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Teil 2/3

Mordversuch an Magnus Hirschfeld: Die Tat

Vor 100 Jahren – am 4. Oktober 1920 – wurde Magnus Hirschfeld das Opfer eines Attentats. Im zweiten Teil unserer dreiteiligen Serie erklären wir, was genau an diesem Tag in München passierte.


Der Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1868-1935) war Begründer der ersten homosexuellen Bürgerrechtsbewegung (Bild: Archiv der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft e.V., Berlin)
  • Von Erwin In het Panhuis
    3. Oktober 2020, 03:06h, 4 Kommentare

Im zweiten Teil dieser Artikelserie wird beleuchtet, was am 4. Oktober 1920 vor, während und nach dem Vortrag Magnus Hirschfelds in München passierte. Die Quellenlage ist unterschiedlich gut. Den Vortragsinhalt kennen wir sehr genau, weil Hirschfeld zum selben Thema und im selben Jahr eine Broschüre publizierte. Mit Hirschfelds Äußerungen zum Überfall liegen authentische Quellen aus erster Hand vor, die nachfolgend im Fokus stehen. Weil es zu keinen Verhaftungen kam und die Polizei an einer strafrechtlichen Ermittlung nicht interessiert gewesen zu sein scheint, wissen wir von den Tätern und ihren Motiven allerdings fast nichts. Am Rande möchte ich auch auf Rosa von Praunheims Version des Vortrags und des anschließenden Überfalls eingehen, wie er sie in seinem Film "Der Einstein des Sex" (2000) inszenierte.

Der Veranstaltungsort "Tonhalle"

Hirschfelds Vortrag fand in der Münchner Tonhalle statt. Das Gebäude wurde 1895 in der Türkenstraße 5 im Stadtteil Maxvorstadt unter dem Namen "Kaim-Saal" als Konzertsaal erbaut. Der Hauptsaal war 500 qm groß und bot zusätzlich eine Galerie von 130 qm. Seit 1905 trug das Gebäude den Namen "Tonhalle"; 1907 erhielten die Betreiber die gewerbepolizeiliche Erlaubnis, in der Tonhalle auch öffentliche Gesangs- und deklamatorische Vorträge anzubieten. Zeitgenössische Quellen und Fotos belegen, dass es sich bei der Tonhalle um einen repräsentativen Veranstaltungsort handelte. Auch aus anderen Städten ist bekannt, dass sich das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee (WhK) bei Vorträgen stets um solche repräsentativen Orte bemühte, wie z.B. in Köln den Gürzenich.


Eine Innenansicht der repräsentativen Tonhalle in München

Die Münchner Tonhalle wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. An der Stelle steht heute das "Haus des bayerischen Gastgewerbes" (erbaut 1967-1969), das mit einer Gedenktafel auf die frühere Tonhalle als "Geburts- und Heimstätte der Münchner Philharmoniker" verweist. Die neue Münchner Tonhalle befindet sich heute in der Atelierstraße 24 im Werksviertel.

Die Bedeutung von Vorträgen und Hirschfelds Vortragsstil

"Hirschfeld dürfte in seinem Leben mehr als tausend Vorträge gehalten haben. In einer Zeit ohne Radio und Fernsehen hatten Ansprache und Rede vor einem allgemeinen Publikum eine wesentlich größere Bedeutung für die geistige Auseinandersetzung und die Verbreitung neuer Ideen als heutzutage" (Manfred Herzer: Die Polizei überwacht Hirschfelds Vorträge. In: "Mitteilungen der Magnus Hirschfeld-Gesellschaft", Nr. 14, Dezember 1989, S. 38-44, hier S. 38). Es steht außer Frage, dass Vorträge wie der in München für die homosexuelle Emanzipationstätigkeit des WhK eine große Bedeutung hatten.

