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Kino

Queeres Alpen-Drama gewinnt Zurich Film Festival

Die starke Präsenz von LGBT-Themen in Zürich gefiel auch der Jury: Der Heimatfilm "Hochwald" aus Tirol wurde am Samstag zum Sieger gekürt. Erzählt wird vom sensiblen Mario, der im Bergdorf gegen sein Außenseiter-Dasein rebelliert.


Mario, der leidenschaftlich gerne tanzt, wird von den anderen Bewohnern kritisch beäugt (Bild: Amour Fou)
  • Von Dieter Oßwald
    5. Oktober 2020, 06:05h, noch kein Kommentar

"In Wien sind alle schwul!" – "Aber bei uns hier nicht", so unterhalten sich Mario und Lenz kichernd und kiffend im verschneiten Auto vor der Weihnachtsfeier im Bergdorf. Beide sind Jugendfreunde. Während Lenz (Noah Saavedra) als Sohn adeliger Weinbauern sein Glück als Schauspieler in der Großstadt versucht, muss Mario (Thomas Prenn) sich mit diversen Jobs im Dorf über Wasser halten. Beim Metzger bekommt er Lohnzuschlag, wenn er ihm nach der Arbeit noch sexuell gefügig ist. Sein kleines Glück findet der sensible Mann beim ekstatischen Disco-Tanz allein, da kann er sich samt schriller Klamotten in der Turnhalle voll ausleben. Im Dorf wird der Außenseiter geduldet – von manchen mehr, von anderen weniger.

Der spontane Besuch bei Lenz in Rom, wo er mittlerweile lebt, endet im Fiasko: Islamisten verüben einen Anschlag auf eine Gay-Bar. Mario gehört zu den wenigen Überlebenden, Lenz wird tödlich verletzt. "Bist du schwul?", will dessen Mutter später wissen. Der traumatisierte Freund verneint, "Warum wart ihr dann in dieser Gay-Bar?", wirft sie ihm vor.

Mehr Verständnis zeigt Nadim (Josef Mohamed), ein ehemaliger Arbeitskollege, den Mario zufällig in der Stadt trifft. Nadim ist mittlerweile Moslem, verteilt vor dem Bahnhof den Koran und nimmt den Ex-Kumpel freundlich in seiner Wohnung auf. Was drunten im Tal geschieht, bleibt im Bergdorf nicht lange verborgen. Der Außenseiter wird immer mehr angepöbelt. Bei der Beerdingung von seinem besten Freund kommt es zum Eklat.

"Jeder weiß es und keiner sagt etwas"

Die österreichische Produktionsfirma "Amour Fou" wird ihrem Ruf als rigorose Filmkunstschmiede einmal mehr gerecht. Mit einem komfortablen Drehbuchpreis im Rücken, präsentiert Evi Romen in ihrem Regie-Debüt einen Heimatfilm, bei dem nicht viel übrig bleibt von der Idylle in den Alpen. Mehr und mehr bröckeln da die Fassaden, allerlei Geheimnisse und diverse Tabus kommen ans Tageslicht.


Nach einem Attentat in einer Gay-Bar gerät Marios Leben immer mehr aus den Fugen (Bild: Amour Fou)

"Die Doppeldeutigkeit ist die wichtigste Sprache in einem Dorf. Sie ist der Code, mit dem man sich in solchen Gemeinschaften bewegt", erläutert die Regisseurin. "Jeder weiß es und keiner sagt etwas. Natürlich weiß man, dass Homosexualität im Raum steht, aber es bleibt ein Tabu. Natürlich weiß man, wer mit wem ein Pantscherl hat, aber man spricht nicht darüber."

Doppeldeutigkeiten in Sachen Sexualität

Die Frage der Sexualität ist für Evi Romen eine der Doppeldeutigkeit: "Wir lernen Mario zu Beginn des Films in einer möglichen homoerotischen Sexualität kennen und gegen Ende finden wir ihn in dieser Männerwelt rund um den Imam. Auch da habe ich, wenn auch nur ganz zart, diese Doppeldeutigkeit inszeniert, wenn er morgens aufwacht und man über den Spiegel an der Badezimmertür einen nackten Männerkörper sieht. Auch da ist alles unausgesprochen. Ich wage zu behaupten, dass es in verschiedensten Religionsgemeinschaften sehr viele Doppeldeutigkeiten punkto Sexualität gibt."

Bildgewaltig geht es zu in dieser mosaikhaften Dorfstudie und schwulen Lovestory voller Hindernisse. Noah Saavedra aus "O Beautiful Night" gibt einmal mehr das coole Model, das allemal gut für Parfümreklame taugte. Derweil Thomas Prenn aus "Biohackers" weitaus emotionaler als charismatisches Sensibelchen mit allerlei Geheimnispotenzial auftritt.

Beim 16. Zurich Film Festival wurde "Hochwald" am Samstag mit dem Goldenen Auge als bester Film im Fokus Wettbewerb ausgezeichnet. "Die Regisseurin Evi Romen hat uns mit der Wahl und Inszenierung ihres Casts und dem Umgang mit dem erzählerischen Rhythmus und der Visualität überzeugt. Wir sind neugierig auf ihr weiteres filmisches Schaffen", so die Jury in ihrer Begründung. Während das furios verstörende Werk nach dem Viennale-Auftritt im Januar 2021 in die österreichischen Kinos kommt, steht in Deutschland ein Kinostart bislang noch aus.