierende Porträt der chilenischen Gesellschaft in den Siebzigerjahren zu entdecken, in einer Geschichte von Gewalt, Liebe und Sex zwischen Gefangenen, einer homoerotischen und fesselnden Erzählung", erzählt der Regisseur. "Als schwuler Mann in den Vierzigern und Teil einer Generation, die ihre Homosexualität leben kann, vermag ich mir nicht einmal vorzustellen, welchen Wirbel dieses Buch zur damaligen Zeit sowohl unter den Konservativen als auch innerhalb des chilenischen linken Flügels verursacht hat. Das hat mich dazu inspiriert, die Geschichte auf die große Leinwand zu bringen."

Nach der brutalen Ouvertüre werden die Weichen des Dramas in überraschende Richtungen gestellt. Da sind zum einen die Rückblenden, die das Psychogramm des jungen Helden als Mosaiksteinchen zusammenfügen. Die Verführung durch eine ältere Lady, die im Fiasko endet. Der heimliche Schwarm für einen Freund. Mit ihm fährt Jaime besoffen auf dem Motorrad und landet prompt gemeinsam in der Ausnüchterungszelle. Von ihm erfährt er eine zauberhafte Geschichte über das Lächeln – und wie man es erfolgreich stiehlt!

Es geht um die Macht im Knast

Der zweite Handlungsstrang ist gleichfalls für allerlei Überraschungen gut. Da bekommt "der Hengst" überraschend Besuch von einem älteren Herren – seine ganz große Liebe von früher, wie im Knast kolportiert wird. Zudem zeigt El Potro zunehmend fürsorgliche Seiten: Seinem Prinzen schenkt er eine Gitarre, auf dass er spielen lerne. Auch die rabiaten Sex-Forderungen des Alten wandeln sich allmählich zu zärtlichen Begegnungen, die Jaime ausgesprochen genießt.


"Der Prinz" basiert auf Mario Cruz' lange verschollenen Roman, der parallel zum Film erstmals in deutscher Übersetzung erscheint, (Bild: Edition Salzgeber)

Doch der heiße Flirt mit einem gleichaltrigen Knacki sorgt schnell für große Eifersucht bei seinem älteren Liebhaber. Die Lage eskaliert, bald geht es nicht nur um Liebe, sondern um die Macht im Knast.

Große Gefühle und leise Sensibilität

Das "Wunder der Rose" von Jean Genet lässt in diesem Film ebenso grüßen wie "Querelle" von Fassbinder. Stilsicher, zumal für ein Debüt, inszeniert Sebastián Muñoz seine schwule Lovestory hinter Gittern. In der beklemmenden Atmosphäre heruntergekommener Kulissen ist reichlich Raum für brutale Gewalt und dumpfes Macho-Gedöns. Aber eben auch für große Gefühle und leise Sensibilität.

Mehr als die halbe Miete machen die Darsteller aus. Der erfahrene Alfredo Castro ("Tony Manero") gibt überzeugend den geheimnisvollen Alten. Newcomer Juan Carlos Maldonado fasziniert als leinwandpräsenter Prinz wie aus dem Märchenbuch. Da brüllte der Queer-Lion beim Filmfestival von Venedig mehr als verdient.

Direktlink | Offizieller deutscher Trailer

Infos zum Film

Der Prinz. Drama. Chile, Argentinien, Belgien 2019. Regie: Sebastián Muñoz. Darsteller: Juan Carlos Maldonado, Alfredo Castro, Cesare Serra, Gastón Pauls, Lucas Balmaceda. Laufzeit: 96 Minuten.Sprache: spanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: Edition Salzgeber. Kinostart: 19. November 2020 sowie im Oktober bereits in der Queerfilmnacht


#1 g_kreis_adventProfil
  • 03.10.2020, 10:56hBerlin-Prenzlauer Berg
  • Warum in den schweren Zeiten der Corona Epidemie nur im Kino? Warum nicht auch als DVD?
    Streaming kann auch nicht jeder sehen. Schade!
  • Antworten » | Direktlink »
#2 The_Queer_WolfProfil
  • 05.10.2020, 09:37hBerlin
  • Geht schon klar. Mit Engelsgesicht kannst er ja öffentlich eine zehnköpfige Familie abschlachten und die Homos würden ihn trotzdem lieben.

    Und wer verliebt sich nicht leidenschaftlich in Männer mit dem verführerischen Namen "der Hengst", die ihre "Lover" für deren Nachfolger gnadenlos aus dem Bett in der Gemeinschaftszelle kicken und auf dem Boden schlafen lassen?

    Total romantisch. Wer kann da wiederstehen? Und wie praktisch, dass sie einem gleich noch die Wäsche waschen...

    Wer genießt nicht die zärtlichen Begegnungen mit seinem Vergewaltiger? Wow, Männerträume werden wahr. Kann es etwas Schöneres geben?

    Ich liebe solche Geschichten. Lasst uns toxische Männlichkeit feiern. Gibt ja wirklich viel zu wenig davon in der Welt.

    Nächstes Mal vielleicht ne Lovestory über einen HIV-Arzt, der seine Patienten missbraucht und sich hinterher mit ihnen zum romantischen Candelight-Dinner verabredet.
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