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Teil 3/3

Mordversuch an Magnus Hirschfeld: Die Reaktionen

Heute vor 100 Jahren – am 4. Oktober 1920 – wurde der schwule Aktivist und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld das Opfer eines Attentats. Wie berichteten die Zeitungen und welche Auswirkungen hatte die Tat?


Der Arzt und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1868-1935) war Begründer der ersten homosexuellen Bürgerrechtsbewegung. Das Foto zeigt ihn mit dem chinesischen Arzt Li Shiu Tong, der auch sein langjähriger Lebensgefährte war (Bild: wikipedia)
  • Von Erwin In het Panhuis
    4. Oktober 2020, 07:36h, 3 Kommentare

Im dritten und letzten Teil dieser Artikelserie geht es um das, was nach dem Überfall passierte. Im Fokus steht dabei die Frage, wie in mehr als 80 recherchierbaren Artikeln in- und ausländischer Zeitungen über das Attentat berichtet wurde. Daneben geht es auch um das Verhalten der Polizei nach dem Vorfall, die strafrechtlichen Ermittlungen und darum, wie sich der Überfall auf die Homosexuellenbewegung und das weitere Verhalten Magnus Hirschfelds auswirkte. Am Ende geht es auch darum, wie der Überfall in der heutigen LGBTI-Community rezipiert wird.

Nazi-Presse oder "rechte" Presse?

Im Februar 1920 hatte sich die "Deutsche Arbeiterpartei" (DAP) in "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" (NSDAP) umbenannt und spätestens ab diesem Zeitpunkt könnte man von Nationalsozialisten bzw. Nazis schreiben. In den Berichten von 1920/1921 zum Überfall auf Hirschfeld tauchen diese Begriffe jedoch nicht auf und daher ist eine Übernahme eher unpassend.

Die unterschiedlichen Gruppierungen und Strömungen der äußeren Rechten wurden in den Zeitungen als "Deutscher Schutz- und Trutzbund", als "völkische Bewegung", als "Deutschnationale" oder als "Alldeutsche" beschrieben. Nicht die Erklärung dieser einzelnen Gruppieren ist notwendig, sondern der Hinweis, dass die antisemitische, homophobe, rassistische und antidemokratische Ideologie dieser Gruppierungen und Strömungen mit der NS-Ideologie weitgehend gleichzusetzen ist, weshalb ich sie nachfolgend pauschalisierend als Rechte bzw. ihre Zeitungen als "rechte Presse" bezeichne.

Die Bezeichnung "rechte Presse" darf nicht den Eindruck erwecken, als würde ich den Begriff einfach nur als Äquivalent zur "linken Presse" verwenden oder als würden sich hier zwei legitime Meinungen oder Ansichten wertneutral gegenüberstehen. Im Gegensatz zu heute, wo politisch Linke und zumindest der größte Teil der politisch Rechten zum demokratischen Spektrum gehören, war dies 1920 nicht der Fall. Es müssen keine ideologischen Unterschiede zwischen den politisch Rechten des Jahres 1920 und den späteren Nationalsozialisten gemacht werden, von denen viele aufgrund ihres extremen Hasses auf Juden, Schwule und Andersdenkende zu Massenmördern wurden.

Das WhK über die Zeitungsberichte

Mit einem großen Beitrag im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (JfsZ, 1920, S. 118-142) informierte das "Wissenschaftlich-humanitäre Komitee" (WhK) seine Mitglieder nicht nur über den eigentlichen Überfall und über die Erfahrungen aus anderen Vorträgen, sondern auch über die vielen Zeitungsberichte. Dieser Band des JfsZ erschien im Februar 1921 und gibt ausführlich den Sachstand zu diesem Zeitpunkt wieder.

In vielen Zeitungen waren Meldungen zum angeblichen Tod Hirschfelds erschienen, wofür das Berliner Nachrichtenbüro "Dena" verantwortlich war, das diese Nachricht ins In- und Ausland telegrafierte. Magnus Hirschfeld erfuhr am Morgen des 12. Oktober durch die "Leipziger Neuesten Nachrichten" von seinem angeblichen Tod, was er mit einem gewissen Humor gegenüber der "Dena" richtigstellte. Er lebe und hoffe, dass er erst dann sterben werde, wenn er seine Gegner "von der Richtigkeit meiner Anschauung und der Notwendigkeit meiner Lebensarbeit überzeugt habe, was wohl noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen wird".

Als Grund für den Überfall wurde von den Zeitungen meistens Antisemitismus, zum geringeren Teil aber auch Hirschfelds Engagement für Homosexualität angenommen.

Das WhK ging ausführlich auf rund zehn Presseberichte ein, die sich aus hetzerischen und schwulenfreundlichen Artikeln zusammensetzten. Sehr hetzerisch ist der Artikel mit der Überschrift "Unkraut vergeht nicht" in der "Deutschnationalen Jugendzeitung" (Nr. 33/34, 1920), in dem der Autor sogar bedauert, dass "dieser schamloseste und gemeinste Volksvergifter nicht endlich sein verdientes Ende gefunden hat" (s.a. die Hinweise auf diesen Artikel im Linzer "Tagblatt" vom 21. November 1920, in der SPD-Parteizeitung "Vorwärts" vom 28. Dezember 1920 und in der "Wiener Morgenzeitung" vom 1. Januar 1921).

Der "Völkische Beobachter" (28. Oktober 1920) schreibt ironisch über die "wenig freundliche Behandlung" Hirschfelds. Der "Bayerische Kurier" (24. Oktober 1920) möchte die Tat nicht beurteilen – sich also auch nicht davon distanzieren -, sie sei jedoch ein "schlagender Beweis" dafür, dass die öffentliche Meinung von seiner Aufklärung nichts wissen wolle: "Auch wenn Hirschfeld kein Jude wäre, wäre ihm wohl dasselbe passiert."

Zum Glück gab es 1920 noch andere Zeitungen und Meinungen. Die "Deutsche Allgemeine Zeitung" betonte, dass Hirschfeld die Frage der Homosexualität auf ein "höheres, freieres, menschlicheres Niveau" gehoben habe.

Eine andere (im JfsZ namentlich nicht genannte) Zeitung betont, es sei beschämend, dass Hirschfeld niedergeknüppelt worden sei, "nur weil er jüdischer Eltern wohlgeratenes Kind ist". Der Autor vergleicht Magnus Hirschfeld und Albert Einstein als Opfer von Antisemitismus, ähnlich wie die liberale "Königsberger Hartungsche Zeitung" (12. Oktober 1920), nach deren Ansicht Einstein in den Augen vieler mit seiner Relativitätstheorie nur deshalb Unrecht habe, weil er Jude sei. Der "Vorwärts" (5. Oktober 1920) betont sogar Hirschfelds wissenschaftlich "unbestreitbare Verdienste". Für Bayern sei es leider typisch, dass kein Angreifer verhaftet worden sei.

Die Schwulenzeitschrift "Die Freundschaft"

"Die Freundschaft" (1919-1933) war die erste neue Homosexuellenzeitschrift der Weimarer Republik und wurde in der Anfangszeit finanziell vom WhK unterstützt (s a. meinen Artikel auf queer.de). Magnus Hirschfeld unterstützte die Macher der "Freundschaft" später auch vor Gericht, als sie wegen "Verbreitung unzüchtiger Schriften" angezeigt wurden. Als weiteres Zeichen der Verbundenheit ist anzusehen, dass Hirschfeld 1922/23 in dieser Zeitung eine Artikelserie zur Geschichte der Homosexuellenbewegung in 53 Folgen publizierte, die 1986 unter dem Titel "Von einst bis jetzt" auch als Buch erschien.

In der Ausgabe vom 9. Oktober 1920 erschien eine Kurzmitteilung: Die Redaktion habe "soeben erfahren", dass mit Hirschfeld der "große Gelehrte und einer der Besten unseres Volkes von deutschvölkischen Elementen", die in "Rohheit und Dummheit" befangen seien, angegriffen worden sei. In Verbindung mit dem Hinweis auf das Verbot des Films "Anders als die Andern" (1919) heißt es in der "Freundschaft" in fast prophetischer Form: "Was wird nun folgen? – Homoeroten aller Parteien, erkennt die Sturmzeichen einer neuen reaktionären Epoche" ("Die Freundschaft", 1920, Nr. 40, S. 3).

In der nächsten Ausgabe vom 16. Oktober wurde der Überfall zur Titelgeschichte. Unter der Überschrift "Das Bubenstück in München" – was sich nur heute verharmlosend wie ein "Streich" anhört, damals aber so viel wie "Schurkenstück" bedeutete – geht es vor allem um ein Lob auf Hirschfeld, der "mutig und unerschrocken mit Hilfe der Wissenschaft und mit klarem Verstande und […] fühlendem Herzen sich mit aller seiner Kraft" für die Bewegung einsetze.