Schwerer zu bestimmen ist, wie Magnus Hirschfeld als Redner bei seinen Vorträgen wohl gewirkt hat. In dem Film "Anders als die Andern" (1919) gibt es zwar eine kurze Filmszene, in der Hirschfeld sich selbst bei einem Vortrag darstellt (36:39-40:49 Min. der DVD). Als filmisch inszenierter Vortrag mit inszenierter Publikumsreaktion und ohne Ton lässt sich diese Filmszene kaum als authentisch wahrnehmen.


Magnus Hirschfeld als Darsteller bei einem inszenierten Vortrag in dem Film "Anders als die Andern" (1919)

Leider geben auch die Zeitungsberichte kein einheitliches Bild seines Vortragsstils wieder. Als Hirschfeld in Bad Nauheim über die Theorien und Versuche Eugen Steinachs sprach, fanden die "Wiesbadener neuesten Nachrichten", dass Hirschfeld "fesselnd und leicht verständlich" gesprochen habe. Als Hirschfeld in Frankfurt den gleichen Vortrag hielt, meinte die "Frankfurter Zeitung", Hirschfeld habe "trocken und fast schulmeisterlich" geredet (beide Quellen zitiert nach dem "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", Jg. 1920, S. 121-122, S. 138-141). Mit Bezug auf den Vortrag in München beschrieb die "Münchner Zeitung" (5. Oktober 1920) Hirschfeld als einen schlechten Vortragenden, als ein "Grammophon in Menschengestalt". Es ist aber wohl nicht nur eine Frage der individuellen Rezeption, sondern auch eine Frage der parteipolitischen Ausrichtung einer Zeitung, wie ein Vortrag – vom Inhalt und vom Stil des Vortragenden her – in den Zeitungen beschrieben wurde.

Das Vortragsthema: Wie kann man Homosexuelle umpolen?


Die Position Hirschfelds zu Steinach in der Broschüre "Künstliche Verjüngung. Künstliche Geschlechtsumwandlung" (1920)

Am Abend des 4. Oktober 1920 hielt Hirschfeld einen Vortrag über die Thesen des Wiener Sexualforschers Eugen Steinach, der davon ausging, dass die Verpflanzung von Hoden zu einer Verjüngung beitragen könne und durch eine Hodentransplantation eine "Heilung" von Homosexualität möglich sei. Hirschfeld vermittelte mehrere Homosexuelle an Steinach, die sich in der Hoffnung, heterosexuell zu werden, kastrieren und fremde Hoden transplantieren ließen, und rief im "Jahrbuch" Homosexuelle dazu auf, sich Steinach für weitere Versuche zur Verfügung zu stellen. Diese "Sympathie" für Steinachs Thesen ist für den Hirschfeld-Biografen Manfred Herzer einer der vielen dunklen Punkte in Hirschfelds Wirken. Auch im Hirschfeld-Biopic "Der Einstein des Sex" (D 2018, Regie: Rosa von Praunheim, 52:00-54:50 Min.) wird auf Hirschfelds Faszination eingegangen, der zwar Steinachs Formulierung des "Heilens" widerspricht, ansonsten aber aufgeschlossen ist für eine Veränderung der sexuellen Orientierung, wenn Männer unter ihrer Homosexualität leiden würden.

Welche Meinung Magnus Hirschfeld zu Steinachs Forschungen hatte, wissen wir vor allem aus seiner 30-seitigen Broschüre "Künstliche Verjüngung. Künstliche Geschlechtsumwandlung. Die Entdeckungen Prof. Steinachs und ihre Bedeutung" (1920). Einzelne Äußerungen von ihm über Steinach finden sich auch in seinem bedeutenden Werk "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" (1914, S. 377, S. 416) und in seinem Buch "Geschlechtsverwirrungen" (seit 1955 posthum herausgegeben).

