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Kinostart "I Miss You"

Prickelnde Erotik plus packende Botschaft

In Bolivien sorgte das Theaterstück "I Miss You" für eine nationale Diskussion über Diskriminierung und Homophobie. Jetzt läuft die oscarnominierte Verfilmung der furiosen Coming-out-Story bei uns im Kino.


Die Geschichte des schwulen Paares Gabriel und Sebastian wird in Rückblenden erzählt (Bild: Pro-Fun Media)
  • Von Dieter Oßwald
    6. Oktober 2020, 14:59h, noch kein Kommentar

Die Story ist so schlicht wie ergreifend: Nach dem Selbstmord seines Sohnes begibt sich der konservative Vater auf Spurensuche und erfährt so erstmals von dessen Homosexualität. Dem anfänglichen Hass folgt allmählich Verständnis und schließlich Akzeptanz. Mit Venedig-Gewinner Oscar Martínez sowie Almodóvar-Muse Rossy de Palma ist das bewegende Drama "I Miss You" hochkarätig besetzt.

"Du sollst dich schämen! Solche Leute gibt es nicht in unserer Familie!". Der Ton ist gereizt zwischen Jorge aus Bolivien und dem jungen Sebastian in New York. Der eine hat gerade seinen Sohn Gabriel verloren. Der andere war lange Zeit dessen Liebhaber. Beim Aufräumen gerät der Vater zufällig an die unbekannte Skype-Nummer in New York und wählt. Zunächst reagiert Sebastian gelassen auf die Vorwürfe des konservativen Anrufers. Als er vom Tod seines Ex-Lovers erfährt, kippt die Stimmung: "Sie haben ihn getötet. Schande über Sie, der den eigenen Sohn nicht einmal kannte!".

Der Vater reist zum Überraschungsbesuch nach New York


Poster zum FIlm: "I Miss You" feiert am 8. Oktober 2020 seinen offiziellen deutschen Kinostart

Der heftigen Streit-Ouvertüre per Skype folgt eine nicht minder rabiate Begegnung in der Wirklichkeit. Der Vater reist nach New York, um mehr über Gabriel zu erfahren. Als er bei dessen trauerndem Ex-Freund vor der Tür steht, reagiert dieser abweisend mit einer Kaskade von Vorwürfen. Erst ein hilfsbereiter Mitbewohner sorgt dafür, dass Jorge ein Dach über dem Kopf bekommt – der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen den ungleichen Männern.

Mit Rückblenden und Zeitsprüngen erzählt das Drama, wie Gabriel und Sebastian sich im Kaufhaus zufällig begegneten und nach einem furiosen Flirt zum Liebespaar wurden. Als weitere dramaturgische Ebene erzählt ein eingebautes Theaterstück die Lovestory parallel aus etwas anderer Perspektive.

Ambitionierte Verfilmung mit hoch emotionalen Elementen

Regisseur Rodrigo Bellott hat sein überaus erfolgreiches Bühnenstück, das in Bolivien eine nationale Diskussion über Diskriminierung und Homofeindlichkeit auslöste, für die Leinwand adaptiert, entsprechend kunstvoll (bisweilen verkünstelt) fällt die ambitionierte Verfilmung aus. Bei den sarkastischen Queer-Quasseleien selbstgefälliger Diven der New Yorker Szene wäre weniger allemal mehr gewesen.

Überzeugend fallen derweil die emotionalen Elemente aus: Die langsame Verwandlung des homofeindlichen Jorge zum verständnisvollen Vater. Die erst zögerliche, dann rigorose Liebe von seinem Sohn Sebastian, der sich sein Schwulsein zunächst nicht eingestehen möchte. Schließlich sein tränenreiches Coming-out vor der älteren Schwester – das der Vater später aufgezeichnet auf dem Smartphone finden wird. Und dann wären da noch jene prickelnden Liebesszenen, die ausgesprochen erotisch ausfallen.

Oscar Martínez brilliert als trauender Vater

Für seine Rolle in "Der Nobelpreisträger" wurde Oscar Martínez vor vier Jahren in Venedig mit dem Volpi Cup ausgezeichnet. Hier zeigt der Argentinier einmal mehr, über welch enorme charismatische Leinwandpräsenz er verfügt und wie sehr ihn die Kamera liebt. Souverän bewältigt er die emotionale Achterbahn, die ihn nach dem Suizid seines Sohnes erwartet. Trauer, Wut, Verachtung, Verständnis, Akzeptanz – Martinez spielt mit großer Präzision und scheinbarer Leichtigkeit auf der Klaviatur der Gefühle.

Sein Filmsohn Gabriel – gespielt von Jose Duran – hat es nicht ganz so einfach im Verfremdungs-Spektakel. Er muss sich die Rolle mit zunächst drei Doubles teilen, die später beim Finale im Theater auf 30 Doppelgänger anwachsen. Mit seiner zehnminütigen Coming-out Rede sorgt er auf jeden Fall für Gänsehautfaktor.

"I Miss You" war bolivianischer Oscar-Kandidat

Für Regisseur Rodrigo Bellott, den einstigen Casting-Direktor von Steven Soderbergh, ist das autobiografische Werk erst sein dritter Film. Bereits mit seinem Debüt "Sexual Dependency" lieferte er 2003 den ersten bolivianischen Oscar-Kandidaten überhaupt. Auch "I Miss You" schickte Bolivien ins Oscar-Rennen.

Wenngleich es mit dem Academy Award auch beim zweiten Anlauf nicht klappte, beim Festival von Palm Springs gab es für die furiose Coming-out-Geschichte den Publikumspreis – und vom Branchenblatt "Variety" wurde der 42-jährige Bolivianer nicht umsonst zu den "Top Ten Latin American talents to watch" gekürt.

Direktlink | Teaser zum FIlm mit englischen Untertiteln

Infos zum Film

I Miss You. Drama. Bolivien 2019. Regie und Drehbuch: Rodrigo Bellott. Darsteller: Oscar Martínez, Rossy de Palma, Fernando Barbosa, Rick Cosnett, Dominic Colón, Jose Duran. Laufzeit 105 Minuten. Sprache: spanisch-englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Pro-Fun Media. Kinostart: 8. Oktober 2020.
Galerie:
I Miss You
12 Bilder