Die Schwulenzeitschrift "Die Freundschaft" (1920, Nr. 41) mit der Titelgeschichte über Hirschfeld

Im Überfall kann die Zeitschrift auch etwas Gutes erkennen, weil er der Öffentlichkeit endlich die politischen Gefahren verdeutliche. Auf Seite 2 wurde das Gedicht "Zur Nachricht von dem Tode Hirschfelds" abgedruckt, welches mit den Zeilen beginnt: "'Hirschfeld tot!' Welch' trübe Kunde! […] Ich vernehm's mit bleichem Munde", wobei am Ende des Textes Hirschfelds Tod wieder dementiert wird. Auf Seite 3 dieser Ausgabe brachte die Zeitschrift einen "wahrheitsgetreuen Bericht" von einem namentlich nicht genannten Opernsänger, der versuchte, Hirschfeld nach dem Überfall zu helfen ("Die Freundschaft", 1920, Nr. 41, S. 1-3).

Die Schwulenzeitschrift "Das Freundschaftsblatt"

Das zur "Freundschaft" konkurrierende "Freundschaftsblatt" nahm mit einem humoristisch gemeinten, aber äußerst geschmacklosen "Horoskop" auf Magnus Hirschfeld, den Überfall und auf konkurrierende Schwulenzeitschriften Bezug: "Donna Magnesia [ein feminisierender Name Magnus Hirschfelds]: Ihr Mond wird von Venus ungünstig bestrahlt, aber Sie merken es nicht. Das ist Ihre Tragödie. Sie träumen häufig, dass Sie sich in München befinden. Solche Angstträume schaden Ihrem ohnehin angegriffenen Zustand. Lassen Sie das. Jeden Freitag ärgern Sie sich" (über das an diesem Tag wöchentlich erscheinende "Freundschaftsblatt"). Anschließend wird Hirschfeld empfohlen, "die Lektüre dieser Zeitschrift zu unterlassen. Es wird Sie zu sehr aufregen" ("Das Freundschaftsblatt", 1928, Nr. 7, S. 4).

Vermutlich wollte der Autor nur zum Ausdruck bringen, dass sich Hirschfeld selbst zu positiv einschätzt und die Zeitung nie eine WhK-freundliche Berichterstattung vornehmen wird.

Die deutschen liberalen Zeitungen

In den deutschen Zeitungen wurden viele Kurzmeldungen gefunden, die den Überfall erwähnen, hier jedoch nicht näher betrachtet zu werden brauchen. Etwas ausführlicher äußert sich die linksliberale Boulevardzeitung "Berliner Volkszeitung" (6. Oktober 1920), die hervorhebt, dass nach dem Überfall kein Täter verhaftet werden konnte und dass die Zeitung kein Vertrauen mehr in die Polizei habe, die ihre ganze Energie offensichtlich dafür verwende, Juden und Revolutionäre zu verfolgen. Die "Vossische Zeitung" (6. Oktober 1920) – die die Positionen des liberalen Bürgertums vertrat – verdeutlicht die ungleiche Behandlung Linker und Rechter durch Justiz und Polizei mit einem Vergleich: Der KPD-Politiker Josef Eisenberger sei am 5. Oktober 1920 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er zum Klassenkampf aufgerufen haben solle. Nach dem Überfall auf Hirschfeld sei dagegen kein Gewalttäter verhaftet worden. Diese Zeitungen berichteten engagiert. Die ausführlichsten und engagiertesten Artikel in Deutschland sind jedoch in der sozialdemokratischen Presse zu finden.

Die deutschen sozialdemokratischen Zeitungen

Innerhalb der sozialdemokratischen Zeitungen in Deutschland lohnt sich ein Blick auf die Tageszeitung "Münchener Post" (7. Oktober 1920), die auch eine längere Zuschrift von Hirschfeld abdruckte, die später vom "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" zitierend übernommen wurde. Darin beschreibt Hirschfeld die antisemitische Pogromstimmung in München und liefert auch Hintergrundinformationen zum Abend des Attentats. Einige Tage später berichtete die "Münchener Post" (12. Oktober 1920) sogar von einer Protestresolution von sieben Vereinen. Die Zeitung glaubt nicht mehr "an den guten Willen der Polizeiverwaltung" und befürchtet, "was noch schlimmer wäre", dass der "gebilligte und begünstigte Terror von seinen Ordnungsorganen nicht mehr gebändigt werden kann".

Weitere wichtige Zeitungen des linken Spektrums waren das SPD-Organ "Vorwärts", das sich immer, und die USPD-Zeitung "Freiheit", die sich fast immer für Hirschfeld und gegen die rechte Presse positionierten. Dass Magnus Hirschfeld innerhalb dieses politischen Spektrums auch umstritten war, werde ich weiter unten anhand eines Beitrags von Kurt Tucholsky in der "Freiheit" und der Berichterstattung der österreichischen sozialdemokratischen "Vorarlberger Wacht" aufzeigen.

Die "Freiheit" (1918-1922, 1928-1931), die Parteizeitung der USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), sah Parallelen zum Umgang mit Albert Einstein und hob hervor, dass man vom Echo im Ausland nicht überrascht sein solle (5. Oktober 1920, S. 2). Kurz danach verkündete sie: "Magnus Hirschfeld am Leben" und betonte, dass die Täter zum "nationalen Pöbel" gehörten, der "in Bayern unter dem besonderen Schutz der Regierung steht" (12. Oktober 1920, S. 3).

Eine besondere Form der Hetze dokumentierte die "Freiheit" unter der Überschrift "Aufforderung zum Mord": Sie zitierte das völkische "Deutsche Wochenblatt" vom 8. Dezember 1920, das geschrieben hatte, Hirschfeld müsse "im Interesse unseres Volkes endlich einmal unschädlich gemacht werden", was die "Freiheit" als "Aufforderung zum Mord" ansah. Für die "Freiheit" ist es "bezeichnend, daß derartige Hetzereien vollkommen offen betrieben werden können". Die Zeitung verweist darauf, dass der Herausgeber des "Deutschen Wochenblattes" Richard Kunze alias "Knüppel-Kunze" war (7. Dezember 1920, S. 2). Dieser hatte seinen Namen erhalten, weil er 1919 Werbung für Gummiknüppel zur "Abwehr" gegen Juden gemacht hatte, die nur an "Nationalgesinnte" abgegeben werden sollten (Wikipedia).

Der "Vorwärts", seit 1876 die Parteizeitung der SPD, berichtete in rund zehn Artikeln sehr engagiert über den Überfall. Die Zeitung kritisierte nicht nur den Geist des "Deutschen Schutz- und Trutzbundes", sondern auch die Untätigkeit der Polizei und der bayerischen Gerichte (5. Oktober 1920, S. 2). Hirschfeld, der zunächst für tot gehalten wurde, bezeichnete der "Vorwärts" als das "erste Pogromopfer", dessen Blut nun an den Händen der "deutschvölkischen Hetzer" klebe (11. Oktober 1920, S. 7).

Der "Vorwärts" berichtete auch vom Parteitag der SPD in Kassel (10.-16. Oktober 1920), auf dem Hirschfeld gewürdigt wurde: "Auf die Nachricht vom [vermeintlichen] Tode des Genossen Magnus Hirschfeld erhebt sich [am 12. Oktober 1920] die Versammlung, und es wird einstimmig folgende Entschließung angenommen: 'Der Parteitag brandmarkt mit größter Schärfe die Ausschreitungen völkischer Kreise, die in dem Gelehrten Dr. Magnus Hirschfeld ihr erstes Blutopfer gefordert haben. […] Der Parteitag fordert die Genossen auf, den deutschvölkischen Hetzern überall mit den Waffen des Geistes entgegenzutreten' […]. (Lebhafter Beifall)" ("Vorwärts", 13. Oktober 1920, S. 3). Hirschfeld, der hier als "Genosse" bezeichnet wird, war vermutlich schon seit seiner Studentenzeit Mitglied der SPD, hatte sich aber wohl außerhalb des Wahlkampfes im Januar 1919 politisch nie betätigt.

Die Reaktion der SPD-Mitglieder auf dem Parteitag griff auch die rechte Presse auf. Der katholische "Allgemeine Tiroler Anzeiger" (20. Oktober 1920, S. 3) äußert sich überrascht, dass sich die Sozialdemokraten von ihren Sitzen erhoben – "wegen einiger Prügel, die ein perverser jüdischer 'Sexualforscher' aus Berlin von jungen Burschen erhielt". Für die Zeitung war das viel Aufsehen wegen der "Watschen" Hirschfelds.