Magnus Hirschfeld war nicht der einzige Wissenschaftler, der die Forschungen von Steinach in Verbindung mit Homosexualität betrachtete. Genannt seien Äußerungen über Steinach des Psychiaters Emil Kraepelin in "Wesen und Ursachen der Homosexualität" (in: "Zeitschrift für pädagogische Psychologie und experimentelle Pädagogik", Jg. 1922, S. 51-56) und des Mediziners Gustav Zeuner in "Homosexualität und innere Sekretion" (in: "Naturwissenschaftliche Wochenschrift", Jg. 1922, S. 468-470).

Es gibt keinen Hinweis, dass Hirschfeld am Abend des 4. Oktober wegen des Themas seines Vortrages überfallen wurde. Dass ich das Vortragsthema trotzdem erwähne, liegt an der Art, wie damalige Journalisten damit umgingen. Der "Allgemeine Tiroler Anzeiger" (20. Oktober 1920) schrieb, Hirschfeld habe "angeblich" einen Vortrag über Steinach gehalten, aber "in Wirklichkeit" sei es um die "Verteidigung der Homosexualität" gegangen. In Verbindung mit angeblich obszönen Bildern habe es "natürlich einen Skandal" gegeben. Damit werden nicht die schon früher umstrittenen Thesen Steinachs zur Verjüngung bzw. zur "Heilung" von Homosexuellen, sondern vor allem die Versuche einer Emanzipation der Homosexuellen skandalisiert. Kurt Tucholsky ("Gesammelte Werke in zehn Bänden", 1975) schrieb nach dem Überfall, dass Hirschfelds Persönlichkeit "vielen von uns nicht allzu angenehm" sei. Damit meinte er nicht die kurz vorher von ihm erwähnte "Verjüngungstheorie", die er unkommentiert ließ.

Magnus Hirschfeld in der "Münchener Post"

Die wichtigste Quelle zum Überfall ist ein Brief von Magnus Hirschfeld, den dieser an die sozialdemokratische Zeitung "Münchener Post" schickte und der dort am 7. Oktober 1920 abgedruckt wurde (Nachdruck im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", Jg. 1920, S. 124-126). Danach wurde Hirschfeld vor der Veranstaltung von zwei Seiten mitgeteilt, dass ein antisemitischer Anschlag gegen ihn geplant sei. Daraufhin nahm er mit dem Veranstalter, der Süddeutschen Konzertdirektion, und der Polizei Kontakt auf, um Schutzmaßnahmen zu erwirken. Von beiden Stellen teilte man ihm mit, dass Schutzmaßnahmen eingeleitet würden.

Entgegen Hirschfelds Erwartung setzte sich jedoch kein Polizist mit ihm in Verbindung. Mit zwei Bekannten – einem Münchner Arzt und einem Opernsänger – versuchte er Beamte zu finden, die ihn beschützen sollten. Nach der Veranstaltung gingen sie auf Rat seiner ortskundigen Begleiter in Richtung Brienner Straße, um in einem Lokal Schutz zu suchen. In der Türkenstraße bekam er bereits Steine an den Kopf geworfen. Nach mehreren Schlägen verlor er das Bewusstsein und kam erst in der chirurgischen Klinik wieder zu sich, wo eine Gehirnerschütterung diagnostiziert wurde.

Hirschfeld erinnerte sich, dass einer der Männer, die ihn verfolgten, gerufen habe: "Der hat die Eulenburgerei [die Homosexualität] nach Deutschland gebracht." Das ist eine Anspielung, die sich auf Hirschfelds Gutachtertätigkeit bei den sogenannten Eulenburg-Prozessen bezieht, in deren Verlauf den engsten Vertrauten von Kaiser Wilhelm II. homosexuelle Handlungen vorgeworfen wurden und hier als eine allgemeine Kritik an Hirschfelds Engagement für Homosexuelle zu verstehen. Der Ausruf ist ein Indiz, dass der Überfall nicht nur im Kontext von Antisemitismus, sondern auch im Kontext von Homosexuellenfeindlichkeit gesehen werden kann.

Am Ende seines Leserbriefes bringt Hirschfeld zwei lateinische Zitate: "O sancta simplicitas" (o heilige Einfalt) bzw. "Tempora mutantur" (die Zeiten ändern sich) und erinnert sich daran, dass er vor rund 30 Jahren in München "die ersten Anregungen für meine Forschungen" erhalten habe. Hirschfeld leitete seinen Brief an die Redaktion mit dem Hinweis ein, dass die Zeitungen "vielfach" falsch berichteten und dass er gerade deshalb "eine mit der Wirklichkeit übereinstimmende Klarstellung" erreichen wolle. Wegen dieses Hinweises auf Falschmeldungen werde ich nachfolgend nur auf wenige weitere und als zuverlässig eingeschätzte Quellen eingehen.


Hirschfelds Bericht vom Überfall, der erstmal in der "Münchener Post" (7. Oktober 1920) und später in einer Publikation des WhK erschien

Die "Münchener Post" hatte schon einige Tage zuvor vorbildlich über den Überfall berichtet (5. Oktober 1920): "Schon eine halbe Stunde vor Beginn des Vortrages konnte jeder Laie erkennen, daß etwas Unsauberes geplant war. Gruppen verwildert aussehender jugendlicher Elemente umstanden mit zusammengesteckten Köpfen die Straßen vor der Tonhalle", während Polizisten nicht zu sehen gewesen seien. Schon in der ersten Hälfte seines Vortrages sei Hirschfeld unterbrochen worden, er habe jedoch "jeden Tadel" unterlassen, während ein Teil der Unruhestifter aus dem Saal entfernt worden sei. Gegen Ende des Vortrages habe es einen "wüsten Tumult" gegeben, der "ersichtlich den Charakter einer wohlorganisierten Vorbereitung trug". Es seien Stinkbomben geworfen worden. Vor der Tür "stand ein Haufen Rowdys, die […] einen Anschlag auf Dr. Hirschfeld planten". Auch ein Auto, das Hirschfeld zum Hotel fahren sollte, sei belagert worden und ohne Hirschfeld abgefahren, um die Verfolger in die Irre zu führen. Der namentlich nicht genannte Autor des Artikels berichtet weiter, er habe an der Brienner Straße aus Richtung Eschenallee einen furchtbaren Schrei gehört. Er sei herbeigeeilt und habe gesehen, wie Hirschfeld mit Stöcken niedergeschlagen worden sei.

Berichte in der "Münchener Zeitung" und der "Bayerischen Staatszeitung"

Journalisten von zwei weiteren Münchner Zeitungen waren offenbar ebenfalls an diesem Abend in der Tonhalle. In der bürgerlich-konservativen "Münchener Zeitung" (5. Oktober 1920) beschreibt ein Journalist recht gut die atmosphärisch angespannte Stimmung während des Vortrages: das "Gekicher und Getuschel" im Saal, die Schreie nach "Schweinereien" und die Knallerbsen, die sich wie Revolverschüsse anhören sollten. "Man hob drohend die Arme, man sprang auf die schönen Plüschstühle, man schrie und tobte." Für den Journalisten war die Störung des Abends "ohne allen Zweifel vorbereitet gewesen. Die Störer müssen verurteilt werden, aber auch Hirschfeld muss abgelehnt werden." Ein "handgreiflich gewordener Hirschfeld-Anhänger" sei wegen Ohrfeigen zur Polizeiwache gebracht worden. In einem Nachtrag erwähnt die Zeitung den Überfall auf Hirschfeld und hofft, dass die "beiden Lümmel" noch ermittelt werden würden.

Nach der "St. Z." (Archiv-Kürzel, vermutlich für "Bayerische Staatszeitung", 6. Oktober 1920) wurden einige Zwischenrufer während der Veranstaltung noch "gewaltsam aus dem Saale entfernt". Am Schluss habe es jedoch neue Zwischenrufe und Störungen gegeben. In den Eschenanlagen in der Nähe des Maximiliansplatzes sei Hirschfeld später zusammengeschlagen worden. Von zwei Polizeibeamten sei er in das "Regina-Palasthotel" (Maximiliansplatz 5) und von dort in die Chirurgische Klinik des Krankenhauses gebracht worden.