Das "Neue Grazer Tagblatt" (19. Oktober 1920, S. 12) hielt die Nachricht über Hirschfelds Tod sogar für inszeniert. Sie sei "wohl kaum zufällig an dem Tage heraus[gekommen], an dem die Sozialdemokratie in Kassel tagte" und damit "eine Brandrede gegen die Deutschvölkischen" habe halten können. Dass sich Hirschfeld in seinem Vortrag "wieder in seinen homosexuellen Ergüssen erging, macht den begreiflichen Widerwillen der Zuhörer wohl verständlich".

Die österreichischen Zeitungen


Hetzerisches Gedicht im "Kikeriki"

Aus österreichischen Zeitungen konnten 35 Artikel zum Überfall ausgewertet werden, wobei vor allem zwei Zeitungen auffallen, deren Namen sich ähneln, deren politische Richtungen aber sehr weit voneinander entfernt waren: Die (bis 1934) sozialdemokratische "Vorarlberger Wacht" (1910-1938) und das deutschnationale "Vorarlberger Tagblatt" (1919-1945). Es ist schlimm zu erleben, wie die sozialdemokratische "Wacht" dem Sozialdemokraten Magnus Hirschfeld mehrfach in den Rücken fällt, aber natürlich noch viel schlimmer, wie das "Tagblatt" gegen Hirschfeld hetzt.

Von den insgesamt 14 Artikeln der beiden Zeitungen zum Überfall möchte ich vier Beispiele aufgreifen: Das "Vorarlberger Tagblatt" (17. Oktober 1920, S. 3) behauptet, dass "dem 'Sexualforscher' und Juden Dr. Hirschfeld weiter nichts geschehen" sei. Er sei aber verantwortlich für die "allerschlimmsten Sexualfilme", wozu auch der "Perversitätsfilm" "Anders als die Andern" gehöre. Man solle die "deutschvölkischen Studenten" nicht dafür kritisieren, wenn sie sich "weitere 'Aufklärungs'-Vorträge dieses 'Volksbildners' […] nicht gefallen lassen wollen".

Die "Vorarlberger Wacht" (23. Oktober 1920, S. 1) versucht, sich von Hirschfeld zu distanzieren. Sie habe ihn "in keiner Weise" gelobt oder "in Schutz genommen", sondern ihn nur als einen bekannten Sexualforscher bezeichnet, über den man schließlich "sehr geteilter Meinung sein" könne. Die "eigensinnige, ungewöhnliche Art und die Weise" seiner Aufklärung mache ihn "auch uns nicht sympathisch". Unter der planmäßigen Hetze litten "viel bessere und höherstehende als Dr. Hirschfeld". Gleichzeitig kritisiert die SPÖ-Zeitung aber deutlich den "in der 'deutschvölkischen' Jugend" vorhandenen "Rassenantisemitismus, der sich mit Knüppeln und Totschlägern an wehrlosen Menschen austobt".

Im "Vorarlberger Tagblatt" (3. November 1920, S. 2) wird Hirschfeld als "Schützling" der "Wacht" bezeichnet. Hirschfeld habe in München einen Vortrag über "Sexualwissenschaft (lies perverse Schmutzereien) halten [wollen], wurde ausgepfiffen und weidlich durchgeprügelt". Von der Zeitung folgt danach eine Legitimierung der Gewalt: Hirschfeld behandle "pervers Veranlagte […]. In seinen Vorzimmern fanden sich die geschniegelten Jünglinge und deren Gönner zusammen. In Wirklichkeit war er der großzügige Organisator aller pervers Veranlagten." Er habe Kontakte von den höchsten Polizeibeamten "bis zum Throne" (= Kaiser) gehabt. Wegen ihm rede man im Ausland vom "deutschen Laster". Die "Wacht" nehme sich jedes "schmutzigen Juden" an.

Danach wird auch die liberale "Neue Freie Presse" aus Wien zitiert, die Hirschfelds "Verdienste" gewürdigt, aber auch betont habe, dass er in seinen Forderungen an die Gesetzgebung einen Schritt zu weit gegangen sei und "daß sich einzelne seiner Schriften förmlich wie eine Verherrlichung entarteter Geschlechtstriebe lesen". Für das "Tagblatt" passen beide "trefflich zusammen: Der die Homosexuellen verteidigende Jude Hirschfeld und die 'Vorarlberger Wacht'".

In einem drei Tage später erschienenen Artikel der "Vorarlberger Wacht" (6. November 1920, S. 2-3) wird der Kleinkrieg zwischen "Wacht" und "Tagblatt" besonders deutlich. Das "Tagblatt" wirft der "Wacht" vor, Hirschfeld "in Schutz" zu nehmen, was die "Wacht" als "Lüge" bezeichnet, die auch noch betont: "Nun ist klar, dass Vorträge mit etwaigen unmoralischen Inhalt […] vom Publikum energisch abgelehnt werden müssten." Man habe das Recht, "Protest zu erheben", wenn man erkenne, dass "eine Unsittlichkeit oder Unnatürlichkeit geschützt oder gar propagiert wird". Unter dem Druck des "Tagblattes" wird die "Wacht" erkennbar kleinlaut: Sie halte "die Person des Verletzten für belanglos" und wolle nur gegen die "immer wiederkehrenden planmäßigen Überfälle" protestieren.

Die rechte Presse machte es sich gezielt zunutze, dass Hirschfeld auch in den eigenen politischen Reihen umstritten war. Das lässt sich auch an den Zeitungen aufzeigen, die – wie das "Vorarlberger Tagblatt" – die als liberal geltende "Neue Freie Presse" zitieren, um ihre eigene Kritik anzubringen. Es ist bezeichnend, dass ich keine Artikel gefunden habe, in denen sich die "Neue Freie Presse" überhaupt zum Überfall äußerte. In "Der Bote aus dem Waldviertel" (22. Januar 1921) – dem Sprachrohr für das "deutsch-nationale Bürgertum" – wird zunächst gehetzt: gegen die "verjudete Presse" mit ihrem "Getue" um Hirschfeld, der "pervers Veranlagte" behandle, und sein "unliebsames Münchner Erlebnis". Der "Bote" bringt ebenfalls das Zitat aus der "Neuen Freien Presse", dass Hirschfeld "zu weit ging", was wie eine Legitimierung der Gewalt wirkt.

Das "Neue Grazer Tagblatt" (10. Oktober 1920) – dem "großdeutschen Lager" zugehörig – geht ähnlich vor und betont: "Selbst die ihm aus Rassegemeinschaft freundlich gesinnte 'N. Fr. Presse' muß zugeben: 'Es unterliegt keinem Zweifel, daß er in der Reaktion gegen eine veraltete und vielfach überlebte Gesetzgebung mehr als einen Schritt zu weit ging und daß sich einzelne seiner Schriften förmlich wie eine Verherrlichung entarteter Geschlechtstriebe lesen. In den letzten Jahren haben auch die von ihm verfaßten Aufklärungsfilme eine sehr verschiedene Beurteilung gefunden.'"

Unter den Beiträgen in österreichischen rechten Hetzblättern ist noch ein Gedicht mit insgesamt vier Strophen in der antisemitischen Satirezeitschrift "Kikeriki" (17. Oktober 1920, S. 3) zu nennen. In den ersten beiden Strophen wird Hirschfeld als "Schwein" bezeichnet, das sich im Dreck (der Homosexualität) wohl fühle. Die dritte Strophe bezieht sich mit einer Jagdmetapher auf den als tödlich angenommenen Überfall in München, über den der Autor sich lustig macht. Einzig die vierte Strophe würde heute noch als freie Meinungsäußerung durchgehen. Sie zielt auf die weit verbreitete Kritik an Hirschfeld, er sehe überall homosexuelle Bezüge. Die letzten beiden Strophen lauten:

Doch als er jagte eben / Im bayrischen Bereich, /
Stieß er auf Bayerns – Löwen, / Da war er eine Leich'.
Als aus dem Tal der Mängel / Er kam nach Eden, schnell /
Fragt' er: Sind diese Engel / Nicht homosexuell?

Zwei Artikel in einer Ausgabe der Linzer "Tages-Post" (9. Oktober 1920, S. 3 und S. 6) sind zunächst einmal deshalb spannend, weil die Meldung über Hirschfelds Tod (S. 3) und die Richtigstellung, dass er noch lebte (S. 6), im gleichen Heft erfolgten, was offenbar am Setzverfahren lag. Noch interessanter ist ein weiteres Detail: Auf Seite 3 ist hinsichtlich der Täter von "unzufriedenen Besuchern" und auf Seite 6 von "antisemitischen Hitzköpfen" die Rede. Innerhalb der Zeitung gab es wohl unterschiedliche Sichtweisen, bei denen keine Schlussredaktion vereinheitlichend eingriff. Die "Tages-Post" war unter einem deutschnationalen Redakteur zu dieser Zeit das führende Blatt in Oberösterreich.

Einige österreichische Zeitungen bewiesen jedoch, dass die Demokratie noch funktionierte, und machten sich ernsthafte Gedanken über das Ansehen Deutschlands im Ausland. Für die "Wiener Morgenzeitung" (Hrsg.: Jüdische Zeitungs- und Verlags-GmbH, 6. Oktober 1920, S. 4) handelte es sich um einen "Vorfall, der neuerlich beweist, aus was für Gelichter [Gesindel] sich die Anhänger der Alldeutschen rekrutieren und wer eigentlich Deutschlands Ansehen im Auslande herabsetzt. […] Ein Kulturbild von Deutschland im Jahre 1920".

Die Wiener sozialdemokratische "Arbeiter-Zeitung" (10. Oktober 1920, S. 4) schrieb unter der Überschrift "Deutschnationale Chauvinisten ermordeten einen Gelehrten", Hirschfeld sei "besonders durch seine Untersuchungen über das Grundwesen der Homosexualität bekannt". Die "deutschvölkischen Elemente" "treiben auch hierzulande und in dieser Stadt ihr 'deutschvölkisches' Unwesen. Aber das Ausland, das das deutsche Volk vielleicht mit den Deutschvölkischen verwechseln könnte, muss erfahren: daß jeder deutsche Kulturmensch und vor allem der deutsche Proletarier in tiefer Entrüstung die Schändlichkeiten verdammt, die an [Albert] Einstein […] und an Magnus Hirschfeld […] begangen wurden."

Die englische Presse

Aus der englischsprachigen Presse wurden zwei Zeitungen recherchiert, die über den Mordversuch berichteten. Unter der Überschrift "Mob Kills Sexologist" schrieb "The Brooklyn Daily Eagle" (13. Oktober 1920, S. 1), eines der auflagenstärksten Nachmittagsblätter in den USA, dass Magnus Hirschfeld – der "famous expert on sexual problems" – nach einem Überfall verstorben sei. Das New Yorker Blatt zitiert den Hinweis einer weiteren, namentlich nicht genannten Zeitung, dass es sich dabei um "the first pogrom" in Deutschland handele. Der britische "Guardian" kann unter der Überschrift "The Attack on a German Professor" (13. Oktober 1920, S. 16) bereits die Gerüchte dementieren, dass Hirschfeld an den Folgen des Überfalls gestorben sei, und bezieht sich dabei auf die SPD-Zeitung "Vorwärts" und die Nachrichtenagentur Reuter.


Die Meldung im "Guardian" vom 13. Oktober 1920

Die unangemessene Reaktion von Kurt Tucholsky

Eine eher unangemessene Reaktion musste Hirschfeld nach dem Überfall von Kurt Tucholsky (1890-1935) erleben, der ihm politisch eigentlich nahestand. Tucholsky war ein politisch engagierter Journalist und zeitweiliger Mitherausgeber der Wochenzeitschrift "Die Weltbühne". Er verstand sich als linker Demokrat und Sozialist. Den Umstand, dass Hirschfeld fast totgeschlagen worden war, kommentierte er (unter seinem Pseudonym Ignaz Wrobel) zunächst vollkommen empathielos mit dem lapidaren Hinweis, dass Hirschfeld vielen ja eh nicht so angenehm sei.

Er schrieb: "Nach dem Vortrag wurde er [Hirschfeld] vom Podium heruntergeholt und zerschlagen. Nach seiner Einlieferung in ein Krankenhaus hieß es sogar schon, er sei gestorben. Die Nachricht wurde dann dementiert. Er lebt noch. Der bayerische Bierpöbel auch. Die Persönlichkeit des Doktor Hirschfeld ist vielen von uns nicht allzu angenehm. Sein allzu hitziges und nicht immer geschmackvolles Eintreten für die Homosexuellen hat es jahrelang fast unmöglich gemacht, die Aufhebung des § 175 zu betreiben, weil sich die Materie unter seinen Händen langsam in ein Moorbad verwandelt hatte. Eine ziemlich üble Mischung von kitschiger Sentimentalität, falscher Romantik und einer Schein-Wissenschaftlichkeit, die mancher männlichen Jungfer einen Ersatz für das Leben bot, zeichneten Werke und Wirken des Mannes aus. Seine Aufklärungsfilme waren entsprechend. Es liegt uns ganz fern, aus dem Mann einen Märtyrer zu machen". Erst in einem zweiten Teil kritisiert Tucholsky den Überfall: "Man hat ihn geschlagen, weil [sich] in diesen dumpfen Spießergehirnen die Begriffe: Aufklärungsfilm, Jude, Preuße, Bolschewismus, Dadaismus, Pazifismus […] zu einem unentwirrbaren Knäuel verfilzt hatte. […] Wie man auch zum Doktor Hirschfeld stehen mag: noch ist er Bürger eines Reiches, das ihn zu schützen hat. […] Ich halte die Person des verletzten Arztes für belanglos. Die Sache ists nicht" (Hier zitiert und online verfügbar: Kurt Tucholsky: "Gesammelte Werke in zehn Bänden". Band 2, 1975, S. 425.) Kurt Tucholskys Zeilen erschienen erstmals in der "Freiheit. Berliner Organ der Unabhängigen Sozialdemokratie Deutschlands" (15. Oktober 1920).

Damit hat ein recht prominenter Sozialist in einer USPD-Zeitung über Hirschfeld in einer zum Teil unsachlichen Form berichtet. Ob Hirschfelds SPD-Mitgliedschaft einen Einfluss auf diesen Artikel hatte, bleibt unklar.

In seiner Hirschfeld-Biografie bietet Manfred Herzer ("Magnus Hirschfeld: Leben und Werk eines jüdischen, schwulen und sozialistischen Sexologen", 2., überarbeitete Auflage 2001, S. 79-81) wichtige Ergänzungen zum Verhältnis der beiden Männer. So schrieb Hirschfeld nach dem Erscheinen des Artikels einen Brief an Tucholsky und wehrte sich gegen dessen Vorwürfe. Er wies darauf hin, dass die "Hakenkreuzler" ihre Gewalttaten damit entschuldigten und propagierten, dass Hirschfeld auch "in Kreisen seiner eigenen Parteigenossen" kritisiert werde. Gleichzeitig bot Hirschfeld Tucholsky eine persönliche Aussprache an, wobei unklar ist, ob dieses Angebot angenommen wurde. Tucholsky unterließ es danach zumindest, Hirschfeld öffentlich anzugreifen.

Tucholskys Äußerungen über Homosexualität veränderten sich während der Weimarer Republik, und er positionierte sich später mit einer deutlich positiveren Sicht auf Homosexualität und auf Magnus Hirschfeld. 1928 schrieb er einen recht freundlichen Beitrag für die Festschrift zu Hirschfelds 60. Geburtstag. Als 1929 Hirschfelds Zeitschrift "Die Aufklärung" verboten werden sollte, fand Tucholsky – auch für seine Kritik – endlich die Formulierungen, die man von einem Journalisten erwarten kann: "Es ist eine Dreistigkeit […], einen Wissenschaftler wie Hirschfeld auf eine Schmutzliste zu setzen. Ich stimme mit dem Mann in vielen Punkten nicht überein, über die Art seiner Propaganda läßt sich manches sagen – aber […] doch immer mit der Anerkennung: Hier hat sich einer für eine vernünftige Sache gegen seine Zeit und die Schande des Strafgesetzentwurfs gestemmt" ("Die Weltbühne", 10. September 1929, S. 381-389, hier S. 384).

Ebenso wichtig ist Tucholskys bekannter Artikel zur Röhm-Kampagne (Ignaz Wrobel: "Röhm". In: "Die Weltbühne", 26.04.1932, Nr. 17, S. 641), in dem er klar die Homophobie der linken Kampagne gegen Röhm kritisierte und sich dabei auch deutlich von homosexueller Denunziation als politischem Kampfmittel distanzierte. Tucholskys Einstellungswandel zeigt sich hier wohl am deutlichsten. Tucholskys Kritik- und Lernfähigkeit kann mit Hirschfelds Brief von 1920, aber auch mit Kurt Hiller zusammenhängen, den Tucholsky als Mitarbeiter der "Weltbühne" und als Pazifist kannte und schätzte.