Das "Regina-Palasthotel" (Maximiliansplatz 5, heute "Haus Regina")

Das WhK im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen"

Mit einem großen Beitrag im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (JfsZ, Jg. 1920, S. 118-142) informierte das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee" (WhK) seine Mitglieder sehr ausführlich u.a. über den eigentlichen Überfall. Das WhK verwies darauf, dass Hirschfeld schon vor seinem Vortrag am 4. Oktober "von verschiedenen Seiten mündlich und schriftlich gewarnt worden [sei] nicht nach München zu fahren, wo mehr als an irgendeiner andern Stelle des Deutschen Reiches reaktionäre Elemente ihr Unwesen trieben, die […] vor Gewalttätigkeiten nicht zurückschrecken". "Zwar gelang es trotz mehrfacher lärmender Unterbrechungen bezahlter Unruhestifter den Vortrag selbst unter demonstrativem Beifall zu Ende zu führen", aber als Hirschfeld die Straße betreten habe, sei er überfallen worden (S. 123-124). Es ist außergewöhnlich, dass das WhK von ihrem Vereinsvorsitzenden Magnus Hirschfeld nicht direkt informiert wurde, sondern ihn aus zweiter Hand – nach der "Münchener Post" – zitieren musste. Vermutlich wurden sie von Hirschfeld auch selbst informiert, aber der Brief sollte als Zitat aus einer seriösen Zeitung "objektiver" wirken.

Ein Opernsänger in der "Freundschaft"

Ein recht hohes Maß an Authentizität scheint auch der Bericht in der Schwulenzeitschrift "Die Freundschaft" zu haben, die in ihrer Ausgabe vom 16. Oktober u.a. den "wahrheitsgetreuen Bericht" eines (namentlich nicht genannten) Opernsängers abdruckte, den auch Hirschfeld als einen von insgesamt zwei Begleitern erwähnt. Nach der Schilderung des Opernsängers standen "an allen Ecken […] Späher und bezahlte Schergen der Studenten; die Ausgänge des gesamten Straßenviertels waren planmäßig besetzt und abgeriegelt". Als er mit Hirschfeld über den Wittelsbacherplatz habe fliehen wollen, seien ihnen "sechs bis acht Studenten, auf jeder Seite" gefolgt, ebenso "zwei bis drei andere Gestalten". Unter Beleidigungen seien sie über die Brienner Straße geflohen, wo sie mit Steinen beworfen und mit Gummiknüppeln geschlagen worden seien, bis Hirschfeld am Eingang der Eschenallee bewusstlos zusammengebrochen sei. Weil Hirschfeld ab diesem Zeitpunkt nicht mehr bei Bewusstsein war, kommt dem Bericht des Opernsängers eine besondere Bedeutung zu. Als einer der wenigen Zeugen berichtet er von dem (verspäteten) Eingreifen der Polizei (bzw. dem "Auge des Gesetzes"), die "sich des am Boden liegenden Dr. Hirschfelds annahm" (Die Freundschaft, Jg. 1920, Nr. 41, S. 3).

Der Film "Der Einstein des Sex" und die Rolle Karl Gieses am 4. Oktober

Nach der Darstellung des Praunheim-Films "Der Einstein des Sex" (2000 – hier online, s. 1:03:20-1:07:30 Min.) lernte Magnus Hirschfeld bei diesem Vortrag am 4. Oktober 1920 seinen späteren Liebhaber Karl Giese kennen. Am Ende seines Vortrages skandieren einige Teilnehmer "saujüdische Afterkultur" und "Juda verrecke", während Giese an Hirschfelds Lippen hängt und mit "Bravo, Bravo" applaudiert. Als sich Giese von Hirschfeld ein Buch signieren lässt, kommt es zu einem kurzen Dialog zwischen beiden. Bei sanfter Klaviermusik outet sich Giese gegenüber Hirschfeld ("Ich bin auch so einer") und betont, dass es sein "sehnlichster Wunsch" sei, für ihn in seinem Institut zu arbeiten. Nach dem Überfall kommt er Hirschfeld zu Hilfe und wird selbst zusammengeschlagen, was ihre jahrelange Verbundenheit begründet. Mit Bezug auf das spätere Verhältnis Gieses zu Hirschfeld wirkt diese Form der Darstellung schlüssig.