Die Hetze Adolf Hitlers

Der in der Öffentlichkeit, von München abgesehen, noch wenig bekannte Adolf Hitler hielt seine erste öffentliche Parteirede am 16. Oktober 1919 – damals noch für die rechtsextreme DAP ("Deutsche Arbeiterpartei"), die sich im Februar 1920 in NSDAP umbenannte. Von März 1920 bis Januar 1921 fanden allein in München 46 Versammlungen der NSDAP mit insgesamt 60.000 Besucher*innen statt, bei denen meistens Hitler der Hauptredner war. Unter den Artikeln zum Überfall auf Hirschfeld habe ich nur einen gefunden, der einen Bezug zu Hitler herstellt, indem er die "Kampfesweise der Hitlerschen" Anhänger kritisiert (Münchener Post, 12. Oktober 1920). Im Oktober 1920 war Hitler noch am Anfang seines Weges zur Macht, aber als Nazi-Funktionär und -Redner mit seinen antisemitischen Positionen zumindest in München bereits bekannt.

Adolf Hitler soll in München in mehreren Reden den Überfall auf Hirschfeld kommentiert haben. Von einer dieser Reden existiert die Mitschrift eines Polizisten, der Hitlers Aussagen über Hirschfeld wiedergibt. Sie ist in der Dokumentation "Hitler als Parteiredner im Jahre 1920" enthalten ("Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte", 1963, Nr. 3, S. 322-324) und online zugänglich.

Bei diesem Treffen der NSDAP am 18. Oktober 1920 im Münchener Hofbräuhaus waren etwa 120 Teilnehmende anwesend. Zunächst referiert der Polizist aus Hitlers Rede: "Zum Schluße kam Hitler wieder auf das Judentum überhaupt zu sprechen, und sagte ihm schärfsten Kampf an. Der revolutionäre Jude macht die Revolution und zerstört alles; der Bankjude baut dann wieder auf, um sich seine Taschen zu füllen. Auch den Fall Dr. Magnus Hirschfeld, den er des geistigen Mordes an Tausenden von deutschen Volksgenossen bezichtigte, streifte er ebenfalls kurz." Dann zitiert der Polizist Hitler: "Ich kann es nicht verstehen, daß solche Leute nicht vor den Richterstuhl zitiert werden. Im Gegenteil, die Staatsanwaltschaft schützt solche Schweinejuden! Da muß sich das Volk selbst helfen und Volksjustiz ausüben. Wäre ich hier in München gewesen, so hätte auch ich ihm einige Ohrfeigen gegeben, denn das was dieser alte Schweinejude feilbietet, bedeutet gemeinste Verhöhnung des Volkes."

Am Ende schreibt der Polizist: "Hitler erwähnte in seinem Schlußwort, daß er der Polizeidirektion […] mitteilen möchte, daß, wenn dieser schmierige Jude Dr. Brandt (Der Verfasser des Artikels in der Münchener Zeitung [vom 18. Oktober 1920], der Hirschfeld in Schutz nimmt) auf seiner Vortragsreise nach München kommt, […] ganz elendig verprügelt werden wird. (lebhafter Beifall)." Es war offensichtlich das erste Mal, dass sich Hitler über Homosexualität öffentlich äußerte, und es gibt keine Hinweise, dass sich seine Einstellung bis 1945 grundlegend änderte.

Die Hetze von Hitlers Leibwächter Hansjörg Maurer


Hitlers Leibwächter Hansjörg Maurer (r.) neben Adolf Hitler (l.) im Jahr 1925

Zu den führenden Propagandisten des "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes" gehörte in den Zwanzigerjahren Hansjörg Maurer (1891-1959), von 1919 bis 1920 Chefredakteur der in München erscheinenden Zeitung "Völkischer Beobachter", die im Dezember 1920 von der NSDAP aufgekauft und zu deren Parteiorgan wurde. Im April 1925 trat Maurer der nach vorübergehendem Verbot wiedergegründeten NSDAP bei. Er wurde Mitglied der SS und gehörte 1925/1926 zu Hitlers persönlicher Leibwache.

Maurer publizierte seine Schrift "§ 175. Eine kritische Betrachtung des Problems der Homosexualität" (1921) nicht nur, um "hinter den wissenschaftlichen Betrug [Hirschfelds] zu leuchten" (S. 5). Er verweist auch auf das in seinen Augen widersprüchliche Verhalten der Marxisten, die sich während des Eulenburg-Skandals noch gegen Homosexualität ausgesprochen hätten, sich aber in ihrer "Entrüstung gar nicht genug tun konnten, als im Jahre 1920 der 'große Gelehrte Magnus Hirschfeld' in München verprügelt wurde, weil er die Aufhebung des § 175 propagierte" (S. 12).

Eine Seite später schreibt er: "Wenn sich das Volksbewußtsein etwas unsanft äußert, wie bei Magnus Hirschfelds Besuch in München, so ist das eher ein erfreuliches Zeichen dafür, daß das Gesunde sich selbsttätig sträubt gegen Ungesundes, das es nicht an sich herankommen lassen will" (S. 13). Später ergänzt er, dass "kein Galgen […] zu hoch" wäre, um die "Berliner Judenbuben" daran aufzuhängen (S. 54). Maurers Wunsch war die Straferweiterung des § 175 auf Frauen (S. 56) und dass "Homosexuelle unter strengste Aufsicht genommen werden müssen" (S. 59). Mit seinem Wunsch einer Straferweiterung auf lesbischen Sex ging er sogar über das hinaus, was die Nazis später umsetzten.

Die Hetze von Ludwig Thoma

Der Schriftsteller Ludwig Thoma (1867-1921) war durch seine realistischen und satirischen Schilderungen des bayerischen Alltags und der politischen Geschehnisse sehr populär. Seit dem Ersten Weltkrieg in seinen politischen Positionen weit nach rechts gerückt, verfasste er für den "Miesbacher Anzeiger" 175 meistens anonyme antisemitische Hetzartikel. In mindestens drei von ihnen ging er auch auf den Überfall ein. Im Folgenden zitiere ich aus Ludwig Thoma: "Sämtliche Beiträge aus dem 'Miesbacher Anzeiger' 1920/21", einer kritisch kommentierten Edition von 1989.

In dem Artikel "Eine internationale Lüge" (28. Januar 1921) kritisierte Thoma die ausländische Presse, die fälschlicherweise darüber berichte, dass Hirschfeld in München einem Mordanschlag zum Opfer gefallen sei. Die Juden wollten damit nur eine "Stimmung gegen Deutschland und gegen alle auf Ordnung hinzielenden Bestrebungen" erzeugen. In den USA glaube man, dass es in Deutschland "Pogrome" gegen Juden gäbe. Die Berliner Juden, die in seinen Augen oft "Spinatbuben" (= Homosexuelle) seien, sollten sich nicht über die "Jagdhiebe, die ihr Apostel in München bezog", aufregen. Schließlich würde ein Mann, der in Amerika nur ein Zehntel der "Schamlosigkeiten" wie Hirschfeld in München predigen würde, dort "gefedert und geteert" (Methode der Selbstjustiz in den USA) werden (S. 122-123).

In dem Artikel "Anti-Arisch" (8. April 1921) konstatiert Thoma: "In München haben wir doch mit […] der Prügelstrafe gegen den Magnus Spinatfeld den Nachweis geliefert, daß es uns nicht an Temperament fehlt […]. Immerhin waren das nur Vorspiele zu größeren Kuren, die wir uns gelobt haben" (S. 222). Im Artikel "Sodoma" (2. August 1921) heißt es, der "Apostel für Sodomie, der Spinat-Spezialist Hirschfeld […] [habe] ja den Versuch gemacht, auch in München seine säuische Propaganda zu eröffnen, aber ein paar ordentliche Jagdhiebe haben dem alten Saubärn gezeigt, daß er nur in seinem Berliner Stall grunzen darf. Zu uns kommt das Borstenvieh nicht mehr, weil es ahnt, daß ihm das nächste Mal die Schädeldecke eingeschlagen werden könnte" (S. 416-417).

Thoma ist dafür bekannt, dass er manchmal eigene Wörter kreierte, wie die drei Wörter im Kontext von "Spinat", die auf dem Schimpfwort "Spinatstecher" fußen, was "Homosexueller" bedeutet und besonders auf Analverkehr anspielt, also im Sinne von "Arschficker" verstanden werden sollte.

Wie der Herausgeber der Edition von Thomas Artikeln aus dem "Miesbacher Anzeiger" feststellt, hat Thoma in zahlreichen Artikeln seiner "zum Haß gesteigerten Abneigung" gegen Juden "in groben, vulgären, beleidigenden und diffamierenden Wendungen Ausdruck" gegeben (S. 482). Weil die grob antisemitischen Äußerungen aber zugelassen wurden (S. 471) und für Thoma ohne Konsequenzen blieben und weil diese Meinungen in Bayern weit verbreitet waren, sehen die Herausgeber in ihnen zu Recht einen "Beitrag der politischen Publizistik Bayerns in den frühen Jahren der Weimarer Republik" (S. 6).

Ludwig Thoma war übrigens 1904 aufgrund seines im "Simplicissimus" (1904, Heft 31, S. 309) veröffentlichten recht harmlosen Spottgedichtes "An die Sittlichkeitsprediger in Köln am Rheine" (hier mit Bild) wegen Beleidigung der Kirche zu sechs Wochen Haft ohne Bewährung verurteilt worden. Auch diese Verurteilung – in Verbindung mit den für ihn konsequenzlosen Texten von 1920 – verdeutlicht, wie sich sowohl die politischen Verhältnisse als auch Thomas politische Haltung in diesen Jahren verändert hatten.

Wie es mit der Strafanzeige weiterging

Von mehreren Medien wurde auch die Rolle der Münchener Polizei aufgegriffen. Obwohl Magnus Hirschfeld der Polizei belastendes Material zur Verfügung stellte, ermittelte die Polizei (zunächst) nicht. Später wurde das Strafverfahren vom Münchener Landgericht eingestellt, weil die Täter (angeblich) nicht ermittelt werden konnten. Durch zwei Zeitungsmeldungen kann der Termin der Einstellung dieses Strafverfahrens nach ca. 3½ Monaten zeitlich näher eingegrenzt werden: Am 3. Februar 1921 schrieb die "Arbeiterzeitung" und am 8. Februar die "Salzburger Wacht" von der Einstellung.

Mehrere Zeitungen thematisierten das Verhalten bzw. die Untätigkeit der Polizei. Dazu gehörte auch die "Münchener Post", die dies zu einem ironischen Scherz reizte: Danach habe die Polizei Anzeige erstattet – allerdings gegen Magnus Hirschfeld wegen nächtlicher Ruhestörung. Aus diesem Scherz wurde – so das WhK – in einem gewissen Sinne Ernst. Die Münchener Staatsanwaltschaft stellte gegen Magnus Hirschfeld wegen seines Vortrags eine Strafanzeige wegen § 360 (grober Unfug) und § 184 (Verbreitung unzüchtiger Schriften, Abbildungen usw.) des Strafgesetzbuches und betonte dabei, dass sich die während des Vortrags verwendeten Illustrationen auf Homosexualität bezogen. Hirschfeld bestritt den (nicht glaubhaften) Vorwurf, dass er auch ein "Bild mit aufrecht stehendem männlichen Gliede" gezeigt habe, und wies darauf hin, dass er die in München gezeigten Abbildungen auch als Dozent der Humboldt-Akademie verwendet habe. Auch diese Ermittlungen wurden später offensichtlich eingestellt, weil sonst das WhK vermutlich weiter darüber berichtet hätte, sie drücken aber ebenfalls gut das politische Klima aus.

Wie es mit dem WhK weiterging

Im oben bereits erwähnten Beitrag im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (1920, S. 118-142) wird mitgeteilt, dass sich Hirschfeld wegen seines Gesundheitszustandes bei einigen seiner folgenden Vorträge vertreten ließ. Andere Vorträge über Steinachs Thesen konnte Magnus Hirschfeld selbst ohne Störungen durchführen, so in Frankfurt am Main im November 1920. Sogar im erzkonservativen Köln fand ein Vortrag statt, wobei das Whk den Kommentar der zentrumsnahen "Rheinischen Volkswacht" hervorhebt: "Es liegt kein Anlaß vor, in diesem Zusammenhang etwas gegen Dr. Magnus Hirschfeld zu sagen."

Auch nach dem Überfall gingen zumindest die verbalen Angriffe gegen Hirschfeld weiter. Ein Beispiel dafür, wie die Denunziation seiner Person im Kontext von Homosexualität deutlich unter die Gürtellinie gehen konnte, ist der Artikel "Die Hundertfünfundsiebziger und ihre Hintermänner" aus dem katholisch-konservativen "Bayerischen Kurier" (10. Januar 1922): Das Wortspiel "Hintermänner" im Rahmen schwulenfeindlicher und hier auch antisemitischer Hetze gegen die Petition zur Abschaffung des § 175 ist eine klassische Anspielung auf Analverkehr. Das Wortspiel ist das, was heute als "Arschficker"-Witz bezeichnet wird und in der Deutlichkeit – außer bei Thoma – in keinem der Presseartikel zum Überfall zu finden ist.


Der "Bayerische Kurier" berichtet 1922 über "Hintermänner" auf "Arschficker"-Niveau

Für den Hirschfeld-Biografen Manfred Herzer ("Magnus Hirschfeld: Leben und Werk eines jüdischen, schwulen und sozialistischen Sexologen", 2., überarbeitete Auflage 2001, S. 50-51) blieben, im Gegensatz zu verbalen Angriffen, gewalttätige Übergriffe und Attentate auf Hirschfeld später offenbar aus, denn sonst hätte das WhK bestimmt darüber berichtet. Herzer: "Es ist auch nicht bekannt, wie Hirschfeld, der seine öffentliche Vortragstätigkeit bis […] November 1930 keineswegs einstellte, sondern eher noch steigerte, sich vor zu erwartenden Attentaten schützte."

Mit dem zunehmenden Einfluss der Nazis wurden ab Mitte der Zwanzigerjahre auch Stimmen bestimmter Kreise innerhalb der Schwulenbewegung rund um Adolf Brand lauter, dass Hirschfeld "als Jude der ungeeignetste Führer" einer Bewegung gegen den § 175 sei (Zitat von Ewald Tscheck unter seinem Pseudonym St. Ch. Waldecke) und weil er eher die "orientalische Einstellung" zur Sexualität vertrete ("Der Eigene", 1925, S. 407). Aus begründeter Sorge um sein Leben aufgrund der Bedrohung durch die Nationalsozialisten kehrte Hirschfeld 1933 von einer Weltreise nicht mehr nach Deutschland zurück. Er starb 1935 im Exil.

Neuere Rezeption

In den neueren Publikationen zur schwulen Geschichte ist der Überfall auf Hirschfeld präsent. Seine Bedeutung wird darin jedoch unterschiedlich gewichtet, wobei wohl nicht nur die jeweilige Schwerpunktsetzung eine Rolle spielt, sondern auch die Frage, ob man die homosexuelle Emanzipationsgeschichte grundsätzlich als eine Erfolgsgeschichte oder als eine Verfolgungsgeschichte wahrnimmt bzw. vermitteln möchte.

In dem Ausstellungsband "Goodbye to Berlin. Hundert Jahre Schwulenbewegung" (1997, S. 84) wird der Überfall nur kurz erwähnt, während der Historiker Alexander Zinn in dem von Elmar Kraushaar herausgegebenen Sammelband "Hundert Jahre schwul" (1997, S. 27-28) zusätzlich aus Hitlers Rede zitiert. Am ausführlichsten geht wohl Joachim S. Hohmann in seinem Buch "Sexualforschung und -aufklärung in der Weimarer Republik" (1985, S. 21-26) auf den Überfall ein, der dazu auch lange Zitate aus historischen Quellen liefert.

In der "taz" erinnerte der schwule Journalist Jan Feddersen an Magnus Hirschfeld und diesen Überfall (18. März 2000 und 14. Mai 2018). Kleinere Hinweise auf den Überfall sind auch in bürgerlichen Zeitungen ("Die Zeit" mit Paywall, 1983, Nr. 50 und "Die Welt", 1. April 2006) zu finden. In allen Beiträgen wird dieses Ereignis gut in die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe der Zeit eingebettet.

Was man falsch machen kann, zeigt Salla Luoma in ihrer Seminararbeit "Sexualwissenschaften bis 1933: Magnus Hirschfeld und sein Berliner Institut für Sexualforschung" (2003, o.S.), worin sie angibt, der Polizei habe ein "Dossier" über Magnus Hirschfelds Homosexualität vorgelegen. "Kein Wunder also, dass Hirschfeld […] überfallen […] wurde." Nach den Quellen wurde Magnus Hirschfeld überfallen, weil er Jude und Sexualwissenschaftler war. Zum geringeren Teil ging es auch darum, dass er sich für Homosexuelle engagierte. Seine eigene Homosexualität wurde jedoch in keiner Quelle erwähnt und war auch den Journalisten der rechten Zeitungen offenbar nicht bekannt. Die Angabe über ein "Dossier" wird von Luoma mit der Internetquelle "Gay Forum" unwissenschaftlich belegt. Mit Luomas Formulierung "Kein Wunder also …" – im Sinne von "verständlich …" – wird der Überfall zudem auf unsensible Art erwähnt.