Leider sind einige Einzelheiten vollkommen frei erfunden und aus filmdramaturgischen Gründen zurechtgebogen. Hirschfeld und Giese lernten sich – abweichend von der Darstellung im Film – schon etwa 1918 kennen ("Personenlexikon der Sexualforschung", 2009, S. 288). In dem von Magnus Hirschfeld initiierten ersten Homosexuellenfilm "Anders als die Andern" (Premiere im Mai 1919, s. auch meinen Artikel auf queer.de) wird Giese als Darsteller aufgeführt und verkörpert den Homosexuellen Paul Körner als Schüler. Seit 1919 arbeitete er in Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft als Verwalter des Archivs. Es ist vollkommen unklar, ob Giese am 4. Oktober 1920 überhaupt in München war. In Hirschfelds letzten beiden Jahrzehnten war Giese offenbar sein Lebenspartner. In dem Artikel "Magnus Hirschfelds Erbe in Wien" (in: "Der Morgen / Wiener Montagsblatt", 24. Juni 1935, S. 10) wird die Rolle Karl Gieses als einer der Erben von Magnus Hirschfeld gut verdeutlicht. Im März 1938 nahm sich Karl Giese im Exil in Brünn das Leben.


Magnus Hirschfeld beim Vortrag. Aus: "Der Einstein des Sex" (2000)

Die Zusammenfassung des 4. Oktober

Was politisch am heikelsten ist, lässt sich leider am schlechtesten dokumentieren. Weder am 4. Oktober – noch später – kam es zu Verhaftungen durch die Polizei. Dass Straftaten unaufgeklärt bleiben und von der Polizei keine Täter ermittelt werden können, ist für sich genommen noch kein Indiz für eine nicht richtig funktionierende Polizei. In wohlüberlegten Worten hat Hirschfeld seiner Kritik an der Münchner Polizei Ausdruck verliehen, die schon im Vorfeld kein Interesse an gewaltpräventiven Maßnahmen gezeigt hatte. Später schrieben auch bürgerliche Zeitungen nicht nur, dass kein Täter verhaftet wurde, sondern auch, dass weite Teile der Bevölkerung kein Vertrauen mehr in die Münchner Polizei hätten. Die Polizei hat sich vermutlich – von der Einstellung des Ermittlungsverfahrens einmal abgesehen – nicht öffentlich geäußert, denn eine solche Äußerung wäre vom WhK oder den Zeitungen bestimmt aufgegriffen worden.

Unter Berücksichtigung der politischen Situation in Deutschland im Allgemeinen und in München im Besonderen kann man eigentlich nur zu der Einschätzung kommen, dass die Polizei kein Interesse hatte, die Täter zu fassen, oder die Täter sogar bewusst deckte. Weil die Münchner Staatsanwaltschaft nicht gegen die Täter, sondern gegen Magnus Hirschfeld eine Strafanzeige schrieb (u.a. wegen "Verbreitung unzüchtiger Schriften" gemäß § 184 StGB), ist die Kritik, dass der Staat rechte politische Straftäter, anders als linke, schonte, ausdrücklich auch auf die Münchner Staatsanwaltschaft zu beziehen. Allenfalls die beiden unabhängigen Berichte, dass Polizeibeamte Hirschfeld halfen und ihn ins Krankenhaus brachten, scheinen dazu nicht ganz zu passen, widersprechen der Annahme aber auch nicht.