Zur Frage der Gewichtungen

Die ausgewerteten Zeitungen sind aus mehreren Gründen für die damalige Zeitungslandschaft nicht repräsentativ. Dass ich viele österreichische Zeitungen finden und auswerten konnte, liegt an der Möglichkeit einer digitalen Volltextsuche, die die österreichische Nationalbibliothek durch ANNO (AustriaN Newspapers Online) bietet. Für deutsche Zeitungen gibt es keine vergleichbare Recherchemöglichkeit. Die geringe Anzahl aufgefundener Berichte in deutschen Tageszeitungen steht wohl auch im Zusammenhang mit einem Streik der Berliner Zeitungsangestellten, in dessen Verlauf die "gesamte bürgerliche Presse Berlins" von Anfang Oktober bis zum 13. Oktober 1920 nicht erschien (s. Hinweis des Bundesarchivs, Fußnote 12).

Weil bei den Artikeln zum Überfall die politisch linken Zeitungen deutlich überrepräsentiert sind, könnte der falsche Eindruck entstehen, als hätte der größte Teil der Zeitungen das Attentat verurteilt. Das wäre ein Trugschluss. Man kann davon ausgehen, dass die wenigen hier zitierten Blätter des rechten Spektrums sogar eher die Mehrheitsmeinung abbilden und dass ein überwiegender Teil der Bevölkerung den Überfall auf einen jüdischen Sexualforscher, der sich für Homosexuelle engagierte, guthieß oder aber zumindest keinen Anlass sah, gegen dieses Vorgehen zu protestieren. Dass sich in den Zeitungen des politisch rechten Spektrums nur wenige Artikel finden, lag vielleicht auch an den fehlenden Möglichkeiten, den Angriff auf Magnus Hirschfeld propagandistisch für die eigenen Zwecke zu nutzen. Die politische Ausrichtung der Zeitungen bestimmte nicht nur wie, sondern auch ob über den Überfall berichtet wurde.

Auf die Berichte der oben angeführten Homosexuellen-Zeitschriften möchte ich nicht näher eingehen, weil mir der Fokus auf die rechte Presse als wichtiger erscheint. Hinweisen möchte ich aber zumindest auf den Umstand, dass die Überrepräsentierung der schwulenfreundlichen, aber auch die Überrepräsentierung der hetzerischen Zeitungsberichte vom emanzipatorischen Standpunkt her sinnvoll sein kann.

Die "Freundschaft" hat eher die schwulenfreundlichen Zeitungsberichte hervorgehoben. Der Bewertung der Zeitungsberichterstattung durch die "Freundschaft" möchte ich jedoch deutlich widersprechen. Die "Freundschaft" behauptet: "Die gesamte deutsche Presse von rechts nach links verurteilt einmütig" diese Tat. Hirschfeld werde partei- und religionsübergreifend als "einer der edelsten und wertvollsten Blüten der Menschheit gesehen". Diese Aussagen entsprachen leider nur einem unrealistischen Wunschbild. Die Meinung der "Freundschaft", dass die rechte Presse "mehr oder weniger ihre Antipathie gegen Hirschfeld und sein Lebenswerk durchblicken" lasse ("Die Freundschaft", 1920, Nr. 41, S. 1-3), ist angesichts der oben angeführten Artikel stark untertrieben. Bei der rechten Presse ist nicht "Antipathie", sondern extremer Hass und in einigen Fällen auch der Wunsch nach Hirschfelds Tod spürbar.

Mit den hier unterschiedlich ausführlich wiedergegebenen Zeitungsartikeln wollte ich keine repräsentative Übersicht über das gesamte damalige Presse-Echo bieten. Die Artikel des politisch linken Spektrums sind insgesamt unproblematisch, weil sie den Angriff verurteilen und sich zwar in unterschiedlicher, aber stets legitimer Form zu Magnus Hirschfeld und seinem Werk äußern. Aus diesem Grunde brauchen sie – trotz der Überzahl – in diesem Artikel nicht im Fokus zu stehen. In den Fokus möchte ich die rechte Presse stellen.

Zum Vorgehen der rechten Presse

In den Artikeln der politisch rechten Zeitungen zum Überfall ist eine bestimmte Vorgehensweise erkennbar. Wörter wie "Sexualforscher" in Klammern zu setzen verweist auf eine Infragestellung von Hirschfelds wissenschaftlicher Kompetenz. Formulierungen wie "jüdischer Sexualforscher" wirken scheinbar wertneutral, sind im Kontext der Zeitungen und der Zeit aber schon eine indirekte Form der Diskreditierung. Hinweise auf den "Stamm Israel" sind deutlicher und gehören zu den klassischen bzw. bewusst eingesetzten antisemitischen Anfeindungen, bei denen negative Zuschreibungen aufgrund von Abstammung vorgenommen werden.

Die Artikel machen deutlich, dass sie mit dem berühmten Juden und Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld ein Symbol für all das gefunden haben, was sie hassten. Angriffe auf Hirschfeld als Sozialisten habe ich nicht gefunden, was wohl an Hirschfelds parteipolitischer Zurückhaltung lag. Ob er von den sozialdemokratischen Zeitungen in Schutz genommen wurde, weil er Sozialdemokrat war, lässt sich nur schwer bestimmen. Nur in einem Artikel zum Parteitag (s.o.) wird er als "Genosse" bezeichnet. Die Falschmeldung von seinem Tod wird in der rechten Presse als eine Art jüdische "Fake News" antisemitisch instrumentalisiert.

Wenn der Überfall kommentiert wird, dann wird er meistens bagatellisiert bzw. banalisiert, womit zum Ausdruck gebracht werden soll, dass die völkischen Antisemiten ja gar nicht so schlimm seien. Wörter wie "Verletzungen" werden in Anführungsstriche gesetzt, um deren Ernsthaftigkeit in Frage zu stellen. Euphemistisch verwendete Wörter wie "Prügel" sollen eine Art harmlose Rauferei suggerieren. In den meisten Zeitungen soll diese Form von "Prügeln"
oder "Watschen" wie eine Ohrfeige für ein unartiges Kind und damit als legitim erscheinen.

Einige Zeitungen verwendeten Formulierungen wie "sich wehren", womit die Gewalt wie eine Notwehrhandlung gegenüber einer angeblichen gesellschaftlichen Bedrohung erscheinen soll. Auch die Behauptung, dass die Ablehnung Hirschfelds von einem großen Teil des Volkes getragen werde, dient der Legitimation der Tat. Das vermeintlich "Perverse" dient der Abgrenzung, um sich als Teil der "gesund denkenden Deutschen in der völkischen Bewegung" ("Neue Grazer Tagblatt", 19. Oktober 1920, S. 12) zu inszenieren.

Einzelne Personen wie Adolf Hitler, Ludwig Thoma und Hansjörg Maurer waren schon 1920 bereit, nicht nur "Prügel", sondern sogar die Tötung Hirschfelds als legitim hinzustellen. Einzelne Personen mit solchen Ansichten sind in jeder noch so starken Demokratie und auch im heutigen Deutschland zu finden. Im Unterschied zu heute konnten solche Positionen 1920 vollkommen frei von Konsequenzen nicht nur geäußert, sondern auch publiziert werden. Dies ist auch vor dem Hintergrund der politisch sehr labilen, extrem polarisierten frühen Phase der Weimarer Republik zu sehen, die stark von politischer Gewalt geprägt war. Es gab zwar auch schon in der Weimarer Republik den § 130 RStGB ("Volksverhetzung"), der jedoch unklarer formuliert war und nur sehr selten gegen rechte Täter angewendet wurde. Die Richterschaft war zu dieser Zeit überwiegend konservativ und republikfeindlich eingestellt. Adolf Hitler wurde 1933 Reichskanzler – nicht obwohl, sondern weil er seine radikalen Meinungen öffentlich vertrat und sich viele Menschen damit identifizieren konnten.

Von den politisch rechten Zeitungen wurde den linken Zeitungen der "Vorwurf" gemacht, den Überfall auf Hirschfeld für ihre Zwecke – den Kampf gegen Rechts – zu instrumentalisieren. Mit diesem "Vorwurf" haben diese Kritiker vollkommen Recht. Diese Form der "Instrumentalisierung" halte ich aber nicht nur für legitim, sondern auch für vollkommen richtig und wichtig. Es ging bei dem Überfall nicht nur um eine einzelne Privatperson, sondern Hirschfeld war der Inbegriff der Homosexuellenbewegung, der Inbegriff der Sexualwissenschaft und – für seine Gegner – der Inbegriff eines Juden. Es ist eine alte Binsenweisheit, dass wir das Leid von Millionen nur über das Leid einzelner Menschen verstehen können. Man kann hier gewisse Parallelen zu Anne Frank sehen. In ähnlicher Form wie Anne Frank für das Leid und die Verfolgung aller Juden stehen kann, kann auch Magnus Hirschfeld für das Leid und die Verfolgung von Juden und Homosexuellen gesehen werden.