Weil wir nichts Genaues über die Täter wissen, müssen die Motive für den Überfall indirekt erschlossen werden. Die Formen der Störung lassen vor allem auf Antisemitismus schließen. Die "Freundschaft" benennt als Grund für den Überfall Antisemitismus ("Nur Anhänger einer bestimmten Konfession zu sein, genügt der kleinen Gruppe der deutsch-völkischen Germanen") und Ablehnung der von Hirschfeld vertretenen Sexualwissenschaft (Die Freundschaft, Jg. 1920, Nr. 41, S. 1-3). Wegen des oben erläuterten Ausspruchs "Eulenburgerei" von einem der Täter ist als Motiv für den Überfall auch Homosexuellenfeindlichkeit plausibel. Sicherlich war es eine Verbindung aus mehreren Motiven, weil das Feindbild "Magnus Hirschfeld" auf mehreren Ebenen funktionierte.

Es ist müßig, sich zu überlegen, ob das Attentat nur in München möglich gewesen wäre. Einerseits nahmen die rechten Kräfte im ganzen Deutschen Reich zu und ein solcher Überfall erscheint in jeder Stadt möglich. Andererseits war München eine Hochburg radikaler, militanter rechter und antisemitischer Gruppierungen, nicht zufällig formierte sich dort die NSDAP, bevor sie im ganzen Deutschen Reich bekannt wurde. Hinzu kam, dass die Münchner Polizeispitze offen mit diesen rechten Gruppierungen sympathisierte und sie schützte. Man kann zumindest konstatieren, dass in München zu dieser Zeit das Bedrohungspotenzial für eine Person wie Hirschfeld wesentlich höher als in anderen Städten war.

Der Tag des 4. Oktober 1920 kommt mir fast wie ein Zeitraffer in Bezug auf die politische Entwicklung Deutschlands vor. Am 4. Oktober sollte ein Vortrag stattfinden, wie er für die Weimarer Republik typisch ist. Ein Vortrag, bei dem ein Mediziner jüdischer Herkunft aus Berlin das kulturelle und wissenschaftliche Leben in Deutschland bereichern sollte. Zunächst gab es einzelne Störversuche und die Störer wurden rausgeschmissen. An diesem Punkt hatten die meisten Zuhörer wohl noch das Gefühl, dass die Demokratie funktionierte, weil die rechtsstaatlichen Kräfte Störungen erfolgreich abwehren konnten.

Am Ende der Veranstaltung nahmen die Störversuche jedoch zu und die Mehrheitsverhältnisse kippten. Nun waren offenbar nicht mehr die kulturell oder wissenschaftlich Interessierten und Demokraten, sondern die Pöbler und Nationalisten in der Mehrheit. Viele Teilnehmer hatten anfangs vielleicht noch das Gefühl, dass es den Störern "nur" darum ging, den Vortrag eines Juden zu verhindern. Aber den Störern reichte das nicht und aus einer anfänglichen Störaktion wurde eine Pogromstimmung, in der der Pöbel auch vor einem Mordversuch an einem Juden nicht mehr zurückschreckte. Die Polizei, die den Rechtsstaat verkörperte, schien es nicht mehr zu geben bzw. die Gesinnung der Krawallmacher zu teilen.

All dies beschreibt nicht nur den Tag des 4. Oktober 1920, sondern kennzeichnet für mich gleichermaßen auch die gesellschaftlich-politische Entwicklung in Deutschland von 1920 bis 1945.

Den ersten Teil der Serie "Mordversuch an Magnus Hirschfeld: Die Vorgeschichte" veröffentlichten wir am Freitag, der dritte Teil "Die Reaktionen" folgte am Sonntag.



#1 GayofcultureAnonym
  • 03.10.2020, 11:11h
  • Wessen Geistes Kind die Gesellschaft damals war, sieht man auch an dem Couplet-Song Ach Du schreck, da kommt der Hirschfeld um die Eck. Der schon damals weltberühmte Wissenschaftler wird darin verballhornt, ein Indiz, dass auch die Kunst und Kultur kein gutes Haar an ihm lies.

    m.youtube.com/watch?v=7Alb02MK3oU
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#2 Ralph
  • 03.10.2020, 12:12h
  • Schon allein die zeitliche Verortung des Ereignisses spricht ja Bände und lässt eine nähere Untersuchung des damaligen gesellschaftlichen und politischen Klimas in München sich fast erübrigen: zwischen 1920 und 1923 - Mord an Kurt Eisner und Hitlers Putschversuch. Wo diese beiden Vorgänge möglich waren (und sowohl von weiten Teilen der Bevölkerung begrüßt als auch von der Justiz äußerst wohlwollend behandelt wurden), war schier alles möglich - und wurde gebilligt. Woanders in Deutschland sah es kaum besser aus. Auch die Morde an Erzberger und Rathenau fallen in die frühen 20er Jahre.
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#3 Ralph
  • 03.10.2020, 12:17h
  • Antwort auf #1 von Gayofculture
  • Das ging noch schlimmer mit dem widerlichen Text auf eine Operettenmelodie: "Schlagt tot den Walther Rathenau, die gottverdammte Ju..." Ich will das Wort nicht schreiben. Muss damals ein beliebter Gassenhauer gewesen sein. Hirschfeld konnte noch von Glück reden, dass es ihm nicht ging wie Rathenau.
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#4 Homonklin_NZAnonym
  • 03.10.2020, 14:21h
  • Bislang spannend und einfach zu folgen geschriebene Serie. Das Klima muss in jenen Jahren noch um Einiges gruseliger gewesen sein, was die Ausdrücke der allgemein verwemdeten Vulgärsprache bezeugen. Der Antisemitismus war erschreckend offen.

    Die Störung des Vortrags mag im Gesamten organisiert gewesen sein, eben auch der Rausschmiss der Störer bei der ersten Unterbrechung, damit glaubwürdig erscheint - sehet her, es wird ja was getan.
    Dass auch die Behörden antisemitische als auch homophobe Verhaltensmuster milde oder gar nicht ahnden, ist der Durchtränktheit mit dem aufstrebenden NSDAP-Geist auf flottem Fuße gefolgt. Wie wir wissen, litt darunter alles, das als "nicht normal" betrachtet wurde.

    ""Hinzu kam, dass die Münchner Polizeispitze offen mit diesen rechten Gruppierungen sympathisierte und sie schützte.""

    Wahrscheinlich der gesamte staatlich ausführende Apparatus, mit der Ausnahme einiger Weniger, die mit Augenbinde und Ohrenklappe während der Arbeit schliefen. Traurig genug, wenn Jemand überfallen und dabei besinnungslos geprügelt wird, und Ermittlungen noch nicht einmal halbherzig durchgeführt werden ... weil er ein Jude ist. :(

    Man kennt Ähnliches in jüngerer Zeit, weil Jemand schwul, lesbisch oder Trans* ist. Einige Umgangsweisen verlagern sich nur auf die jeweils nächst wehrlose Minderheit.
    ----
    Gut finde ich, dass auch die 'dunklen' Facetten in Hirschfeld's Denke nicht kaschiert werden. Wohl war er, was da Manches angeht, zu sehr von der vorherrschenden Grundvorstellung seiner Zeit gedrosselt. Das soll nicht abmildern, was es bedeutet, Schwule einem "Heiler" anzuempfehlen, aber das Verständnis von der Auswirkung von Psychomanipulation, etwa über Religion, und wie dem Stockholm-Syndrom ähnelndes Arrangieren mit dem überherrschenden Begriff funktioniert, ( Solche kommen evtl zu glauben, sie litten unter Homosexualität) war während seiner Zeit nicht ansatzweise klar. In den kruden, starren Vorstellungen von Norm, Wesen und Natur gab es keinen Platz für gleichwerte Varianten.
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