Was können wir daraus lernen?

Mit Bezug auf die Weimarer Republik wird häufig und zu Recht gefragt, wie wehrhaft die noch junge Demokratie gegenüber den politisch rechten Bewegungen war. Für viele Menschen ist dies heute wohl eher eine abstrakte Frage, weil wir in einer Zeit leben, in der Medien regelmäßig kritisiert werden, wenn sie in einer Form berichten, die als antisemitisch, rassistisch, sexistisch oder schwulenfeindlich wahrgenommen wird. Heute sind wir sensibel, manchmal sogar hypersensibel. Ein Verstehen von dem, was vor 100 Jahren passierte, ist aber nicht nur irgendwie ganz interessant. Vor dem Hintergrund der Zeit von 1933 bis 1945 ist auch ein Verstehen der Zeit davor für die Bildung eines Demokratiebewusstseins dringend notwendig.

Ich kann gut verstehen, wenn ein schwuler Mann im Jahre 2020 nur sehr vage Vorstellungen davon hat, was im Jahre 1920 die fehlende Wehrhaftigkeit einer Demokratie für Politik und Gesellschaft bedeutete und wie dies mit dem späteren Nationalsozialismus im Zusammenhang steht. Wenn er sich dafür ein lebensnahes und für ihn gut nachvollziehbares Beispiel sucht, kann man ihm die unterschiedlichen Artikel zum Überfall auf Hirschfeld nur wärmstens empfehlen. Dieser Artikel ist auch der Versuch, diesem Überfall wenigstens heute ein Stück Gerechtigkeit entgegenzustellen, die Hirschfeld vor 100 Jahren zum großen Teil verwehrt wurde. Um die eigene Empathie und die Notwendigkeit gesellschaftlicher Verantwortung auszudrücken, reichen heute manchmal nur wenige Worte, zum Beispiel: "Je suis Hirschfeld."

Den ersten Teil der Serie "Mordversuch an Magnus Hirschfeld: Die Vorgeschichte" veröffentlichten wir am Freitag, den zweiten Teil "Mordversuch an Magnus Hirschfeld: Die Tat" am Samstag..



#1 Ralph
  • 04.10.2020, 10:36h
  • Vielen Dank für diesen hochinformativen Artikel. Geschockt haben mich die Äußerungen von Kurt Tucholsky. Ich hatte bisher nur homofreundlichere Aussagen aus späterer Zeit von ihm gekannt, insbesondere seine Warnung davor, die sexuelle Orientierung als Mittel in der politischen Auseinandersetzung zu missbrauchen.

    Einen kleinen Nachtrag zu Ludwig Thoma möchte ich machen, der heute fast nur als Autor der beliebten "Lausbubengeschichten" bekannt ist und dessen rechtsextremistische Agitation kaum jemand kennt. Thoma lebte einige Jahre in der damals bayerischen Pfalz. Deshalb sollte vor ein paar Jahren in seinem früheren Wohnort, einer Kleinstadt hier in der Nähe, ein prominent gelegener Platz nach ihm benannt werden. Erfreulicherweise erhob sich dagegen rasch Protest, und Thomas ideologische Ausrichtung wurde öffentlich gemacht. Danach befanden die örtlichen Entscheidungsträger, dass er der beabsichtigten Ehrung nicht würdig sei.
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#2 Homonklin_NZAnonym
  • 04.10.2020, 13:22h
  • Da möchte man sich für die ausführlich und mit weiterführenden Informationen angereicherte Arbeit bedanken, die zu dem lohnenden Artikel und einer Zeitreise führt, welche teils erschreckende Parallelen zum heute wieder offen aufflammenden Hetzertum gegen Nichtheterosexuelle und gegen Juden aufzeigt. Ein Magnus Hirschfeld würde wahrscheinlich heute etwas Rückenstärkung bekommen, aber dennoch aus der rechtslastigen Ecke mit wüsten Schmähungen bedacht sein.

    Die Art, wie der Überfall auf ihn mit allerlei 'Lümmelei' oder von irtgendwelchen "Buben" begangenem "Streich" verharmlost wird, passt ganz gut zu der Weise, in der bestimmte "Parteien" sich über Hetzt und rechtsgefärbte Taten ausdrücken.
    Man müsse sich gegen etwas "wehren", die Art Legitimsprechung erfolgt doch auch heute aus dieser Ecke.
    Dass so sich wiederholende Geschichte in einem unguten Gefühl ausdrücken kann, wenn man auch heute als Andersromantischer, als Schwuler und Jude durch Deutschland kommt; man hätte es nicht geglaubt, als die Alten sagten, so finge das irgendwann wieder an.

    Es gibt zwar wohl in jüngerer Zeit keinen Anschlag auf einen prominenten Juden oder Forscher, Schwulen in derselben Art und Weise, aber es werden immer wieder Personen zum Opfer von rechtsmotiviertem, antisemitischem und homophobem, trans*phobem, xenophobem Hass.
    Alles beginnt mit einem heute noch publiken Ästhetikempfinden, das uns aus der religiös hergebrachten Trennung zwischen gut vs. schlecht bzw. "böse" aufgeprägt wurde.
    Die Nationalsozialisten, oder damals DAP-Anhänger und Gesinnungsgenossen derer haben Schwule, Juden, Andersdenkende und anders Liebende in die Schublade für "schlecht" gesteckt. Sie taten es den Christlichen gleich.

    Es muss eine verdammt gruselige Zeit gewesen sein, in der Oma und Opa junge Erwachsene waren, in welcher sich dieser grässliche Mob allmählich zusammen tat, in der charakterlos gemeine und feige Bissigkeit, selbst Gewalt, immer weiter gewähren gelassen wurde.

    So wie hier dokumentierte Aufrufe und Suggestionen für Straftaten, die man damals hat durchgehen lassen, so etwas gibt es doch heute bereits wieder - man lese die gesammelten Berichte über eine blau-braune Gruppierung, die sich im Schafspelz einer Partei auch so "völkisch" und sonderdeutsch gibt. Dieselbe Art Sprache, dieselben Hass erfüllten Weisen. Von denselben Köpfen oder Nachfahren solcher Gedankengeißeln ... gespenstisch, nicht?

    K. Tucholski scheint ein gelehrsamer Schreiber gewesen zu sein. Vielleicht hatte er das Pech, in seinen jüngeren Jahren Schmähwerke zum Thema Homosexualität gelesen zu haben, und nach der wie auch immer indirekten oder direkten Korrespondenz mit Hirschfeld hat er anscheinend umgedacht oder dazu gelernt.

    Danke fürs Zusammentragen und Aufbereiten dieser enorm bedeutsamen Einblicke in die für Andersempfindende wohl beängstigendste Zeit der Geschichte.
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#3 Miguel53deProfil
  • 04.10.2020, 19:43hOttawa
  • Auch von mir vielen Dank für diesen ausführlichen und hervorragend recherchierten Bericht.

    Bedrückend daran ist, wer und wie aufpasst Ereignis reagiert hat. Auch wenn man so manche Aussage in die damalige Zeit einzuordnen hat. In vieler Hinsicht hat man das Gefühl, dass sich Geschichte doch wiederholt. Das Menschen nicht lernen, nicht lernen wollen oder ganz bewusst den Erfahrungen und Erkenntnissen aus der Geschichte verweigern.

    Dieser Eindruck entsteht bei mir, wenn ich an Diskussionen im Bundestag denke, bei denen es um Rechte, Wiedergutmachungen, bzw. Gleichstellung von Menschen der LGBTQ geht. Nicht nur bei Beiträgen einer AfD, die man erwarten muss. Selbst eine Kanzler-Kandidaten AKK und andere ihrer Parteigenossen sind da entsprechende, schlimme Beispiele bis in die jüngere Zeit.

    Doch ebenso die Schwäche, die die Demokratie gegenüber der extremen Rechten zeigt, macht den Eindruck, diese 100 Jahre, das 1000-jährige Reich, der Holocaust und WWII habe es nicht gegeben.

    Insofern fühle ich mich durch den Artikel sehr informiert, zugleich aber auch einmal mehr beunruhigt. Und das nicht nur wegen der Entwicklungen in den USA, Polen und Ungarn. Auch, was in Deutschland politisch passiert, wie die seltsamen, rechten Demos, das Taktieren von CDU FDP mit der AfD, empfinde ich als alarmierend. Dazu dann eine Justiz, eine Polizei und ein Verfassungsschutz, die alle drei keinerlei Zeichen geben, die beruhigend wirken. Das Gegenteil ist der Fall.
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